Eine neue Verwickelung

Lokomotive an der Oder, 20. Januar 1863

Die erste Sitzung des Abgeordneten-Hauses, am Nachmittag des 14. Januar, eröffnete nach der gültigen Geschäftsordnung der seitherige Präsident Grabow und sprach dabei unter andern folgende Worte:

“Vor drei Monaten verließen wir diese Räume mit dem vom ganzen Lande getheilten Wunsche daß es gelingen möge, den ohne unser Verschulden ausgebrochenen Verfassungs-Conflict zu lösen.

“Im Hinblicke auf die königlichen Worte: “Zwischen uns sei Wahrheit!” muß jedoch mit tiefstem Bedauern unumwunden ausgesprochen werden, daß jener Conflict in den verflossenen drei Monaten immer größere Dimensionen angenommen und den Ausbau unseres verfassungsmäßigen Rechtsstaates gefährdet hat.

Bis zu den Stufen des Thrones ist das Haus der Abgeordneten, die alleinige, aus allgemeinen Wahlen hervorgegangene wahre Vertretung des preußischen Volkes verdächtigt, verleumdet, geschmäht worden.

“Im Interesse des Dienstes sind beamtete Abgeordnete zur Disposition gestellt und versetzt worden, welche, treu ihrem Verfassungs-Eide, die unstreitig dem Abgordneten-Hause verfassungsmäßig zustehenden Rechte geübt und gewahrt haben.   “Die gesetzlich aufgehobenen Conduiten-Listen sind im Verwaltungswege über das politische Verhalten der Beamten, insbesondere der unabhängigen Richter, wieder eingeführt worden.

“Der Artikel 99 der Verfassung ist verletzt, und durch das von ihr gebotene Ministerverantwortlichkeits-Gesetz nicht geschützt, stehen wir einer budgetlosen Regierung gegenüber.”

In Bezug auf diese Worte des Präsidenten bringt nun der Staatsanzeiger vom 16. Januar folgenden Artikel:

“Während die Königliche Staatsregierung bei der gestern erfolgten Eröffnung des Landtages demselben vor Allem den Wunsch dauernder Verständigung und einmüthigen Zusammenwirkens entgegengebracht hat, ist von dem einstweiligen Präsidenten des Abgeordneten-Hauses Herrn Grabow der erste Augenblick der wieder eröffneten Sitzungen als geeignet erachtet worden, ein scharfes und verletzendes Urtheil über das Verhalten der Regierung auszusprechen und auf provocirende Weise die Kämpfe wieder anzuregen, welche die jüngste Session zu einer so unerquicklichen und unfruchtbaren gemacht haben.

Abgesehen von der Frage, ob der Präsident des Abgeordneten-Hauses zu dergleichen persönlichen Manifestationen überhaupt berufen ist, muß es befremden, daß Herr Grabow sich dazu zu einem Zeitpunkte veranlaßt gefunden hat, in welchem er das Präsidium noch nicht einmal auf Grund der neuen Constituirung des Hauses führte.

Der Staatsregierung war keinerlei Benachrichtigung über das Stattfinden der Sitzung zugegangen. Hätte sie vermuthen können, daß die erste Zusammenkunft der Abgeordneten andere als die gewöhnlichen formellen Geschäfte zum Gegenstande haben würde, so würden ihre Vertreter es sicherlich nicht unterlassen haben, in der Sitzung zu erscheinen, und sofort Verwahrung gegen jenes Austreten des Präsidenten einzulegen.

Indem wir uns versichert halten dürfen, daß Alle, welchen ernstlich an einer Verständigung gelegen ist, die bezüglichen Aeußerungen beklagen, glauben wir zugleich die Zuversicht aussprechen zu können, daß die Staatsregierung sich dadurch in dem von ihr in der Eröffnungsrede kundgegebenen Bestreben ihrerseits nicht irre machen lassen wird.”

Bleiben wir nun bei der Sache. Die. Worte Grabow’s bedürfen einer Erklärung nicht; wer unsre Verfassung kennt, versteht sie. Wer aber spricht jene Worte im Staatsanzeiger? Das Haus hat die von Grabow ausgesprochenen Ansichten durch die lebhafteste Zustimmung zu den seinen gemacht. Wer übt nun im Staatsanzeiger eine Kritik der Ansichten des Abgeordneten-Hauses? Der amtliche Theil dieses in der ganzen Monarchie verbreiteten Blattes enthält unter jedem Erlasse den Namen desjenigen, von dem derselbe ausgeht, der politische Theil des Blattes ist von Niemandem unterzeichnet, hat aber auch seit dem letzten italienischen Kriege keinerlei Beurtheilungen der politischen Zustände gebracht. Sind nun politische Ansishtem die im Staatanzeiger ausgesprochen werden, wirklich die Ansichten der gesammten Staatsregierung, so hat von jetzt an der Staatsanzeiger aufgehört, Anzeiger zu sein; er ist dann das geworden, was für Frankreich der Moniteur ist, und vertritt in der Presse dann von Amtswegen die Staatsregierung; einstweilen freilich weiß man das noch nicht so genau.

Unter den Sätzen des Staatsanzeigers fällt nun besonders folgender auf: Die Vertreter der Staatsregierung würden, wenn sie in jener Sitzung zugegen gewesen wären, sofort Verwahrung gegen jenes Auftreten des Präsidenten eingelegt haben. Gegen was sollte nun ein Protest erhoben werden? Gegen die Wahrheit der Worte des Präsidenten? Die unausbleiblichen Debatten über die Maaßnahmen der Regierung vom Schlusse der letzten Kammersession bis zum Anfang der jetzigen werden die Wahrheit oder die Unwahrheit schon an den Tag bringen.

Oder sollte protestirt werden gegen die Berechtigung des Präsidenten, die Sitzung mit einer Ansprache an das Haus zu eröffnen? Aber die Geschäftsordnung des Hauses legt dem Präsidenten diese Pflicht auf. Oder sollte Verwahrung dagegen eingelegt werden, daß überhaupt Jemand seine Ansicht über die jetzige politische Lage Preußens ausspreche? Da aber nach Artikel 84 der Verfassung die Deputirten nicht für ihre in den Sitzungen ausgesprochene Meinungen zur Rechenschaft gezogen werden können, so hilft auch ein Protest gegen diese Meinungen nichts; das Haus kann einzig und allein seinem Präsidenten, und nur der Präsident unter Zustimmung des Hauses einem Mitgliede das Wort entziehen; dort hilft gegen das freie Wort kein Protest.

Uebrigens kann man sich nicht verbergen, daß jene Worte des Staatsanzeigers die Erwartung durchblicken lassen, als könne “eine Verständigung” dadurch herbeigeführt werden, daß über die Vorgänge des Jahres 1862 von allen Seiten Schweigen beobachtet würde; diese Erwartung aber dürfte zu kühn gewesen sein, denn das Haus von 1863 scheint sich seines Berufs als Wächter der Verfassung wohl bewußt zu sein und seit 1853 ist das Abgeordnetenhaus, sowie das Volk um zwanzig Jahr in seinem Verfassungsleben älter geworden. Eine Verständigung wird schon kommen, aber freilich nicht durch Schweigen, sondern durch Beseitigung dessen, was gegen den Buchstaben und Geist der Verfassung verstößt.

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Napoleon III. und Mexico

Die Presse (Wien), 19. Januar 1863

Aus Vera-Cruz, 25. v. M., bringt der Telegraph heute die Nachricht, daß die französischen Truppen unter General Forey Puebla genommen haben, und in dieser Stadt Verstärkungen abwarten, um den Marsch gegen Mexico anzutreten. General Forey ist glücklicher gewesen als Lorencez, der vor Puebla mit seiner allerdings viermal kleineren Truppenmacht eine Niederlage erlitt. Mit der Einnahme von Puebla ist die französische Expedition im vollen Zuge, und wichtiger denn je ist die Beantwortung der Frage, was die Franzosen in Mexico denn eigentlich beabsichtigen. Die neueste französische Thronrede gab der Welt hierüber keinen Aufschluß, aber in dem jüngst dem gesetzgebenden Körper von Frankreich vorgelegten Gelbbuch finden wir ein Document mitgetheilt, welches allen Zweifeln ein Ende macht und beweist, daß es eine weitgreifende Unternehrung ist, welche Napoleon III. im Schilde führt. Das uns vorliegende Document ist ein Schreiben des Kaisers an General Forey, das wir seiner Wichtigkeit wegen hier wörtlich folgen lassen:

 ”Fontainebleau, 3. Juli 1862.

Mein lieber General! In dem Augenblicke, wo Sie, mit politischen und militärischen Gewalten ausgerüstet, nach Mexico abreisen, halte ich es für nützlich, Sie wohl mit dem mich hiebei leitenden Gedanken vertraut zu machen. Folgendes Verhalten werden Sie zu beobachten haben: 1. Bei Ihrer Ankunft in Mexico erlassen Sie eine Proclamation, deren Grundideen Ihnen angedeutet worden; 2. alle Mexicaner, die Ihnen entgegenkommen, nehmen Sie mit dem größten Wohlwollen auf; 3. Sie dürfen sich dem Streite von keinerlei Partei anschließen; Sie erklären, daß altes provisorisch ist, solange die mexicanische Nation sich nicht ausgesprochen hat; Sie haben gegen Religion die größte Rücksicht zu beobachten, müssen jedoch gleichzeitig den Besitzern von Nationalgütern Beruhigung einflößen; 4. die mexicanischen Hilfstruppen werden Sie je nach Ihren Mitteln ernähren, bewaffnen und besolden und ihnen bei den Kämpfen die Hauptrolle überlassen; 5. unter Ihren Truppen, sowie bei den Bundesgenossen werden Sie die strengste Disciplin aufrechterhalten, jedes für die Mexicaner verletzende Wort oder jede derartige Handlung nachdrücklich bestrafen, denn der Stolz des mexicanischen Charakters muß wohl im Auge behalten werden, und für den Erfolg des Unternehmens ist es von der größten Wichtigkeit, vor allem sich den Geist der Bevölkerungen geneigt zu machen. Wenn wir nach Mexico gelangt sein werden, ist es wünschenswerth, daß die Notabilitäten aller Schattirungen, welche sich uns angeschlossen haben, sich mit Ihnen behufs Organisation einer provisorischen Regierung ins Einverständniß setzen. Diese Regierung wird dem mexicanischen Volke die Frage des definitiv einzuführenden politischen Regimes vorlegen, worauf nach den mexicanischen Gesetzen zur Wahl einer Versammlung zu schreiten ist. Sie werden der neuen Regierung behilflich sein, in die Verwaltung und insbesondere in die Finanzen jene Regelmäßigkeit zu bringen, deren bestes Vorbild Frankreich darbietet.

