Verdächtigungen der offiziösen Presse

Kladderadatsch, 22. Februar 1863

Aus der Gegend von Thorn. So eben ist wieder ein polnischer Emissär verhaftet worden. Man fand bei demselben eine Menge haarscharf geschliffener Messer, Büchsen, Pulver und auch weiße Binden, die höchst wahrscheinlich als geheime Verbindungszeichen benutzt werden sollten. Eine in der Tasche des Emissärs gefundene Namenliste hat zur Entdeckung einer weit verzweigten Verschwörung geführt, in welche Männer aller Stände verwickelt zu sein scheinen. Eine Verstärkung der in unserer Gegend liegenden Truppen dürfte daher dringend geboten erscheinen.

(Officiöse Correspondenz.)

Der Emissär bat gestanden, daß er den auf der Namenliste genannten Häuptern seit längerer Zeit gedient und ihnen Nachrichten aller Art zugetragen habe. Eine Verstärkung der Garnison in unseren kleinen Städten ist nicht länger zu verschieben.

(Officiöse Correspondenz.)

Einem Qbservanten, welcher mit dem verhafteten Emissär in eine Zelle gesperrt worden, sind wichtige Enthüllungen gelungen. Der Emissar — ein unzweifelhaft sehr gefährliches Individuum — sprach davon, daß er hoffe, noch manchen Kopf vors Messer (sic!) zu nehmen, und Mancher werde Haare lassen müssen, der es nicht vorzöge, sich bei Zeiten selber zu scheeren (sic!!) Es wird sich zeigen, daß nur durch einen starken Aderlaß — so äußerte er wörtlich — die Krisis zu beenden. Er sprach außerdem von der Nothwendigkeit des Schröpfens, und von Blutsaugern — womit er natürlich die Feudalpartei meinte — von Brenneisen u. s. w. Das Gebot energischer Hilfe durch bedeutende Truppensendungen tritt immer dringlicher an uns heran.

(Officiöse Correspondenz.)

Herr Redakteur! So eben ist hier auf Denunciation eines Concurrenten ein — Barbier verhaftet worden, der sich für Polen ausgesprochen hatte. Man fand bei ihm natürlich nichts weiter als Pomaden-Büchsen, Zahnpulver, Rasirmesser. Streichriemen und ein chirurgisches Besteck. Was die Officiösen von einem Emissär melden, reducirt sich auf diese simple Thatsache, welche zu verbürgen sich bereit erklären

sämmtliche Bewohner unserer Gegend.

Hintergrund

Preußen hat soeben eine Vereinbarung mit Rußland getroffen, die Alvenslebensche Konvention, deren Inhalt noch geheim ist, aber bei der es, soweit man weiß, darum geht, daß beide Staaten bei der Verfolgung von polnischen Aufständischen auch auf dem Gebiet des anderen Staates operieren dürfen. Gerechtfertigt wird das von Seiten der preußischen Regierung damit, daß der polnische Januaraufstand im Königreich Polen (unter russischer Herrschaft) auch auf die polnischen Gebiete in Preußen übergreifen könnte. Allerdings gibt es hierfür keine Anhaltspunkte. Angehalten werden um die Zeit allein einige polnische Studenten, die die Grenze auf die russische Seite überqueren möchten, um sich dort dem Aufstand anzuschließen. Die Dramatisierung dieser einzelnen Vorkommnisse wird vom Kladderadatsch auf die Schippe genommen. Wie man an der Auflösung sieht, betätigen sich Barbiere auch nebenberuflich als Chirurgen.

Siehe auch:

Veröffentlicht unter 1863, Geschichte, Polen, Preußen, Rußland | Hinterlasse einen Kommentar

Abwarten!

Kladderadatsch, 22. Februar 1863

Abwarten

ER ist noch nicht recht einig mit Sich, ob es vortheilhafter ist, das Feuer anfachen oder löschen zu helfen.

Anmerkung

Dargestellt ist Kaiser Napoleon III. von Frankreich (Louis Napoleon). Im Hintergrund brennt das Feuer des polnischen Aufstands. Die Russen versuchen zu löschen, während ein Preuße und ein Österreicher zuschauen.

