Satan sei mit Euch!

von Henning Helmhusen

Die alljährlichen Kirchentage sind in aller Munde. Wenig bekannt blieb bislang hingegen der ebenfalls jährlich stattfindende Deutsche Satanistentag. Vom 2. bis zum 5. Mai war es wieder so weit. In Stuttgart gaben sich die Teufelsjünger unter dem Zeichen des Drudenfußes ein Stelldichein. Durch die ganze Stadt wimmelte es von jungen Leuten mit den offiziellen schwarzen Halstüchern mit der Aufschrift “Mehr Gewalt”. Die meisten hatten aus dem Anlaß schulfrei bekommen.

Nach einleitenden Worten des Ex-Ministerpräsidenten Erwin Teufel wurde der Satanistentag dann mit einer ökumenischen schwarzen Messe eröffnet. Hier wurden die althergebrachten Rituale gemeinsam mit Ex-Landesbischöfin Margot Käßmann, Kalif Metin Kaplan und Gegenpapst Eugen Drewermann zelebriert. Wie der Religionswissenschaftler Hans Küng ausführte, könne es keinen Weltfrieden geben, wenn nicht alle Glaubensbekenntnisse sich gegenseitig verstünden. In gleichem Sinne äußerten sich auch Sting, die No Angels, Xavier Naidoo und Ex-Bundespräsident Christian Wulff.

Nach diesem Auftakt verteilte sich der Satanistentag auf viele kleine Veranstaltungen, in denen Basisinitiativen ihre jeweiligen Anliegen der Öffentlichkeit vorstellten. Eine der Forderungen, die immer wieder anklang, war hierbei, daß die Teufelsanbetung den anderen Religionen gleichgestellt werden solle. Die Forderungen der Satanisten klingen eigentlich vertraut: Satanismus als gleichberechtigtes Fach an den Schulen neben dem normalen Religionsunterricht, eine paritätische Besetzung des “Wortes zum Sonntag” auch durch Teufelsjünger sowie die staatliche Subventionierung karitativer Einrichtungen wie des Notfalldienstes “Roter Drudenfuß” (Rufnummer: 666).

Aber es gab auch kritische Stimmen gegen den Amts-Teufelskult. So beklagte eine Gruppe mit dem Namen “Kritische Satanisten”, daß viel zu wenig Aufmerksamkeit auf den Kampf gegen die “ungerechte Weltwirtschaftsordnung” verwandt werde, in der der Neoliberalismus ungezählte Leiden verhindere. Trotz solcher Mißtöne faßten sich am Abschlußtag die versammelten Teufelsjünger doch bei den Händen und sangen gemeinsam alte Choräle wie “Sympathy for the Devil” oder “Highway to Hell”. Dann strömten sie hinaus, um etwas des Gemeinschaftsgefühls in ihre Zirkel zu Hause zu tragen. Bis ins nächste Jahr dann!

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Links der Woche

Aktuelle Links gibt es fortlaufend auf unserer Facebook-Seite. Hier eine Auswahl der aus unserer Sicht interessantesten:

  1. Bryan Caplan bei EconLog: The Grave Evil of UnemploymentBESTER ARTIKEL DER WOCHE
  2. Fernando Teson bei BleedingHeartLibertarians: What Is a Terrorist?
  3. Alex Tabarrok bei MarginalRevolution: Cousin Marriage and Democracy
  4. Walter Krämer bei Achse des Guten: Unstatistik des Monats: Stress in der Lehre?
  5. Tyler Cowen bei MarginalRevolution: Inflation and unemployment revisited, or where is the deflation?
  6. Jason Brennan bei BleedingHeartLibertarians: Sandel on Queuing
  7. Shikha Dalmia bei Washington Examiner: Conservative nonsense on immigration reform
  8. Dean Obeidallah bei CNN: I’m Muslim, and I hate terrorism
  9. Shaun Raviv bei The Atlantic: If People Could Immigrate Anywhere, Would Poverty Be Eliminated?
  10. Maxeiner und Miersch bei Achse des Guten: Sei ein Frosch!
  11. Arprin: Libertäre und Verschwörungstheorien
  12. Matt Zwolinski bei BleedingHeartLibertarians: NAP Roundup – NAP = non-aggression principle
  13. John Taylor bei Economics One: Economic Freedom For All
  14. David Friedman bei Ideas: Bad for Us, Bad for You, Bad: Different Justifications for Restricting People
  15. Alex Tabarrok bei MarginalRevolution: Apple Diversity has Grown
  16. Art Carden bei EconLog: May Day, Bourgeois Virtues, and Pictures of the Socialistic Future – Eugen Richter lebt!
  17. Tyler Cowen bei MarginalRevolution: Why so little demand for protectionism?
  18. J. D. Tuccille bei Reason: Global Press Freedom Looks Pretty Shaky, Says Freedom House
  19. Stefan Blankertz bei Freiheitsfabrik: Scheuklappen
  20. The Pew Forum: The World’s Muslims: Religion, Politics and Society
  21. Daniel Bier bei Skeptical Libertarian: The 4 Dumbest Conspiracy Claims About Boston
  22. Tyler Cowen bei MarginalRevolution: A few remarks on the Oregon Medicaid study
  23. Frank Schäffler und Holger Krahmer in der FAZ: Auf in den Kulturkampf - nur etwas unglücklicher Titel
  24. Arprin: Die dunkle Seite von ARD
  25. Margaret Thatcher:

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Lyrikgrundversorgung (III)

von Henning Helmhusen

 

Der gläserne Bürger hat einen Splitter im Auge

Ich bin total in Sorge,
daß die Finanzbehörden
bei der Überwachung
aller meiner
Kontobewegungen
Cookies einsetzen!

Siehe auch:

Lyrikgrundversorgung (I)

Lyrikgrundversorgung (II)

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Wera Sassulitsch

Berliner Wespen, 26. April 1878

Wera Sassulitsch

Ein Schuß Wermuth in den Freudenbecher!

Hintergrund

Im Januar 1878 verübt die Anarchistin (später Menschewikin) Wera Sassulitsch ein Revolverattentat auf den St. Petersburger Gouverneur Fjodor Trepow, der dabei schwer verletzt wird. Dieser hatte über einen politischen Gefangenen, Alexej Bogoljubow, die Prügelstrafe verhängt, weil der in der Gegenwart des Gouverneurs seine Mütze nicht gezogen hatte. Zudem ist Trepow verhaßt, weil er den polnischen Novemberaufstand niedergeschlagen hat.

Im April kommt es vor Gericht zu einem Freispruch für Wera Sassulitsch durch die Geschworenen. In der Karikatur ist schwer zu entscheiden, ob Trepow oder nicht eher Zar Alexander II. dargestellt ist. Auf dem Tisch liegt nämlich ein Blatt mit der Aufschrift “S[an] Stefano”. In San Stefano in der Nähe von Istambul ist im März 1878 ein vorläufiger Vertrag unterzeichnet worden, in dem Rußland seine Forderungen gegenüber dem osmanischen Reich weitgehend durchdrückt. Die anderen Mächte Europas, vor allem Großbritannien und Österreich-Ungarn, werden später im Jahr auf dem Berliner Kongreß Rußland wieder zurückpfeifen.

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Morgenstündchen eines Ministers

Berliner Wespen, 26. April 1878

Guten Morgen, mein lieber Mann.

Guten Morgen, mein Kind. Hast Du gut geschlafen?

Besser als Du. Du sprachst ja fortwährend aus dem Schlaf. Ohne Unterbrechung suchtest Du nach Dingen, an welche sich Steuervorschläge knüpfen ließen. Oft mußte ich darüber lachen. Denke Dir nur, einmal griffst Du an meine Nase und riefst aus: Ich hab’s, — Nasensteuer!

Darüber läßt sich allerdings spaßen, aber mit demselben Recht auch ernst reden. Eine Steuer auf Nasen ist wohl in Erwägung zu ziehen. Der Staat muß einfach eine Normalnase aufstellen und dann jede Nase besteuern, welche das gesetzmäßige Maaß überschreitet. Das würde in das Gebiet der Luxussteuern gehören. Welch ein Luxus wird speciell mit der Nase getrieben! Wie überflüssig lang und breit wird sie getragen! Selbst Deine Nase, liebe Frau, ist, bei Licht besehen, eine Idee zu lang.

Aber Männchen —

Bitte, ich spaße mit so ernsten Angelegenheiten nicht. Das hätte ich mir wohl früher erlaubt, aber jetzt, wo ich Minister bin, muß jede Auffassung, welche als eine frivole gelten könnte, ausgeschlossen bleiben. Um wieder auf die Nase zu kommen, so erscheint sie mir immermehr als ein vortreffliches Steuerobject, weil sie so häufig übertrieben wird. Betrachte einmal die gebogenen Nasen, und.dann werfe einen Blick in das Thonet’sche Magazin und überzeuge Dich, daß die dort aufgestellten Möbel nicht luxuriöser gebogen sind, als tausend Nasen, die Dir in die Augen stechen.

Du bist heute sehr bei Laune.