Zu diesem Zwecke wird man der neuen Regierung Männer schicken, welche die Fähigkeiten besitzen, ihr bei der neuen Organisation Hilfe zu leisten. Der zu erreichende Zweck besteht nicht darin, den Mexicanern eine ihnen antipathische Regieungsform aufzuerlegen, wol aber darin, ihnen behilflich zu sein bei ihren Austrengungen zur Errichtung einer ihrem Willen entsprechenden Regierung, welche Chancen des Bestandes darbietet und Frankreich Sicherheit für Erlangung der Genugthuung bietet, die es zu fordern hat. Es versteht sich von selbst, daß es, wenn die Mexikaner die Monarchie vorziehen, im Interesse Frankreichs liegt, sie in diesem Vorhaben zu bestärken.

Nicht wird es an Leuten fehlen, welche an Sie die Frage richten werden, weßhalb wir Menschen und Geld opfern, um in Mexico eine regelmäßige Regierung zu begründen. Bei dem jetzigen Stande der Civilisation in der Welt ist die Prosperität Amerikas für Europa nicht gleichgiltig; denn Amerika nährt unsere Fabriken und unterhält unsern Handel. Wir haben ein Interesse daran, daß die Republik der Vereinigten Staaten mächtig und blühend sei, aber wir haben gar kein Interesse, daß sie sich des ganzen Golfs von Mexico bemächtigt, von dort aus die Antillen und Südamerika beherrscht, und über die Producte der Neuen Welt die alleinige Verfügung in die Hände bekommt. Eine traurige Erfahrung belehrt uns heute, wie precär das Los unserer Industrie ist, so lange sie gezwungen ist, ihren Rohstoff von einem einzigen Markte, dessen Wechselfällen sie unterworfen bleibt, zu beziehen. Wenn aber Mexico im Gegentheile seine Unabhängigkeit beibehält und die Integrität seines Gebietes bewahrt, wenn dort mit der Hilfe Frankreichs eine stabile Regierung errichtet wird, so werden wir der lateinischen Race jenseits des Oceans, ihre Stärke und ihr Prestige wiedergegeben, so werden wir unsern und den spanischen Colonien in den Antillen ihre Sicherheit wieder gegeben, so werden wir unsern wohlthätigen Einfluß in Central-Amerika festgesetzt haben, und dieser Einfluß wird uns, indem er unserm Handel unermeßliche Absatzquellen eröffnet, die für unsere Industrie unerläßlichen Stoffe verschaffen.   as so regenerirte Mexico wird uns stets günstig bleiben, nicht nur aus Dankbarkeit, sondern auch weil seine Interessen mit den unsrigen übereinstimmen werden, und weil es in den guten Beziehungen mit den europäischen Regierungen einen Stützpunkt finden wird. Heute also macht es uns unsere militärische Ehre, das Bedürfniß unserer Politik, der Vortheile unserer Industrie und unseres Handels, kurz alles macht es uns zur Pflicht, gegen Mexico zu marschiren, dort kühn unsere Fahne aufzupflanzen, dort sei es eine Monarchie zu begründen, wenn dieselbe nicht unverträglich ist mit dem nationalen Gefühle des Landes, sei es wenigstens eine Regierung einzusetzen, welche einigen Bestand verspricht. Napoleon.”

Diese Instruction des Kaisers an General Forey enthält das ganze Geheimniß der mexicanischen Expedition, und man weiß jetzt genau, was diese Unternehmung bezweckt. Weder in der Alten noch in der Neuen Welt kann man nach Lesung dieses napoleonischen Schreibens mehr darüber in Zweifel sein, daß die 40,000 Mann starke französische Armee in Mexico die Aufgabe hat, dort nicht blos die Regierung des Präsidenten Juarez und die Republik zu stürzen, sondern, wenn irgendwie möglich, Mexico zu erobern oder wenigstens einen Zustand herbeizuführen, eine Regierung zu etabliren, welche Mexico direct oder indirect unter die Botmäßigkeit Frankreichs stellt. Wie in der Alten Welt, wie in Italien, im Orient, so tritt das napoleonische Frankreich jetzt in der Neuen Welt als der bewaffnete Apostel der lateinischen Race, als der Feind und Unterdrücker jener demokratischen Ordnung auf, deren eigentlicher Träger aus beiden Hemisphäre die germanische Race ist. Die Occupation Mexicos soll jenseits des Oceans das Seitenstück zur Occupation Roms bilden. Der Grundgedanke beider Occupationen ist einer und derselbe, hier wie dort Reaction gegen die Demokratie im Namen eines alle Schranken seiner Macht niederreißenden, alle Freiheit der Individuen zertretenden, alle Selbständigkeit der Nationen zerstampfenden Cäsarismus, welcher sich als den bewaffneten Sendboten der Civilisation geberdet.

Der Kaiser der Franzosen will also Mexico für Europa erobern, damit die Nordamerikaner nicht eines Tages den ganzen Golf von Mexico in Besitz nehmen, und von dortaus Südamerika und die von europäischen Mächten besessenen Antillen bedrohen. Im Grunde also handelt es sich darum, die Monroe-Doctrin mit Füßen zu treten und auf dem amerikanischen Continente Posto zu fassen, um über die Leiche der mexicanischen Unabhängigkeit hinweg den Aufschwung der Macht und Größe Nordamerikas aufzuhalten. Der innere Zusammenhang zwischen dem Schreiben des Kaisers an Forey und dem französischen Projecte einer Vermittlung zwischen dem Norden und Süden der nordamerikanischen Union auf Grundlage der definitiven Trennung derselben ist mit Händen zu greifen. Begründet die südliche Conföderation durch die sympathische Mitwirkung Frankreichs ihre Selbständigkeit, so hat Frankreich in Mexico freie Hand und braucht nicht zu fürchten, vom Norden her in seiner Etablirung in Mexico gestört zu werden. Die Niederlage der Demokratie des Nordens, die Zerreißung der Union, der Triumph der Sklaverei ist fürder die unerläßliche Bedingung des französischen Erfolges in Mexico.

In seinem Kerne ist das der Grundgedanke der napoleonischen Expedition. Das ist aber nicht Civilisation, sondern unzweideutige absolute Barbarei. Es ist übrigens reiner Hohn, von der Wiederherstellung der Macht und des Prestige der lateinischen Race in Mexico zu reden. Nichts als Fluch, Elend und Verderben hat die lateinische Race seit der Landung Cortez’ über Mexico gebracht, und das Prestige, das dort die Spanier einst besaßen, wiederherstellen wollen, hieße ein System der Erpressungen, Aussaugung, Beraubung und Unterdrückung wiederherstellen, wie die Geschichte kein zweites kennt. Mexico unter dem Vorwande erobern, damit die europäische Fabrication andere Bezugsquellen für ihre Rohstoffe erhalte als die bisherigen, wie der Kaiser vorgibt, ist geradezu lächerlich. Frankreich, das in dreißig Jahren Algerien nicht in eine baumwollerzeugende Colonie zu verwandeln vermochte, wird auch aus Mexico trotz seines Reichthums an edlen Metallen keine einträgliche Colonie zu machen im Stande sein. Die ökonomische Motivirung der Expedition ist die allerschwächste Partie der napoleonischen Auseinandersetzung.

Daß England gegen diesen weitaussehenden napoleonischen Plan, dessen Gelingen die Zerstücklung und Schwächung der nordamerikanischen Republik zur Folge hätte, nichts einzuwenden hat, ist natürlich. Reussiren die Franzosen in Mexico, so haben sie für England die Kastanien aus dem Feuer geholt. Aber England hütet sich, bei der Expedition irgendwie mitzuwirken, denn in der That, das Spiel ist in hohem Grade gewagt. Wenn in Nordamerika die Sache der Union und der Sklaven-Emancipation schließlich dennoch den Sieg davonträgt, wozu trotz aller bisherigen Niederlagen der Unionstruppen doch noch Aussicht vorhanden ist, dann dürfte es das erste Geschäfts der Washingtoner Regierung sein, Frankreich im Namen des Grundsatzes, daß der amerikanische Kontinent den Amerikanern gehört, zur Räumung Mexicos aufzufordern und im Weigerungsfalle einen Theil seiner disponiblen Armeen zur Säuberung Mexicos von den europäischen Eindringlingen auszusenden.

Frankreich wird sich dann in der Alternative eines schmachvollen Rückzuges oder eines Krieges mit Amerika befinden. Da der Kaiser der Franzosen diese Expedition im Namen des Prestige der lateinischen Race unternommen, so wird es dann ganz natürlich sein, wenn die germanische Race dies- und jenseits des Oceans ihm von ganzem Herzen die Niederlage wünscht.

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Das neueste Stadium des Conflicts

Die Presse (Wien), 18. Januar 1863

Berlin, 15. Jänner. [Orig.-Corr.] (Das neueste Stadium des Conflicts. Plane und keine Ausführung. Stellung der Altliberalen.) Der officielle Artikel des Staatsanzeiger gibt Zeugniß davon, welche ungewöhnliche Sensation die Eröffnungsrede des Präsidenten Grabow am maßgebenden Orte sowol wie in den ministeriellen Bureaux hervorgerufen hat. Herr v. Bismarck wurde gestern zur ungewöhnlichen Stunde ins Schloß befohlen, und wenn in der Umgebung desselben eine “Vertagung” der Kammern erwartet wurde, so hat sich die Aussicht auf dieses oder auf ein weitergehendes Ereigniß nicht vermindert. Entweder war man gestern in dem Vorwand nicht einig, oder es wurde von bekannter Seite her Widerstand geleistet. Denn wir können der uns zugehenden Mittheilung kaum Glauben schenken, daß nämlich die Regierung der soeben in Frankfurt erfolgenden Entwicklung der deutschen Frage gegenüber die inneren Zwistigkeiten nicht bloßlegen wolle, und um die Hände frei zu haben, die Kammern vertagen wolle. So unverständlich und wenig staatsmännisch diese Politik Wäre, so ist doch Vieles bei uns möglich, was anderswo nicht denkbar. Der Regierung steht das Wasser bis zum Halse, und es würde selbst bis zu einem gewissen Grade erklärlich sein, wenn in der zwölften Stunde ein Coup nach “Außen”, d. h. in Deutschland, geführt würde.