Siehe auch:

Veröffentlicht unter 1863, Frankreich, Geschichte, Österreich, Polen, Preußen, Rußland | Hinterlasse einen Kommentar

General Burnside gibt auf

Lokomotive an der Oder, 21. Februar 1863

465px-Ambrose_Burnside_-_retouched

Amerika. Nach dem New-Yorker Correspondenten der Times ist “der Anfang des Endes” nahe. Der Eisstoß — sagt er in seinem Schreiben vom 27. Januar — hat begonnen. Das Publikum hat längst den Krieg und die Regierung satt. Dies Gefühl hat sich der Armee mitgetheilt und das neuliche Fiasko der Potomac-Armee hat die Dinge zur Krisis gebracht. Nachdem General Burnside einige Stunden mit dem zähen Schlamm Virginiens gekämpft hatte, beschloß er seine entmuthigte und insubordinirte Armee zum Kampf zu führen, und zwar ohne Wettstreit, da er dieselbe nicht bewegen konnte; denn, meinte er, die Gewitterstürme müßten dem Feinde eben soviel Schaden wie ihm selbst zugefügt haben, und wenn der Feind ohne Kanonen kämpfen könne, so werde er dasselbe vermögen. Aber im Kriegsrath, den er darüber zusammenrief, fand er keinen Offizier, der mit ihm übereinstimmte. Also ergab er sich in sein Schicksal, nahm den Befehl zum Vorgehen zurück, ließ seine Pferde, Wagen und Kanonen im Koth stecken, marschirte mit seinen Truppen in die alte Einquartirung zurück und begab sich nach Washington, um sein Commando niederzulegen. Der Präsident wünschte seine Entlassung nicht anzunehmen, allein General Burnside hörte auf keinen Rath und kein Zureden und trat ab. Die Demoralisation der Armee hat stark um sich gegriffen. Mr. Raymond von der New-York Times, der vorige Woche das Lager besucht hat, erzählt, daß ein Corps von 15,000 Mann, als es ankam, um an General Burnsidss projektirter Bewegung Theil zu nehmen, nur 5000 Mann zählte. Wenn nicht sofort etwas geschieht, um der Armee wieder Muth, Vertrauen und Gehorsam einzuflößen wird sie diesen Winter nicht überdauern. Dies sind die einzigen Erscheinungen, die das Publikum mit Bangigkeit erfüllen.

Anmerkung

General Burnside ist unsterblich geworden, weil seine markante Barttracht nach ihm benannt wurde, allerdings verdreht als: “sideburns”. Außerdem war er der erste Präsident der National Rifle Association.

Siehe auch:

Veröffentlicht unter 1863, Amerika, Geschichte, Krieg | Hinterlasse einen Kommentar

Teurer Berliner Kuhkäse in Bern

Berliner Gerichtszeitung, 21. Februar 1863

“Kein Geld, keine Schweizer” ist zwar schon eine alte aus dem Mittelalter herrührende Redensart, aber trotz ihres Alters doch noch immer von großer Wahrheit. In keinem Lande der Welt werden die Fremden so theuer behandelt, wie in der kleinen Schweiz. Als Beweis für diese Behauptung hat uns ein Bekannter eine Speisekarte aus Bern mitgebracht. Unter den Speisen, die darauf verzeichnet stehen, befindet sich auch “Berliner Kuhkäse.” Dies pikante Lebensmittel, das in Berlin 6 Pfennige oder auch wohl 1 Sgr. [Silbergroschen] kostet, ist auf der Berner Speisekarte mit einem Franken, d. h. mit 8 Sgr. angesetzt, und dabei kann man noch nicht einmal ersehen, ob man für diese Summe einen ganzen oder nur ein Stückchen Berliner Kuhkäse erhält.

Veröffentlicht unter 1863, Ernährung, Geschichte, Schweiz | Hinterlasse einen Kommentar

Deutsche Volksbanken

Die Presse (Wien), 20. Februar 1863

484px-Die_Gartenlaube_(1863)_b_517

[Deutsche Volksbanken.] Schulze-Delitzsch hob in einem neulich gehaltenen Vortrage hervor, daß gegenwärtig in Deutschland 500 Volksbanken in Thätigkeit seien, die sämmtlich von dem Arbeiterstande gegründet worden. Die Zahl der Mitglieder beläuft sich auf etwa 500,000. In dem verflossenen Jahre habe man in 220 Banken einen Umsatz von 18-20 Millionen an zinstragenden Vorschüssen erzielt, das durch die einzelnen Groschen gesammelte Capital habe 1,400,000 Thaler, das fremde Capital 6-7 Millionen betragen.

Hintergrund

Hermann Schulze-Delitzsch (1808-1883) ist der Begründer des deutschen Genossenschaftswesens, insbesondere der Volksbanken, die 1863 bereits eine große Ausdehnung erfahren haben. Im selben Jahr wird Schulze-Delitzsch von Ferdinand Lassalle attackiert, der überhaupt nichts außer Reden für die Arbeiter getan hat. Schulze-Delitzsch weist diese Kritik in mehreren Vorträgen vor dem Berliner Arbeiterverein zurück, die als “Capitel zu einem deutschen Arbeiter-Katechismus” herausgegeben werden.