Ich bei Laune? Ich bin garnicht bei Laune. Du scheinst nicht zu wissen, daß der Fürst [Bismarck] mich, wie alle anderen preußischen Minister, aufgefordert hat, über Steuervorschläge nachzudenken. Denken wir also nach. Betrachten wir die Nase von der anderen Seite, so stoßen wir auf wahre Prunknasen. Hier finden wir solche zu wahren Lotternasen mit Haaren gepolstert, dort solche mit den feinsten Tabacken gefüllt. Links kommt Dir eine Nase mit einem Sattel entgegen, rechts, eine mit einer Warze geschmückt, oder in das kostbarste üppigste Roth gekleidet. Kurz und gut, ich veranschlage den Ertrag einer Nasensteuer auf mehrere Millionen, wenn der Fürst —

Lasse für einen Augenblick das Geschäft bei Seite. Hier sind der Kaffe und die Zeitung. Ah, die Tante Voß [= Spitzname für die Vossische Zeitung]. Dies Wort bringt mich auf den Vorschlag einer Tantensteuer, die sich sehr leicht in eine allgemeine Verwandtensteuer wird verallgemeinern lassen. Jeder Mensch hat wenigstens eine Tante, die er entweder bei Lebzeiten ausbeutet, oder beerbt. Da ist es wahrlich nicht unbillig, wenn der Staat von ihm eine Tantensteuer erhebt, die der Neffe, nebenbei bemerkt, selten spüren wird, weil ihm die Tante natürlich die bezahlte Steuer baar, oder in irgend einer andern Form vergütet. Irre ich mich, mein Kind?

Ich verstehe nichts von der Volkswirthschaft, es kommt mir aber vor, als seist Du nicht ganz wohl. Du scheinst zu fiebern. Zünde Dir die Morgencigarre an, das wird Dich wieder beruhigen. (Er zündet die Cigarre an.) Gieb mir das abgeschnittene Stück. Du weißt, ich sammle. Das bringt mich auf eine kostbare Idee, auf das Project einer Almosensteuer. Jeder Bürger gilt gerne als wohlthätig und wird mit Vergnügen die Steuer bezahlen, so hoch er auch eingeschätzt sein möge. Wie wird der Fürst schmunzeln, wenn ich ihm mit diesem Vorschlag komme!

Ohne Zweifel, lieber Mann. Doch von etwas Anderm. Ich will jetzt mit den Kindern in’s Aquarium und ihnen den Dintenfisch zeigen.

Ich danke Dir für diese Mittheilung, denn sie bringt mich auf den Gedanken einer Fischsteuer. Warum soll eigentlich für den Fisch, der von unserm Wasser sich sättigt, unsere Lust schnappt, in unserer Butter gebraten, mit unsern Gabeln gegessen wird, der also alle Vortheile genießt, keine Steuer bezahlt werden? Ich bin sehr dafür, der Fisch schreit wenigstens nicht.

Vielleicht führe ich die Kleinen nachher noch in’s Panoptikum.

Auch eine Wachsfigurensteuer will ich in Erwägung ziehen. Der künstliche Mensch, von unserm Wachs erzeugt, darf nicht noch länger vor dem natürlichen Menschen bevorzugt einherstehen. Das wäre wirthschaftlich falsch, weil der Wachsmensch nicht für Wohnung und Kleider zu sorgen hat.

Aber, lieber Mann, welche Gedanken! Ich kenne Dich kaum wieder. Ich fürchte, Dir ist nicht wohl. Geh’ ein wenig in die frische Luft —

Frische Luft? Ob die frische Lust ein Steuerobject wäre? Vorschlagen will ich sie dem Fürsten . . . O, mein Kopf!

Du bist wirklich krank. Kein Wunder, da Dir der Fürst eine solche Aufgabe stellt, die Aufgabe, über Steuerobjecte nachzudenken, während er selbst im Schatten seiner Lauenburgischen Wälder umherstreift. Ich lasse den Arzt rufen.

Der Schatten wäre allerdings noch nicht besteuert, ich will darüber grübeln. Auch über den Arzt. Meinst Du, daß der Arzt ein Steuerobject abgiebt? Dann lasse ihn rufen. Schicke eines. unserer Kinder hin. Sind unsere Kinder schon besteuert? . . . O, mein Kopf! (Er wird bewußtlos.)

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Die paradiesischen Zustände Preußens

Hamburger Wespen
Julius Stettenheim, 1831 in Hamburg geboren, gründete 1862 in seiner Vaterstadt das Satireblatt “Hamburger Wespen”. Als Teilnehmer an der Revolution und Demokrat war er nicht gut auf Preußen zu sprechen. So konnte er nicht aus Hamburg hinaus, denn nur hier war er sicher, aber sobald er über die Stadtgrenze gegegangen wäre, hätte man ihn auf Wunsch Preußens sofort verhaftet (ganz ähnlich wie Friedrich Stoltze in Frankfurt). Julius Stettenheim revanchierte sich mit Spott. Gleich in der ersten Ausgabe hieß es:

Die Wespen lassen den ersten Flügelschlag ihrer freien Seele rauschen. [...] Die Wespen verwunden Keinen, der sie nicht ärgert. Moral: Man ärgere sie nicht! [...] Die Farbe, mit der sie gedruckt werden, ist Schwarz, jedoch wird man, wenn man genau hinsieht, weder Roth, noch Gold dabei vermissen. [...] Sie bitten, daß Gott ihr Deutschland gegen dessen Väter und ihren Redakteur gegen den Staatsanwalt in Schutz nehmen möge! Amen!

Auf die ersten Ausgaben der “Hamburger Wespen”, die auch in preußisches Gebiet geliefert wurden, setzte es dort Konfiskationen. Für den Wirbel, den das zur Folge hatte, bedankten sich die “Hamburger Wespen” 1863 beim preußischen Ministerpräsidenten Otto von Bismarck:

Ha, Bismarck, Wespenleser Du,
Bewegt Gemüth, gieb Dich zur Ruh,
Was hilft dein Criminal-Edict?
Die Wespen sind Dir zu geschickt. Aetsch! Aetsch!

Und würdest Du auch nicht am End’
Der Wespen fester Abonnent,
Für die Reclame sagen wir
Den Besten Dank, Herr Bismarck, Dir. Aetsch! Aetsch!

Nach dem Krieg gegen Österreich 1866 wurde eine Amnestie erlassen, sodaß Julius Stettenheim wieder aus Hamburg hinaus konnte. 1868 zog er nach Berlin, und aus den “Hamburger Wespen” wurden die “Berliner Wespen”.

Wir bringen aus der frühen Zeit eine Karikatur, und zwar vom 2. Oktober 1863. Es ist die Zeit des preußischen Verfassungskonflikts. Ein noch etwas jüngerer Otto von Bismarck, bringt den preußischen König und späteren Kaiser Wilhelm I. mit dem Apfel “Verfassungsbruch” in Versuchung.

Die paradiesischen Zustände Preußens.

Die paradiesischen Zustände Preußens

Vor der Sündfluth.

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Zum Tag des deutschen Biers

Erst mal gibt es für uns sowieso nur Bier, egal woher. Und dann finden wir es etwas traurig, gerade die ersten staatlichen Vorschriften zu feiern.

Hier ein paar freisinnige Zitate und Verweise zum Thema:

Eugen Richter (Freisinnige Volkspartei) am 23. März 1895 im Reichstag:

Bange machen gilt nicht! Und wenn die Biersteuer wieder ihr Haupt erheben wird, so hoffe ich, daß sie dann ebenso glänzend auf den Kopf geschlagen wird wie bisher.

Albert Traeger (Deutsche Fortschrittspartei) im Reichstag am 5. April 1881:

Als einmal die Wogen der Temperenzbewegung in Amerika, meine Herren, sehr hoch gingen, setzte eine große Zeitung einen nicht unerheblichen Preis auf den kürzesten, die Materie erschöpfenden Leitartikel aus, und der prämiirte, aus einem einzigen Satz bestehende Leitartikel lautete folgendermaßen: “Ich will lieber die ganze Welt freiwillig betrunken als einen einzigen Menschen durch Zwang nüchtern sehen.”

Max Broemel (Deutsch-Freisinnige Partei) am 11. Januar 1893 im Reichstag:

Das Bier soll Steuerobjekt sein, nicht die Bierproduzenten und nicht die Schankwirthe. Diese ganze Steuerpolitik macht eigentlich den Eindruck: man greift nach einem Artikel und erklärt: er kann mehr bluten —, und dann greift man nach einem Menschen, den man für einen genügend anrüchigen Patron hält, und erklärt: der Kerl muß zahlen. Das ist keine Steuerpolitik mehr, die mit all den ruhigen, besonnenen Erwägungen rechnet, welche sonst bei der Vertheurung eines großen Konsumartikels durch Steuern angestellt werden, das ist eine Steuerpolitik, die blind zugreift, um jemandem die Tasche zu leeren, das streift viel mehr an eine steuerpolitische Wegelagerei als eine staatsmännische Finanzpolitik . . .

(Glocke.)

Vizepräsident Dr. Baumbach: Ich muß den Herrn Redner hier doch unterbrechen. Ich glaube, daß der Ausdruck “eine steuerpolitische Wegelagerei” kaum als ein parlamentarischer bezeichnet werden kann.

Abgeordneter Broemel: Meine Herren, ich lege keinen Werth auf den einzelnen Ausdruck, denn die Sache spricht für sich selbst.