Die Altliberalen gehen im Abgeordnetenhause mit gehobenen Köpfen umher. Es scheint, als wenn jeder von ihnen sagen wollte: Der Zeitpunkt zum Ergreifen des Staatsruders naht. Zwar stimmt diese Zuversicht wenig mit den Auflösungsgerüchten, aber es scheint, daß man in diesem Lager die Deroute schon kommen sieht. Es werden Winke an die Linke ertheilt, man will die “Einheit” der liberalen Partei erhalten. Fortschrittspartei und Fraction Bockum-Dolffs machen sich anheischig, für die Altliberalen in den Commissionwahlen zu stimmen.

— 17. Jänner. (Aus der Kammer. Verurtheilung. Diplomatisches.) In der heutigen Sitzung des Hauses der Abgeordneten, in welcher nur die Minister Bodelschwingh und Eulenburg anwesend waren, erregte ein Schreiben des Pastors Gräser, worin er die Niederlegung seines Mandats meldet, großes Aufsehen. “Das Consistorium,” heißt es in dem Schreiben, “erklärt, daß die Annahme eines Mandats mit den Pflichten des geistlichen Amtes im Widerspruch stehe.” Immermann bemerkte darauf, er würde den Cultusminister, wenn er anwesend wäre, inne.Miren; er frage aber die anwesenden Minister, ob sie etwas von der Sache wüßten. Die Minister schweigen. Der Finanzminister legt das Budget für 1863 vor. Die Erhöhung der Einnahmen beträgt gegen das vorjährige Budget 900,000 Thaler, die Ausgaben-Ermäßigung 160,000 Thlr., das Deficit 2.100,000 Thlr. Sämmtliche Special-Etats sind in wenigen Tagen zu erwarten. Die nächste Sitzung ist unbestimmt.

Gegen den Artikel des Staatsanzeigers wird die Kammer nichts thun. — Die Fortschrittspartei und das linke Centrum beginnen morgen ihre gemeinsamen Berathungen. — Lassalle ist heute wegen des bekannten Vertrages im Handwerkerverein von der vierten Deputation des Stadtgerichtes unter Pielchen der Friedensstörung für schuldig befunden und zu vier Monaten Gefängniß verurtheilt worden. In seiner sehr heftigen Verteidigungsrede wurde der Angeklagte vom Präsidenten mehrmals zur Ordnung gerufen und mit Entziehung des Wortes bedroht.

Abgeordneter Hoverbeck beabsichtigt die Einbringung des Antrages auf Versetzung der Minister in Anklagestand. — Eine Berliner Correspondenz der Br. Z. versichert, daß die Initiative zu einer Zusammenkunft Rechberg’s mit Bismarck von ersterem ergriffen wurde, und daß die Zusammenkunft nur unterblieb, weil schon anderweitig eine Verständigung angebahnt war. Ganz aus der Luft gegriffen sei somit das bezügliche Gerücht nicht gewesen.

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Wien und Berlin

Kladderadatsch, 18. Januar 1863

Ein alter Spruch.

Ein Liebespaar, wie keines war,
Seit Herz und Herz entdeckt sich;
Aus Zärtlichkeit ward Zank und Streit,
Denn — was sich liebt, das neckt sich.

Ein böses Wort fällt hier und dort,
Man meint es ernst unstreitig;
Man ist pikirt und indignirt
Und grollt sich gegenseitig.

Der Berg kreißt; jedoch wie heißt?
Als Resultat ergibt sich
Die alte Maus: der Streit ist aus;
Denn — was sich neckt, das liebt sich.

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Die katholische Kirche als Kinderräuber

Die Presse (Wien), 18. Januar 1863

Wien, 17. Jänner.

Sowol uns als anderen Blättern ist vor einigen Tagen die Nachricht gemeldet worden, bei einer verwitweten israelitischen Dame in Verona sei unter Assistenz der Polizei ein Organ der katholischen Geistlichkeit erschienen, um dieselbe aufzufordern, ihr einziges Kind sofort der katholischen Kirche auszuliefern, da die im Hause Bedienstete christliche Magd gerichtlich die Erklärung abgegeben, daß sie vor mehreren Jahren das Kind in einer Kirche durch Besprengung mit Weihwasser getauft habe. Der Bericht fügte hinzu, die gewarnte Mutter habe ihr Kind, um es dieser unnatürlichen Entfremdung zu entziehen, noch rechtzeitig zu Verwandten in das Ausland geschickt. Wir haben diese Mittheilung vor einigen Tagen schon veröffentlicht, und dazu geschwiegen, weil wir hofften, die Sache werde von competenter Seite dementirt oder doch berichtigt werden. Nachdem jedoch nichts Derartiges erfolgt ist, und dieselbe Nachricht auch von anderen Blättern sogar mit Nennung des Namens der Mutter des Kindes als verbürgt mitgetheilt wird, ist es nicht mehr gestattet, daran zu zweifeln, wenn vielleicht auch das eine oder andere Detail, wir hegen diese Hoffnung noch, sich nachträglich als unrichtig herausstellen sollte.

Gesetzt nun den Fall, daß die Mutter des vor mehreren Jahren zufälligerweise von der Magd mit Weihwasser besprengten jüdischen Kindes nicht vor der ihr drohenden Gefahr gewarnt wurde; gesetzt den Fall, daß sie diese Warnung unbeachtet ließ, und daß sie ihr Kind nicht rechtzeitig in Sicherheit brachte, so wiederholte sich in Verona, auf österreichischem Gebiete der Fall, welcher 1858 sich in Bologna mit dem Sohne des Juden Mortara ereignet hatte. Das auf die Aussage einer Magd hin als nothgetauft betrachtete Kind würde in Verona von der Seite seiner jüdischen Mutter im Namen der katholischen Kirche weggerissen und fern von seinen Angehörigen auferzogen worden sein. Wie es von dem jungen Mortara zweifelhaft ist, ob er nach den ihm nun eingeprägten Leben bei erlangter Großjährigkeit der Stimme der Natur und dem Gebote aller Religionen: Du sollst Vater und Mutter ehren, jemals mehr Gehör geben und zu seiner Familie zurückkehren wird: so wäre auch in dem Falle von Verona mindestens die Möglichkeit gegeben gewesen, daß das seiner Mutter entfremdete Kind nicht nur von dem Glauben, dem es vermöge der willkürlichen Verfügung einer Magd einem katholischen Dogma zufolge angehört, sondern auch von der Kirche selbst buchstäblich mit Sequester belegt wurde. Wir discutiren nicht das Dogma, welches der katholischen Geistlichkeit das Recht einräumt, sich über das Gesetz der Natur und das erste der Menschenrechte hinwegzusetzen, aber wir dürfen nicht ermüden, auf die entsetzlichen Consequenzen hinzuweisen, von welchen die practische Durchführung dieses Dogmas begleitet sein kann. Im Zeitalter der Ausrottung der Albigenser, der Inquisition, der Bartholomäusnacht, im Zeitalter, wo Kaiser und Könige im Büßerhemde zu den Füßen der Päpste lagen, als die katholische Kirche als die einzig und allein berechtigte anerkannt war, stand ein Fall, wie der mit Mortara, und das, was neulich in Verona versucht worden sein soll, im Einklang mit der allgemeinen Richtung und mit der alles überragenden Stellung der Kirche, außerhalb welcher es nur Ketzer gab. Im Jahre 1863 aber, wo die Gleichberechtigung der Religionsbekenntnisse selbst tief unten in der Türkei Staatsgrundgesetz geworden, ist jeder Versuch, einen solchen Satz des canonischen Rechtes durchzuführen, ein Anachronismus und ein vernichtender Angriff auf die vom Staate seinen Bürgern garantirten Rechte. Wenn es wahr sein könnte, wie man gemeldet, daß die Auslieferung des Kindes in Verona von einem Organe der dortigen Geistlichkeit unter Assistenz der Polizei verlangt wurde, so wäre dies ein höchst bedenklicher Umstand, denn die weltliche Behörde würde in diesem Falle ihren Arm zur Vollstreckung einer kirchlichen Satzung geliehen haben, deren dogmatische Berechtigung nicht angefochten werden mag, deren practische Verwirklichung aber im grellsten Widersprüche selbst mit jenen Regierungsgrundsätzen stünde, welche, lange bevor Oesterreich ein Verfassungsstaat war, die Allerhöchste Sanction erhalten haben. Sollte es sich nichtsdestoweniger bestätigen, daß die Polizeibehörde in Verona bei der von der dortigen Geistlichkeit verlangten Auslieferung eines jüdischen Kindes assistiere, so kann diesem Beifahren nur ein bedauerlicher Irrthum zum Grunde liegen, und es kann im Interesse des constitutionellen Rufes Oesterreichs eine befriedigende Aufklärung dieses Irrthums nicht dringend genug gewünscht werden.

Wir unsererseits vermögen noch immer nicht zu glauben, daß in einer Stadt, in welcher Feldzeugmeister Ritter v. Benedek durch seine Anordnungen in Bezug auf die Religionsübung der israelitischen Soldaten in der unter seinem Commando stehenden Armee wiederholt gezeigt hat, daß die religiöse Gleichberechtigung eine Wahrheit ist, ein Fall wie der obenangeführte unter Assistenz der weltlichen Behörde sich ereignen konnte. Anerkennen wir den Grundsatz der Trennung der Kirche vom Staate, und wollen wir es gelten lassen, was neulich gelegentlich der Olmützer Excommunicationcn angeführt wurde, daß die Kirche auf ihrem Gebiete frei ist, und daß der Staat in Dinge nichts dreinspreche, die sich ohne sein Dazuthun vollziehen, so folgt daraus naturgemäß, daß die Kirche wol die Freiheit hat, Judenkinder, die von glaubenseifrigen Mägden vor mehreren Jahren insgeheim, und ohne daß die Kirche selbst davon eine Ahnung hatte, die Nothtaufe erhielten, für sich in Anspruch zu nehmen; aber sicherlich folgt daraus nicht, daß die Organe der constitutionellen Regierung irgendwie verpflichtet sind, derlei kirchlichen Anordnungen dadurch practische Wirksamkeit zu geben, daß sie zur Durchführung derselben ihren Arm leihen. Das dogmatische Recht der Kirche bleibe unbestritten, aber das des Staates nicht minder. Der Staat hat mit Satzungen nichts zu schaffen, die im Widerspruche stehen mit den Grundsätzen, auf welchen er selbst beruht, die von unseren Gesetzen nicht anerkannt sind, und gegen welche sich das Rechtsbewußtsein und die feinere Empfindung eines gebildeten Zeitalters aus tiefster Seele auflehnt.