Hermann Schulze-Delitzsch war 1848-49 Mitglied der Preußischen Nationalversammlung und einer derer, die zur Steuerverweigerung aufriefen, als die Versammlung mit Gewalt auseinandergetrieben werden sollte. 1850 dafür angeklagt, sprach ihn ein Geschworenengericht frei. Als führender Politiker der Deutschen Fortschrittspartei steht Hermann Schulze-Delitzsch 1863 an der Spitze der Auseinandersetzung mit Otto von Bismarck über dessen Verfassungsbruch, während Ferdinand Lassalle sich mit dem preußischen Ministerpräsidenten hinter den Kulissen trifft und nett plaudert.

Aus Sicht der Deutschen Fortschrittspartei erledigt Lassalle die Arbeit der Reaktion, indem er im Verfassungskonflikt der Opposition in den Rücken fällt. Lassalles Nachfolger als Vorsitzender des kleinen Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins (Vorläufer der SPD), Johann Baptist von Schweitzer, ist ein informeller Mitarbeiter der preußischen Polizei, wie August Bebel 1875 nach seinem Tod im Reichstag enthüllt:

“Meine Herren, ich weiß nicht, ob Sie es wissen, wir aber wissen es, daß der Dr. von Schweitzer, der Sozialistenführer, im geheimen ein politisches Werkzeug der preußischen Regierung war, (Heiterkeit; hört!) und nach unserer Ueberzeugung ist dem Abgeordneten Dr. von Schweitzer damals aus dem Grunde der Urlaub bewilligt worden, weil er unter radikaler Maske den Regierungsagenten spielte, mit anderen Worten ein politischer Lump war, (große Heiterkeit; sehr richtig! Widerspruch rechts) wohingegen die Abgeordneten Hasenclever und Most als brave Männer im Gefängnisse bleiben mußten. (Heiterkeit und Widerspruch.) Meine Herren, das Wort “de mortuis nil nisi bene” gilt für mich nur in den Fällen, wo die Wahrheit nicht darunter leidet.”

Siehe auch:

Veröffentlicht unter 1863, Deutsche Fortschrittspartei, Genossenschaften, Geschichte, Hermann Schulze-Delitzsch, Sozialdemokratie | Hinterlasse einen Kommentar

Debatten über die Convention mit Rußland

Die Presse (Wien), 20. Februar 1863

Wir tragen zu dem im Morgenblatte mitgetheilten Berichte über die Sitzung des preußischen Abgeordnetenhauses, in welcher die Convention mit Rußland behandelt wurde, die Reden Waldeck’s und Virchow’s nach, erstere in ausführlicher Fassung. Auf die Antworten des Minister-Präsidenten auf diese beiden Reden brauchen wir nicht zurückzukommen, denn die Pointen derselben sind bereits mitgetheilt, und viel mehr enthalten sie nicht.