 

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Michael Huemer: The Problem of Political Authority

Bryan Caplan hatte Anfang des Jahres auf EconLog dazu aufgerufen, einen guten Titel für Michael Huemers neues Buch zu finden. Letztlich ist der obenstehende herausgekommen mit dem Untertitel “An Examination of the Right to Coerce and the Duty to Obey”. Das ist sicherlich alles treffend, aber leider etwas farblos geraten.

Doch viel mehr fällt uns an Kritik ansonsten nicht ein. Wir können Bryan Caplan in seiner enthusiastischen Besprechung bei Amazon.com (Top-Rezension) und auf EconLog nur zustimmen: The best book of libertarian political philosophy around.

Was macht das Buch so hervorragend? Einmal, daß wir eine Unzahl an guten Argumenten aus ihm gelernt haben, die wir aus längerer Beschäftigung nicht kannten. Und dann, daß Michael Huemer einen Weg einschlägt, seine Argumente vorzubringen, dem selbst Vertreter anderer Ideologien nicht ausweichen können. Er beginnt nämlich nicht wie eine Vielzahl vor ihm, etwa Ayn Rand, Robert Nozick, Jan Narveson oder Murray Rothbard, damit, irgendwelche Prinzipien vorauszusetzen und aus diesen zu folgern, Prinzipien, die nur für die bereits Überzeugten einleuchtend, für Außenstehende aber ganz zurecht obskur sind. Stattdessen setzt er bei moralischen Intuitionen an, die wohl die meisten teilen würden, und folgert von daher Schritt für Schritt zu politische Schlüssen, letztlich einem Anarchismus in seiner anarchokapitalistischen Ausrichtung, die weithin für abwegig gehalten werden.

Der erste Teil des Buchs beginnt damit, das Verhalten von jemandem zu beschreiben, der sich wie ein Staat verhält. Er hält Verbrecher in seinem Umfeld an und sperrt sie ein. Und dann geht er zu seinen Nachbarn und verlangt ihren Beitrag zu seinen Aktivitäten, Nachbarn, die ihn nie damit beauftragt haben. Die moralische Intution ist hier, daß dieser Vigilante unrecht handelt. Aber warum darf der Staat das? Warum darf er andere zwingen und warum sollten diese ihm gehorchen müssen? Letztlich muß an dieser Stelle eine spezielle Eigenschaft eingefügt werden, die der Staat, aber der Vigilante nicht hat: politische Autorität.

Doch wie sollte diese politische Autorität des Staates begründet werden?

Michael Huemer nimmt sich dazu die verschiedenen Theorien vor, die im Laufe der Zeit zur Rechtfertigung vorgebracht wurden: die Theorie eines tatsächlichen Gesellschaftsvertrags, die Theorie eines hypothetischen Gesellschaftsvertrags, Herleitung aus der demokratischen Verfaßtheit eines Staates sowie Argumente, daß die Konsequenzen gut oder fair seien.

Nachdem Michael Huemer für jede dieser Begründungen von politischer Autorität aufzeigt, daß sie entweder einfach falsch sind, wie etwa die Theorie eines tatsächlichen Gesellschaftsvertrags, oder in Widersprüchen versanden, versucht er sich an einer psychologischen Erklärung, warum die oft klaffenden Lücken in den Rechtfertigungen so leicht über lange Zeit übergangen worden sind: die menschliche Neigung, an Autoritäten zu glauben, und eine Art “Stockholm Syndrome” (benannt nach der Erfahrung anläßlich einer Geiselnahme in Schweden, bei der die Geiseln sich mit den Geiselnehmern solidarisierten).

Im zweiten Teil des Buchs sucht Michael Huemer dann plausibel zu machen, wie eine anarchische Gesellschaft in seinem Sinne funktionieren, bestehen und unter welchen Umständen sie in Zukunft entstehen könnte. Er wendet sich dabei einer Anzahl von Einwänden zu, wie etwa dem von Hobbes stammenden, man brauche einen so starken Staat, der alle anderen niederhalten kann, damit ein friedliches Zusammenleben möglich wird. Ein friedliches Zusammenleben ist aber eher zu erwarten, wenn viele etwa gleich Starke sich jeweils gegen einzelne Unruhestifter verbünden (in etwa die “segmentäre Opposition” bei Blankertz), als wenn man bereits mit einem massiven Ungleichgewicht beginnt.

Natürlich kann Michael Huemer nicht alles ausmalen und versucht das auch nicht. Vieles muß Spekulation bleiben. Er zeigt aber zum Beispiel überzeugend, daß keine utopischen Annahmen erforderlich sind, die die Veränderung der menschlichen Natur voraussetzen, und widerlegt eine Reihe von gängigen Einwänden, etwa solchen, die die schlechtesten Realisierungen von Anarchie mit den besten Staaten vergleichen und nicht etwa den schlechtesten.

Wir wollen und können die vielen Argumente hier nicht alle ausbreiten und empfehlen unseren Lesern, einfach das Buch selbst zu lesen, das auch nach unserer Ansicht das beste des Genres ist.

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Links der Woche

Aktuelle Links gibt es fortlaufend auf unserer Facebook-Seite. Hier eine Auswahl der aus unserer Sicht interessantesten:

  1. Anschlag in Boston
    1. Adam Serwer bei Mother Jones: Did Boston Bombing Suspect Post Al Qaeda Prophecy on YouTube? - das führte zu etwa Verwirrung, weil die angebliche Verbindung zu rechtsextremen Kreisen (was in Deutschland dann verschwommen als alles von der Aryan Brotherhood über Militias bis zu den Republikanern wahrgenommen wird) zusammenbrach – siehe auch Nick Gillespie bei Reason: NBC’s Luke Russert: I’m Just “Speculating on Possible Link” Between Boston and Waco [UPDATED!]
    2. Jesse Walker bei Reason: Three Lessons from the Boston Bombing Coverage => BESTER ARTIKEL DER WOCHE
    3. Andreas Moser: Who is responsible for the Boston Massacre?
    4. Chip Bok bei Reason: Friday Funnies: The Final Word on Obama’s Gun Rant
    5. Eugene Kontorovich bei Volokh Conspiracy: The American Athens Becomes a Prison City
    6. J. D. Tuccille bei Reason: Why ‘Control’ Is the Wrong Response to Deadly Attacks
    7. Art Carden bei EconLog: Better Living Through Statistics: Muslim Terrorists Edition und Sundry Observations on Statistical Discrimination and Terrorism
    8. Ed Krayewski bei Reason: Boston Reopens, Kind Of
    9. Orin Kerr bei Volokh Conspiracy: Tsarnaev and Miranda Rights und House-to-House Searches and the Fourth Amendment - was in Filmen immer was anders aussieht
    10. The Onion: Study: Majority Of Americans Not Informed Enough To Stereotype Chechens - nur sehr knapp an der Wirklichkeit vorbei, wie Eugene Volokh anmerkt: Czech, Chechen, Slovak, Slovene, Iceberg, Goldberg
    11. Scott Shane bei der New York Times: Suspects With Foot in 2 Worlds, Perhaps Echoing Plots of Past
    12. Eugene Volokh bei Volokh Conspiracy: “Smoking Saves Lives!”
    13. David Henderson bei EconLog: Boston: Centralization vs. Friedrich Hayek and Jane Jacobs
    14. Daniel Foster bei National Review: What We Know About the Terrorists
    15. Ed Krayewski bei Reason: Less Than Four Hours After Boston Bombings, There’s a Theory For Whatever You Want
    16. Max Abrahms: Why Terrorism Does Not Work und Does Terrorism Really Work? - sehr interessante Artikel, die zeigen, daß Terrorismus nicht mal im Sinne der Terroristen etwas bringt
  2. Vorwärts zur Vermögensbesteuerung
    1. Anja Ettel bei Die Welt: Bundesbank rechnet die Südeuropäer reich
    2. Maike Freund und Georg Watzlawek im Handelsblatt: Europas Phantom-Reichtum
    3. Allianz Global Wealth Report – zu den Finanzanlagen Seite 95
    4. Tyler Cowen bei MarginalRevolution: Wolfgang Münchau on wealth disparities in the eurozone
    5. Ambrose Evans-Pritchard beim Telegraph: Wealth tax to pay for EU bail-outs und German ‘Wise Men’ push for wealth seizure to fund EMU bail-outs
    6. Tyler Cowen bei MarginalRevolution: The idea of wealth taxes is only getting started
  3. Thierry Chervel bei Perlentaucher: Glauben und Heucheln
  4. Matt Zwolinski bei BleedingHeartLibertarians: NAP Roundup – NAP = Non-Aggression Principle
  5. Alex Tabarrok bei MarginalRevolution: Online Education Trumps the Cost Disease
  6. Global Rich List – HT: Michael Miersch bei Achse des Guten
  7. Jonathan Weil bei Bloomberg: Does Congress Have a Clue on Insider Trading?
  8. Maxeiner und Miersch bei Achse des Guten: Radikale Lederhosen
  9. Sasha Volokh bei Volokh Conspiracy: Russian history for kids, Putin-style
  10. Die Welt: Türkischer Starpianist wegen Islam-Spotts verurteilt
  11. Tyler Cowen bei MarginalRevolution: Absurd pitches (pull out the Hayek and Polanyi lesson)
  12. Henryk Broder bei Achse des Guten: Mehr wagen!
  13. Tyler Cowen bei MarginalRevolution: ZMP workers and morale externalities - und die Reaktion von Bryan Caplan: ZMP, Morale, and Statistical Discrimination sowie von Garett Jones: Sticky Price Keynesianism & Monetarism are ZMP Theories - ZMP = zero marginal productivity
  14. Jessica Flanigan bei BleedingHeartLibertarians: Patents, Property, and Genes
  15. Alex Tabarrok bei MarginalRevolution – Apprenticeships need more respect
  16. Manuel Eisner: Long-Term Historical Trends in Violent Crime - sehr interessanter Artikel, daß die Raten von Gewaltverbrechen seit dem Mittelalter über die Zeit massiv gesunken sind
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Lyrikgrundversorgung (II)

von Henning Helmhusen

 

Steueroasen

Hoffung für Verdurstende
in einer Steuerwüste.