Siehe auch: Als noch nicht die Rede von der christlich-jüdischen Kultur des Abendlandes war

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Der halbierte Storch

Alexander Moszkoswki, 1927

Es würde sich verlohnen, einmal die Geschichte der Froschplagen im Zusammenhang zu schreiben. Historisches Material ist genug vorhanden, und aus alten Berichten ergibt sich, daß der Frosch keineswegs als eine harmlose Kreatur zu gelten hat. Der Knabe, der seinen Laubfrosch auf der Leiter im Glase vergnüglich beobachtet, der Genießer, der den Frosch von der Seite der gebackenen Schenkel auffaßt, sind nicht die kompetenten Beurteiler. Der Frosch wird vielmehr in seiner ganzen Bedeutung erst dann gewürdigt, wenn man ihn als Massenfaktor betrachtet, als Vermehrungskünstler, als Vertreter eines höchst bedenklichen Majoritätsprinzips. Als solcher trat er schon in den ägyptischen Plagen auf: . . . “und die Frösche kamen herauf und bedeckten das ganze Land Mizrajim”. Noch unheimlicher hausten sie zu Demokrits Zeiten in der Thrazischen Landschaft; es steht geschrieben, daß die Frösche damals größeres Unheil heraufbrachten, als alle Ungeheuer, Räuber und Thyrannen jemals in ganz Griechenland anrichteten.

Aber auch in Mitteleuropa ganz in unserer Nähe hat es eine Froschplage gegeben, und da ich der einzige bin, der sie studierte, will ich davon erzählen. Es ist eine abenteuerliche Geschichte, die, um ganz bei der Wahrheit zu bleiben, ihren Abschluß erst von der Zukunft erwartet.

Schauplatz eine mit Seen, Teichen und Tümpeln reichlich gesegnete Landschaft im Kreise Ladenberg-Schöppenstedt. Dort also trat eine Froschplage auf und die betroffenen Städtchen und Dörferchen wandten sich hilfesuchend an den weisen Magistrat der Kreishauptstadt. Deren Obmann, Dr. Bürokratius, ernannte sofort eine Froschvertilgungsbehörde und diese stellte den logisch wie zoologisch ganz einleuchtenden Grundsatz auf: Storch contra Frosch! Sie bezog das größte Gebäude des Ortes, richtete sich in zahllosen Schreibstuben ein und berief als Oberstorchkommission eine Anzahl von Sachverständigen. Schon nach wenigen Wochen war durch Mitwirkung einer Tierhandlung à la Hagenbeck ein großer Storchkomplex bereit gestellt und es entstand nunmehr die Frage: Wie sind diese Störche auf die bedrängte Landschaft zu verteilen? Derartige Fragen pflegen ein Statut zur Folge zu haben, ein Bündel von Paragraphen, an denen nicht mehr zu rütteln ist, wenn sie einmal in den Akten der Behörden verankert sind. Hier lautete der grundlegende § 11 in dem Faszikel mit der Aufschrift Schema F:

“Jede Ortschaft des Kreises hat ihre genaue Einwohnerzahl zu ermitteln und für jede 200 Köpfe ihrer Bevölkerung einen Storch von der Oberstorchkommission zu verlangen.”

Prompt und ohne Stockung wurde die Ordre befolgt. Die rationierten Störche langten an ihren Bestimmungsorten an, so und soviel pro Gemeinde, sie entwickelten einen fabelhaften Appetit, und die Frösche der beteiligten Destrikte hatten alle Ursache, ihr trauervolles Requiem zu quaken.

Nur bei einer Ortschaft der kleinsten von allen, haperte es. Das Dörfchen Klein-Niedermupkewitz nämlich ermittelte eine Bevölkerungszahl von genau 100 Seelen. Und der Dezernent entschied ganz folgerichtig: Dieser Flecken hat einen halben Storch zu beanspruchen. Man konnte da rechnen und dividieren so viel man wollte, das Resultat blieb unabänderlich: Null Komma fünf, gleich ein halber Storch.

Sogleich erhoben sich neue Probleme: Wie sollte der Storch geteilt werden? der Länge oder der Quere nach? Welche Hälfte sollte man dem Flecken überweisen? und was geschah mit der anderen Hälfte?

Ein sittlich nicht ganz gefestigter Storch-Assessor schlug vor, dieser Gemeinde einen ganzen Storch zu spendieren, da ein halber schwerlich in der Lage sein würde, das verlangte Froschvertilgungsgeschäft zu bewältigen. Aber dagegen opponierte der Obmann aufs heftigste: es hieße an den Grundfesten des Kreisorganismus rütteln, wenn man vom klaren Wortlaut proklamierter Gesetze auch nur um Haaresbreite abwiche.

Schließlich entschied Dr. Bürokratius: Der Gemeinde Klein-Niedermupkewitz wird hierdurch aufgegeben, ihren Bevölkerungsstand zu verdoppeln. Sobald sie die vorschriftsmäßige Zahl von 200 Köpfen erreicht haben wird, erhält sie einen kompletten Storch von Statuts wegen.

Da die Ortschaft über einen gesunden und kräftigen Menschenschlag verfügt, so wird sie — das darf man annehmen — die gestellte Aufgabe etwa bis zur Mitte des Jahrhunderts erfüllen können. Freilich wird sich die Zahl der Frösche bis dahin auf rund 17 Billionen erhöht haben; und zu deren Vertilgung werden dann mindestens drei Milliarden Störche erforderlich sein.

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Die spanische Ministerkrise

Die Presse (Wien), 17. Januar 1863

Aus Madrid hat der Telegraph uns heute die Nachricht gemeldet, daß die.Königin die Entlassung des Ministeriums O’Donnel-Collantes angenommen, aber den Chef des bisherigen Cabinets sogleich wieder mit der Bildung des neuen Ministeriums beauftragt habe. Nachdem die spanischen Cortes die Adresse mit einer Mehrheit von nahezu hundert Stimmen angenommen haben, hätte man alles eher als den Ausbruch einer Ministerkrise erwarten können. Aber Spanien ist das Land der Ueberraschungen, und die Dinge pflegen dort immer anders zu verlaufen, als es in anderen constitutionellen Ländern der Brauch ist. Die spanische Ministerkrise würde vielleicht kein besonderes Interesse in Anspruch nehmen, wenn es sich dabei nicht hauptsächlich um das napoleonische Frankreich handelte. Bei der Stimmung aber, welche gegenwärtig auf der iberischen Halbinsel bezüglich des Nachbarstaates herrscht, und bei dem scharfen antibonapartistischen Winde, der seit geraumer Zeit über die Pyrenäen herüberweht, ist diese Madrider Ministerkrise ein Ereigniß, das von sehr bedeutenden Folgen begleitet sein kann.

Ursache des gespannten Verhältnisses zwischen Madrid und Paris ist die mexicanische Expedition, welche von spanischen Staatsmännern ersonnen und angeregt wurde. Spanische Interessen waren dabei hauptsächlich im Spiele, denn Leben und Vermögen der in Mexico wohnenden Spanier, welche in diesem Lande noch immer von allen Europäern die hervorragendste Stellung einnehmen, war in Mexico am meisten gefährdet. Frankreich und England hatten im Vergleich mit Spanien in Mexico nur Lappalien zu reclamiren, griffen aber den Gedanken einer solchen Expedition begierig auf, hauptsächlich aus Eifersucht, denn Spanien wollte anfänglich allein 20,000 Mann nach Mexico schicken, und man glaubte in Paris und London, Grund zu haben, den spanischen Absichten zu mißtrauen. So wurde denn jener Londoner Vertrag geschlossen, welcher die mexicanische Expedition jedes Eroberung-Gedankens entkleidete, und durch die Betheiligung Frankreichs und Englands an derselben Spanien, das das Hauptcontingent stellte, gewissermaßen unter Curatel setzte. Die französischen und englischen Contingente waren so unbedeutend, daß es wirklich den Anschein hatte, als handelte es sich nur darum, die Spanier in Mexico zu überwachen. Der Verdacht war wohl begründet. Es ist bekannt, daß Prim von Cuba nach Sacrificios absegelte, ohne die Franzosen und Engländer, wie verabredet, zu erwarten, und daß gleich nach Ankunft der Franzosen zwischen diesen und General Prim der Streit begann. Prim war nicht zu halten, und nahm ganz die Haltung und Miene eines neuen Fernands Cortez an, der da kam, um als spanischer Vicekönig von Mexico Besitz zu nehmen. Als er indessen sah, daß die Franzosen und Engländer entschlossen waren, ihm das Spiel nöthigenfalls mit Gewalt zu verderben, zog er sich auf die Stipulationen des Londoner Vertrages zurück, und schloß unter scheinbarer Zustimmung der Franzosen mit Juarez die Convention von Soledad ab, mittelst welcher der schleunige Rückzug der Alliirten nach Europa herbeigeführt werden sollte. Prim ahnte offenbar, in welcher Absicht’die Franzosen mitgezogen waren, und nachdem man Spanien nicht gewähren lassen wollte, sollten auf diese Weise die geheimen Zwecke der Franzosen vereitelt werden. Prim vergaß, daß für den Beherrscher der Franzosen, welcher die Verfassung der französischen Republik in die Tasche steckte, und der sich durch den Züricher Vertrag nicht für gebunden erachtete, die Convention von Soledad kein ernstliches Hinderniß sein konnte. Während Prim in Orizaba mit Juarez pactirte, schickte Frankreich bereits Verstärkungen nach Mexico, erklärte der Moniteur die Convention von Soledad als der Ehre Frankreichs zuwider, für null und nichtig, und apostrophirte Kaiser Napoleon den spanischen Gesandten in Paris in einer Weise, daß man dem General Concha neulich im Senate den Vorwurf in das Angesicht schleuderte, er habe die spanische Ehre preisgegeben, als er nach dieser Apostrophe noch länger in Paris blieb. Als Prim sah, daß Frankreich sich den Gedanken angeeignet, der ihn nach Mexico führte, blieb ihm, wie er selbst im Senate erklärt hatte, keine Wahl, als entweder mit den Franzosen vorwärts zu gehen, was Spanien zum Werkzeug napoleonischer Zwecke erniedrigen hieß, oder sich den Franzosen in den Weg zu stellen, und sie an der Ausführung ihrer Plane gewaltsam zu verhindern, oder aber sich mit seinen Truppen nach Cuba zurückzuziehen. Prim wählte letzteres Auskunftsmittel als das wenigst bedenkliche, und kehrte unverrichteter Sache nach Madrid zurück.

