Interesse für Gary Johnson wächst

Eine kurze Beobachtung: Wir schauen auf die Anzahl der Likes für die Seite von Gary Johnson auf Facebook. Es gab durchaus schon ein gewisses Interesse vor mehr als ein paar Wochen, mit ein paar Tausend (unterer einstelliger Bereich) neuen Likes pro Woche. Aber mittlerweile gab es doch mehrere Schübe, die den Zuspruch und dessen Zuwachs auf ein höheres Niveau gehoben haben.

Ende März hatte die Seite etwa 390.000 Likes. Der erste Schub kam mit der Entscheidung in den republikanischen Vorwahlen, mit der die neuen Likes deutlich anstiegen (etwa eine Verdoppelung). Ein weiterer Schub folgte mit der Nominierung durch die Libertarian Party Ende Mai. Mit der Entscheidung auch in den demokratischen Vorwahlen zieht das Tempo nun noch einmal deutlich an.

Der aktuelle Stand liegt bei gut 460.000 Likes, wobei die neuen Likes etwa in einer Größenordnung von 15.000 pro Woche reinkommen. Ungefähr die Hälfte des Anstiegs seit Ende März kam in den letzten drei Wochen, Tendenz steigend.

Das ist immer noch recht wenig: Bis zu den Wahlen sind noch etwa fünf Monate, gut zwanzig Wochen. Das wären bei der aktuellen Geschwindigkeit etwa 800.000 Likes um die Zeit, also relativ wenig gegen die ungefähr 3,8 Millionen für Hillary Clinton oder die 8 Millionen für Donald Trump jetzt (bei beiden wären noch Likes für verwandte Seiten hinzuzählen).

Eine Auswertung über Google Trends von Reason ergibt ein ähnliches Bild: ein sehr starker Anstieg, viel mehr Interesse für Gary Johnson als 2012 (die Spitze wurde da erst um die Zeit der Wahl erreicht), aber doch noch eher eine Randerscheinung gegenüber den Hauptkandidaten.

Siehe: More Seeking Out Info on Libertarian Party, Gary Johnson Than in 2012.

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Der Henker in Spanien

Neue Freie Presse (Wien), 7. Juni 1880

Aus einem interessanten Werke, welches de Foresta, General-Procurator in Bologna, über Spanien geschrieben hat (La Spagna. Da Torino a Malaga) und in welchem die Gesetzgebung, die Einrichtungen des Rechtswesens, die Gefängnisse &c. in fesselnder Weise besprochen werden, entnimmt die Juristenzeitung folgende merkwürdige Begebenheit: „Ich war in Sevilla,“ erzählt de Foresta. „Eines Tages bemerkte ich einen Greis mit finsterem Aeußeren, sehr vernachlässigter Kleidung, welcher mit einem Klappstuhl unter dem Arme spazierte, und Alle betrachteten ihn mit Verachtung. Ich fragte einen mir begegnenden Sevillianer, wer dieser sonderbare Mensch sei? — „Es el verdugo“ — antwortete er. Meine Kenntniß der spanischen Sprache war noch nicht so weit vorgeschritten, um das Wort „verdugo“, welches ich nie gelesen hatte, zu verstehen. Ich erwiderte daher: Quien es el verdugo? — „Aquel, que da el garrote“ (Jener, welcher die Garotte, das eiserne Halsband, mit welchem der Henker in Spanien das Todesurtheil vollzieht, anlegt), antwortete mein Freund. Nun begriff ich, warum das Volk mit üblen Augen jenes Individuum ansah. Ich erfuhr denn auch, daß es ihm nicht gestattet ist, sich in irgend einem öffentlichen Local niederzusetzen und daß er darum einen Klappstuhl bei sich trägt, um sich niederzusetzen, wenn er müde ist. Niemand richtet an ihn das Wort oder antwortet ihm; er ist selbst von dem Pöbel mißachtet und an den Pranger gestellt. Ich erinnere mich, es sind zwei Jahre her“ — fügt de Foresta, einer der eifrigsten Kämpfer für die Abschaffung der Todesstrafe, hinzu — „daß ich, in Nizza anwesend, mit Vergnügen in den Zeitungen las, wie der famose „Monsieur de Paris“, welcher dort behufs Vollzuges eines Todesurtheiles requirirt war, weder Obdach noch Speise gefunden hatte und genöthigt war, die Nacht unter freiem Himmel zuzubringen, und sich mit einer Malzeit in der Restauration der Station begnügen mußte, er nach Vollendung seines blutigen Werkes die Rückreise antrat. Wer erinnert sich an Uebrigen nicht jener treffenden Bemerkung des Abbé Maury, welcher, als der französische Convent votirte, daß jeder Bürger gehalten sei, Sanson, den Henker von Paris, zu eachten, sich zum Dolmetsch der Empfindung des Volkes mit den Worten aufwarf: „Macht ihr nur eure Gesetze, wie ihr wollt, befehlt durch Decret die Hochachtung des Henkers, allein ihr werdet nicht verhindern, daß die öffentliche Meinung, welche der Todesstrafe feindlich ist, Sanson und seine Nachfolger mit Schaudern betrachten werde!“

Hintergrund

Italien ist eines der ersten Länder, die die Todesstrafe abschafften, und zwar 1889 (erst wieder 1930 von den Faschisten wiedereingeführt). Die zu Österreich in der Zeit gehörende Toskana schaffte die Todesstrafe 1786 sogar als erstes Land ab. Die Niederlande schafften 1870 (außer im Militärrecht) die Todesstrafe ab. Und auch in Deutschland wäre es im selben Jahr fast dazu gekommen. Im Reichstag wurde in den ersten zwei Abstimmung für die Abschaffung gestimmt, bis sich Bismarck für die Todesstrafe einsetzte und genügend Nationalliberale ihm dabei folgten, daß die Todesstrafe im dritten Wahlgang doch erhalten blieb.

Hinweis

Bei Libera Media erscheinen kommentierte Neuausgaben zur historischen Diskussion über die Todesstrafe:

  • Richard Eduard John: Über die Todesstrafe (1867)
  • Franz von Holtzendorff: Das Verbrechen des Mordes und die Todesstrafe (1875)

Schon erhältlich über Amazon ist das Buch: Franz von Holtzendorff: Die Psychologie des Mordes (1875):

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Alles nur wegen der Ozonerwärmung

von Henning Helmhusen

Death-Metal-Konzert
als Open-Air abgesagt
wegen Lebensgefahr!

Siehe auch:

Weitere Aphorismen und Satiren finden sich auch im neuen Buch von Henning Helmhusen bei Libera Media (erhältlich über Amazon): „Lachen gefährdet Ihre Gesundheit“

Helmhusen Lachen klein 4

 

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Komisch

von Julius Stettenheim, 1898

Es geht ja vielen Wörtern unseres geliebten Deutsch recht schlecht. Sie werden falsch angebracht, entstellt und ihrer eigentlichen Bedeutung entkleidet, und dieser Unfug hat mich genöthigt, in mehreren Kapiteln gegen solche Behandlung zu protestiren, indem ich mir Mühe gab, ihn bei Lichte besehen zu lassen. Keinem Wort aber wird mehr Gewalt angethan als dem Wort „komisch“. Es ist ein vollgiltiger Beweis für die im mündlichen Verfahren eingerissene Gedankenlosigkeit, daß gerade gegen das Wort „komisch“, dessen Sinn doch nur mit Anstrengung verkannt werden kann, mit ganz besonderer Verleugnung desselben verfahren wird.

Wir treffen einen alten Bekannten, den wir seit längerer Zeit nicht gesehen haben. Es ist ja eine der schönen Eigenschaften der Großstadt, daß man alte Bekannte gewöhnlich längere Zeit nicht sieht. Der alte Bekannte sieht ziemlich erbärmlich aus. Wir fragen ihn also, worüber er zu klagen habe. „Ach,“ antwortet er, „fragen Sie nicht, mir ist jetzt immer so komisch.“ Damit will er nun allerdings klagen, daß sein Inneres in Unordnung gerathen sei. Sein Magen hat sich der modernen Arbeiterbewegung angeschlossen und streikt, seine Nerven leiden Noth wie die Landwirthe [1], kurz, es fehlt ihm was, oder er hat etwas zu viel, und er behauptet, ihm sei jetzt immer so komisch. Was aber an einem Leiden komisch sein kann, das begreift man natürlich nicht, indeß hört man so oft über Komischsein jammern, daß man sich längst daran gewöhnt hat, einen Menschen, dem komisch ist, für krank zu halten und nicht etwa für besonders heiter oder zum fortwährenden Lachen disponirt [2], und man ist verpflichtet, dem Komischen gute Besserung anstatt die Fortdauer einer beneidenswerthen Stimmung zu wünschen. Woher es aber kommen mag, daß Jemand, dem übel ist, behauptet, ihm sei komisch, das wird ein Räthsel bleiben. Wem übel ist, dem ist ernst, aber nicht komisch. Ich bin überzeugt, daß auch Aerzte häufig über einen Zustand des Komischen klagen hören, und kann mir denken, daß sie mit dieser Auskunft absolut nichts anzufangen wissen.

Es geschieht uns in der ernsthaftesten Stimmung, aus der heraus wir irgend etwas behaupten oder erklären, daß wir die Bitte hören: „Aber seien Sie doch nicht komisch!“ Gerade in den Momenten, wo wir durchaus nicht zu scherzen Lust haben und nicht im Entferntesten daran denken, etwas Heiteres zu sagen, werden wir aufgefordert, nicht komisch zu sein! Man braucht nur die Einladung, mit einem Freunde in ein Possentheater [3] zu gehen, abzulehnen, weil man nicht in der passenden Stimmung sei, sofort wird man den Ausruf hören: „Bist Du aber komisch! Gerade in solcher Stimmung muß man sich aufzuheitern suchen.“ Man ist demnach komisch, wenn man über irgend etwas verstimmt ist oder etwas erlebt hat, zu dem der Tingeltangelwitz [4] wie die Faust aufs Auge passen würde.