Siehe auch:

Lyrikgrundversorgung (I)

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Arnold Kling: The three languages of Politics

Produkt-Information Arnold Kling gründete 2003 den Blog EconLog, den wir hier gerne verfolgen. Er stieg letztes Jahr aus und betreibt nun seinen eigenen Blog askblog.

Brandfrisch kommt aus den elektronischen Druckerpressen sein neues eBuch “The three languages of Politics” zum erschwinglichen Preis von 1,58 Euro (nur fürs Kindle).

Man sollte kein langes Buch erwarten, vielmehr handelt es sich um einen erweiterten Essay. Und viele der Punkte kennt man, wenn man die Beiträge von Arnold Kling auf EconLog und askblog gerade in der letzten Zeit verfolgt hat. Für unseren Geschmack hätte Kling etwas mehr argumentieren und in die Tiefe gehen sollen, so bleibt oftmals nur die Behauptung.

Die Kernthese finden wir aber dennoch erhellend. Sie lautet, daß sich unterschiedliche politische Richtungen eigener Sprachen bedienen und dadurch für die Anhänger verständlich, für die Gegner unverständlich werden. Erklärt wird dies als verschiedene Stämme, die sich hauptsächlich darum kümmern, sich von anderen Stämmen abzugrenzen. In Arnold Klings Sicht gibt es drei Weisen, sich mit politischen Meinungen auseinanderzusetzen:

  1. Den Geist der Gegner zu öffnen.
  2. Den Geist der Freunde zu öffnen.
  3. Den Geist der Freunde zu schließen.

Er möchte dabei das erste und zweite erreichen.

Was sind nun die drei Sprachen?

Arnold Kling nimmt sich hier die drei Fraktionen des politischen Spektrums in den USA vor:

  • Progressives
  • Conservatives
  • Libertarians

Eine exakte Entsprechung gibt es im deutschen Spektrum nur bedingt. Progressives stehen in der herkömmlichen Anschauung weiter “links” als amerikanische “liberals” (die in etwa den deutschen Sozialdemokraten nahekommen) und würden sich hierzulande am ehesten bei Linkspartei, linker SPD oder linken Grünen wiederfinden. Conservatives sind auch nicht ganz das, was in Deutschland Konservative wären. Libertarians spielen in Deutschland eine so geringe Rolle, daß man sie wohl kaum als dritte große Richtung ansprechen würde (Arnold Kling ordnet sich hier grob ein, sodaß er auch für amerikanische Verhältnisse wohl die Bedeutung als dritte Richtung überschätzt).

All diese Gleichsetzungen sind hierbei als ungefähr anzusehen. Wie es einmal ein gescheiter Kommentator in einer Diskussion zu einem Artikel über Anders Breivik herausstellte, kurz nach dessen Attentat passiert war: für Amerikaner ist Breivik mit seinen Befindlichkeiten schwer zu verstehen, denn alle wesentlichen politischen Richtungen, wozu man Progressives, Conservatives und Liberatarians zählen kann, haben sich aus einem alten Liberalismus entwickelt. Von daher sollte man sich nicht über Progressives oder Conservatives wundern, die sehr konsequent beispielsweise für Bürgerrechte eintreten. Und diese gemeinsamen Wurzel verbinden, bei aller erbitterten Auseinandersetzung. In Deutschland und Europa gibt es hingegen wesentliche politische Richtungen, die immer in Opposition zum Liberalismus standen und aus dieser Opposition heraus ihr Selbstverständnis entwickelt haben.

Mit diesem Caveat läßt sich die These von Arnold Kling dennoch gut auf die hiesige politische Landschaft übertragen. Er behauptet nämlich, daß jede der drei Richtungen eine Dimension hat, in der sie geneigt ist, ihre Sicht darzustellen. Und zwar ist dies:

  • Unterdrücker versus Unterdrückte bei den Progressives
  • Zivilisation (oder in deutscher Ausdrucksweise Kultur) versus Barbarei bei den Conservatives
  • Zwang versus Freiheit bei den Libertarians

Sehr schön illustriert Kling dies an den Stellungnahmen zu einigen Themen, so etwa freier Wanderung:

  • Progressives: Den armen unterdrückten Ausländern muß beigestanden werden, wobei das leicht mit anderen Hilfestellungen für Unterdrückte wie die einheimischen Geringverdiener kollidieren kann.
  • Conservatives: Einwanderer bedrohen die überkommene Kultur, die sich auflösen könnte, wenn zu viele kommen, und die deshalb zusammengehalten werden muß.
  • Libertarians: Es ist unrecht, Menschen mit Zwang daran zu hindern, dort zu leben und zu arbeiten, wo sie möchten.

Oder den bevorzugten Erklärungen für die Finanzkrise:

  • Progressives: Gewissenlose Bankiers haben armen Leuten Verträge reingedrückt, die sie nicht einhalten konnten.
  • Conservatives: Banken sind von ihrer bewährten Kultur abgegangen und haben sich dazu verleiten lassen (oder wurden durch den Staat verleitet), in wilde Finanzprodukte zu investieren.
  • Libertarians: Entweder die Politik der staatlichen Notenbank und/oder Regulierungen haben den Markt verzerrt.

Arnold Kling geht die unterschiedliche Orientierung an den drei Dimensionen dann im Anhang noch einmal anhand von Kommentatoren der drei Richtungen durch. Der Gebrauch der drei Sprachen dient der inneren Kohäsion der jeweiligen Richtung. Gegenüber anderen Richtungen und deren Sichtweise wird sich abgeschottet. Die Ansichten, die in einer anderen Sprache vorgetragen werden, können von daher von außen nur als Ausdruck von Dummheit oder Mutwillen abgetan werden.

Soweit die Hauptthese, die wir, wie gesagt, auch für die deutsche politische Szene für erhellend halten. Arnold Kling weist hierbei darauf hin, daß durch die unterschiedlichen Sprachen hauptsächlich daran gearbeitet wird, den Geist seiner Freunde abzuschließen. Im Gegensatz dazu plädiert er, lieber zu versuchen, seinen eigenen und den Geist der Gegner zu öffnen.

Das ist sicher löblich, und wir wollen hier gerne unser bestes tun. Es gibt aber Grenzen. Wenn man auf Leute trifft, deren Hauptmotiv es ist, ihren und den Geist ihrer Freunde geschlossen zu halten oder zu schließen, dann sollte man es mit eigenen offenen Geist auch nicht übertreiben und einen einfühlsamen Kompromiß suchen. Manche Meinungen sind eben einfach falsch in einem objektiven Sinne, egal ob viele sie sich untereinander vorbeten. Oder um es mit Richard Feynman zu sagen: “Keep an open mind, but not so open that your brain falls out.”

Mit Abstrichen fanden wir den Essay von Arnold Kling durchaus den geringen Preis und mehr wert, und möchten ihn hiermit unseren Lesern empfehlen.

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Links der Woche

Aktuelle Links gibt es fortlaufend auf unserer Facebook-Seite. Hier eine Auswahl der aus unserer Sicht interessantesten:

  1. Zum Tode von Margaret Thatcher
    1. Matthew Feeney bei Reason: Margaret Thatcher Decentralized the British Economy but Centralized Politics
    2. jo@chim beim antibuerokratieteam: A Working Class Hero Is Something To Be
    3. Jesse Walker bei Reason: The Real Thatcher and the Symbolic Thatcher
    4. Ronald Bailey bei Reason: Timeless Quotations from Margaret Thatcher - der Renner auf unserer Facebookseite
    5. The Comic Strip Presents: The Strike – einer unserer Lieblingsfilme: ein amerikanischer Produzent verfilmt das Drehbuch eines walisischen Bergarbeiters über den großen Bergarbeiterstreik unter Arthur Scargill und modelt die Geschichte in ein rührseliges Drama um
    6. Gary Chartier bei BleedingHeartLibertarians: Gabb on Thatcher – Sean Gabb von der Libertarian Alliance ist wenig enthusiastisch über Margaret Thatcher
    7. Matt Welch bei Reason: How Thatcher Liberated Western Europe und Milton Friedman on How Francois Mitterrand (and Failed Lefty Economics) Helped Re-elect Margaret Thatcher
    8. Nick Gillespie bei Reason: Was Margaret Thatcher Really Responsible for *Every* Song in ’80s Britpop? And If So, Don’t We Owe Her Big Time?
    9. Margaret Carlson bei Bloomberg: Why Margaret Thatcher Reminded Me of My Mother - das einzig Bemerkenswerte ist, daß er von der immer stramm sozialdemokratischen Carlson kommt, die allerdings hauptsächlich nur eine Eloge auf ihre Mutter singen will
    10. Anna Edwards bei Daily Mail: Sex Pistol Johnny Rotten attacks hate mobs celebrating Baroness Thatcher’s death  as ‘loathsome’ and calls for respect – auf Frau Thatcher im Tode herumzuhacken, ist spießig, dagegen zu sein, punkig!
    11. David Friedman: Obama on Thatcher – ob Obama sich um Libertarians bekümmert, bezweifeln wir, aber interessant, wie Obama sich positiver ausdrückt, als er müßte
    12. Martin Durkin bei City A.M.: Margaret Thatcher: Revolutionary heroine of Britain’s working class
    13. David Henderson bei EconLog: Margaret Thatcher’s Legacy
  2. Nordkorea
    1. Onion News Network: Tensions Mount After North Korea Destroys All Of Asia
    2. Andrei Lankov bei Bloomberg: How to Defeat North Korea – wohl der gescheiteste Vorschlag, den wir gesehen haben => BESTER ARTIKEL DER WOCHE
  3. Freizügigkeit
    1. Shikha Dalmia bei ReasonTV: 5 Reasons Why Low Skilled Immigrants are Good for the Economy
    2. Shikha Dalmia bei Bloomberg: Immigrants on the Dole: That’s a Myth
    3. Veronique de Rugy bei Reason: No Skills? No Problem!
  4. Gideon Böss bei Achse des Guten: Blockwarte der guten Gesinnung
  5. Steve Chapman bei Reason: What’s Worse Than Horse Slaughter?
  6. Matt Zwolinski bei BleedingHeartsLibertarians: Six Reasons Libertarians Should Reject the Non-Aggression Principle und More on Non-Aggression
  7. Tyler Cowen bei MarginalRevolution: Another way of thinking about the European economic collapse
  8. Bryan Caplan bei EconLog: Make Your Own Bubble in 10 Easy Steps - sehr zum Nachdenken anregender Artikel mit hervorragenden Verweisen
  9. Ilya Somin bei Volokh Conspiracy: The Zombie Defense – vor allem wegen der Verweise: welche Rechte haben eigentlich Zombies?
  10. David Friedman bei Ideas: Global Warming: Implications of the Current Data
  11. Arno Luik beim Stern: Joschka Fischer und das große Schweigen – nicht nur hier fielen die vorläufigen Nachrufe eher verhalten aus, nicht mehr das gefällige Abwischen, wie es Henning Helmhusen mal so auf den Punkt brachte: Joschka war doch nur ein kleiner Mitläufer!
  12. Beda Stadler bei Achse des Guten: Wie Sex, Drogen und Rock ‘n’ Roll zu Öko, Müsli und Grüntee wurde - nicht daß es die Schweizer besser hätten, nur an wenigen Stellen merkt man, daß es nicht um Deutschland geht
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Pferde-DNA ist überall

von Henning Helmhusen

FerrariHatte die deutsche Öffentlichkeit gerade erst die Nachrichten verdaut, daß Gene in Lebensmitteln und Schweine-DNA in Lachsschinken lauern, platzte in den letzten Tagen ein noch größerer Hammer:

PorscheAutobauer haben seit Jahren Pferdestärken in die Motoren von PKWs gesteckt. So mußten manchmal Hunderte süßer Ponys sterben, nur damit gewissenlose Raser ihrer Sünde fröhnen können.

Am Ärgsten trieben es hierbei natürlich die Anbieter von Karossen für ein paar Superreiche, die sogar unschuldige Pferde in ihre Firmenlogos pferchten, wie wir mit großen roten Pfeilen, die auf einen roten Kreis zeigen, nach langwieriger Recherche aufgedeckt haben.

Doch damit nicht genug!

Nun weitet sich der Pferdeskandal auf immer mehr Bereiche aus. In den Schweiz wurden Münzen aus schwarzen Pferden gepreßt. Und ins Visier der Pferdeschützer sind mittlerweile auch die Schachspieler geraten, für deren unnützes Hobby pro Schachspiel vier Pferde die Haferschüssel abgeben müssen. Was nur wenige wissen: Auch jeder, der dabei allein das Wort “Hobby” in den Mund nimmt, verseucht diesen so bereits mit Pferde-DNA. Und Schimmel können Krebs auslösen, wie FoodWatch zusammen mit Greenpeace der Presse klarmachte.

Die Angst galoppiert also in Deutschland immer mehr davon. Wann nur kommt die Politik endlich auf Trab?

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Ludwig Bamberger: Deutschland und der Socialismus

Produkt-Information In unserem Auftrag ist nun auch “Deutschland und der Socialismus” von Ludwig Bamberger von EOD digitalisiert worden und über Amazon erhältlich. Es gab bereits andere Ausgaben, aber diese ist wohl die billigste am Markt.

Das Buch wurde 1878 veröffentlicht, wobei das Vorwort von Ende März datiert. Ludwig Bamberger war zu jener Zeit einer der führenden Politiker der Nationalliberalen und gehörte zu deren linkem und freihändlerischen Flügel.

Hinter ihm lag ein bewegter Lebenslauf. Aus einer jüdischen Familie in Mainz stammend, hatte er aktiv an der Revolution von 1848 teilgenommen und mußte deshalb außer Landes fliehen. Nach Zwischenstationen lebte er in Paris, wo er sich erfolgreich im Bankgewerbe betätigte. Als alter Demokrat hielt er dabei aber weiterhin Kontakte zu den anderen Emigranten und konnte so die Geistesheroen der Sozialdemokratie wie Karl Marx und Ferdinand Lassalle aus der Nähe kennenlernen. Ersterer meinte charmant bei Bamberger die “Zigeunersprache der Pariser Börsensynagoge” heraushören zu können.

Nach dem deutsch-österreichischen Krieg wurde eine Amnestie für die Teilnehmer der Revolution verfügt. Auch Ludwig Bamberger konnte daraufhin nach Deutschland zurückkehren, mittlerweile ein Bewunderer Bismarcks, auf den er seine Hoffnungen für eine liberale Umgestaltung Deutschlands setzte. Er war einer der Gründer der Deutschen Bank und als Vater der Mark maßgeblich an der Einführung der Goldwährung in Deutschland beteiligt.

Mit der reaktionären Wende ab Mitte der 1870er Jahre kehrte sich Bamberger zunehmend von Bismarck ab. Insbesondere wandte er sich gegen das wachsende Einsickern sozialistischer Ideen, die nun auch von Konservativen aufgegriffen wurden. 1880 gehörte er zum linken Flügel der Nationalliberalen, der sich als Liberale Vereinigung (auch “Sezession” oder “Sezessioniesten” genannt) abspaltete und 1884 mit der Fortschrittspartei zur Freisinnigen Partei fusionierte. Hier war er einer der Gegenspieler von Eugen Richter, sodaß er sich wahrscheinlich wundern würde, auf diesem Blog aufzutauchen.

In dem Zusammenhang des wachsenden Staatssozialismus ist das Buch zu verstehen. Noch sind die Attentate auf den Kaiser nicht vorgefallen, doch schon wird von konservativer Seite nach gesetzlichen Maßnahmen gegen die Sozialdemokraten gerufen. Diese haben bei den Wahlen 1877 unerwartet erfolgreich abgeschnitten mit 9,1% der Stimmen, was Peer Steinbrück beruhigen sollte, der damit ein noch erfolgreicheres Resultat erzielen wird. Ludwig Bamberger widerspricht in “Deutschland und der Socialismus” einer zwangsweisen Unterdrückung der Sozialdemokratie (nach dem zweiten Attentat auf den Kaiser wird er allerdings wie die Nationalliberalen allgemein, aber anders als die Fortschrittspartei umfallen):

Es ist ganz richtig, daß Staat und Gesellschaft nicht verpflichtet sind, philosophisch zuzuschauen, wenn Anstalt gemacht wird, den ihnen offen erklärten Krieg auch tatsächlich ins Werk zu setzen. Es ist auch richtig, daß es eine Zeit gab, in welcher es möglich war, Gedanken mit physischer Gewalt aus den Köpfen zu treiben. Es war die Zeit, in der man die Köpfe ein- oder abschlug, wenn sie nicht dachten, wie der Stärkere wollte. Aber die Zeiten, da auf diese Weise z. B. Belgien, Böhmen und Frankreich katholisch und England protestantisch gemacht wurden, sind vorüber, und eben daß sie unwiederbringlich vorüber sind, ist der beste Beweis für die Entwicklungsfähigkeit der menschlichen Gesellschaft auf der gegebenen Grundlage.