Dies die Ursachen des spanisch-französischen Zerwürfnisses, und es war natürlich, daß sich der ganze Aerger der öffentlichen Meinung in Spanien bei der ersten Gelegenheit gegen das Ministerium wendete, welches dem altcastilischen Selbstgefühle eine so schwere Demüthigung bereitete. Spanien hatte einige Millionen Realen rein zum Fenster hinausgeworfen, seinem Heere war eine glänzende Gelegenheit entgangen, sich jenseits des Oceans zu erproben, alle mexicanischen Plane waren schmählich vereitelt, und was am schmerzlichsten berührte, ein Napoleonide hatte die spanische Nation beleidigt, indem er die von einem der populärsten spanischen Generale abgeschlossene Convention von Soledad für eine ehrlose Abmachung erklärte. Bei der Ädreßdebatte in den Cortes wurde das Ministerium in der heftigsten Heise wegen seiner mexicanischen Politik angegriffen, da es Spanien in die Lage gebracht, sein eigenes Interesse opfern zu müssen, wenn es nicht den Knecht fremder Interessen abgeben wollte, und der spanische Minister-Präsident O’Donnel, Herzog von Tetuan, wußte sich nicht anders zu helfen, als daß er seinen Minister des Auswärtigen desavouirte, indem er das Verhalten Prim’s billigte, und die Argumente der Opposition als vollkommen, berechtigt anerkannte. Damit wendete O’Donnel zwar den Sturm von seinem Haupte, nicht aber von dem seiner Collegen ab. Die Stellung der der Hinneigung zu Frankreich verdächtigen Minister war unhaltbar geworden, und so kam es, daß das Ministerium sofort nach der Abstimmung über die Adresse, obgleich diese kein Tadelsvotum gegen dasselbe implicirte, seine Entlassung nahm und erhielt. Im Grunde ist diese Demission des Gesammt-MinisterimUs, nachdem O’Donnel mit der Bildung des neuen Ministeriums wieder beauftragt worden, nichts anderes als ein Manöver, den Minister des Auswärtigen, Herrn Collantes, zu opfern, der in den Augen der Spanier an allem Schuld sein soll, indem er eine von Spanien projectirte Expedition durch den Londoner Vertrag von vornherein ruinirte und Spanien dann noch engagirte, als kein Zweifel mehr darüber obwalten konnte, daß die Expedition nur mehr nicht spanischen Interessen und Candidaten Vortheil bringen werde.

Die Situation in Madrid ist nun die, daß in dem Augenblicke, wo die französische Diplomatie alle Hebel in Bewegung setzte, das Ministerium zu stürzen, welches das Verhalten Prim’s billigte, und ein den napoleonischen Wünschen entgegenkommendes Ministerium an das Ruder zu bringen, ein Ministerium ganz entgegengesetzter Färbung eingesetzt wird, und daß die spanische Regierung, um den Sturm der Entrüstung im Congreß und im Volke nur einigermaßen zu meistern, Frankreich gegenüber eine möglichst stramme Haltung anzunehmen gezwungen ist. War schon seit Wochen davon die Rede, der französische Gesandte in Madrid werde abberufen werden, so könnte diese Abberufung nun um so leichter erfolgen, als das Madrider Cabinet den abgetretenen Concha in Paris noch nicht ersetzt hat, und durchaus nicht in der Lage ist, denselben durch eine dem französischen Hofe sonderlich angenehme Persönlichkeit zu ersetzen. Die Ministerkrise in Madrid stellt sich also in den Augen Europas zunächst als eine sehr empfindliche Niederlage der französischen Politik dar, und der Kaiser der Franzosen handelte vorsichtig, wenn er in seiner Thronrede über diese gespannten Verhältnisse schwieg. Er weiß, was Spanien zu dem Sturze seines Onkels beigetragen, und hütet sich, den beleidigten spanischen Stolz durch ein Wort noch mehr gegen sich zu erbittern. Und doch waren es furchtbare Angriffe, die im spanischen Senate gegen ihn und Frankreich gerichtet wurden, und welche kaum hingenommen werden würden, wenn man in Mexico bereits einen Erfolg errungen hatte, und wenn ein feindliches Spanien vermöge seiner geographischen Lage in der französischen Flanke kein so gefährlicher Gegner wäre. Die Spannung zwischen Paris und Madrid tritt mit dem spanischen Ministerwechsel in eine bedenkliche Phase. Ein unwirsches Wort dies- oder jenseits der Pyrenäen, und das noch latente Zerwürfniß steigert sich zum offenen Conflicte.

Siehe auch: Die Bombardierung von Veracruz

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Links der Woche

Wir stellen hiermit einige Links zusammen, die uns in der letzten Zeit aufgefallen sind. Fett gekennzeichnet unsere engere Auswahl. Aus aktuellem Anlaß hatten wir schon vor ein paar Tagen einige zum Attentat auf Charlie Hebdo zusammengestellt. Da wir darauf noch einmal zurückkommen wollen, drehen sich die folgenden Verweise um andere Themen. Aktuelle Links auch immer fortlaufend auf unserer Facebookseite.

  1. Benjamin Frick bei Achse des Guten: Wann reden wir über die ostdeutsche Gesellschaftskrise? - unser Kommentar: Es gibt aber auch viele, die sich gut integriert haben, nicht in den Sozialstaat eingewandert sind und sich nicht in eine Parallelgesellschaft zurückgezogen haben! :-) — Ganz im Ernst: man könnte hier auch alle in Haftung für gewisse nehmen und eine Diskussion lostreten, daß Ostdeutsche sich für den NSU entschuldigen sollten, alle irgendwie doch Skinhead-Schläfer mit Haaren als Tarnung sind, usw. Wäre genauso ungerecht.
  2. Kevin Vallier bei den Bleeding Heart Libertarians: What’s the Best Argument for Libertarianism?
  3. Avi Lewis in der Times of Israel: Merkel image edited out of Haredi paper – solange man sich selber zensiert, ist es einfach nur komisch.
  4. Nick Gillespie bei Reason: Why You Should Care That Trial of Ross Ulbricht, Accused of Running Silk Road, Begins Today
  5. Reuters in Dubai: Saudi cleric issues fatwa on snowmen
  6. Ed Krayewski bei Reason: Protests, Arrests, Explosions, Venezuela Boiling Over? How Long Would You Wait in Line for Diapers if You Weren’t a Government Spokesperson? - das aktuelle Remake der “Sozialdemokratischen Zukunftsbilder”
  7. Hannes Vogel bei n’tv: Athen will deutsche Kriegsschuld eintreiben – unser Kommentar: “Nicht unberechtigt, mehr Information in Götz Alys “Hitlers Volksstaat”. Griechenland wurde auf dem Weg so ausgenommen, daß die Menschen gehungert haben.” – für die weitere Diskussion siehe unsere Facebookseite
  8. Alex Tabarrok bei Marginal Revolution: MRU New Course: Principles of Microeconomics! – haben wir uns noch nicht angeschaut, aber voraussichtlich so interessant wie die anderen Kurse
  9. The Onion: Government Admits It Was Only Behind Destruction Of North Tower
  10. Techdirt: Iran’s New ‘Smart’ Internet Censorship Efforts Still Aren’t Particularly Smart
  11. Melvin Backman bei Quartz: McDonald’s has run out of French fries in Venezuela - Den Sozialismus des 21. Jahrhunderts in seinem Lauf halten weder Milch noch Pommes auf.
  12. Tyler Cowen bei MarginalRevolution: Do sinking ships put women and children first? - unser Kommentar: “Kapitän Schettino fiel ins Rettungsboot, das war Pech!”
  13. Lily Kuo bei Quartz: Hong Kong’s government has a funny way of explaining the Umbrella Movement to Beijing
  14. Kevin Vallier bei den Bleeding Heart Libertarians: The Best Argument against Libertarianism
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Deutsche Frage. Parlamentarische Feldzugsplane. Erste Landtagssitzung.

Die Presse (Wien), 16. Januar 1863

Berlin, 14. Jänner. [Orig.-Corr.] (Deutsche Frage. Parlamentarische Feldzugsplane. Erste Landtagssitzung.) In jenen diplomatischen Regionen, welche dem Delegirten-Lager angehören, erklingen nichtsweniger als Harfen und Schalmeien. Vielleicht ist es die Vibration der Mißstimmung, gegen Herrn v. Bismarck, vielleicht auch die Ansicht, daß er den Vorschlägen des Wiener Cabinets gegenüber eine Position gefaßt, die nicht viel verschieden von der vermehrten und verbesserten Auflage des alten Bernstorff’schen Programms ist. Eine mittelstaatliche Regierung soll sich zwar mit einem Memorandum in die noch immer hoch gehende See geworfen haben; ob aber dieses Oel hinreichen wird, die Negationen auf beiden Seiten zum Stillstand zu bringen, das beschäftigt im Momente schon deshalb, weil der Zeitpunkt einer positiven Auseinandersetzung und Annahme fester Positionen immer näher rückt.

Wenn auch die Thronrede nicht durch eine Adresse beantwortet werden sollte, so scheint es doch die Taktik der Opposition zu sein, eine Adreßdebatte hervorzurufen. Der Vorwand wird sich schon deshalb finden, Weil einige Abgeordnete, darunter auch Professor Sybel, Adressen entworfen naben und 30 Unterstützunsstimmen im Hause finden werden. Dann wird eine Adreß-Commission ernannt, welche überhaupt eine Adresse zur Unterlage der Discussion nehmen muß, denn die Frage kann parlamentarisch nicht gestellt werden, ob überhaupt eine Adresse erlassen werden soll, oder ob nicht. Dann kommt die Debatte und diese wird dazu benutzt werden, um sofort eine energische Resolution zu stellen, die ein dürres Mißtrauensvotum, nach Anderen eine directe Aufforderung um Entlassung des Ministeriums sein soll. Die Stimmung der Abgeordneten ist ganz danach angethan, und in der Wilhelmstraße scheint man dies wohl zu würdigen. Wie uns eine Person versichert, die mit den Intentionen des Herrn v. Bismarck und seiner Collegen wohl vertraut sein dürfte, ist er geneigt, “links” zu rücken. Das Mißtrauensvotum würde übersehen werden, und die Zeit vom Momente der Budgetvorlagen bis zur Drucklegung und Commissions-Berathungen dazu benützt werden, den Keil der “versöhnlichen Spaltung” in die liberale Partei zu treiben. Sechs bis acht Wochen genügen dazu und solange würde es dauern, bis das Budget im Plenum zur Berathung käme. So der ministerielle Feldzugsplan.