Vor einiger Zeit suchte mich ein Freund auf, der aus seiner kleinen Vaterstadt gekommen war, um Berlin in etwa vier Tagen gründlich kennen zu lernen und dann ein möglichst hartes Urtheil über die Riesenmetropole zu fällen, wie dies allgemein zu geschehen pflegt. Man hat ja seine liebe Noth mit den Kleinstädtern. Sie sind in Mängeln aller Art so verwöhnt, daß sie in Berlin vorzugsweise nach Mängeln suchen und infolge dessen blind für die Vorzüge der Weltstadt sind oder selbst in diesen irgend einen empfindlichen Mangel entdecken. Mein Freund hatte ein merkwürdiges Interesse für die Rieselfelder [5], hatte sie besucht und überraschte mich nun mit einem Lob dieser Einrichtung. Er hatte nur eins auszusetzen, er sagte: „Es riecht so komisch.“ Gewiß, er dachte sich nichts dabei, er war nur wie viele Andere daran gewöhnt, dann und wann das Wort „komisch“ falsch herauszustellen. Wie etwas komisch riechen kann, das weiß er ganz gewiß nicht, wie es Niemand weiß. Meine Nase nimmt Vieles sehr genau und wird höchst unruhig, wenn sie von einem verfassungswidrigen Duft berührt wird. Aber eine Komik hat sie noch niemals einem solchen Duft abzuriechen vermocht. Meinem Freunde aus der Fremde rochen die Rieselfelder komisch, und ich habe ihn auch nicht gefragt, was er darunter verstehe. Ganz gewiß hätte er meine Frage komisch gefunden, ohne zu wissen, was er mit jenem und diesem „komisch“ sagen wollte. Ohne Zweifel so wie der spleenige [6] Engländer, der den Montblanc erklommen hatte und oben angelangt, nachdem er sich umgesehen, sagte: „Aufrichtig, ich habe es mir komischer gedacht!“ Was er im ewigen Schnee der Montblancspitze Komisches finden wollte, das wußte er keinenfalls.

Hier und da trifft man noch Jemand, der das Wort „komisch“ ernst nimmt. Ich erinnere mich eines Bekannten, mit dem ich auf einem Spaziergang zusammentraf, als ein Herr ihn begrüßte, der zu ihm sagte: „Eben dachte ich an Sie, und da sah ich Sie daherkommen. Ist das nicht komisch?“ Mein Begleiter blickte den Redner etwas verletzt an und erwiderte: „Nein, ich finde es weder komisch, daß Sie an mich dachten, noch kann ich es komisch finden, daß ich daherkomme.“

„Aber,“ versicherte der Angeredete, „das habe ich ja gar nicht so gemeint.“

„Das freut mich,“ sagte mein Begleiter, „aber man soll nicht sagen, was man nicht meint. Ich wäre außer mir, wenn ich komisch erschiene.“

Höchst unverantwortlich werden von der üblen Gewohnheit Personen und Dinge komisch genannt, die Alles, nur nicht komisch sind. Man hört sagen: „Dieser Mensch nimmt das Leben entsetzlich schwer. Die kleinste Sorge macht ihn schlaflos, und er hat doch eine gute Stellung. Ein komischer Kerl!“ Er macht ganz gewiß auf Niemand einen komischen Eindruck, so wenig wie das Wetter, das wir so oft, wenn es schön war, dann regnerisch wird und in anderer Weise seine Vorliebe für die Veränderung an den Tag legt, ein komisches Wetter nennen hören. Man findet ein solches Wetter ganz gewiß nicht komisch, sondern unausstehlich, und dennoch beehrt man es mit einem Epitheton [7], wie etwa die Leistung eines Clown, während dieses sogenannt komische Wetter alle Welt gründlich verstimmt. Als eines schönen Tages — der Herbst hielt gerade eine Generalprobe ab — plötzlich ein Gewitter über Berlin zog, wird man gehört haben: „Mitten im Herbst ein Gewitter. Komisch!“ Hier wollte man entweder „merkwürdig“ oder „unheimlich“ sagen und sagt „komisch“, weil dies Wort für die unpassendsten Gelegenheiten immer gesattelt ist.

Ich erkundigte mich gelegentlich [8] nach dem Befinden eines Freundes, der ans Zimmer gefesselt war. „Ach,“ sagte mir eine Dame des Hauses, „der Patient befindet sich stundenlang ziemlich wohl. Dann befällt ihn wieder ein Fieber, daß wir schrecklich ängstlich werden. Das ist eine komische Krankheit.“ Wie kann man eine Krankheit komisch finden! Mit demselben Recht könnte man das Zahnziehen unter die Cotillontouren [9] einreihen, oder Trichinen für ein Geburtstagsgeschenk halten. Ich stellte denn auch der Dame vor [10], daß ich in dem Zustand meines leidenden Freundes keine Spur von Komik entdecken könne. Nun, sie habe das nicht so gemeint und der Arzt mache auch immer ein sehr ernstes Gesicht. Und mein armer Freund ist nach vierzehn Tagen todt gewesen. Ich habe über diesen Trauerfall mit der erwähnten Dame nicht gesprochen, weil ich fürchten mußte, daß sie mir vielleicht erzählen würde, der Kranke sei vor einigen Tagen aufgestanden, habe sich ganz wohl gefühlt und nun — wie komisch! — sei er dennoch gestorben.

Die Kraft, mit welcher sich dies im Grunde so eindeutige Wort „komisch“ in unsere Rede gedrängt hat, ist die eigentliche vis comica [11].

[Entnommen aus: Julius Stettenheim: Heiteres Allerlei, 1898 (Neuausgabe bei Libera Media).

Anmerkungen

[1] Die im 1893 gegründeten „Bund der Landwirte“ organisierten Agrarier, zumeist adelige Großgrundbesitzer, drängten fortwährend auf Staatshilfen und klagten über ihre Notlage.

[2] disponiert sein: dafür eingenommen sein.

[3] Theater mit Unterhaltungsstücken, Lustspielen und Possen.

[4] Tingeltangel: Varieté, Kleinkunstbühne.

[5] Die Berliner Rieselfelder wurden ab etwa Mitte der 1870er Jahre zur Reinigung der Abwässer von Berlin eingerichtet. Diese wurden durch die neu gebaute Kanalisation dorthin geleitet und versickerten auf den Feldern im Boden.

[6] Spleen: verrückte Eigenart, fixe Idee.

[7] Beiwort, Beiname.

[8] bei Gelegenheit.

[9] Der ab der Mitte des 19. Jahrhunderts beliebte Cotillon war der Höhepunkt jedes Balles. Er bestand aus einer Abfolge von Contretänzen, Polkas und Walzern mit wechselnden Gruppierungen und Spieleinlagen. Dazu gab es Blumenspenden an die Damen, Papierordensverleihungen an die Herren, Knallbonbon-verteilung und anderen Überraschungen.

[10] ihr ein Bild von etwas machen.

[11] komische Kraft.

Hinweis

Bei Libera Media gibt es kommentierte Neuauflagen der Werke von Julius Stettenheim (erhältlich über Amazon, einfach auf das Bild klicken):

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Die letzten Monate von Da’esch?

Ende März haben wir eine Auswertung vorgestellt, in der wir die Kampfkraft von Da’esch (a.k.a. Islamischer Staat) betrachtet haben.  Geschätzt wurde der Anteil der gewonnenen Gefechte („Schlachten“). Genaueres findet sich im verlinkten Artikel.

Das Ergebnis war, daß Da’esch nur am Anfang eine Quote von etwa der Hälfte gewonnener Gefechte erzielen konnte. Für Welteroberung vielleicht nicht sehr beeindruckend, aber immerhin eine Erklärung, warum der Eindruck entstehen konnte, als wäre man auf einem unaufhaltsamen Vormarsch.

Über die Zeit fiel diese Quote aber sehr stark ab und schlug zeitweise sogar auf der Null auf, d. h. man verlor praktisch jedes Gefecht. Am Ende des Zeitraums (genau genommen keine Zeitskala, sondern eine chronologische Sortierung der Gefechte nach ihrem Beginn) schien es eine kleine Erholung Richtung 30% zu geben.

Wie sich nun herausstellt, war selbst das eine Ente. Das liegt daran, daß es bei der letzten Auswertung einige Gefechte gab, deren Ergebnis noch ausstand. Diese sind mittlerweile entschieden. Und das Resultat ist, daß Da’esch auf dem vorherigen Abwärtstrend weitergemacht hat, ja diesen sogar noch ein wenig beschleunigte. Hier ist eine aktuelle Grafik (zum Vergleich, siehe die alte Grafik im vorherigen Artikel):

Abstieg2

Die Grafik ist so zu lesen: Die blaue Linie zeigt die durchschnittlichen Siege über die letzten Gefechte, aktuell und schon seit einiger Zeit sicher unter 20%, eher 10% (am Ende kann der eben beschriebene Effekt durch laufende Gefechte noch zu einer Korrektur führen). Die rote Linie zeigt eine Mittelung über die blauen Werte, sodaß man effektiv über ein etwas längeres Fenster glättet. Hier sieht man recht gut das Niveau um die 10% am Ende. In anderen Worten: Da’esch verliert von zehn Gefechten etwa neun.

Die schwarze Linie ist eine Gerade, die an die geglätteten Daten angepaßt wurde. Sie hat nur eine illustrative Bedeutung für den doch recht konsequenten Trend nach unten. Theoretisch würde man vielleicht keinen linearen Zusammenhang erwarten. Ein exponentielles Abklingen wäre nicht unplausibel. Oder man könnte sogar vermuten, daß es einen Umschlagspunkt gibt, ab dem die Kampfkraft rasant schwindet. Neben der Ungenauigkeit wegen noch laufender Gefechte sollte man auch noch beachten, daß es auf beiden Seiten sicherlich eine Tendenz gibt, Gefechte, die siegreich sind, stärker zu berichten. Man könnte etwa einen Sieg als mehrere ausschlachten, umgekehrt eine Niederlage in einem Gefecht mit unklarem oder gemischtem Ausgang verbergen (in der Auswertung ausgelassen). Da beide Seiten vermutlich ähnlich ihre Ergebnisse massieren, könnte sich das rauskürzen, wobei Da’esch aufgrund der Lage und der Ausrichtung als Propaganda-Verein allerdings mehr schönen könnte. In dem Fall wären die tatsächlichen Ergebnisse sogar noch schlechter.