Ludwig Bamberger schöpft aus seiner eigenen Anschauung, wenn er sich über den ja auch anderwärts oft beobachteten Widerspruch zwischen der Lebensweise und Herkunft von Proletarierführern mit ihren deklarierten Zielen mokiert. Hier eine besonders amüsante Stelle, die auch den eleganten Stil zeigt, der das Buch zu einem Lesegenuß macht:

Nicht bei Beurtheilung jedes Streites werden wir versucht sein, auf gleiche Weise das Gewicht der persönlichen Vertreter einer Meinung mit in die Wagschale zu werfen. Ist schon mit einigem Recht gesagt worden, daß bei Prüfung philosophischer Lehren gefragt werden dürfe, ob denn der Lehrer auch im Leben ein wenig Philosoph gewesen, so erscheint diese Neugierde als noch weniger indiscret da, wo es sich um ein Experiment auf Leben und Tod im Namen der höchsten und heiligsten Gerechtigkeit handelt. Hier ist es durchaus nicht gleichgültig, zu wissen, daß die Stifter der ganzen Verbindung sich in hervorstechender Weise als üppige Lebemänner zeigen, deren Ansprüchen nur der überfeinerte Apparat moderner Großstädte genügt. Wir haben sie ja gekannt, den Apostel Lassalle und seinen Sänger Herwegh, einer wie der andere die blasirte Eleganz bis in die Fingerspitzen hinein. Es war unmöglich, mit ihnen in Berührung zu kommen, ohne sofort an den Hohn zu denken, der darin lag, daß von diesen Dandies zum grimmen Faustkampf für den frugalen Proletarierstaat aufgeboten wurde. Und doch ist auch wieder eine psychologische Erklärung in der so gearteten Persönlichkeit dieser Stifter gegeben. Ihre Entrüstung über das Los der arbeitenden Klassen kommt unmittelbar aus der weichgepolsterten Studirstube. Die Verbindung von materieller Ueppigkeit und geistiger Vornehmheit, in welchen ihr Wesen aufgeht, gibt den Schlüssel zu dem Schaudern, welches sie bei der Vorstellung eines Proletarierlebens überläuft, und wenn etwas ehrlich ist in ihnen, so ist es die Mißempfindung über diesen Gegensatz zu ihrem eigenen Selbst. So weit auch mag alles, was von Sympathie in ihnen zum Vorschein kommt, echt sein; desto unechter dagegen wird der Schlachtruf für eine Weltordnung, deren oberstes Gebot die gleiche Entsagung Aller sein müßte.

Ludwig Bambergers Punkt ist allerdings weniger eine Kritik der Sozialisten selbst, sondern der Aufnahme, die sie in der deutschen Gesellschaft finden. Das “Bürgertum”, das im Klassenkampf zerschlagen werden soll, begeistert sich oftmals für den Sozialismus:

Das Unwahre und Falsche, welches sich in den Personen der Stifter als Gegensatz zwischen Existenzweise und Lehre, man könnte sagen zwischen Denken und Reden, am prägnantesten verkörpert, findet sich verschiedentlich abgetönt heutzutage in andern Sphären unserer deutschen Gesellschaft wieder. Zunächst in jenem luxuriösen Pessimismus der in der Philosophie lustwandelnden Leute von Welt. Sodann aber, und dies zu zeigen ist ganz eigens hier die Aufgabe, steckt derselbe Widerspruch in dem Verhalten, welches ein großer Theil des deutschen Bürgerthums (das Wort in seinem weitesten Sinne genommen) gegenüber der socialistischen Bewegung beobachtet, theils ihr helfend, theils ihr apathisch zusehend, ebendieser Bewegung, welche das Programm der Zerstörung ebendieses Bürgerthums verkündigt. Das ist’s eben, wodurch die deutschen Bürger unserer Zeit auf eine so fatale Weise an die Marquis und Vicomtes des 18. Jahrhunderts erinnern.

Sie tanzen nicht auf dem Vulkan, sondern sie tragen das Holz herbei zu dem Scheiterhaufen, auf dem sie selbst verbrannt werden sollen; und der Ruf Sancta, simplicitas! ertönt nicht mitleidig wie einstmals aus dem Munde des Opfers, sondern höhnisch aus dem Munde des Henkers.

Als Schmankerl bespricht Ludwig Bamberger am Schluß noch einen anonymen Artikel (dessen Autorschaft wir ihm selbst zutrauen würden), in dem sich ein Spaßvogel hintersinnig über den sozialistelnden Zeitgeist lustigmacht. Dieser argumentiert für eine staatliche Regulierung des Theaters mit den gängigen Argumenten, ohne daß, die veröffentlichende Zeitung die Ironie bemerkt hätte:

“Ganz abgesehen davon, daß es sich nicht darum handelt, tüchtigere und züchtigere Schauspieler heranzuziehen, daß vielmehr unsere bei weitem wichtigere Aufgabe in der gesündern, sittlich-reineren, zugleich idealeren und nationaleren Production besteht, so würde die Wirksamkeit einer beiden Zwecken, der Heranbildung sowol höher gearteter Schauspieler, als höher gearteter Dramatiker dienenden dramatischen Hochschule doch nur eine unzulängliche bleiben, wenn der Staat nicht zugleich die geeigneten gesetzlichen Bestimmungen theils coërcitiver, theils normativer Art über den Besuch und die Wirksamkeit der Hochschule und über die sittliche, künstlerische und wirtschaftliche Führung der Bühne erließe. Man bedenke, daß keine andere Klasse von Staatsbürgern so sehr dazu neigt, sich von persönlichem Dafürhalten und individueller Willkür fortziehen zu lassen, wie die Künstler; daß, während nicht nur der Militär und der Beamte, sondern auch der Mann der Wissenschaft sich leicht und gern, ja mit innerer Genugthuung der sittlichen Zucht seiner Nation fügt und den ihm durch die ethische Ordnung auferlegten Zwang in innere Freiheit verwandelt, der Künstler, und zumal der dramatische, immerfort Gefahr läuft, von seiner Phantasie und Sinnlichkeit auf Abwege verlockt zu werden. Da nun aber Leute von mäßiger Phantasie und Sinnlichkeit den Künstlerberuf nicht zu ergreifen pflegen, so muß von Staats wegen Fürsorge getroffen werden, daß die der Kunst sich widmenden Staatsgenossen, in welchen erfahrungsgemäß die Psyche sehr bedenklich nach dieser verhängnißvollen Seite neigt, nach Möglichkeit vor dem Fallen bewahrt bleiben.”

Nach dieser vielverheißenden Introduction kommen nun die Vorschläge ins einzelne ausgeführt. Da wird gefordert, daß die Studirenden weiblichen Geschlechts nicht zu jung auf die Hochschule kommen und vorerst das Lehrerinexamen gemacht haben, damit nicht „leichtsinnige Personen aus frivolen Gründen sich der Bühne widmen”. Neben „der Hochschule für darstellende Dramatik” wird eine für die „schaffende Dramatik” verlangt. Die theoretische und praktische Ausbildung der dramatischen Schriftsteller darf natürlich nicht „dem Zufall” überlassen bleiben. Der Staat muß ihnen beistehen, muß sie leiten, und dies geschieht durch eine „Schule für dramatische Production”. Hier die Aufzählung der Fächer, welche der künftige Studiosus der Dichtkunst als Zwangscollegien zu hören hat: „Geschichte des Dramas; dramatische Alterthümer; dramatische Quellenkunde; dramatische Stofflehre; Theorie der dramatischen Erfindung und Composition; Technik des Dramas; Theorie des Geschmacks und der künstlerischen Intuition; Lehre vom Localton und von der Zeitfarbe.”

Der einzige Unterschied zu heute ist nur, daß es noch recht viele Leute in Ludwig Bambergers Zeit gibt, denen die Widersinnigkeit solcher Vorschläge auffällt.

Insgesamt ein kurzweilig zu lesendes Buch, das wir sehr empfehlen möchten.

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First World Problems

Hat Tip an Bryan Caplan für den Verweis zu den “First World Problems” auf QuickMeme. Sehr viele heiße Eisen! Hier nur eine kleine Auswahl der Probleme, die uns besonders runtergezogen haben:

My Earrings

Nothing to DrinkGalaxy

Thumb PhoneRedditLaptop diedKindle ipad

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Eugen Richter, der Führer der Fortschrittspartei, nebst einer einleitenden Geschichte der Partei

Friedrich Werder - Eugen RichterDas Eugen-Richter-Institut hat eine Digitalisierung des Buches “Eugen Richter, der Führer der Fortschrittspartei, nebst einer einleitenden Geschichte der Partei” veranlaßt. Das Buch ist nun wieder beispielsweise über Amazon erhältlich. Veröffentlicht wurde es erstmals im Zuge des hitzigen Wahlkampfs 1881, in dem es der Deutschen Fortschrittspartei nicht zuletzt aufgrund von Eugen Richters Einsatz gelang, die Antisemiten in Berlin vernichtend zu schlagen. Der Autor, I. Lewy, schreibt unter dem Pseudonym “Dr. Friedrich Werder”, vermutlich als Anspielung auf das Friedrich-Werdersche Gymnasium in Berlin, das neben den Söhne Bismarcks, auch Bismarcks Nachfolger Leo von Caprivi, der Satiriker Adolph Glaßbrenner oder später Victor Klemperer und Dietrich Bonhoffer besuchten.

Im ersten Teil geht es um eine Geschichte der Fortschrittspartei und der demokratischen Bewegung seit der Revolution von 1848 und im zweiten Teil um Eugen Richter mit einer Schilderung seines Lebens sowie Auszügen aus seinen Reden.