Waldeck: Der Herr Minister-Präsident hat uns zwar einige Mittheilungen über die Einziehung der Reserven gemacht, aber nicht über den Gegenstand der Interpellation, über eine mit Rußland geschlossene Convention, die uns die Hände binden kann. Da wir den Inhalt nicht kennen, so können wir uns kein Urtheil darüber bilden; aber aus der Ablehnung der Beantwortung folgt, daß irgend so etwas wie eine Convention existirt, sonst würde uns der Herr Minister-Präsident mit einem einfachen Nein geantwortet haben, was allein der Ehre Preußens angemessen wäre. (Hört! Sehr wahr! links.) Ich kann mir von einer Convention weder staatsrechtlich noch politisch eine Vorstellung machen. So etwas ist selbst in vormärzlichen Zeiten nicht erhört gewesen, daß preußische Truppen einer auswärtigen Macht bei einem Aufstand zu Hilfe gekommen wären. Eine solche Convention steht außerhalb aller staatsrechtlichen Begründung, sie ist gar nicht zu vergleichen mit einem Bündniß, das mit einem Staate gegen auswärtige Feinde abgeschlossen ist (Sehr wahr! links), sondern sie bedeutet das Hinüberführen von Gendarmen und Polizisten nach einem Staat, der bisher nur von Gendarmerie und Polizei gelebt hat. (Herr v. Bismarck verläßt den Saal.) Und dies geschieht von einem Staate, der an der Spitze der Cultur in Europa steht, den man sonst den Staat der Intelligenz genannt hat, der den Beruf hat, der Führer Deutschlands zu sein. (Hört!) Wem darüber nicht die Schamröthe ins Gesicht steigt, der ist nicht werth, ein Preuße zu sein, der versteht die Mission Preußens nicht. (Bravo links, Oho rechts.) Die Partei, welcher der Herr Minister-Präsident angehört, hat gegen das Votum dieses Hauses, gegen den Ausspruch des Kriegsministers v. Bonin, Rußland im orientalischen Kriege Hilfe leisten wollen. Wenn auch das vielleicht noch zu rechtfertigen sein könnte, was wäre dagegen die jetzige Hilfeleistung anders als Gendarmerie-Execution? (Hört!) Bei der Beantwortung der Interpellation des Abgeordneten Kantak hat der Minister-Präsident gesagt: “Es existire eine Insurrection, die darauf gehe, das Königreich Polen wieder herzustellen. Da wir auch ein Stück von Polen haben, so müssen wir helfen, die Insurrection niederzuschlagen.” Dies scheint mir die einzige Auffassung, welche staatsrechtlich über die Worte des Minister-Präsidenten möglich ist, wenn überhaupt bei demselben an eine staatsrechtliche Auffassung gedacht werden kann. (Heiterkeit.) Ich frage, was für Theile von Polen besitzen, wir denn? Ein großes Stück Polen haben wir durch die höchst ungerechtfertigte Intervention im Jahre 1795, welche der Geschichtsschreiber Raumer genügend blamirt hat, erlangt. Wir haben es aber für die Russen erlangt. Auf dem Wiener Congreß hat Rußland das Herzogthum Warschau für sich erobert, wir haben augenblicklich nur ein kleines Stück von Polen, und es ist nach meiner Ueberzeugung keine Gefahr, daß sich die Insurrection auf dies Stück, d. h. auf Westpreußen, auf die Netzdiscricte, auf das Großherzogthum Posen erstrecken wird. Polen wird uns gesichert durch unsere bessere Verwaltung und durch unser Militärsystem, wie es bis jetzt war. (Hört!) Wir haben kein Militärsystem, nach welchem die Leute des Nachts aus dem Bette geholt werden, nach welchem vom Tode Begnadigte ins Militär eingestellt werden. (Hört!) Freuen wir uns, daß dem so ist. — Wenn Rußland hermetisch unsere Grenzen verschließt, unsern Handel ruinirt, wie kann man da ein Interesse für Rußland rechtfertigen? Es ist hier nicht die Rede von einer organisirten Insurrection. Diese würde in den Städten angefangen haben. Der jetzige Aufstand existirt nur auf dem platten Lande. Ist ein solcher Aufstand unsern Grenzen gefährlich? (Herr v. Bismarck tritt wieder in den Saal.) Aber kehren wir zu dem zurück, was wir der Staatsregierung vorzuwerfen haben. Der Herr Minister-Präsident behandelt uns jetzt so in der äußeren Politik, Wie er uns bisher in der innern behandelt hat. (Sehr wahr!) Wenn wir im Budget eine Summe nicht bewilligen, so sagt er: Ich gebe sie doch aus. (Hört!) Wird eine Convention abgeschlossen, die unsere Kinder in den Krieg führen, unser Vermögen belasten kann, so legt er sie uns nicht vor. (Hört!) Ist es eine Kleinigkeit, wenn unsere Söhne als Schergen des Absolutismus in den Kampf ziehen müssen? (Hört! links, Unruhe rechts.) Die ganze civilisirte Welt muß dies mißbilligen. Oesterreich wird es mißbilligen, das englische Parlament hat es bereits mißbilligt, auch Frankreich wird seine Mißbilligung aussprechen. (Sehr wahr.) Sollen wir einer solchen Politik unsere besten Kräfte opfern? Das ist das System, welches der Kurfürst von Hessen im vorigem Jahrhundert befolgt hat, als er seine Söhne nach Amerika verkaufte. (Bravo links, Oho und große Unruhe rechts.) Für frivole Plane ist das Blut der preußischen Staatsbürger nicht da, es soll nicht in die Schanze geschlagen werden ad libitum des jetzigen Ministeriums. (Anhaltendes Bravo links.) Hier zeigt sich wieder diese Politik, die nichts weiter sein soll, als eine Illustration der Armee-Reorganisation. Wie weit geht jetzt die Einziehung der Reserve? Endigt sie mit 5 Jahren? Nur bei entstehendem Kriege soll nach dem Gesetz von 1814 die Reserve eingezogen werden. Das Blut unserer Söhne soll nicht verspritzt werden für eine willkürliche Politik zu Gunsten einer fremden Macht, nicht deshalb, damit der Absolutismus in Rußland länger dauere. (Bravo!) In Rußland selbst herrscht seit Emancipation der Bauern ein anderer Geist. Der Kaiser Alexander hat große Reformen begonnen, er hat das alles gethan unter dem größten Widerstreben der Partei, deren Koryphäe der Minister-Präsident ist. (Große Heiterkeit.) Sollen wir auch den Absolutismus in Rußland wieder herstellen? Welche andere Rolle hätte Preußen, wenn es Rußland freundschaftliche Warnungen ertheilt hätte, daß es seine Militär-Aushebungen unterlasse? Preußen würde dann vielleicht einen andern Erfolg erzielt haben, als die übrigen Mächte. Daß dergleichen bei uns nicht geschehen wird, darüber sind wir uns klar, aber es heißt nicht das Land schwächen, nicht die Regierung schwächen, wenn man offen ihre Fehler aufdeckt, das heißt sie stärken. Wenn der Minister-Präsident die Convention nicht vorlegen will, so möge sie durch unser heutiges Wort als den Interessen Preußens zuwider, als ungegründet in dem Völkerrecht, als unerhört in der Geschichte verurtheilt werden. (Stürmisches Bravo. Als auch von den Tribünen lautes Bravo ertönt, erklärt der Präsident, daß er, wenn dies sich wiederholen sollte, die Tribünen räumen lassen würde.)