Die relativ naheliegende Prognose wäre, daß Da’esch in den nächsten Monaten plattgemacht wird. Das kann natürlich anders kommen, aber das läge bei der Kampfkraft wohl eher an Entscheidungen der Gegner, die vielleicht schon damit zufrieden wären, Da’esch einzukesseln und auszuhungern. Wie im vorherigen Artikel schon aufgezeigt, kann eine solche Lage dazu führen, daß man aus Verzweiflung und, um überhaupt etwas als Sieg verkaufen zu können und Aufmerksamkeit zu bekommen, eher zu Terroranschlägen neigt. Wenn das Rückzugsgebiet gleichzeitig beseitigt wird, sollten die Fähigkeiten da aber auch schwinden. Eher wie bisher: rumballernde Dilettanten mit Hintergrund als gescheiterte Rapper.

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Amerika wird von Einwanderern überschwemmt

[Ohne Titel, als Nachricht im Vermischten]

Neue Freie Presse (Wien), 4. Juni 1880

Im Monat Mai landeten 55,083 Einwanderer in Newyork gegen 18,325 im Mai des Jahres 1879. Für die fünf Monate dieses Jahres beträgt die Zahl der Einwanderer 135,336.

Anmerkungen

  • Die USA haben 1880 eine Bevölkerung von 49,4 Millionen Einwohnern, davon etwa 6,6 Millionen, die im Ausland geboren sind (13,3%) und unter diesen knapp 2 Millionen in Deutschland (4,0%).
  • Im Jahr 1880 erhalten 457.257 Menschen dauerhaften Aufenthaltsstatus (0,9% der Bevölkerung). Gerade die Einwanderung aus Deutschland steigt in den nächsten Jahren massiv an, sodaß in der ersten Hälfte der 1880er Jahre etwa eine Million Deutsche kommen, mit einer Spitze 1881.

Siehe auch:

Hinweis

Bei Libera Media gibt es kommentierte Neuausgaben zur historischen Diskussion über Freizügigkeit und Asylrecht (erhältlich über Amazon, einfach auf das Bild klicken):

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Republikaner können sich nicht auf ihren Kandidaten einigen

Berliner Börsen-Zeitung, 3. Juni 1880

Chicago, 2. Juni, früh. (C. T. C.) Wie verlautet, würde Senator Cameron Präsident des republikanischen Nationalcomités bleiben; die Frage ob die Delegation eines jeden Staates als geschlossene Einheit zu stimmen habe, würde der Entscheidung der Convention unterbreitet werden. Auf den Rath des Senators Conkling, das Mandat der New-Yorker Staatsconvention zur Ausführung zu bringen, beschloß die New-Yorker Delegation mit 45 gegen 23 Stimmen, als Einheit zu stimmen. Conkling verwies diejenigen, welche mit dieser Resolution nicht einverstanden sein sollten, auf eine an die Convention zu richtende Appellation. Die Delegirten von Pennsylvanien beschlossen, als Einheit zu stimmen, obschon 23 derselben einen Protest gegen die Ernennung Grant’s unterzeichnet haben. Bei einem von den Anhängern Grant’s abgehaltenen großen Meeting empfahl Conkling Standhaftigkeit und Ausdauer, die Ernennung Grant’s sei in diesem Falle gewiß. Grant sei der stärkste von allen Candidaten und werde auch von den Deutschen unterstützt werden. Senator Logan empfahl geichfalls Festigkeit, die Ernennung Grant’s sei bei der ersten oder zweiten Abstimmung zu erwarten.

Hintergrund

Es läuft dann aber ganz anders. Am 2. Juni 1880 beginnt in Chicago die Versammlung der Republikaner, um den Präsidentschaftskandidaten zu bestimmen. Ex-Präsident General Ulysses S. Grant hat die meisten Delegiertenstimmen, aber keine Mehrheit. Seine Hauptrivalen sind James G. Blaine und John Sherman, der Bruder von General William Tecumseh Sherman. Da sich ein unentschiedener Ausgang der Wahl ankündigt, wird darum geworben, daß die Delegierten für die einzelnen Staaten nicht im Block, sondern unabhängig stimmen dürfen. Das hilft aber alles nichts. Die Konvention dauert noch bis zum 8. Juni 1880 und hat bei der 36. Abstimmungsrunde ein zu Anfang völlig unerwartetes Ergebnis (Quelle: Wikipedia):

On the first ballot, Sherman received 93 votes, while Grant and Blaine had 304 and 285, respectively. With 379 votes required to win the nomination, none of the candidates was close to victory, and the balloting continued. After the thirty-fifth ballot, Blaine and Sherman switched their support to a new „dark horse“ candidate, James Garfield. On the next ballot, Garfield won the nomination by receiving 399 votes, 93 higher than Grant’s total. Garfield’s Ohio delegation chose Chester A. Arthur, a Stalwart, as Garfield’s vice-presidential running mate. Arthur won the nomination by capturing 468 votes, and the longest-ever Republican National Convention was subsequently adjourned.

James Garfield gewann die Wahl später im Jahr 1880 und wurde Präsident. Für ihn war das allerdings ein verhängnisvoller Sieg. Weniger als ein Jahr später wurde er von einem Verrückten erschossen. Siehe dazu:

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Der gerochene Elephant

von Alexander Moszkowski

[1]

O seht! in scharfem Trabe durch tiefen Wüstensand,

Wer ist es, der dort rennet? es ist der Elephant!

Ihn hetzt ein wilder Jäger auf seinem guten Roß,

Im Flintenlaufe hält er das tödliche Geschoß.

Sag’ an, Du wilder Jäger, was hetzt Du dieses Tier

Quer durch die große Wüste bis an das Waldrevier?

Eh’ ich das Tier getroffen, erjag’ ich keine Ruh’,

Ich muß sein Fell besitzen und seinen Zahn dazu!“

Am Uferrand des Waldes zertritt mit großem Lärm

Das Unterholz, das morsche, der dicke Pachyderm [2];

Da kracht das Rohr — getroffen sinkt hin der Elephant,

Zum Himmel schmerzdurchfeuchtet sein Auge ist gewandt.

„Weh’ Dir, verruchter Jäger, der Du mich strecktest hin,

Es werde meine Beute Dir nimmermehr Gewinn,

Aus dem Gebein, o Jäger, das Dir erschien so schön,

Soll Kummer Dir und Schrecken für alle Zeit entsteh’n!“

So hat das Tier trompetet— der Himmel hat’s gehört;

Der Jäger mit der Beute hat Afrika durchquert,

Nach Hamburg kam er schließlich, wo er der Zähne Pracht

Mit Hilfe eines Maklers zu eitel [3] Golde macht’.

Und manche Jahre später, klein Elsbeth wuchs heran,

Des wilden Jägers Tochter, der soviel Geld gewann,

Es war der süße Backfisch [4] der Mädchenschule Zier,

Klein Elsbeth konnte singen und spielte auch Klavier.

Frühmorgens schon um sechse brach der Spektakel [5] los,

Da übte sie Etüden [6], gleich einen ganzen Stoß;

Im Bett’ lag noch der Vater, der fluchte, schrie und keucht’,

Weil ihm den Morgenschlummer der Tochter Spiel verscheucht.

Und eine Geisterstimme vernahm er jedesmal:

Nun leidest Du, o Jäger, die größte Höllenqual;

Wie ich es einst verkündet, so ist es nun gescheh’n,

Mir sollten meine Rächer im Tastenwerk [7] entsteh’n;

Aus meinen Überresten entstand das Instrument,

Das Deine Seele peinigt und Deine Nerven brennt,

Des Elfenbeines wegen schufst Du mir Todespein —

Zur Folter ist geworden Dir selbst mein Elfenbein!

 


Anmerkungen

[1] „gerochen“: falsches Partizip zu „rächen“, das häufig ungebildeten, aber rachsüchtigen Menschen in den Mund gelegt wird.
[2] Dickhäuter.
[3] Hier im Sinne von: ganz reines.
[4] Junges, unreifes Mädchen; der Begriff bezeichnete urspünglich zu junge Fische, die nach einer Erklärung „back“ in das Meer geworfen werden oder nach einer anderen nur zum Backen taugen.
[5] Lärm, Krach.
[6] Übungsstücke.
[7] Die Tasten wurden aus Elfenbein hergestellt.

Entnommen aus:

Alexander Moszkowski: „Anton Notenquetscher’s Heitere Dichtungen“ Erstveröffentlichung 1894 (Neuausgabe bei Libera Media):

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Weitere Bücher von Alexander Moszkowski bei Libera Media
(erhältlich über Amazon, einfach auf das Bild klicken):

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Absetzung des Sultans vom Khalifat?

Neue Freie Presse (Wien), 2. Juni 1880

Auf der Pforte soll man wegen der noch vor einigen Tagen aus Mesopotamien eingelangten Nachrichten über die Ausbreitung des Aufstandes unter den Muntefiks in um so größerer Besorgniß sein, als seitdem die  telegraphischen Verbindungen mit Mesopotamien unterbrochen wären. Nach den letzten von dort vorliegenden Meldungen beabsichtige ein großer arabischer Scheikh, die Absetzung des Sultans vom Khalifat zu proclamiren.

Erläuterungen

  • Pforte: Sitz des Sultans, im übertragenen Sinne: Regierung des osmanischen Reiches.
  • Mesopotamien: Zweistromland, Teil des osmanischen Reiches, heute Irak. Speziell ist hier in der Nachricht das Gouvernement Dhi Qar im Süden des Irak mit der Hauptstadt Nasiriyah gemeint.
  • Muntefiks: der schiitische Stamm der Muntefik (türkisch auch: Müntefik, arabisch: Muntafiq), dessen führender Clan, die Shebib-Sa’dun allerdings Sunniten waren und der auch in den Romanen von Karl May erwähnt wird.
  • Khalifat: der Sultan war auch Kalif (Nachfolger des Propheten), er wird es auch noch eine Weile bleiben, denn das Kalifat wurde erst am 3. März 1924 von Mustafa Kemal Atatürk abgeschafft.
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Eine Perle von Alex Tabarrok

In einem Blogpost auf Marginal Revolution über Denkmalschutz und, warum man diesen abschaffen sollte (nicht unbedingt, daß man nichts mehr erhalten würde):

„[…] a confident nation builds so that future people may look back and marvel at their ancestors ingenuity and aesthetic vision. A nation in decline looks to the past in a vain attempt to “preserve” what was once great. Preservation is what you do to dead butterflies.“

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Wieviele würden kommen, wenn die Grenzen geöffnet werden?

Auf die im Titel gestellte Frage gibt es zwei Antworten, die beide vertreten werden, und das mit plausiblen Argumenten: (1) sehr viele und (2) eigentlich würde sich nicht viel ändern. Offensichtlich können beide Antworten nicht gleichzeitig richtig sein.