Produkt-Information Hier ein kleiner Auszug, in dem es um die bescheidene Lebensweise Richters geht. Vermittelt über einen DDR-Historiker wurde daraus das Bild eines kauzigen Eingebrödlers, der zwischen ein paar Karteikästen und Kanarienvögeln gelebt habe. So stand es lange Zeit auch völlig ungefiltert im Artikel über Eugen Richter in der deutschen Wikipedia. Im Original liest sich das etwas anders, wobei die Bewunderung Lewys unverkennbar ist:

Niemals haben diese verschiedenartigen Möbel zusammengehört, niemals dieser Teppich zu jenem Tische; hier neben dem Schreibpulte blickt uns aus dunklem Rahmen das ernste Antlitz Hoverbeck‘s entgegen, dort wieder winken aus goldenen Rahmen Landschaften herüber; Bücherschränke verhüllen die Wände auf allen Seiten, bald fesseln Angebinde von zarter Hand, eine mächtige Mappe mit Goldinitialen, eine Menge eleganter Kleinigkeiten verschiedensten Stils das Auge — gegenüber aber die fächerreiche Registratur, die dem Fürsten Bismarck ein Dorn im Auge.

Ach, was gäbe er vielleicht darum, wenn das entfesselte Element diese Registratur mitsammt ihrem unheimlichen Inhalt mit einem Schlage vernichtete! Da liegen, wohlgeordnet nach ihren Stoffen, die Materialien zu jeder politischen Frage; täglich werden die Acten ergänzt und bereichert, und nur eines Griffes bedarf es vor der entscheidenden Stunde, nur der Sichtung und Ordnung der erschöpfenden Vorräthe, nur der Beschränkung für den augenblicklichen Zweck — und die Regierung ist überwältigt von der Fülle der Argumente, die Welt ist erstaunt über diesen Reichthum an Belägen. Fürst Bismarck ist böse auf das Uebel der Beredsamkeit — wahrlich, ohne Grund! Wären Reden, wären Gründe für die Entscheidung maßgebend, so wäre heute der Fürst nicht mehr Kanzler, und klammerte er sich noch so fest an das Portefeuille: “J’y suis et j’y reste!” In Richter’s Registratur liegt eine furchbare Fülle durchschlagender Gründe gegen die Bismarck’sche Politik — und jeder Tag bringt deren neue, denn wo gäbe es im Volke eine ernste Beschwerde, die nicht zuerst ihren Weg zu Richter nähme?

Zwei Treppen hoch liegt die Wohnung des Parlamentariers, der den “Ring” kommandiren soll, ohne daß ihn derselbe doch nur einen Pfennig in der Miethssteuer begünstigte! Die würdige Aufwärterin öffnet dem Besucher das Hauptquartier der Opposition, und ehe der vielbeschäftigte Mann zum Willkommen erscheint, zwitschert sein frei herumflatternder Kanarienvogel dem Ankömmling einen freundlichen Gruß zu. Auf dem runden Tische, daran der Gast Platz nimmt, lagert eine Menge Journale, eine Unmasse Brochüren guckt darunter hervor, und ein Wust von Zeitungen, viel voluminöser, als in jeder Redaction, verräth dem Beobachter bald, wie sich der Politiker auf das Genaueste über alle Dinge orientirt, die in jeglichem Wahlkreise vorgehen. Erstaunlich ist seine Beherrschung der verschiedenartigsten Gegenstände, erstaunlich seine packende Beredsamkeit, erstaunlicher seine unverwüstliche Arbeitskraft, aber am erstaunlichsten das untrügliche Gedächtniß, das er für unzählige Personen und Dinge bethätigt. In der Politik ist Richter wahrlich ein lebendes Conversations-Lexicon.

Nun tritt er ein, ein Bild bürgerlicher Solidität und Einfachheit. Das ist der Mann, bei dessen Anblick der gewaltige Kanzler nervös wird? Das sind die Lippen, deren sarkastischer Zug die durchlauchtige Scheere heftiger klappern macht? Das ist der ironische Blick des Auges, dessen Begegnung den kampfgewohnten Minister veranlaßt hat, eiligst den Saal zu verlassen? Ein schlichter, robuster Mann aus dem Volke, breitschultrig, starkknochig, ein wenig an Gambetta erinnernd, nur daß seine Erscheinung viel ruhiger, viel anspruchsloser, viel stetiger ist, als die des französischen Dictators. Auf der gewölbten Brust erhebt sich ein voller, muskulöser Kopf, von dunklem Barte umrahmt; wenn diese Züge unbelebt sind, könnte man sie fast plebejisch nennen; aber kaum regt sich die Lippe, so vergeistigt sich sein Wesen, um den Mund erscheint jener Zug von Skepsis und Hohn, aus dem umränderten Auge blickt jene herausfordernde Kampfeslust und Siegeszuversicht — ein seltsames, berückendes Gemisch von Pessimismus für die Gegenwart und Optimismus für die Zukunft; man fühlt es wohl, das ist der Männerstolz vor Königsthronen, das ist die schneidige Kritik des gleißenden Erfolgscultus, das ist die Ueberlegenheit politischen Wissens und Denkens! Aber das sieht man zugleich auf den ersten Blick, dieser Mann ist nichts weniger, als die personisicirte Negation, das ist wahrlich nicht der Geist, der stets verneint, der auf dieser mächtigen, hohen und breiten Stirn thront, hier wohnen schöpferische Ideen; man gebe ihnen nur die Gelegenheit zur Verwandlung in die Wirklichkeit, — hic Rhodus, hic salta — und Eugen Richter wird zeigen, was er kann. Bisher ist er in die Rolle des Kritikers gedrängt, aber es ist keine unfruchtbare Kritik, die er übt, sie ist productiv wie die Kritik eines Lessing; immerhin, noch ist nothgedrungen die Kritik sein wesentliches Feld und er handhabt sie mit vollendeter Virtuosität.

Demnächst folgen weitere Bücher. So sollte in wenigen Tagen auch “Deutschland und der Socialismus” von Ludwig Bamberger aus dem Jahre 1878 verfügbar sein.

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Ein Jahr “Freisinnige Zeitung”

Nach einigen Problemen in den letzten Wochen haben wir es mit Unterstützung unseres Providers geschafft, den Blog zum Laufen zu bekommen. Damit stehen wieder die über 600 Posts zur Verfügung.

Über das Jahr haben uns mehr als 20.000 Leute besucht. Manche unserer Artikel wurden von anderen Blogs übernommen, und die erfolgreichsten auch bei uns mehr als 1000mal gelesen. Es gab anregende Diskussionen zu den Artikeln und einiges an positiver Resonanz.

So soll es weitergehen. Und für das zweite Jahr sind noch einige weitere Sachen geplant. Insbesondere wird unsere Präsenz in den geselligen Medien verstärkt werden, wie etwa mit unserem Feed auf Facebook.

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Eugen Richter im Reichstag am 14. Dezember 1899

Von seinen Kritikern wurde und wird Eugen Richter gerne vorgeworfen, er habe kein Verständnis für Außenpolitik gehabt. In der Debatte zur Flottenaufrüstung 1899 formulierte Richter sein Credo. Und das offenbart alles andere als kein Verständnis, bloß ein Verständnis, das denen verschlossen bleiben muß, die Außenpolitik für das Hineinregieren in andere Länder hält:

“Der Herr Staatssekretär [Graf von Bülow] hat ein Wort gebraucht, von dem ich wünschte, er hätte es nicht gebraucht: Deutschland wird entweder Hammer oder Amboß sein. Nein, Deutschland wird nie mehr Amboß sein; aber Deutschland hat auch nicht den Beruf, Hammer zu sein: Deutschlands Beruf ist es nicht, auf andere Völker loszuhämmern. Wir wollen es jedem Volksstamm überlassen, in der Façon sich zu entwickeln, nach seinem Gefallen und seinen Verhältnissen entsprechend, und haben nicht den Beruf, auf ein Volk loszuhämmern und ihm die Gestalt zu geben, die uns als die richtige erscheint.”

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Veröffentlicht unter 1899, Antiimperialismus, Deutschland, Eugen Richter, Geschichte | Hinterlasse einen Kommentar

Es lebe die Märzrevolution!

Straßenkämpfe am Alexanderplatz in Berlin

Datei:Alexanderplatz Berlin 1848.jpg

Revolutionäre nach den Barrikadenkämpfen

Datei:Maerz1848 berlin.jpg

Adolph Menzel: Aufbahrung der Märzgefallenen

Datei:Adolf Friedrich Erdmann von Menzel 005.jpg

Quelle für die Bilder: Wikipedia, deren deutsche Version mit dem Datum auf ihrer Hauptseite nichts verbinden kann außer große Ereignisse wie die Verstaatlichung der mexikanischen Erdölindustrie im Jahre 1938
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24. Schluß (Jugenderinnerungen von Eugen Richter)

24. Schluß.

Selbst mit des Geschickes Mächten ist kein ewiger Bund zu flechten; wie konnte ich dergleichen von dem Wahlkreise Nordhausen erwarten?