Nach einigen Bemerkungen Reichensperger’s, welcher unter dem Beifall der Altliberalen die ergriffenen Maßregeln ausgezeichnet findet, ergreift der Abgeordnete Dr. Virchow das Wort und sagt: Er habe die Interpellation nicht unterschrieben, weil er voraussehen zu können glaubte, daß der Minister-Präsident die Antwort ertheilen werde, die er ertheilt habe. Den Antrag auf eine Besprechung der Interpellation habe er unterstützt, weil er glaubte, dabei gewisse bessere Intentionen des Minister-Präsidenten unterstützen zu können.

Er gehe davon aus, wie schon vor längerer Zeit in ganz gut unterrichteten Kreisen die Ansicht verbreitet war, daß die Maßregeln nicht aus dem Vorschlage des Herrn Minister-Präsidenten hervorgegangen seien, sondern aus Kreisen, die sich neben der Regierung befänden. Man sei schon gewöhnt, die Existenz solcher Einflüsse anzuerkennen, man habe sie Militär-Cabinet genannt, und er sei der Ansicht gewesen, daß es diese Einflüsse gewesen seien, welche den Herrn Minister-Präsidenten in eine so unhaltbare Position hinabdrängten. In den heutigen Zeitungen finde sich ein aus dem Czas übernommener Artikels welcher die Ansicht bestätige, die schon seit mehreren Tagen von Mund zu Mund getragen werde, daß Nämlich unsere Regierung, ohne einen Antrag der russischen Regierung abgewartet zu haben, militärische Gesandte nach Petersburg und Warschau geschickt habe, um eine Hilfe anzubieten, die gar nicht gefordert gewesen. Es werde natürlich sehr schwer sein, zu constatiren, ob diejenige Depesche, welche von den Aufständischen aufgefangen, authentisch sei oder nicht. Es erscheine ihm als eine Pflicht der Regierung, in diesem Punkte dem Lande gegenüber eine größere Klarheit zu verbreiten, als es bis jetzt geschehen sei. Das Haus habe gewiß eine verfassungsmäßige Berechtigung, nach der Stellung, die Preußen zu Rußland im vorliegenden Falle nehme, zu fragen, und wolle er in dieser Beziehung nur auf Artikel 58 der Verfassung hinweisen. Nach diesem Artikel stehe dem Könige allerdings das Recht zu, Krieg zu erklären und Frieden zu schließen, auch Verträge abzuschließen, aber es gehöre dazu die Zustimmung der Kammer, sobald dem Staat dadurch Verpflichtungen auferlegt würden. Dies sei nun wol hier in hohem Maße der Fall, wenn z.B. die Reserven einberufen würden. Die Reserven dürfen nur im Fall eines entschiedenen Krieges einberufen werden: ein solcher sei aber in diesem Falle nicht anzunehmen. Der Minister-Präsident scheine der Meinung zu, sein, daß Mobilmachungen ganz einfach decretirt werden könnten, und daß die Gesetze dem Ministerium das Recht geben, die Reserven beliebig einzuziehen. Er (Redner) könne dies nicht einsehen. Er wolle nicht auf den Gang der preußischen und russischen Politik des Nähern eingehen, könne aber nicht umhin, den Sympathien für die Bevölkerung im Königreich Polen Ausdruck zu geben, welche von der ganzen civilisirten Welt getheilt würden. Die Regierung hätte besser gethan, durch friedlichen Rath zur Milde gegen die Polen in Petersburg zu interveniren. Die jetzige Politik erinnere lebhaft an jene Zeit, wo man in der preußischen Landesvertretung den Czar für den eigentlichen Landesvater erklärte.