Die heutige Sitzung des Abgeordnetenhauses, in welcher die Minister fehlten, eröffnete Grabow, indem er unter anderm sagte, er müsse es mit dem tiefsten Bedauern aussprechen, daß der Verfassungs-Conflict in den letzten drei Monaten größere Dimensionen angenommm habe; der Ausbau des verfassungsmäßigen Rechtsstaates sei gefährdet; bis zu den Stufen des Thrones sei das Abgeordnetenhaus, die alleinige wahre Vertretung des preußischen Volkes, verdächtigt, geschmäht worden. Im weitern Verlaufe seiner Rede gedenkt Grabow der im Interesse des Dienstes versetzten Beamten, welche die dem Hause unstreitig zustehenden Rechte gewahrt; ferner erwähnt er, daß die gesetzlich aufgehobenen Conduiten-Listen über das politische Verhalten der Beamten, besonders der Richter, auf dem Verwaltungswege wieder eingeführt seien, somit der Artikel 99 der Verfassung verletzt sei.

“Wir stehen dabei,” sagte er weiter, “einer budgetlosen Regierung gegenüber. Das Land jedoch hat seinen Vertretern zur Seite gestanden. Bereits sind dem Hause 194 Zustimmungs- und Dankadressen aus dem Auslande, aus Deutschland und Preußen mit 221,951 Unterschriften zugegangen. Es steht so das Abgeordnetenhaus vor dem Lande gerechtfertigt. Lassen Sie uns mit Muth, Besonnenheit, Mäßigung, Festigkeit und Ausdauer unsere Arbeiten wieder beginnen, indem wir uns an der Schwelle des Jubeljahres der Wiedergeburt Preußens aus der tiefsten Erniedrigung durch den hohen Geist seiner Fürsten, und der durch die Kraft der einstimmigen Volksgesinnung siegreichen Auferstehung Deutschlands, von den Sitzen erheben und freudig ausrufen. Hoch lebe der König!” — Das Haus stimmte einstimmig in den Ruf ein. — Morgen ist Präsidentenwahl. Die Wiederwahl Grabow’s ist unzweifelhaft.

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Die Bombardierung von Veracruz

Bombardierung von Vera CruzAm 15. Januar 1863 bombardiert die französische Marine Veracruz in Mexiko (nebenstehend ein Ausschnitt aus einem Bild von Antoine-Léon Morel-Fatio und Adolphe-Hippolyte Couveley). Dies ist Teil einer größeren Intervention. Begonnen hat diese Ende 1861, weil Mexiko seine Schulden nicht bezahlen wollte. Um dies zu erzwingen schließen sich Großbritannien, Spanien und Frankreich und greifen in Mexiko ein. Nicht alles läuft nach Plan, so verlieren französische Truppen am 5. Mai 1862 gegen die mexikanische Armee in der Schlacht von Puebla, worauf der mexikanische Nationalfeiertag “Cinco de Mayo” zurückgeht.

Als klar wird, daß Frankreich in Wirklichkeit Mexiko zu einem Marionettenstaat unter einem Kaiser machen möchte, ziehen sich Großbritannien und Spanien aus dem Konflikt zurück. Es beginnt im engen Sinne die zweite französische Intervention in Mexiko. Die USA sind durch ihren Bürgerkrieg abgelenkt und können deshalb Mexiko nicht zur Hilfe kommen. 1864 wird dann das zweite mexikanische Kaiserreich mit Maximilian I. aus Österreich installiert. Mit diesem Schachzug möchte Kaiser Napoleon III. die Österreicher für sich einnehmen, die gerade im Krieg von 1859 im Zuge der Unabhängigkeit Italiens eine Niederlage haben einstecken müssen.

Der mexikanische Präsident Benito Juárez zieht sich zurück und leistet dem Kaiserreich Widerstand, ab 1865 mit zunehmendem Erfolg. Mit dem Ende des amerikanischen Bürgerkriegs erhält er Unterstützung durch die USA. Da Frankreich mit diesen nicht aneinandergeraten will, zieht es sich 1866 zurück. Ohne diese Unterstützung bricht das Kaiserreich zusammen, und Maximilian I. wird 1867 standrechtlich erschossen.

Derartige Interventionen sind in der Zeit nicht unüblich. Wegen einer Auseinandersetzung um Strandräuberei blockiert die britische Marine vom 1. bis 6. Januar 1863 Rio de Janeiro. In diesem Fall kommt allerdings eine andere Methode zum Zug, die insbesondere von den Manchesterliberalen propagiert wird: ein Schiedsgericht. Brasilien und Großbritannien einigen sich darauf, Belgien als Richter anzurufen. Belgien entscheidet schließlich zugunsten von Brasilien.

Ein ähnliches Verfahren wird auch 1885 im Fall der zwischen Deutschland und Spanien umstrittenten Karolineninseln verfolgt. In diesem Fall wird der Papst zum Richter bestellt, der sich zugunsten von Spanien entscheidet.

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Eröffnung des Preußischen Landtags

Die Presse (Wien), 15. Januar 1863

Berlin, 14. Jänner. Der Landtag wurde heute durch den Minister-Präsidenten eröffnet. Die Regierung begrüßt den Landtag mit dem lebhaften Wunsche, daß es gelingen möge, über die im vorigen Jahre ungelöst gebliebenen Fragen eine dauernde Verständigung herbeizuführen. Das Ziel werde erreicht, wenn in der Auffassung und Stellung der Landesvertretung unsere Verfassung als gegebene Grundlage festgehalten und die gesetzgebenden Gewalten unter gegenseitiger Achtung ihrer verfassungsmäßigen Rechte in Förderung der Macht und der Wohlfahrt des Vaterlandes eine gemeinsame Aufgabe finden. Die Finanzlage darf als durchaus befriedigend bezeichnet werden. Die Staatseinnahmen des Vorjahres haben bei den meisten Verwaltungszweigen den Voranschlag ansehnlich überstiegen und werden die Mittel darbieten, die Staatsausgaben des Vorjahres einschließlich aller außerordentlichen Bedürfnisse vollständig zu decken; das im Entwurfe des Staatshaushalts-Etats 1862 veranschlagte Deficit wird daher nicht eintreten. — In Ermanglung eines gesetzlich festgestellten Staatshaushalts-Etats für 1862 hat die Regierung in erhöhtem Maße ihr Hauptaugenmerk darauf gerichtet, die Verwaltung sparsam zu führen; sie durfte jedoch nicht unterlassen, alle zur ordnungsmäßigen Fortführung der Verwaltung, zur Erhaltung und Förderung der bestehenden Staatseinrichtungen und Landeswohlfahrt nothwendigen Ausgaben zu bestreiten. Nach dem Rechnungsabschluß wird die Regierung die Vorlage über den Staatshaushalt des Vorjahres einbringen und die Genehmigung beider Landtagshäuser zu den geleisteten Ausgaben beantragen.

Der Staatshaushalts-Etat für 1863 wird erneut vorgelegt. Die Ansätze desselben sind nach inzwischen gemachten Erfahrungen anderweitig geprüft, in einzelnen Positionen dem Verhältniß entsprechend berichtigt. In Folge dessen könnte das Deficit des früheren Etats-Eutwurfs vermindert werden. Die Hoffnung sei wohlbegründet, dieses Deficit werde eine vollständige Ausgleichung finden. Den Staatshaushalts-Etat pro 1864 wird die Staatsregierung allSbald zur Berathung vorlegen. Die Regierung wird einen Gesetzentwurf zur Abänderung und Ergänzung des Gesetzes über die Verpflichtung zum Kriegsdienste vom 3. September 1814 vorlegen; sie hofft, daß die Reorganisation des Heeres, zu deren Aufrechthaltung die Regierung sich im Interesse der Machtstellung Preußens einmüthig verpflichtet erachtet, auch durch gesetzliche Feststellung der zu ihrer Durchführung erforderlichen Ausgaben nunmehr vollständigen Abschluß gewinnen werde.

Die Thronrede erwähnt nun Vorlagen betreffs der bevorstehenden Jubelfeier und Erweiterung der Marine. Der Gewerbfleiß und der Handel müssen zwar noch der Vortheile der Handelsverträge mit Frankreich entbehren, die Regierung ist jedoch fest entschlossen, daß die Vortheile über den Zeitpunkt hinaus nicht vorenthalten bleiben sollen, wo die Verpflichtungen lösbar werden, die gegenwärtig noch der Ausführung jener Verträge entgegenstehen. Die, Regierung hofft Vorlagen wegen neuer Eisenbahnen zu machen, verheißt Gesetzentwürfe zur Ergänzung der deutschen Wechselordnung und über die Gerichtsbarkeit der Consuln. Die Vorberathungen über die Gutachten der Provinzialstände lassen noch nicht übersehen, ob der Gesetzentwurf über die Kreisordung allsbald werde vorgelegt werden können.

Unsere Beziehungen zu den auswärtigen Mächten sind im allgemeinen befriedigend. Den Bemühungen der Regierung ist es gelungen, ihre Politik in Hessen zur Geltung zu bringen, und dem Kurstaate Aussichten auf geordnete Entwicklung seines Verfassungslebens zu gewähren, welche auch durch die neuesten Vorgänge in Kassel nur vorübergehend getrübt werden können. Die von den deutschen Bundesregierungen an die Bundesversammlung gestellten Anträge haben weniger durch ihren Inhalt, als durch die auf sie angewendete Auslegung der Bundesverträge eine principielle Bedeutung für die Stellung Preußens zum Bundestage erlangt. Die Regierung ist auch ihrerseits von der Ueberzeugung durchdrungen, daß die Bundesverträge, wie sie 1815 geschlossen wurden, den veränderten Zeitverhältnissen nicht entsprechend sind. Vor allem aber ist sie sich der Pflicht gewissenhafter Beobachtung der bestehenden Verträge bewußt und entschlossen, die volle Gegenseitigkeit in Erfüllung dieser Pflicht als Vorbedingung des Fortbestandes solcher Verträge zu behandeln. Die Regierung wird von dem ernsten Streben geleitet, ein einmüthiges Zusammenwirken mit den Landtagshäusern zu erreichen.