Entweder — oder.

Das hängt aber nicht daran, daß die Argumente unbedingt falsch sind, die jeweils vorgebracht werden, sondern daran, daß zwei unterschiedliche Fragen beantwortet werden. Entscheidend ist dabei, was man unter „Grenzen öffnen“ genau versteht.

Beginnen wir mit den Argumenten. Da es hier nicht darum gehen soll, die Details zu verfolgen, sondern den grundlegenden Unterschied herauszuarbeiten, werden die beiden Seiten nur skizziert.

Antwort 1

Es würden sehr viele kommen.

Nach weltweiten Umfragen von Gallup (hier Zahlen von 2009, die seit der Krise etwas gesunken sind) wären sehr viele Menschen an einer Einwanderung in reiche Länder interessiert, wenn sie die Möglichkeit hätten. Deutschland steht dabei, vermutlich aus sprachlichen Gründen, nicht unbedingt im Fokus, ist aber durchaus attraktiv. Die Größenordnung liegt im zweistelligen Millionenbereich, etwa bei 25 bis 30 Millionen Einwanderern, die, wenn sie könnten, gerne nach Deutschland einwandern würden. Offensichtlich wären das sehr viele, die kommen wollten, weit mehr als bisher kommen können.

Hinzu käme, daß die Einwanderer vermutlich eher jung sind. Gründen sie hierzulande Familien, so kommen zur Zahl der eigentlichen Einwanderer noch etwa zwei Generationen hinzu, die mit ihnen kommen, ohne je einzuwandern (das genaue Argument werden wir an anderer Stelle ausführen, hier eine Darstellung auf Englisch). Damit würde der Bevölkerungszuwachs über ein halbes Jahrhundert sogar etwa auf dem Niveau der bisherigen Bevölkerung liegen, für andere Länder sogar darüber.

Daß so viele an einer Einwanderung interessiert sind, sollte nicht erstaunen. Deutschland ist im Weltmaßstab eines der reichsten Länder. Sehr viele Menschen anderswo haben viel weniger als die Menschen hierzulande und könnten sich durch eine Einwanderung nach Deutschland in ihrer Lage massiv verbessern. Da es außerdem sehr viele Menschen (etwa 6 von 7) in ärmeren Ländern gibt, ist auch dafür gesorgt, daß selbst ein geringes Interesse als Rate (historisch hoch wäre etwa 1% der Bevölkerung pro Jahr, die auswandern) durchaus zu hohen Zahlen führen kann.

Antwort 2

Es würde sich nicht viel ändern.

Diejenigen, die das vorherige Argument entwickelt haben, wundern sich darüber, daß jemand die Schlußfolgerung bezweifeln kann, daß sehr viele kommen würden. „Wundern“ ist dabei meist sogar ein zu milder Ausdruck: sie würden an der Zurechnungsfähigkeit desjenigen zweifeln, der meint, daß sich durch eine Grenzöffnung nur wenig ändert und die Zahl der Einwandernden im bisherigen Rahmen bleibt, ja netto vielleicht sogar niedriger als heute ausfällt. Schließlich gibt es eine immense Nachfrage, die auch nachvollziehbar ist. Dennoch hat auch derjenige gute Gründe, der eine andere Antwort gibt, wie etwa der Migrationsforscher Hein de Haas.

Schärfere Grenzkontrollen und Befestigungsanlagen an der Grenze, das ist die Erfahrung, die immer wieder gemacht worden ist, führen nicht unbedingt zu einer geringeren Anzahl an Einwanderern, sondern sogar oft zu einer höheren. Das wirkt auf den ersten Blick unplausibel, ist es aber nicht, wenn man sich folgenden Mechanismus vergegenwärtigt:

Viele, die kommen, bleiben nur eine gewisse Zeit. Wenn sie leicht wiederkommen können, kehren sie in ihr Heimatland zurück, wenn sich die Beschäftigungslage ungünstig entwickelt. Sie kommen wieder, wenn es besser aussieht. Wenn nun die Kontrollen verschärft werden, wird es schwieriger wiederzukommen. Diejenigen, die schon im Land sind, sitzen damit fest. Sie stehen vor der Wahl, länger zu bleiben oder zurückzukehren. Entscheiden sie sich für das letztere, dann vergeben sie ihre Chancen im Land und finden es bei einer Verschärfung des Grenzregimes schwieriger wiederzukommen.

Auch für neue Einwanderer steigen die Kosten, ins Land zu kommen. Sie müssen deshalb einen längeren Aufenthalt ins Auge fassen, damit sich der Schritt lohnt. Durch die reduzierte Rückkehr und die längere Perspektive kann von daher der Bestand durchaus ansteigen, anstatt zu fallen, wie man es auf den ersten Blick erwarten könnte. Und wie gesagt, das ist keine theoretische Spekulation, sondern ein oft festgestellter Zusammenhang.

Ein Beispiel hierfür wäre etwa die Politik der EU rund um das Mittelmeer.

Vor der Einführung des Schengenraums kamen Menschen vor allem aus Nordafrika, aber auch anderen Ländern weiter südlich oder aus dem Mittleren Osten in Länder wie Italien und Spanien, um dort zu arbeiten. Die Kontrolle war lax und so war es recht einfach, mit Schifferbooten über das Mittelmeer zu fahren, aber bei Bedarf auch wieder zurückzukehren. Es entwickelte sich eine „zirkuläre Migration“, bei der die einen kamen, aber auch andere gleichzeitig wieder gingen.

Mit der Einführung des Schengenraums wurde vereinbart, daß anstatt zwischen den Schengenländern nunmehr an den Außengrenzen kontrolliert werden sollte. Daraufhin stellte sich der oben erläuterte Effekt ein. Eine ähnliche Entwicklung gab es auch für die Grenze zwischen den USA und Mexiko.

Wenn man diese Beobachtung rückwärts laufen läßt, dann sollte man erwarten, daß mit weniger Grenzbefestigung und Kontrolle sogar weniger Menschen im Land sein könnte. Ob es nun wirklich ein Absinken gäbe, ist für das zweite Argument gar nicht mal entscheidend. Es würde ja nach Aussage durchaus reichen, wenn es zu keiner großen Veränderung kommt. (Es gäbe allerdings einen großen Unterschied: diejenigen, die das Mittelmeer überqueren, würden das auf viel sicheren Wegen tun als heute, wie es auch vor der Einführung des Schengenraums der Fall war.)

Für manchen Vertreter der ersten Antwort ist das unfaßbar: Schließlich muß es doch Hunderte Millionen Menschen in Afrika geben, die an einer Einwanderung interessiert sind. Dafür sorgt allein das enorme Wohlstandsgefälle. Die Grenzen weniger oder gar nicht zu patrouillieren, würde dann doch eine wahre „Flut“ oder „Lawine“ auslösen! Millionen warten schon in Afrika darauf! Usw.

Wie kann man diesen Widerspruch auflösen?

Die Antwort ist relativ einfach. Beide Seiten haben ja plausible Argumente.  Vielleicht redet man einfach über unterschiedliche Situationen. Und das ist auch so.

Alles hängt nämlich daran, wie schon eingangs bemerkt wurde, was man unter „Grenzen öffnen“ genau versteht. Der Begriff ist zwar suggestiv, aber nicht unbedingt selbsterklärend.

Im ersten Fall bedeutet „Grenzen öffnen“, daß jemand legal in eine Land einreisen darf, sich dort eine Unterkunft suchen und anmieten oder auch kaufen darf und in dem Land auch seinen Unterhalt verdienen darf. Wie man an dieser Erklärung sieht, stellte die schiere Überquerung der Grenze nur einen Teil des ganzen Ablaufs dar. Und entsprechend kann es Behinderungen dieser Freizügigkeit an jedem der einzelnen Schritte geben, und nicht etwa nur an der Grenze selbst.

So wird inländischen Vermietern oder Hausverkäufern verboten, an jemanden zu vermieten, der nicht legal eingewandert ist. Ebenso wird einem inländischen Arbeitgeber verboten, so jemanden zu beschäftigen. Selbst wenn er sich irgendwo einmieten könnte, würde es ihm also an den Mitteln für seinen Unterhalt mangeln, was für die meisten bedeutet, daß sie sich nicht im Land halten können. Außerdem kann man natürlich auch jemanden, der keinen legalen Status hat, aufgreifen und abschieben. Hinzu kämen noch Behinderungen durch Verbote für den Transport, wenn etwa eine Fluggesellschaft jemanden nicht befördern darf, oder bei fast jeder bürokratischen Hürde von der Kontoeröffnung über die Einrichtung eines Telefons bis zum Abschluß einer Versicherung, usw.

Es ist leicht vorstellbar, daß die Kombination aus der Möglichkeit, abgeschoben zu werden, keine legale Unterkunft und keine legale Arbeit haben zu können, usw., die Möglichkeiten von Einwanderern massiv einschränkt, ohne daß an der Grenze überhaupt kontrolliert würde, so massiv, daß nur relativ wenige sich im Land halten könnten.

Erreichen die illegalen Einwanderer im Land einen nennenswerten Anteil an der Gesamtbevölkerung, dann wird es selbst für die unfähigste Polizei leicht, sie aufzuspüren und abzuschieben. Wenn jeder 10. oder gar jeder 2. ein illegaler Einwanderer wäre, bräuchte man dazu bloß ein paar Leute auf der Straße oder sonstwo zu kontrollieren, um fündig zu werden.

Und wenn jemand nur illegale Unterkünfte nutzen kann, dann ist er auf einen viel kleineren Markt verwiesen als andere, die einen legalen Status haben. Jeder solche Vermieter müßte ja mit Sanktionen rechnen. Er würde sich also auf jeden Fall für das Risiko auch eine Prämie ausbitten. Ganz analog ist es mit den Arbeitgebern, die trotz Verbotes illegale Einwanderer beschäftigen. Auch sie würden eine Prämie verlangen. Damit schwinden aber die Möglichkeiten, für illegale Einwanderer, sich im Land zu halten. Es gibt nur eine begrenzte Aufnahmemöglichkeit für illegale Einwanderer bei Durchsetzung aller Behinderungen, selbst ohne Behindung an der Grenze.