Siehe auch:

Veröffentlicht unter 1863, Bismarck, Deutsche Fortschrittspartei, Geschichte, Parlamentarismus, Polen, Preußen, Rußland | Hinterlasse einen Kommentar

Karneval 1863

Berliner Gerichtszeitung, 19. Februar 1863

— Das fromme Köln schwelgt im Carnevalsjubel, daß der ernsthafte alte Dom schier mit seinem grauen Haupte wackelt. Der Karnevalszug vom 16. d. M. war einer der glänzendsten, den die Stadt je gesehen. Vor allen zeichneten sich die drei Wagen der Hanswürste, der Blüte der Nation und der japanesischen Gesandtschaft aus. Die Figuren darauf waren Muster von Humor und Satyre. Eine japanesische National-Hymne wurde gratis herumgereicht. Sie lautete in kölnischer Uebersetzung:

“Jo, Loyalitätenschwindel
Kümt bei uns doch noch nit vör.
Fingk mer do esu Gesindel
Wirft mer’t marsch doch vör de Döhr.”

Nicht weniger sinnreich war die Idee, daß der Verschönerungsverein den Kölnern in Wirklichkeit durch wandelnde Bäume, Blumen, Springbrunnen u. s. w. vorzeigte, was sie einst von ihm zu erwarten hätten. (Möchte doch unser Berliner Verschönerungsverein bei passender Gelegenheit von dieser sinnreichen Idee ebenfalls Gebrauch machen!) Auf dem Wagen, der die Blüthe der Nation vorstellte, sah man in den Bäumen allerlei Figuren, Junker, kleine Püppchen in bunten Jäckchen, Krebse u. s. w. statt der Blätter. Ueberhaupt spielten die Krebse eine bedeutsame Rolle. — Auch in Breslau wurde in der städtischen Ressource ein Narrenfest gefeiert. wobei ein Festspiel aufgeführt wurde: die Königswahl in Arcadien in einem Aufzuge aber zwei Aufzügen. Zuerst erschien Prologus und Gefolge mit den üblichen Zeichen der Narrenwürde. Dann kam er eingezogen. der König von Arcadien, aber nicht schäferlich, sondern königlich geputzt. begleitet von Frau Lätitia (Freude) und seinem Ministerium: v. Querloch (Aeußeres), v. Tollec (Krieg), v. Waldesel (Inneres), Pansche (Handel) Presche (Finanzen), Stutenberg (Cultus), Strehlitz (Justiz), Schweifwedel (Ceremonienmeister). Nachdem der Zug den Saal mit klingendem Spiel durchzogen, stellte er sich an den Stufen des Thrones auf, um der Staatsaction der Verleihung einer närrischen aber zeitgemäßen Verfassung beizuwohnen. Diese, durch Kürze und Klarheit ausgezeichnet, lautete: §. 1. der Fürst befiehl; §. 2. das Volk gehorcht! §. 3. die Minister sind nur ihrem Gewissen verantwortlich; §. 4. alle Gewissen sind aufgehoben. — “Sollte noch etwas,” verkündete Jocus, “in der Verfassung vergessen sein, so regiere ich mit den Lücken.” Ob darin viel Humor liegt, müssen die “närrischen” Breslauer am besten wissen.

Hintergrund

Die Kölner Karnevalisten machen sich über die “Loyalitätsadressen” an die preußische Regierung lustig. Dabei handelt es sich um arrangierte Veranstaltungen, die angeblich die Stimmung in der Bevölkerung widergeben sollen, die aber im Preußischen Verfassungskonflikt weit mehrheitlich auf Seiten des Abgeordnetenhauses steht.

Die Breslauer Narren zielen natürlich auf die preußische Regierung und das verfassungslose Regiment Bismarcks. Dieser bemüht zur Rechtfertigung die sogenannte “Lückentheorie”: wenn sich die beiden Häuser (Abgeordneten- und Herrenhaus) und der König nicht einig werden können, dann fällt die Macht an den König zurück, weil ein solcher Fall in der Verfassung nicht geregelt ist und eine “Lücke” darstelle. Damit ist das Abgeordnetenhaus völlig überflüssig, weil es nur zur Zustimmung gebraucht, bei Ablehnung einfach übergangen werden kann.

Siehe auch:

Veröffentlicht unter 1863, Geschichte, Preußen, Satire, Verfassung | Hinterlasse einen Kommentar

Keine Verhaftungen von Polen in Berlin

Berliner Gerichtszeitung, 19. Februar 1863

Mehrere hiesige Zeitungen bringen die Nachricht, daß hier bereits Verhaftungen von Polen stattgefunden hätten. Wie können diese Behauptung aus zuverlässiger Quelle für durchaus unrichtig erklären. Es ist auch nicht eine Person, weder von den hier wohnenden, noch von den durchreisenden Männern dieser Nationalität verhaftet worden, ja es haben nicht einmal Sistirungen von Polen stattgefunden. Dagegen ist richtig, daß eine gegen sonst verschärfte Fremdencontrolle amtlicher Seits eingetreten ist.