Siehe auch:

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Die Schlacht am Stones River

Die Presse (Wien), 14. Januar 1863

800px-Rosecrans_at_Stones_RiverNewyork, 3. Jänner. Die Proclamation Lincoln’s ist der früheren Proclamation gemäß veröffentlicht worden; dieselbe Erklärt Arkansas, Texas, Mississippi, Alabama, Florida, Georgia, Nord- und Süd-Carolina und Theile von Louisiana und Virginien als insurgirt, und befiehlt, daß alle Sklaven in diesen Staaten frei seien, daß die Bundes-Militär- und See-Autoritäten die Freiheit solcher Sklaven anerkennen und aüfrechthalten werden. Den Sklaven wird empfohlen, sich jeder Gewaltthätigkeit, ausgenommen der Selbstvertheidigung, zu enthalten.

Bei Murfreesboro in Tennessee fand eine bedeutende Schlacht statt. Die Unionisten durchbrachen das Centrum der Conföderirten, jagten die letzteren eine Meile weit, und erstürmten deren Verschanzungen. Vier unionistische Regimenter verloren die Hälfte der Soldaten und alle Officiere. Drei Unions-Generale wurden verwundet, die Conföderirten-Generale Cheatham und Rains wurden getödtet.

Zwei unionistische Divisionen verfolgen die Conföderirten nach Murfreesboro. Die Schlacht begann am 31. December wieder, und dauerte noch zwei Tage fort. Die Verluste sind ungeheuer. Buttler, welcher in Newyork ankam, ging nach Washington; er wird ein wichtiges Commando erhalten. Die Richmonder Zeitungen constatiren, daß die Unionisten Vicksburg am 27., 28. und 29. December angriffen und mit großem Verlust zurückgeworfen wurden. Die Schlacht dauert fort.

Hintergrund

Die Schlacht am Stones River vom 31. Dezember 1862 bis zum 2. Januar 1863 ist die blutigste des ganzen amerikanischen Bürgerkriegs mit 24.645 Gefallenen, Verwundeten und Vermißten (12.906 auf Seiten der Union und 11.739 bei den Konföderierten) bei 76.400 Soldaten auf beiden Seiten insgesamt. Sie wird von den Unionisten gewonnen, die damit nach der Niederlage bei Fredricksburg die Moral wieder hebt.

Siehe auch:

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Beim Beginn des neuen Jahres

Frankfurter Latern, 14. Januar 1863

Beim Beginn des neuen Jahres
Grüßen Alle wir in Hulden!
Nicht die Krümmung eines Haares
Komm uns fernerhin zu Schulden;
Sanft wie Lämmlein, rein wie Tauben
Woll’n in diesem Jahr wir werden,
Wollen ehren jeden Glauben,
Lieben Jedermann auf Erden.

Wollen keinen Menschen hassen.
Nicht die junker, nicht die Mucker;
Mit der gleichen Lieb’ umfassen
Arme, wie anch keine Schlucker,
Alle Fürsten und Feidjäger,
Schranzen mit den güld’nen Ketten,
Kreuz- and Band- und Ordenträger,
Und die Leut’nants und Cadetten.

Niemals wollen wir mehr dürsten
Nach dent blauen Blut des Adels;
Ueber Kön’ge und Kurfürsten
Uns enthalten jedes Tadels.
Klug und ehrlich ist ja Jeder,
Und er finde stets Vertheid’gung;
Niemals bringe unsre Feder
Eine Majestätsbeleid’gung!

Wenn wir uns einmal vergessen,
Aus Gewohnheit. die oft mächtig,
Und auf Preußen oder Hessen
Raisonniren unbedächtig,
Fügen wir uns herzlich gerne
In den Spruch der weisen Richter,
Liefern aus Euch die Laterne
Nebst dem Maler und dem Dichter!

Allen wollen wir gerecht sein,
Keinen wollen wir beleid’gen;
Mag die Absicht noch so schlecht sein,
Alles läßt sich ja vertheid’gen!
Hei! wie wird man uns dann preißen,
Uns nicht mehr contumaciren,
Könnten bis nach Coblenz reisen
Und ein freies Leben führen.

Ja, wenn also wir verführen.
Manche hohen Gönner könnten
Uns erblüh’n — and decimiren
Würden sich die Abonnenten;
Und man würde Wurst und Käse
Nur noch in Laternen wickeln.
Und zum endlichen Erlöse
Uns zu Fidibus zerstückeln.

Solche Aussicht ist erfreulich.
Und wir wären ungenügsam,
Wenn wir ferner so abscheulich,
Schroff verblieben und unbiegsam.
Wie wir es bis jetzt gewesen —
Und wie wir’s auch weiter bleiben:
Die Latern. sie wird ihr Wesen
Wie bisher auh ferner treiben.

Droht uns auch in Nachbarländern
Die Justiz mit spitzen Dolchen,
Dennoch können wir nicht ändern
Das Programm. das wir verfolgen.

Ja, sie wird ihr tolles Wesen
Manchmal auch noch weiter treiben.
Und bei Witz und heitern Späßen
Kräftig stets den Kümmel reiben.
Aber immer frei und offen
Bleiben unsre Hieb’ und Stiche;
Fühlt Ihr Euch davon getroffen:
Darum keene Feindschaft niche!

Und so wollen wir zum neuen
Jahr uns mit der Hoffnung wenden,
Daß es möge uns erfreuen
Mit viel neuen Abonnenten!

Anmerkung

Die “Frankfurter Latern” war ein von Friedrich Stoltze begründetes Satireblatt, von dem vermutlich auch dieses Gedicht in der ersten Ausgabe des Jahres 1863 stammt. Wegen diverser Anklagen konnte Stoltze seine Heimatstadt Frankfurt nicht verlassen, weil ihm sonst die Verhaftung gedroht hätte (bis zur Amnestie nach dem deutsch-österreichischen Krieg von 1866).

Siehe auch:

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Kalle Kappner über Keynesianismus

Erfreulicherweise kommen dank den Sons of Libertas die Vorträge der ESFL-Regionalkonferenz in Köln im Oktober 2014 schrittweise auf YouTube. Hier nun der Vortrag von Kalle Kappner, der sich mit Keynes und den Entwicklungen in den Wirtschaftswissenschaften befaßt, die Keynes angestoßen hat. Dabei werden auch einige unter Libertären beliebte Argumente kritisch geprüft. Sehr empfehlenswert!

Siehe auch: Vortrag von Tom Palmer auf der ESFL-Regionalkonferenz in Köln

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Die politische Lage zu Anfang dieses Jahres

Lokomotive an der Oder, 13. Januar 1863

Lassen wir Amerika bei Seite und betrachten wie nur unseren Erdtheil so hat es den Anschein, als ob in Frankreich, England, Rußland, ja selbst in Oesterreich keine erheblichen Aenderungen der bisherigen Politik eintreten würden. Zuerst weissagten österreichische Blätter, daß 1863 im Ganzen und Großen ein Friedensjahr sein würde, dann wiederholten englische und russische Blätter denselben Gedanken und die Neujahrrede des französischen Kaisers schien diese Ansicht der Dinge zu bestätigen. Die fünfte Großmacht — Preußen — wollten zwar Frankfurter Zeitungen mit Oesterreich in einen Krieg verwilckeln, aber man glaubt an diese Zeitungsenten weder in Berlin noch in Wien. Die Verhältnisse Preußens zu den andern Großmächten flößen wol Niemandem ernstliche Besorgniß ein.

Nicht gleich freundlicher Art in die Stellung der engen Staatsregierung zu unsrer Volksvertretung, die gewiß keinen leichten Stand im Laufe der Sitzung haben wird, die in wenigen Tagen wieder beginnen wird. Die Volkszeitung, die man gewiß mit vollem Recht als ein Organ der Fortschrittspartei bezeichnet, fordert das Abgeordnetenhaus auf, eine “Untersuchungs-Kommission” zu bilden, damit, wenn seit der letzten Sitzungsepoche des Abgeordnetenhauses Thatsachen vorgekommen sind, welche dem gesetzlichen und verfassungsmäßigen Zustande nicht entsprechen, diese Kommission diese Thatsahen ermittele und feststelle. Sollte das Abgeordnetenhaus auf diesen Vorschlag eingehen, so wird man die Niedersetzung einer solchen Kommission für eine offene Kriegserklärung gegen die Staatsregierung halten dürfen. Man muß aber auch offen eingestehen, daß eine solche Kommission nicht nothwendig ist; denn wenn die Abgeordneten aus allen Theilen des Landes ein jeder in seiner Heimath Kenntniß von Schritten der Regierung erhalten haben, die dem Wortlaute oder dem Geiste der Verfassung zu widersprechen scheinen: so hat jeder Abgeordnete das Recht, öffentlich eine Interpellation an denjenigen der Herren Minister zu richten, in dessen amtlichen Wirkungskreis die bezügliche Thatsache einschlagen würde. Eine Kommission dagegen, welche von vornherein nur untersuchen soll, ob die Regierung nach Recht und Verfassung regiert hat, würde wahrscheinlich nur eine möglichst beschleunigte Auflösung des Abgeordnetenhauses zur Folge haben.

Außer diesem Verfassungsstreite, von dem man übrigens wol etwas zu viel hermacht, da andere Staaten noch ganz andere Kämpfe um ihrer Verfassung willen durchgemacht haben, wird wol auch Preußen nicht in große Aktion treten, da Dänemark den Forderungen, welches der deutsche Bund stellt, wird nachgeben müssen, ohne daß es zu einem Kriege kommt. Dem Vorschlage Russels, den deutschen Theil von Schleswig an Holstein anzuschließen und der deutschen Bevölkerung sichere Bürgschaft für ihr verfassungsmäßiges Recht und für gesetzliche Freiheit zu geben, welchen Preußen und Oesterreich ihre Zustimmung gegeben, welchen Frankreich der dänischen Regierung empfohlen hat, ist in jüngster Zeit auch Rußland beigetreten. Wenn nun auch die jetzige dänische Regierung die englischen Vorschläge für nicht annehmbar und für unverträglich mit der Souveränetät des Königs von Dänemark erklärt, so wird sie sich dennoch, und wahrscheinlich noch im Laufe dieses Jahres, dem vereinten Willen der Großmächte fügen müssen und dann wird wenigstens für einige Zeit die dänische Frage aus der hohen Politik verschwinden.

Die sogenannte orientalische Frage aber hat sich von neuem zwiefach verwickelt. Die Griechen haben ihren König verjagt, wogegen, wie es scheint, England, Frankreich und Rußland nichts Erhebliches einzuwenden haben. Nun aber wollen die Griechen, um die ionschen Inseln zugleich mit Englands weithin wirkenden Schutz zu bekommen, den zweitältesten englischen Prinzen zu ihrem Könige wählen, was nach dem Uebereinkommen der Schutzmächte des griechischen Königreiches gesetzlich nicht zuläßig ist. Die englische, Regierung giebt sich nun scheinbar viel Mühe, um den ehemaligen König Ferdinand, einen Koburgischen Prinzen, zur Annahme des griechischen Thrones zu bewegen. Auch hat die Königin von England der jetzigen provisorischen Regierung non Griechenland durch ihren Gesandten Elliot erklären lassen, daß Griechenland nur dann auf den Beistand Englands sicher zu rechnen habe, wenn es einen König wähle, von dem man voraussehen dürfe, daß er einen Eroberungskrieg gegen das türkische Reich nicht anfangen werde.