Bei den im Spätsommer 1867 nachfolgenden ordentlichen Reichstagswahlen glaubte man in Nordhausen nicht, mich noch einmal durchbringen zu können, denn jetzt ließ statt des Erfurter Schulrats sich der Nordhäuser Landrat in höchsteigener Person als Kandidat aufstellen. Die Tatsachen haben diese Voraussicht bestätigt; der Landrat wurde auch gegenüber meinem fortschrittlichen Nachfolger in der dortigen Kandidatur zum Reichstagsabgeordneten gewählt.

An Stelle von Nordhausen bot mir nun in meiner bergischen Heimat die Partei in Solingen auf Empfehlung meines Freundes, des Bürgermeisters Trip, daselbst die Reichstagskandidatur an. Ich nahm dieselbe an und errichtete im Sommer 1867 [192] in meiner Vaterstadt Düsseldorf im Auftrage des Centralwahlkomitees der Fortschrittspartei in Berlin ein förmliches Wahlbüreau für Rheinland-Westfalen. Es gelang uns denn auch, in diesen Provinzen eine wesentliche Verschiebung der Wahlen nach links zu bewirken. Im Februar waren in diesen Provinzen aus der Partei nur Becker-Dortmund und Trip-Solingen gewählt worden. Im September aber wurde Waldeck außer in Berlin hier nicht weniger als viermal gewählt, nämlich in Bielefeld, Münster, Recklinghausen und Mühlheim a. Rh. Fünfmal ist seitdem niemals wieder ein Abgeordneter gewählt worden. Rheinland-Westfalen wählte damals auch abgesehen von Waldeck noch acht Fortschrittsmänner.

Aber ich selbst blieb auf dem Platze. Es ist nichts Seltenes, daß Jemand, der sich bei Wahlen lebhaft für Andere bemüht, selbst durchfällt, schon weil er die Gegner am meisten auf sich zieht. Bürgermeister Trip büßte seine Protektion meiner Wahl bald durch die Nichtbestätigung seiner Wiederwahl als Bürgermeister. Ich selbst erhielt eine Anzahl Strafprozesse in den Kauf und wurde in Düsseldorf sogar zu zwei Monaten Gefängnis wegen Majestätsbeleidigung verurteilt — ich hatte die Verantwortlichkeit für einen Wahlartikel aus der Feder von Becker-Dortmund übernommen —, aber in der Berufungsinstanz freigesprochen. Damals gab es glück-[193]-licherweise in Strafsachen noch eine zweite Instanz.

So war ich denn nunmehr ebenso in den parlamentarischen Ruhestand versetzt wie vordem in den Ruhestand als Beamter. Soviel aber hatte ich begriffen, daß man, um als Abgeordneter dauernd eine gesicherte Stellung zu gewinnen, für irgend einen Zweig der parlamentarischen Tätigkeit sich durch besondere Studien und Kenntnisse legitimiren muß. So vertiefte ich mich denn seit 1867 sehr eingehend in finanzstatistische Untersuchungen über den preußischen Staatshaushalt. Auch ich leide von Jugend auf an einer gewissen “Zahlenwut”, wenn auch nicht einseitig nur in Betreff vergleichender Berechnungen über die Kriegsstärke verschiedener Armeeen. Ich beabsichtigte damals in einem mehrbändigen Werk eine Darstellung des gesamten Preußischen Staatshaushalts zu veröffentlichen. Ein solches Werk ist auch heute noch ein dringendes Bedürfnis. Ich wollte mit der Darstellung des Staatsschuldenwesens als desjenigen Teils der Finanzverwaltung beginnen, wofür der Stoff in der Hauptsache mir am Meisten abgeschlossen schien. So entstand mein Buch über “das Preußische Staatsschuldenwesen und die preußischen Staatspapiere von Eugen Richter”, 27 Bogen, Breslau, Maruschke u. Berendt 1869.

Aber ich hatte die Rechnung ohne den Finanz-[194]-minister Camphausen gemacht. Zwei Monate nach dem Erscheinen meines Buches führte Herr Camphausen nach Uebernahme des Portefeuilles die Konsolidation der preußischen Staatsschulden genau so durch — freilich ohne entsprechende konstitutionellen Garantien — wie ich sie in meinem Buche empfohlen hatte. (Aufruf zum freiwilligen Umtausch der verschiedenen Sorten von Staatspapieren gegen einheitliche Obligationen — Konsols —, für welche der Staat eine Tilgungsverbindlichkeit nicht übernahm). Mag nun auch Herr Camphausen, wie er damals im Landtag ausführte, in seinem Arbeitskabinet schon früher zufällig auf denselben Gedanken gekommen sein, welchen ich in meinem Buche zuerst öffentlich verlautbarte, in jedem Falle erfüllte sich damit das Programm meines Buches etwas zu rasch und zu früh, als für die Neuheit des Werkes wünschenswert war.

Ich würde gleichwohl meinen Plan der Darstellung des Preußischen Staatshaushals auch durch Herausgabe weiterer Bände vollständig zur Ausführung gebracht haben, wenn ich nicht, und zwar schon vor dem Erscheinen des Buches über das Staatsschuldenwesen, im Januar 1869 bei der Ersatzwahl für den Präsidenten Lette in Königsberg in der Neumark zum Mitglied des Abgeordnetenhauses gewählt worden wäre. Die parlamentarischen Aufregungen und Zerstreuungen des [195] Tages vertragen sich aber, wie ich späterhin auch bei der Ausarbeitung meiner politischen ABC-Bücher erfahren, nicht mit der Sammlung, der Ruhe und den Zeitaufwand, die für solche Werke erforderlich sind.

Seit jener Wahl in Königsberg in der Neumark Ende Januar 1869 bin ich ohne Unterbrechung Mitglied des Abgeordnetenhauses geblieben. Im November 1870 fiel ich allerdings in Königsberg i. d. N. wieder durch — im Januar 1869 war ich mit einer Stimme Mehrheit gewählt worden — wurde aber dafür anderwärts, in Berlin 2. und in Hagen, doppelt gewählt. Ich nahm für Hagen an und bin noch heute Vertreter für Hagen. Nur in der Wahlperiode 1879/82 unterlag ich dort dem Gegner, wurde aber nunmehr von Berlin 4. für diese Wahlperiode in den Landtag gewählt. Dem deutschen Reichstag gehöre ich wieder seit 1871 an, zuerst für Schwarzburg-Rudolstadt, dann seit 1874 bis jetzt für Hagen. Derart bin ich mit meinen treuen märkischen Wählern schon seit langer Zeit doppelt verbunden und hoffe es auch fernerhin zu bleiben.

“Schier dreißig Jahre bist Du alt, hast manchen Sturm erlebt”, so schrieb meine Mutter mir kurz vor ihrem Tode zum Geburtstage am 30. Juli 1868. “Jetzt bist Du ein Mann geworden [196] und wirst aus Deinen Jugenderfahrungen und Jugenderinnerungen Nutzen zu ziehen wissen.” In der That meine ich, meine Sturm- und Drangperiode mit der Erreichung des 30. Lebensjahres abgeschlossen zu haben. Je mehr man aber in jungen Jahren gerüttelt und geschüttelt wird, desto sicherer kommt man zuletzt für das Mannesalter in diejenige Lage, welche für die eigene Individualität die angemessenste ist. Ich habe die Ueberzeugung, jetzt seit mehr als 25 Jahren demjenigen Wirkungskreis anzugehören, der für mich nach Anlage, Vorbildung und Neigung der geeignetste ist und den ich jedenfalls für den Rest meines Lebens mit keinem anderen mehr vertauschen möchte. In Wort und Schrift öffentlich für öffentliche Angelegenheiten, in gesicherten und deshalb vollkommen unabhängigen äußeren Verhältnissen, nur der eigenen Ueberzeugung folgend, wirken zu können — ich kann mir für mich nichts Besseres und Schöneres denken und wünschen. Daß diese Wirksamkeit mehr zum Gegenstand hatte, den Rückschritt zu verhindern, als große Fortschritte herbeizuführen, liegt an ungünstigen politischen Konstellationen, welche die Männer unserer freisinnigen Richtung in den letzten Jahrzehnten nöthigten, mehr die Waffe zur Abwehr als das Werkzeug zur Feldbestellung in die Hand zu nehmen. [197]

“Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus welchem wir nicht vertrieben werden können.” Dieser Ausspruch Jean Pauls war ein Lieblingsspruch meiner Mutter. In der That hat mir die Aufzeichnung meiner Jugenderinnerungen als Unterbrechung zwischen trockneren und rauheren Arbeiten der Politik einen Genuß bereitet, welchen die Lektüre dieser Blätter sicherlich auch meinen besten Freunden nicht entfernt zu gewähren vermag. Nur die ermunternden Zuschriften, welche mir aus Freundeskreisen vielfach nach Veröffentlichung der ersten Kapitel im Feuilleton der “Freisinnigen Zeitung” zu Theil wurden, haben mich ermutigt, diese Erinnerungen weiterhin mehr auszuspinnen, als der Bedeutung der Begebenheiten in meiner Vergangenheit entspricht. Je mehr ich mich aber in diese Erinnerungen vertiefte und die Vergangenheit vor meinem Geist wieder lebendig wurde, desto mehr empfand ich die versöhnende Wirkung der Zeit. Sie läßt uns das Herbe, das wir erfahren, milder, das Freundliche im Leben wärmer und wohlthuender empfinden, als es einst in der Wirklichkeit die Eindrücke des Augenblicks mit sich brachten.

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