Anmerkung

Die Vermutung ist natürlich nicht unplausibel. Preußen hat sich soeben mit Rußland verständigt, gemeinsam gegen den polnischen Januaraufstand vorzugehen. Und Rußland hat auch schon in anderen Ländern, wie etwa Frankreich, darauf hingewirkt, daß gegen polnische Emigranten vorgegangen wird. Die polnischen Aufständischen verfügen nur über wenige Waffen und versuchen solche in den Nachbarländern zu erwerben, wogegen Preußen und Österreich vorgehen.

Siehe hierzu etwa:

 

Veröffentlicht unter 1863, Geschichte, Polen, Polizei, Preußen | Hinterlasse einen Kommentar

Vera Kitschanowa auf der ESFL-Konferenz 2014 in Kiew

Mehr zu Vera Kitschanowa:

Veröffentlicht unter Aktuelles, Bürgerliche Freiheit, Freiheit, Liberalismus, Rußland | Hinterlasse einen Kommentar

Kleines Chicagoer Wörterbuch

von Wippchen (a.k.a. Julius Stettenheim), 1893

Wippchen

Zum täglichen Gebrauch empfehle ich Denen, welche der Vereinigtenstaatenzunge nicht mächtig sind, an geeigneter Stelle des öffentlichen Verkehrs folgende wirkungsvolle Bemerkungen einzustreuen, um durchschimmern zu lassen, daß man aus Deutschland, also nicht etwa aus einem Urwald (Watch-Wood) komme.

Glaubt man, in einem Laden über und übervortheilt zu werden oder zu sein, so schimpft man zwar nicht gleich Countryman-Catcher (Bauernfänger), läßt aber merken, daß man not of yesterday (nicht von gestern) sei und sich nicht to me nothing, to thee nothing (mir nichts, Dir nichts) the skin over the ears (das Fell über die Ohren) ziehen lasse. Auch spricht man von einem Fall of the Rhine (Reinfall) und nennt den Verkäufer mindsman (Gemüthsmensch), der die Fremden over the spoon (über den Löffel) barbiert. Dann zahlt man, was verlangt worden ist, indem man von einem Tailor of purse (Beutelschneider) spricht und fortgeht.

Auf der Wanderung durch die Ausstellung ruft man hier und da aus: Thunderweather (Donnerwetter), da steht einem the Understanding (der Verstand) still. Dann und wann muß man auch äußern, um den Weltmann zu errathen: Das ist nicht upon the height (auf der Höhe), das ist under the cannon (unter der Kanone), das ist already more year-market (schon mehr Jahrmarkt). Nach einiger Zeit erklärt man sich, wenn man Bekannte trifft, für houndstired (hundemüde) und fragt nach einer Bierhalle um rasch einen to dash (zu schmettern).

Wenn man sich im Restaurant gestärkt hat und der Kellner fordert wie gewöhnlich eine unerschwingliche Summe, so fragt man ihn, ob er nicht bei consolation (Troste) sei, ob er ihn, den Sprecher, für Vanderbilt (Wanderbild) halte, dann befinde er sich auf einem Woodway (Holzweg). Hierauf bezahlt man und geht.

In Gesellschaft von Damen spare man nicht mit Schmeicheleien. Hier einige: Sie sind the clear sugar (der reine Zucker), ein Mädchen to bite (zum Anbeißen), a little deaf (eine kleine Taube), ich bin all away (ganz weg).

Wird man gefragt, wie einem Chicago gefallen habe, so gebe man nur liebenswürdige Auskunft und sage: Ich habe mich amüsirt like a snowking (wie ein Schneekönig), ich bin noch ganz out the little house (aus dem Häuschen). Chicago hat der Welt gezeigt, was a rake (eine Harke) ist, und die Erbauer der Ausstellung sind wahre thousandartists (Tausendkünstler), die ein Wonderwork (Wunderwerk) geschaffen haben, dem gegenüber die sieben Wunder der Welt must draw the more shortness (den Kürzern ziehen müssen).

Wird der Fremde getreten oder gestoßen, ohne daß eine Entschuldigung erfolgt, so rathe ich ihm, gleichfalls zu schweigen, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, und ruhig seinen Weg fortzusetzen

Ebenso verhalte er sich, wenn er abreist und sieht, daß er nur noch das Geld zur Rückreise übrig hat. Höchsten kann er dann noch von Glück sagen. Ist er in dieser Lage nicht, so merke er sich die Worte: to pump (pumpen), to borrow (borgen) und to reply (versetzen).

Siehe auch:

Veröffentlicht unter 1893, Amerika, Julius Stettenheim, Satire | Hinterlasse einen Kommentar

Streichung der geheimen Fonds. Bankett der Fortschrittspartei. Waldeck. Polen. Russische Emissäre.