Ja, das türkische Reich, das ist und bleibt der Zankapfel der Weltmächte; es steht heuer in der That schlimmer mit demselben, als im abgelaufenen Jahre. Die Finanzen dieses mehr als halbbarbarischen Staates sind aufs äußerste zerrüttet und das Oberhaupt dieses Staates ist körperlich — und geistig krank. Der Preußische Staatsanzeiger hat zwar in der letzten Hälfte des Vorjahres erklärt, die Gerüchte von einer Geistesstörung des Sultans wären nicht wahr. Liest man aber die Schilderungen, welche die Triester Zeitung entwirft, wie der Sultan die höchsten Würdenträger des Reiches behandelt, wie er sie insgesammt zu sich bescheidet, dann sich ruhig ins Bette legt, die hohen Beamten bis nach Mitternacht warten und dann fortgehen heißt, wie er sie ohne Ursache bedroht und mißhandelt, und wieder ohne Grund belohnt und erhebt, wie er mit ihnen wechselt und sich überhaupt geberdet: so wird man gewiß geneigt sein, den Berichten, welche Lord Bulwer, der englische Gesandte in Konstantinopel und Lord Elliot, der griechische Gesandte, haben nach London abgehen lassen, zu glauben; nach Veröffentlichung englischer Blätter aber, sprechen sich diese Mittheilungen ganz unzweideutig über den gestörten Seelenzustand des Sultans aus.

Jetzt, wo der griechische Thron noch erledigt ist, der türkische aber eine vernünftige Besetzung bedarf, jetzt wäre es möglich, im Osten Europa ein großes christliches Reich zu begründen, aber — der jämmerliche Zustand dieses Reiches muß erhalten werden aus keinem andern Grunde, als weil er um des europäischen Friedens willen erhalten werden muß, oder bis eine gewaltige Revolution demselben ein Ende macht, denn dir Diplomaten bringen kein “Griechisches Kaiserthum” zu Stande.

Um nun noch mit ein Paar Worten über Italien zu schließen, so muß man bekennen, daß diß Jüngste der europäischen Königreiche aus der Zeit des Handelns in die des Schwatzens eingetreten ist. Als Garibaldi im verflossenen Jahre den Versuch wagen wollte, diesem noch schlimmer als Preußen zerstückten Reiche seine volle naturgemäße Gestalt zu verschaffen, so wurde er bei diesem Versuche im buchstäblichsten Sinne lahm gelegt; aber mit ihm ist auch der Gedanke an ein einiges Italien lahm gelegt worden. Alle möglichen Reden in und außer dem Parlamente werden die Franzosen nicht aus dem Kirchenstaate herausschwatzen. Kann aber Italien nicht bald ganz geeinigt werden, so werden der Süden und der Norden mit eben der Leichtigkeit wieder auseinanderfallen, wie sie jetzt scheinbar geeinigt wurden; halbe Arbeit ist wie alle Halbheit auch einer ewigen Dauer nicht werth.

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Aus der Mormonenstadt Utah

Die Presse (Wien), 12. Januar 1863

[Aus der Mormonenstadt Utah.] Vor nicht langer Zeit kam eine neue Schaar von Einwanderern in der Mormonenstadt Utah an. Unter denselben befand sich ein junger Mann von vornehmerem Anscheine als die übrige Gesellschaft, und zwei junge tiefverschleierte Frauen, deren feines Benehmen und Aussehen sie als einer höhern socialen Stellung angehörend verrieth. Der junge Mann ist der Sohn eines reichen Gutsbesitzers in Norwegen, und die beiden Damen sind Waisen, welche mit ihm in seines Vaters Hause erzogen worden waren. Der Jüngling hatte das elterliche Haus verlassen, um die Universität Drontheim zu beziehen, wo er sich einige Jahre aufhielt und danach Reisen durch den größten Theil Europas unternahm. Seine Jugendgespielinnen waren vergessen. Als er endlich nach Hause zurückkehrte, war er erstaunt, zwei schöne Jungfrauen zu finden. Der Pfeil des Liebesgottes verwundete sein Herz. Er war “verliebt”, aber in welche von beiden? Beide waren von strahlender Schönheit; beide nahmen all sein Lieben, all sein Denken  in Besitz. Zweifelnd, rathlos schwankte er zwischen Scylla und Charybdis. In dem Uebermaße verzweifelter Offenheit gestand er den beiden Mädchen seine Gefühle. Zuerst schlugen sie ein Gelächter auf, saun wurden sie nachdenkend, und das schließliche Ergebniß ihres Nachdenkens war, daß beide Herrn Ludwid liebten, und sich in derselben Verlegenheit befänden, wie er. Der Ausgang sagt sich bald. Ein Mormonen-Apostel predigte willigen Ohren, und das Trio machte sich auf den Weg nach Utah.

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An die Polizei

von Wippchen (a.k.a. Julius Stettenheim), 1894

Gebet eines jungen Dichters.

Ich bin ein junger Dichtersmann
Und schrieb ein Trauerspiel,
Das nahm der Herr Direktor an,
Da es ihm wohlgefiel.

So weit wär’ also alles schon
Nach Wunsch, doch ach wie dumm,
Nun fehlt mir noch die Sensation,
Die will das Publikum.

Was nützt Genie, hat man dabei
Nicht auch ein Bischen Glück —
Ach liebe süße Polizei,
Verbiete jetzt mein Stück!

Siehe auch:

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Ein Zitat von Bertrand Russell

“If there were a God, I think it very unlikely that he would have such an uneasy vanity as to be offended by those who doubt his existence.”

— Bertrand Russell

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“Wie schon einmal!”

Kladderadatsch, 11. Januar 1863

Gottlob! ein Friedensjahr ist’s das wir schreiben —
So wenigstens wird uns von Wien gelehrt —
Geschlossen wird der Janustempel bleiben.
Und in der Scheide das geschliffne Schwert.
Die “Spannung,” die zum Jubel aller Bösen
Fortwährt, und zu der Gutgesinnten Qual,
Sie wird “in einen Compromiß sich lösen.”
Wie schon einmal!

Wie schon einmal — da wir zu Kreuz gekrochen
In Olmütz und mit tief gebeugtem Knie
“Pater peccavi” reuevoll gesprochen.
Und gnädigst uns Herr Schwarzenberg verzieh!
Und wieder sollen jetzt wir transigiren
Mit Herrn von Rechberg und, wenn er befahl,
In Compromissen uns compromittiren,
Wie schon einmal!

Wie schon einmal! Uns packt ein leises Staunen —
Wir leugnen’s nicht — ob solchem dreisten Hohn,
Den Oestreichs Blätter in die Welt Posaunen
Gegen den Mann der großen Aktion.
Er aber ist der Mann von Blut und Eisen!
Er wird, gewappnet mit des Rechtes Stahl,
Als Held sich gegen Habsburgs Trutz erweisen.
Wie schon einmal!

Er wird — — o Ironie der Weltgeschichte!
Bismarck-Penelope! — Der große Mann
Reißt selbst die dünnen Fäden jetzt zunichte
Des Werks. daran er einst so emsig spann.
Klio macht Witze, Jedem leicht zu fassen!
Den heitern Club im Eschenheimer Saal,
Wir drohn ihn heute wieder zu verlassen,
Wie schon einmal!

Wir drohn — und Deutschland, unsres Winks gewärtig.
Harrt, ob wir auch erfüllen unser Drohn.
Geduld! ein wenig nur bis erst wir fertig
Im Innern mit der großen Action!
Die neue Aera ganz zu ecrasiren,
Und was in der Verfassung uns fatal,
Gilt es erst gänzlich fortzurevidiren,
Wie schon einmal!

Geduld? — Wir haben sie! Wir können warten,
Denn unerschöpflich ist des Volks Geduld;
Und schlagen gegen uns des Schicksals Karten.
Nicht unser blinder Eifer trägt die Schuld.
Doch ist der Herrn Geduld einmal gerissen
Von außen her: dann wird höchst liberal
Das treue Volk man aufzurufen wissen,
Wie schon einmal!

Kladderadatsch.

Hintergrund

Zwischen Preußen und Österreich gibt es Spannungen, die aber dieses Mal recht schnell beseitigt werden. Dies ist der Vorlauf zum Deutschen Krieg 1866 (zeitgenössisch auch als “Deutscher Bruderkrieg” bezeichnet), bei dem Preußen und Italien Österreich besiegen werden, womit Österreich aus Süddeutschland gedrängt wird, welches sich auf seine Seite gestellt hatte.

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Die erste U-Bahn der Welt

Metropolitan_Railway,_Praed_Street_JunctionAm 10. Januar 1863 wird die erste U-Bahn der Welt in London eröffnet, der “Metropolitan Railway”. Bis heute hat sich der Name als “Metro” für U-Bahn in vielen Sprachen erhalten. Die zweite wird es 1869 in Athen geben.

In anderen Ländern dauert es länger. 1896 geht es auf Initiative von Werner von Siemens in Pest (heute Teil von Budapest) weiter. Eigentlich hatte er eine U-Bahn in Berlin erbauen wollen, aber die Behörden der Stadt hatten sich quergelegt. 1900 wird die Pariser “Metro” eingeweiht und erst 1902 bekommt Berlin dann auch seine eigene U-Bahn.

Vorab berichtet die “Lokomotive an der Elbe” am 8. Januar 1863 über die letzten Vorbereitungen (1 englische Meile = 1609,344 Meter):

England. London, 3. Januar. Gestern haben die Probefahrten auf der unterirdischen Eisenbahn (Metropolitan Railway) begonnen, und zwar sind die Züge in der Art und Weise und in der Zahl abgelassen worden, wie sie nach der Eröffnung der Benutzung des Publikums übergeben werden sollen. Da sich Maschinen, Waggons, Schienen und Signale als in bester Ordnung befindlich bewährt haben, so erwartet man, daß die Bahn binnen kurzer Frist dem öffentlichen Verkehre erschlossen werde. Die Geschwindigkeit der Fahrt betrug 20 bis 25 englische Meilen in der Stunde.

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