Es ist von daher einsichtig, daß bei einem Vorgehen gegen illegale Einwanderer, wie es in reichen Ländern üblich ist, deren Anteil an der Gesamtbevölkerung nicht sehr hoch werden kann, ganz unabhängig davon, wie das Grenzregime ausgestaltet ist. Für Deutschland wurde die Zahl vor gut 10 Jahren auf etwa 1,3 Millionen geschätzt (Cyrus, Seite 8), was weniger als 2% der Gesamtbevölkerung entspräche. Selbst die vermuteten 11 Millionen Illegalen in den USA machen nur etwa 3% der Einwohnerschaft aus. Das ist um Größenordnungen weniger, als die Umfragen von Gallup anzeigen würden.

Vielleicht sind schon einfach so viele da, wie sich überhaupt halten können? Ein schärferes Regime an der Grenze würde vielleicht auf kurze Sicht einige festsetzen und so zu höheren Zahlen führen. Ob sich auf Dauer wesentlich etwas verschiebt, ist solange unklar, wie die Maßnahmen im Inland gegen die illegalen Einwanderer weiter durchgeführt werden und die wirktliche Behinderung darstellen. Über das Vorzeichen kann man sich streiten, aber es ist nicht unplausibel, daß die Größenordnung für Veränderungen bei einem restriktiveren oder weniger restriktiven Grenzregime eher gering ausfallen sollte, weit unter dem Niveau der ersten Antwort.

Der wichtige Punkt dabei ist allerdings: Das gilt nur, solange diejenigen, die kommen, keinen legalen Status haben und mit all den Behinderungen durch Abschiebungen, illegale Unterkünfte, illegale Beschäftigung, usw. zurechtkommen müssen. Oder anders gesagt: Solange jemand nur mit einem illegalen Status kommen kann, werden nicht so viele kommen. Worüber derjenige spricht, der die zweite Antwort gibt, ist deshalb eine Grenzöffnung in einem ganz engen, wenn auch plastischen Sinne: Abbau von Grenzanlagen, geringere oder keine Kontrolle an der Grenze, aber mit weiterhin allen anderen Behinderungen im Inland für diejenigen, die keinen legalen Status haben.

Und anders sähe es natürlich aus, wenn man auch auf die anderen Behindungen verzichtete, womit de facto oder sogar de jure eine legale Einwanderung möglich wäre. In diesem Fall ziehen die Argumente zur ersten Antwort, und ja, es wäre damit zu rechnen, daß dann sehr viele kommen .

Illustriert wird das auch durch die Entwicklung in den letzten Jahren. Die Zahlen für diejenigen, die niemals über einen illegalen Status hinauskommen konnten, sind nicht wesentlich gewachsen. Aber es gab Gruppen, die durchaus die Möglichkeit hatten, einen legalen Status zu erlangen, nämlich vor allem als Flüchtlinge vor Kriegen und Bürgerkriegen.

Fazit

Die Kontrolle an der Grenze stellt höchstens einen Teil der Behinderungen dar, denen sich Einwanderer gegenübersehen. Vermutlich sind die Behinderungen durch einen illegalen Status (Abschiebungen, Unterkünfte, Arbeit, usw.) wesentlich einschneidender.

Wenn das so ist, dann ist von einer Veränderung des Grenzregimes, egal in welcher Richtung, solange nicht viel zu erwarten, wie die anderen Behinderungen das Übergewicht haben.

Der Anteil an Menschen, die sich bei der in reichen Ländern üblichen Kontrolle und Durchsetzung illegal im Land halten kann, ist notwendig ein kleiner Anteil der gesamten Bevölkerung. Damit ist der Bestand an Illegalen recht begrenzt bei wenigen Prozent der Bevölkerung, vermutlich sogar dann, wenn es keine Kontrolle an der Grenze gäbe.

Wenn zirkuläre Wanderung eine wesentliche Rolle spielt, und das ist plausibel, wenn Illegale sich nur schwer im Land halten können und lange von ihrem Umfeld getrennt sein müssen, dann kann ein schärferes Grenzregime unerwarteterweise sogar zu mehr illegalen Einwanderern im Land führen. Umgekehrt kann eine Lockung zu einem geringeren Bestand führen.

Anders verhält es sich, wenn Menschen die Möglichkeit auf legale Einwanderung haben, bei der sie nicht in vielen anderen Hinsichten behindert werden. In dem Fall kann es durchaus sehr viele Einwanderer geben, ohne weiteres auf oder sogar über dem Niveau der bisherigen Bevölkerung (wenigstens auf mittlere und längere Sicht).

Hinweis

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Werden die Wahlen in den USA doch noch spannend?

Wir waren wohl fast die einzigen, die das letzte Mal Gary Johnson gecovert haben, als er 2012 als Präsidentschaftsbewerber der Libertarian Party ins Rennen ging. Letztlich bekam er nur etwa 1% der Stimmen und spielte keine Rolle bei der Entscheidung. Von daher gestehen wir ein, daß wir massivem Wunschdenken in unseren Artikeln verfallen waren.

Auf die Gefahr es wieder zu tun: Diesmal könnte Gary Johnson durchaus eine Chance haben, zumindestens den Ausschlag zu geben. Denkbar, aber deshalb natürlich nicht unbedingt sehr wahrscheinlich, wäre sogar, daß er selbst in die engere Wahl kommt. Die ersten greifbaren Zahlen sind jedenfalls dazu angetan, Gary Johnson nicht, wie Donald Trump es bereits ihm anzuheften versuchte, als einen „Fringe“-Kandidaten abzutun. Allein daß sich Trump so früh bereits Mühe gibt, den Konkurrenten unmittelbar zu attackieren, spricht Bände, wie wenig entspannt er in der Richtung sein kann. Die Reaktion von Johnson auf Trump war souverän und durchaus medienwirksam (siehe auch das ganze Interview bei CNN, in dem sich der sonst etwas hibbelige Johnson für seine Verhältnisse recht gut schlägt).

Nach Umfragen kann Gary Johnson, dessen Bekanntheit immer noch äußerst gering ist, durchaus punkten. Vermutlich erhält er dabei auch viel Zustimmung von denen, die ihn gar nicht kennen und eigentlich nur „jemand anders“ haben möchten. Mit diesem Vorbehalt sind die Ergebnisse allerdings immer noch weit beeindruckender als vor vier Jahren: mehrere Umfragen zeigen eine Zustimmung um die 10%. Das ist zwar noch nicht genug, um später im Jahr bei den Debatten dazugenommen zu werden — dazu bräuchte Johnson mehr als 15% — aber es ist auch nicht so weit davon entfernt, daß es nicht erreichbar scheint. Das war 2012 doch ganz anders.

Bis vor ein paar Tagen hing es noch in der Luft, ob Gary Johnson überhaupt von der Libertarian Party nominiert werden würde. Noch unsicherer war das für seine Wahl eines Vizepräsidentenkandidaten William Weld, was besonders im letzteren Fall durchaus seine Gründe hatte. Letztlich hat es dann doch geklappt, weil die Partei sich im Klaren war, daß man mit einem Duo von zwei in ihren Staaten populären Ex-Gouverneuren eine echte Chance hat, in der Debatte mitzumischen.

Wir steigen deshalb nun auch mit der Berichterstattung ein, die ab jetzt interessant zu werden verspricht oder von der wir das wenigstens erhoffen. Weitere Berichte folgen.

Stay tuned …

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Da’esch (a.k.a. Islamischer Staat) auf dem absteigenden Ast

Um es vorwegzunehmen: es sieht so aus, als wenn Da’esch (a.k.a. Islamischer Staat) nur noch ein paar Monate vor sich hätte als ernstzunehmende militärische Organisation und damit auch als „Staat“ mit faktischer Souveränität über ein größeres Gebiet. Als Markenzeichen für gescheiterte Rapper, die mit einem Küchenmesser loslaufen oder rumballern, wird man vielleicht etwas langlebiger sein.

Wie kommen wir zu dieser Einschätzung? Uns führt dazu folgende Auswertung:

Wir haben uns die Daten zu allen bisherigen „Schlachten“ von Da’esch aus Wikipedia heruntergeladen. „Schlachten“ deshalb in Anführungsstrichen, weil es sich zumeist um eine sehr blumige Ausdrucksweise handelt. Unter normalen Umständen würde das wohl eher als Gefecht oder sogar nur als Scharmützel bezeichnet werden. In einigen Fällen könnte man es auch einen Schußwechsel nennen.

Wir haben nun alle Schlachten herausgefiltert, für die ein Ergebnis bekannt ist. Insgesamt sind as 151 über die letzten zwei Jahre. Und dann haben wir eine Schätzung durchgeführt, wie hoch die Rate war, daß Da’esch eine Schlacht gewinnt. Dazu haben wir Mittelwerte über 11 Werte genommen (zentriert um eine Schlacht, die ersten zehn sind nicht dargestellt, deshalb geht die untere Skala nur bis 141). Das ist die blaue Linie. Wir haben dann wiederum Mittelwerte über 11 Werte für die Mittelwerte genommen (wieder zentriert, also zusammengenommen eine Glättung mit einem Hutkern). Das führt zur roten Linie. Zusätzlich haben wir daran eine Gerade angepaßt, die schwarze Linie (oben rechts die Gleichung, die Gerade fällt mit etwa einem Drittel Prozent pro Schlacht ab):

Abstieg

Das Ergebnis:

Da’esch hatte einen für sie recht guten Lauf am Anfang. Kurzzeitig konnte man fast alle Schlachten gewinnen (im Mittel über 11 genommen). Auf einer etwas längeren Skala (die rote Linie) schaffte man aber selbst da nur eine Quote von etwa zwei Dritteln. Von der Kampfstärke lag man vermutlich sogar noch darunter, der Rest war etwas Anfängerglück.

Von da an ging es immer weiter bergab. Nur ganz kurz konnte man vor etwa einem Jahr (ungefähr April 2015, die Schlachten sind nach ihrem Beginn sortiert) noch einmal eine Quote von 50/50 erreichen. Seitdem ist die Ausbeute stark gesunken, sodaß man nur noch etwa jede vierte, aktuell vielleicht noch knapp jede dritte Schlacht, die man beginnt, auch gewinnt. Man bekommt es also recht ordentlich auf die Mütze.

Der Abwärtstrend ist ziemlich deutlich. Sieht man den Anstieg am Ende eher als letztes Aufgebot à la „totaler Krieg“ und die schwarze Linie als den tatsächlichen Zustand an, dann gewinnt Da’esch eigentlich mittlerweile fast gar nicht mehr. Die schwarze Linie würde nach etwa dreißig weiteren Schlachten die Null erreichen. Das wäre in etwa einem halben Jahr.

Interessant ist auch der Zusammenhang mit den Anschlägen von Da’esch in Europa. Bis 2015 bot man eigentlich nur völlige Dilettanten auf, die mit Messern oder Autos ohne jegliche Organisation und wohl auch ohne zentrale Steuerung loslegten. Im Januar 2015 ballerte dann Amedy Coulibaly parallel zum Attentat auf Charlie Hebdo (von Al Qa’eda durchgeführt) herum. Auch das wirkte reichlich unorganisiert.

Der erste Anschlag mit einer gewissen Planung waren die Attenate in Paris im November 2015. Der Organisationsgrad war immer noch eher gering: Man hatte sich Waffen besorgt und war in der Lage, Sprengstoff herzustellen und mit Zündern zu Westen zu verarbeiten. Der Zeitpunkt entspricht dem zweiten Mal, wo die blauen Linie auf die Null schlägt. Mit anderen Worten: Da’esch verlor um die Zeit regelmäßig jede Schlacht. Natürlich war man nervös, dafür irgendwoanders zu punkten.

Die Anschläge in Brüssel sind vermutlich eine Panikreaktion, weil man nach den kurz vorher erfolgten Verhaftungen kaum noch Zeit zu haben meinte. Wie es ausschaut, hatte die kleine Gruppe nur einen, der Sprengwesten herstellen konnte. Und der hat sich wohl selbst bei der Aktion in die Luft gesprengt. Mehr Information braucht man eigentlich nicht, um die Selbsteinschätzung zu verstehen, daß man am Ende ist.

Natürlich wird man, wenn die Schrottpresse im Irak und in Syrien Da’esch in ein handliches Format preßt, noch den ein oder anderen halbgaren Plan in unseren Breiten ausführen. Auch Dilettanten können dabei mit den entsprechenden Waffen einiges anrichten. Vermutlich wird man aber bei dem desolaten Zustand und mit der Strafverfolgung im Nacken nur noch wenig hinbekommen. Und tschüß!

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Ja, das neuste meiner Lieder

von Wippchen (a.k.a. Julius Stettenheim), 1894

Wippchen

Ja, das neuste meiner Lieder,
Heute noch muß es entstehn.
O, wie macht der Lenz doch wieder
Uns’re Residenz so schön!

Mögen Andre sagen, daß der
Lenz am schönsten sei im Frei’n,
Auch auf unserm Asphaltpflaster
Blüht’s und sprießt’s im Sonnenschein.

Lobt Ihr Andern Eure Felder,
Lobe Jeder, was er liebt,
Seht doch, links vom Feuermelder,
Seht doch, was es dorten giebt!

Die Trinkhalle [1], die bis heute,
Da der Frühling zu uns drang,
Nichts als Blätter für die Leute
Hatte, wohl sechs Monat lang,

Die Trinkhalle ob’s nun kälter
Wieder wird, ob heiß, Hurrah!
Heute schenkt sie wieder Selter [2]
Ja, der Frühling, er ist da!

Fußnoten

[1] Ausschank, in dem man ein Getränk im Stehen zu sich nehmen kann.

[2] Mineralwasser aus Selters.

Das Gedicht ist dem Band „Wippchen’s Gedichte – Neue Folge“ von 1894 entnommen, das bei Libera Media neu erschienen ist:

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Libertarismus und Wohlfahrtsstaat

Nur als kurzer Hinweis auf eine interessante Diskussion, die sich entwickelt:

Bryan Caplan ist darüber irritiert, daß sich verschiedene Libertarier wohlwollend oder wenigstens nicht so ablehnend zum Wohlfahrtsstaat stellen, wie er es erwarten würde. Er stellt dazu seine Argumente gegen den Wohlfahrtsstaat auf drei Stärkestufen zusammen:

Libertarianism Against the Welfare State: A Refresher

Ihm antwortet Matt Zwolinski bei den Bleeding Heart Libertarians, der sich auch angesprochen fühlen sollte:

Libertarianism and the Welfare State

Interessant ist dabei auch der zitierte Artikel: Libertarianism and the Welfare State

Arnold Kling fügt seinerseits einige Bemerkungen hinzu:

Libertarians and the Welfare State

Vermutlich wird Bryan Caplan bald antworten …

Veröffentlicht unter Aktuelles, Liberalismus, Theorie, Wohltätigkeit | Hinterlasse einen Kommentar

Lachen gefährdet Ihre Gesundheit

Es gibt die Werke unseres Haussatirikers Henning Helmhusen jetzt auch als Buch bei Libera Media (erhältlich über Amazon):

Helmhusen Lachen klein 4
In dem Band sind Satiren und Aphorismen aus zwei Jahrtausenden versammelt, von denen viele nur noch schwer zu finden sind. Hier ist das Inhaltsverzeichnis:

Lachen gefährdet Ihre Gesundheit
Warum es so schwer sein kann, über Gefühle zu reden
Ein anderes Wetter ist möglich
Das Schöne an Weihnachten
„Mir passieren immer die witzigsten Dinge!“
Dosenpfand
Satan sei mit Euch
Er starb für Deutschland
Das Problem mit deutschem Hiphop
Kritische Solidarität mit Amiland – eine Fernsehdiskussion
Jammern auf höchstem Niveau
Rentenformel
Klaus Lage wird hundert
Nahles besteht auf Mindestlohn auch für die Bundesliga
Konsensgespräche gescheitert
Islamisierung made in Sachsen
Wollt Ihr das totale Recycling?
Also sprach Roman Herzog
Natürlich darf man auf AfD-Politiker schießen
Steueroasen schließen
Endlich kümmert sich jemand drum
Merkel und Hollande einigen sich auf Rettungspaket für die DDR
Über den Mut, ein Vorbild zu sein
Laßt tausend Ämter blühen
Paradox
Bricht die DM-Zone auseinander?
Schwarze Weihnachten
Neue Quiz-Show mit Wolfgang Schäuble
Antikapitalistischer Stammtisch
Das Geheimnis der schwäbischen Grünen
Das ist pervers
Futtern wie bei Führern
Der Umwelt zuliebe
Niedecken schreibt Rockoper über Kohl
Oktoberrevolution 1917
Rettet den Staat
Schlußstrichdiskussion
Grundversorgung ohne Grenzen
Mich täuscht man nicht
Mein langer Kampf zu mir selbst
Grüne Prinzipien
Öko-Auto fährt nur mit Wasser
Lücke im Grundgesetz
Islamistische Machtübernahme: so einfach gehts!
Der gläserne Bürger hat einen Splitter im Auge
Freibier für alle
Steuergerechtigkeit
Verbietet endlich Facebook!
Die Macht des Geldes brechen
Der Staat liebt Dich
Hitparade der deutschen Dschihadistennamen
Hit the Road, Che!
Leinwand bleibt unser
Die Sünden des Kapitalismus
Katholische Kirche gibt Geld für Prachtbauten aus!
Kapitalismus am Ende
Die größten Zapfenstreiche aller Zeiten
Ratschlag
Mögen die meisten gewinnen!
Geschmack
Aktion Sorgenkanzler
It‘s a Man‘s World
Die allerneuesten Beitrittsländer
Business-Idee
Die Hölle des brutalen Marktes
Maastricht-Kriterium
Das Handwerk des Satirikers
Der Mauerschwindel
Die Yacht ist voll
Die Phantasie an der Macht
Das gerechte Orchester
Pay-TV
Gerechtigkeitssinn
Die Invasion der Bierflüchtlinge
In tiefer Sorge um die Schöpfung
Modetanz
Was morgen geschah
Das kann nur der Staat
Untergang für „Der Untergang“
Nichts ist möglich, Wartburg!
Die große Politik
Du ißt, was Du bist

Warnhinweis

Lachen kann zu Verspannungen des Zwerchfells und zu Faltenbildung führen. Langzeitlacher haben nach wissenschaftlichen Untersuchungen ein erhöhtes Risiko, sich tot zu lachen. Denken Sie auch an Ihre Mitmenschen, die Sie durch Lachen anstecken können. Besonders Kinder und Schwangere sind durch Passivlachen gefährdet.
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Natürlich darf man auf AfD-Politiker schießen

von Henning Helmhusen

Ein Aufschrei ging unlängst durch das Land, als Frauke Petry, Parteivorsitzende der Alternative für Deutschland, eine Binsenwahrheit aussprach: die deutsche Polizei, ja jeder Bürger hat das Recht, sich in einer Notwehrsituation zu verteidigen oder jemandem in Nothilfe beizustehen. Wenn es angemessen ist, darf er das sogar mit einer Schußwaffe tun, und selbstverständlich auch, wenn der Angreifer ein AfD-Politiker ist. Doch solche differenzierten Argumente verhallen in der aktuell sehr hysterischen Debatte leider ungehört. Als Frauke Petry dann auf Nachfrage noch ergänzte, daß Notwehr auch gegen weibliche und minderjährige AfD-Politiker zulässig sein kann, war der Skandal perfekt.

Die Alternative für Deutschland ruderte schnell zurück. So präzisierte Beatrix von Storch, daß zwar der Schußwaffengebrauch gegen AfD-Politikerinnen rechtens sei, aber nicht gegen Kinder. Doch man muß hier schon fragen: Ist das wirklich so? Stellen wir uns einmal ein Szenario vor, wo ein r-strategischer AfD-Politiker eines seiner zahlreichen Kinder, das er vermutlich nur zum Bezug von Kindergeld hat, mit einer Sprengweste bekleidet, deren Zünder er über eine Fernbedienung auslösen kann. Er schickt nun das Kind in ein Asylbewerberheim, und die einzige Möglichkeit für die Polizei ist es, das Kind durch einen finalen Rettungsschuß auszuschalten. Dürfte die Polizei das? Ich denke die Antwort muß „ja“ lauten, so schwierig die moralischen Abwägungen dabei auch sein mögen. Etwa: Wieviele Hundert Asylbewerber mit einem durchschnittlichen IQ von 70 darf man für ein deutsches Kind mit einem IQ von 100 opfern? Und was ist, wenn das Kind zusätzlich blond ist und die Asylbewerber im Schnitt nur einen IQ von 50 haben?

Justizminister Heiko Maas wies erwartungsgemäß sofort darauf hin, daß durch die Zusammennennung von Verbrechen und AfD-Politikern suggeriert werde, daß alle AfD-Politiker Verbrecher seien. Das sei in der Regel nicht so, und man müsse aufpassen, daß hier nicht mit leichtfertigen Parolen wie „es ist schon wieder fünf vor 1933“ eine Pogromstimmung geschürt werde. So nachvollziehbar die Sorge ist, so wackelig ist das Argument. Niemand behauptet, daß AfD-Politiker alle Verbrecher sind. Aber es darf wohl erlaubt sein, darauf hinzuweisen, daß es einen Zusammenhang geben kann. Die Möglichkeit, daß ein AfD-Politiker kriminell wird, besteht immer. Wer ein solches Restrisiko rundweg bestreitet, zumal wenn er als Minister für das Recht zuständig ist, der setzt die Bevölkerung einer Gefahr aus, deren Ausmaß kaum zu ermessen ist. Was wenn sich unter den Millionen Anhängern der AfD doch eine kleine Zahl von schweren Gewalttätern befinden würde? Wollte Herr Maas dann die Verantwortung für deren Verbrechen übernehmen? Wohl kaum.

Um die Diskussion zu entspannen, möchte ich folgendes vorschlagen: In der Berichterstattung über Verbrechen wird leider die AfD-Parteizugehörigkeit des Täters von den Medien viel zu oft unterdrückt. Dadurch ruft man den Verdacht hervor, als wenn es eine hohe AfD-Kriminalität zu verheimlichen gäbe. Daß es irgendeinen Zusammenhang zwischen AfD und Verbrechen gibt, ist ja unbestritten. Nehmen wir aber trotzdem einmal an, daß die Anhänger der Alternative für Deutschland genauso brav wie alle anderen wären. Bezogen auf ihren Anteil von 12% der Bevölkerung nach gegenwärtigen Umfragen sollten damit etwa 80 Tötungsdelikte pro Jahr auf sie entfallen. Wie wäre es, wenn bei jedem Bericht über ein grausames Verbrechen einfach die politische Richtung des Verdächtigen mitvermerkt wird? Es hieße dann „der AfD-Wähler folterte das Kind zu Tode“ oder „das AfD-Mitglied vergewaltigte das Opfer und tötete es anschließend, um die Tat zu vertuschen“. Wenn eine solche Nachricht ein bis zwei Mal pro Woche durch die Presse ginge, dann könnte jeder unvoreingenommene Leser sich sofort ein Bild machen und schließen, daß die Anhänger der Alternative für Deutschland nur ganz durchschnittlich gewalttätig sind. Verschweigt man hingegen die AfD-Parteizugehörigkeit, so bauen sich die Ängste in der Bevölkerung fast beliebig auf. Eine Kennzeichnungspflicht sollte somit auch im Sinne der Alternative für Deutschland liegen.

Ganz unabhängig davon muß man aber auch die Sorgen von jedem ernst nehmen, der sich in einer unbestimmten Notwehrsituation sieht, etwa weil er meint, daß der deutsche Staat wegen einiger Hunderttausend Menschen vor dem Zusammenbruch steht mit Massakern und Bürgerkrieg in der nahen Zukunft. Bei einer solchen Gefahrenlage ist natürlich rasches Handeln angesagt, das nicht durch Überlegungen gehemmt werden sollte, ob die Behauptung überhaupt stimmt. Und wenn sich auch noch der uneinsichtige Staat weigert, tätig zu werden, dann ist es nur allzu verständlich, daß das Volk seine Notwehr selbst in die Hand nehmen will. Doch wie oft haben wir es schon erlebt, daß es ihm dabei einfach an der nötigen Kaltblütigkeit und Brutalität mangelt, weil es Skrupel hat oder nicht sicher ist, ab wann man zurückschießen darf! Hier wirkt ein klärendes Wort oft Wunder. Und deshalb kann man Frauke Petry und Beatrix von Storch nur danken, daß sie die prinzipielle Rechtfertigung mit juristischem Sachverstand geliefert haben: Ja, man darf auf AfD-Politiker schießen. Der Rest steht im Kleingedruckten und wurde im Zweifelsfall immer aus dem Zusammenhang gerissen.

Hinweis

Bei Libera Media gibt es kommentierte Neuauflagen zum Thema Freizügigkeit und Asylrecht (erhältlich über Amazon, einfach auf das Bild klicken):

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Islamisierung made in Sachsen

von Henning Helmhusen

Bei der Islamisierung des Abendlandes kann man gar nicht paranoid genug sein. So deckte letztes Jahr etwa PI-News auf, wie der Schokoladenhersteller Lindt „den Advent islamisiert“. Auf den ersten Blick könnte man vielleicht meinen, daß ein orientalisch anmutender Adventskalender moslemische Kinder mit Schokolade anfixen und so der Christianisierung des Morgenlandes zuführen soll. Doch dazu müßte man ein selten naiver Gutmensch sein, der immer noch nicht verstanden hat, was gespielt wird. Die Islamisierung ist nämlich überall, besonders da, wo man nichts von ihr mitbekommt.

Umso unverständlicher erscheint es mir, daß noch niemand den wohl mit Abstand größten Coup zur Islamisierung Deutschlands auch nur bemerkt hat. Dabei liegt das Epizentrum sogar mitten in Sachsen, direkt unter der Nase von Pegida. Und wieder geht es darum, schon Kinder und Jugendliche in die islamische Kultur zu locken. Nur bedient man sich diesmal der Literatur als Kampfwaffe im Glaubenskrieg, dem Gottes-Dschihad, wie wir Experten ihn nennen.

Der Drahtzieher der Kampagne kommt hierbei aus Radebeul in Sachsen und hat einen bewegten Lebenslauf. Vieles darin würde ihn eigentlich für eine führende Position bei Pegida qualifizieren: als gescheiterte Existenz sammelte er ein langes Vorstrafenregister an, er saß auch schon einmal im Gefängnis, bis er schließlich sein Talent entdeckte, frei erfundene Geschichten als Tatsachenberichte auszugeben, in deren Mittelpunkt er sich selbst stellte. Doch statt sich dem Kampf gegen die Islamisierung anzuschließen, diente dieser Mann sich dunklen Mächten an.

Ich bin kein Verschwörungtheoretiker und habe auch keine Beweise: aber es ist doch ohne jeden Zweifel so, daß die Hintermänner des Drahtziehers von seinem Vorschlag sehr angetan waren. Was er ihnen nämlich in Aussicht stellte, war ein von langer Hand generalstabsmäßig geplanter Propagandafeldzug, mit dem die deutsche Jugend auf islamischen Kurs gebracht werden sollte. Dazu werde der Mann aus Radebeul eine ganze Serie von Romanen verfassen, die in einem orientalischen Ambiente spielen und in massenhafter Auflage ihre Botschaft immer und immer wieder in die jungen Gehirne träufeln. Binnen eines Jahrhunderts sei damit die Islamisierung Deutschlands unabwendbar. — — —

Da man ja in Deutschland verfolgt wird, wenn man die Wahrheit ausspricht, möchte ich lieber an dieser Stelle schließen und nicht mehr zu diesem ungeheuerlichen Fall sagen. Selbst Vera Lengsfeld scheint sich nicht zu trauen. Das einzige, was mir noch bleibt: Ganz einsam werde ich am nächsten Montag bei Pegida mein selbstgemaltes Schild hochhalten, auf dem steht:

„Frau Merkel, das Volk hat die Schnautse voll von Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah!“

Diese und viele weitere Satiren finden sich auch im neuen Buch von Henning Helmhusen bei Libera Media (erhältlich über Amazon): „Lachen gefährdet Ihre Gesundheit“

Helmhusen Lachen klein 4

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Sogar Dilettanten können unter unbewaffneten Menschen ein Blutbad anrichten

Einige Überlegungen zu den Anschlägen in Paris, die vielleicht noch nicht überall standen:

  • Daß die gescheiterten Rapper wieder mal am Werk waren, ist offensichtlich. In Frage kämen dabei Al Qa’eda oder Da’esch (aka Islamischer Staat). Wir würden denken, daß die allgemeine Einschätzung stimmt, daß es sich um Anhänger von Da’esch handelt. Al Qa’eda verübt in der Regel gut vorbereitete und durchgeplante Attentate auf Ziele mit einem hohen Symbolwert. Da’esch bringt es hingegen nur zu dilettantischen Ballereien, bei denen es um die Tötung von möglichst vielen Menschen geht ohne irgendein spezifisches Ziel.
  • Für Da’esch spricht auch das Bekennerschreiben. Allerdings enthält es zwei Fehler: es ist die Rede von acht Tätern, während es nur sieben waren. Auch gab es keine Anschläge im 18. Arrondissement, wie behauptet wird. Man kann also davon ausgehen, daß der Bekenner höchstens in einem sehr losen Zusammenhang mit den Tätern stand, wenn überhaupt. Insofern läßt sich nicht allzu viel daraus schließen.
  • Wir wären auch recht sicher, daß es keine flüchtigen Täter gibt. Offenbar waren alle Beteiligten mit Sprengladungen ausgestattet, die zum Abschluß gezündet werden sollten. Die Tatserie läßt sich dabei am besten wohl so interpretieren: es gab zwei (nicht wie oft behauptet drei) Teams. Das eine Team bestand aus den drei Attentätern am Stadion, das andere aus vier Attentätern, die sich in einem schwarzen Wagen (es wird sowohl von einem Seat Leon als auch einem VW Polo berichtet, was aber derselbe Wagen sein könnte) von Tatort zu Tatort bewegten. Einer von ihnen war der Fahrer, drei waren mit Kalaschnikoffs bewaffnet und verübten die Anschläge auf die Cafés und Restaurants. Sie kamen zuletzt am Theater Bataclan an. Die drei Bewaffneten drangen dort ein, während der Fahrer, der wohl keine Waffe hatte, sich in ein nahegelegenes Restaurant begab, wo er seinen Sprenggürtel zündete.
  • Daß es noch viele weitere Täter gab, halten wir für unplausibel. Irgendwelche Verbindungen werden sich natürlich finden lassen. Aber offensichtlich sollte hier maximaler Schaden angerichtet werden. Es machte für die Täter von daher keinen Sinn, weitere Kräfte nicht zum Einsatz zu bringen, über die man hätte verfügen können. Für eine kleine Zelle sprechen auch grundsätzliche Überlegungen zur Größe von Zellen in derartigen Organisationen. Eine kleine funktionsfähige Gruppe hat danach eine Zielgröße von acht Mitgliedern (mindestens fünf, maximal neun). Siehe hierzu: The Optimal Size of a Terrorist Network. Das wahllose Rumballern deutet auch auf eine Gruppe mit mangelnder Führung hin, vgl. dazu etwa: Max Abrahms: Explaining Terrorism: Leadership Deficits and Militant Group Tactics.
  • Die Argumente in den zitierten Artikeln zeigen auch, daß Da’esch vermutlich, anders als es aktuell oft dargestellt wird, einen sehr niedrigen Organisationsgrad hat. Die gesamte Planung der Anschläge scheint sich auf die Austeilung von Sprenggürteln und die Zeit zum Losschlagen beschränkt zu haben. Das Team, das mit dem Wagen von Tatort zu Tatort fuhr, mußte zudem noch eine Route auskundschaften, auf der leicht zugängliche Ziele schnell angelaufen werden konnten, bevor man zum eigentlichen Ziel, dem Theater Bataclan, kam. Das sollte sich sogar mit Google Streetview schaffen lassen. Auch wenn es Spekulationen über weitreichende Motive gibt, scheint das Ziel Bataclan eher aus dem Veranstaltungskalender vom Tage herausgesucht zu sein.
  • Der Hauptakt sollte wohl im Stadion stattfinden, was mit der Anwesenheit von Präsident Hollande immerhin einen gewissen Symbolwert gehabt hätte. Die Vorbereitung war hier allerdings sehr mangelhaft. Als der Sprengstoffgurt des ersten Attentäters von einem Sicherheitsmann beim Versuch entdeckt wurde, in das Stadion zu gelangen, zündete der Attentäter seine Ladung und tötete dabei einen (nach anderen Angaben drei) Fußballfans. Die anderen beiden Attentäter waren so verdattert, daß sie sich etwas später nacheinander nur selbst in die Luft sprengten. Einen Plan B hatte man sich nicht überlegt. Daß die beiden Teams ohne Verbindung arbeiteten, könnte auch bedeuten, daß sie wenig mehr als die Uhrzeit abgestimmt hatten. Das würde darauf hinweisen, daß man sich sogar nur auf einer noch kleineren Ebene als der der gesamten sieben Beteiligten traute, Pläne auszuarbeiten.
  • Vielfach wird behauptet, es sei doch ganz einfach, in Frankreich an schwere Waffen heranzukommen. Tatsächlich waren die Täter aber dafür verblüffend schlecht ausgestattet. Offenbar verfügten die drei Täter am Stadion über keine Schußwaffen, sie sprengten sich nur in die Luft. Hätten sie einen Plan B gehabt, dann hätte dieser darin bestehen können, bereitliegende Waffen zu einem gewaltsamen Eindringen in das Stadion zu nutzen. Das war aber nicht der Fall. Die Täter, die die Tatserie in den Cafés bis zum Theater Bataclan verübten, hatten nur drei Kalaschnikoffs und nach einigen Berichten eine unbekannte Anzahl von Handgranaten (wir würden das bezweifeln, weil diese auch bei den Anschlägen auf die Cafés zum Einsatz gekommen wären, was nicht der Fall war). Der Fahrer hatte wohl keine Waffe, weshalb er sich an anderer Stelle in die Luft sprengen mußte, weil er im Theater zu nichts nütze war. Ein Polizist konnte im Theater schon vor der letztlichen Erstürmung einen der Täter erschießen. Dessen Sprenggürtel versagte und zündete erst, nachdem er schon getroffen war. Während der Polizist hier ohne weiteres zum Zuge kam, ballerten die verbleibenden beiden Täter zwar in seine Richtung, aber konnte ihn nicht ausschalten.
  • Das Verblüffendste an dem Geschehen im Theater Bataclan ist eigentlich, wie wenige Menschen die drei und dann die beiden überlebenden Attentäter ermorden konnten. Der Saal soll mit 1500 Menschen ausverkauft gewesen sein. Er befand sich von 20 vor 10 Uhr bis etwa 12 Uhr in der Gewalt der Angreifer, die über Maschinengewehre verfügten. Trotzdem gelang es ihnen in dieser sehr langen Zeit nur, etwa 90 Menschen zu töten. Ob es wirklich auch den Einsatz von Handgranaten gab, kann man bei der geringen Zahl bezweifeln. Die wahrscheinlichste Erklärung ist wohl, daß die Attentäter zu wenig Munition dabei hatten, was noch einmal die dilettantische Planung unterstreicht. Daß man mit schweren Waffen unter Hunderten unbewaffneten Menschen ein schlimmes Blutbad anrichten kann, zeigt keine große Professionalität an. Anders Breivik brachte in einer viel unübersichtlicheren Lage in 75 Minuten alleine 69 Menschen um.
  • Der Dilettantismus geht auch über die wenigen Waffen und die knappe Munition hinaus. Die Sprenggürtel waren gerade noch so wirksam, daß sie die Täter zerfetzten. Der erste Attentäter am Stadion konnte dabei einen (oder nach anderen Angaben drei) Menschen töteten. Der Fahrer des Wagens, der sich in einem Café in die Luft sprengte, verletzte die Bedienung, die bei ihm stand, zwar schwer, schaffte es aber nicht, sie zu töten. Ein Hauptelement der Anschläge verpuffte damit recht buchstäblich. Der Grund könnte darin liegen, daß man nur über eine sehr begrenzte Menge an Sprengstoff verfügte, der auf die sieben Täter verteilt werden mußte. Man war wohl auch nicht in der Lage, diesen Sprengstoff herzustellen; denn es hätte ja nichts dagegen gesprochen, sich kiloweise damit vollzuladen, um die Wirkung zu maximieren.
  • Es wird darüber spekuliert, ob der Montenegriner, der mit Waffen und Sprengstoff in Deutschland aufgegriffen wurde, etwas mit dem Anschlag zu tun hatte. Zunächst einmal würden wir hier empfehlen, jemanden aus dem ehemaligen Jugoslawien zu fragen, ob Zlatko ein typisch moslemischer Name ist (nein). Daß eine Gruppe, die sich wohl noch nicht einmal untereinander vertraut hat, einen derart Außenstehenden in einer so sensiblen Frage bemüht hätte, würden wir bezweifeln. Es ist nicht auszuschließen, aber aus unserer Sicht auf den ersten Blick unplausibel. Daß Horst Seehofer das Thema dennoch offensiv ansprach, hat wohl andere Gründe. So eine Gelegenheit darf man eben nie auslassen.
  • So schrecklich die Anschläge sind und so traurig dies für Opfer, ihre Angehörigen und Freunde ist, kann man doch das Positive darin sehen, daß Da’esch sich auf diese Weise als selten unfähige Organisation ausweist. Wenn man in Syrien und dem Irak in einer Schrottpresse sitzt, deren eiserne Wände man langsam zu spüren bekommt, sollte man eigentlich meinen, daß Da’esch dort alle Kräfte konzentriert, um den Brückenkopf zu halten. Stattdessen verzettelt man sich in anderen Ländern, wo man nicht einmal einen Organisationsgrad oberhalb von 10 Personen hinbekommt.
  • Ansonsten begreift Da’esch auch nicht, warum Terrorismus eine fast garantierte Versagerstrategie ist. Hierzu würden wir die Arbeiten von Max Abrahms empfehlen, deren Vorhersagen wieder einmal zu beobachten sein werden. Wenn Da’esch sich einbildet, daß sich Frankreich nun aus Syrien und dem Irak heraushält, ist man ziemlich falsch gewickelt. Wohl kein Land wird sich dort so engagieren. Daß man bereits eine Annäherung zwischen dem Iran, den USA und Rußland zuwege gebracht hat, zeigt die strategische Unfähigkeit auch der obersten Führung von Da’esch. Vielleicht ist das aber auch der wahre Hintergrund für die Attentate in Paris: man eilt in seinem Kernbereich von Niederlage zu Niederlage (zum Beispiel hier, hier, hier, hier, hier und hier). Durch die Aktion kann man davon einmal ablenken und einen Achtungserfolg bei seinen Anhängern erringen, daß man überhaupt noch irgendetwas hinbekommt.

Update

Unsere Vermutung war wohl nicht richtig, daß es sich bei dem VW Polo und dem Seat Leon um dasselbe Auto handelte. Es wurde von den Tatorten entfernt ein schwarzer Seat Leon sichergestellt, in dem sich Kalaschnikoffs befanden. Das würde bedeuten, daß es weitere Täter gab, die entkommen sind. Wir würden vermuten, daß diese zusammen mit den Insassen des VW Polos an der Serie der Attentate auf die Cafés und Restaurants beteiligt waren und sich kurz vor Schluß abzweigten. Das würde auch die knappen zeitlichen Abstände zwischen dem letzten Anschlag und dem Angriff auf das Theater Bataclan erklären. Eine solche Aufsplitterung macht eigentlich keinen Sinn. Vielleicht hat man sich einfach verloren und war dann unfähig, einen neuen Plan zu fassen. Denkbar wäre, daß wie bei der anderen Gruppe recht schnell die Munition ausging. Daß an den Anschlägen auf die Cafés und Restaurants mehr Täter beteiligt waren, würde auch die vergleichsweise hohe Opferzahl erklären.

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Dieses Zitat kann man gar nicht oft genug bringen

Julius Otto Ludwig Möller (Deutsch-Freisinnige Partei) am 15. Januar 1886 im Reichstag:

„Denn leider habe ich ja lieblose Aeußerungen hören müssen wie die: „Was gehen uns jene Fremden an? wer hat sie überhaupt geheißen, hierher zu kommen?“ Ich will nun freilich die Frage ganz unerörtet und unentschieden lassen, ob diese Leute einen geschriebenen Satz des Völkerrechts zu ihrem Schutze anrufen könnten; das aber weiß ich doch, daß es ein Recht gibt älter und heiliger als alle geschriebenen Satzungen und Verträge, ein Recht, das schon heilig gehalten worden ist im Anfange aller Kultur: das Gastrecht! Und ich meine, daß es eines Volkes, welches, wie das deutsche, mit Recht stolz ist auf seine Kultur und seine Humanität, am allerwenigstens würdig sein kann, dieses alte heilige Recht zu verletzen oder auch nur ohne den entschiedensten Widerspruch verletzen zu lassen.“

Zum Hintergrund siehe: Einwanderungsland Preußen

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