Die Presse (Wien), 18. Februar 1863

Berlin, 15. Februar. [Orig.- Corr.] (Streichung der geheimen Fonds. Bankett der Fortschrittspartei. Waldeck. Polen. Russische Emissäre.) Die gänzliche Streichung der geheimen Fonds des Staatsministers durch die Budget-Commission hat in der Debatte zu pikanten Bemerkungen der Mitglieder geführt. Bekanntlich ist voriges Jahr der “Dispositionsfonds” des Herrn v. Bismarck von.31,090 auf 16,060 Thaler herabgesetzt worden, weil der Sternzeitung Verpflichtungen einzuhalten waren, die das frühere Ministerium eingegangen war. Diese Nothwendigkeit lag jetzt nicht mehr vor. Herr v. Hoverbeck, der Referent der Commission, trug auf gänzliche Streichung der geheimen Fonds an. Dagegen protestirte der Stellvertreter des Staatsministers, weil die Regierung der geheimen Fonds für die Subvention der auswärtigen Presse bedürfe. Es wurde jedoch geantwortet, daß nur solche Journale das Geld erhielten, welche sich durch Schmähungen gegen das Abgeordnetenhaus auszeichneten. Bei dieser Gelegenheit wurde auf den früheren “Berliner Barricadenkämpfer und badischen Freischärler, August Braß”, gedeutet, dessen Norddeutsche Allg. Ztg. eine selbst über das Maß der Kreuzzeitung hinausgehende verfassungsfeindliche Haltung hat.

Der Abgeordnete Reichenheim, ein reicher schlesischer Fabrikant, gab der Fortschrittspartei des Abgeordnetenhauses ein Bankett im Hotel Hamburg, wo die Fractions-Versammlungen der Partei abgehalten werden. Zahlreiche Toaste wurden ausgebracht, ernster und heiterer Natur, und alle mehr oder minder an die Situation sich lehnend. Auch im Toast auf den Rückschritt wurde vom Abgeordneten Immermann (ein Bruder des Verfassers von “Münchhausen”) ausgebracht, nämlich auf den Rückschritt zur Landwehr und zur Stein’schen Gesetzgebung. Grabow ließ den Festgeber leben, und ein anderer Trinkspruch den abwesenden kranken Waldeck, der sich jedoch schon auf dem Wege der Besserung befindet und zu dem eine Anzahl seiner Parteigenossen deputirt wurde, um ihm die Glückwünsche seiner Freunde zu überbringen.

Heute Abends findet in den liberalen Fractionen der Kammer die erste Debatte über die polnische Frage statt und was sich darum und daran knüpft. Wird die Interpellation der Polen morgen von den Ministern nicht beantwortet (der Telegraph wird Ihnen das schon gemeldet haben), so wird die Militär-Convention und die Intervention zum Gegenstande einer andern Interpellation gemacht. Charakteristisch ist es für den Standpunkt der ganzen Angelegenheit, daß an öffentlichen Orten sich seit einigen Tagen fremde Personen einfinden, welche die Erhebung des Großfürsten Konstantin zum König von Polen als die sicherste Gewähr für die Sicherheit Posens proclamiren und zu verstehen geben, daß Preußen den Durchmarsch französischer Truppen nicht hindern würde, wenn etwa der Aufstand sich auf Rußland selbst ausdehnen sollte.

— 16. Februar. (Polnische Interpellation. Antwort Bismarck’s.) In der heutigen Sitzung des Abgeordnetenhauses wurde die von den Polen eingebrachte Interpellation vom Abgeordneten Kantak gestellt und vom Minister-Präsidenten sogleich beantwortet. Die Interpellation stellt die Frage, ob und seit wann das Großherzogthum Posen dem Ausnahmezustande einer Verwaltung der combinirten Militär- und Civilbchörden verfallen sei, und ob die Regierung eine Proclamation des Ober-Präsidenten der Provinz Posen der Form und dem Inhalte nach billige, worin außerordentliche polizeiliche Maßregeln angeordnet und die polnische Erhebung geschmäht wird.

Minister-Präsident v. Bismarck: Die königliche Regierung beantwortet die Interpellation durch einfache Verneinung der ersten und Bejahung der zweiten der gestellten Fragen. Sie billigt den Erlaß vom 1. d. nach Inhalt und Form. Sie benützt aber die Gelegenheit, um sich über ihre Stellung zu dem in Polen ausgebrochenen Aufstande öffentlich zu erklären. Der letztere hat in erheblichen Theilen des Königreichs, und besonders in solchen, welche längs her preußischen Grenze belegen sind, eine Entwicklung erlangt, deren Bedeutung über die Landesgrenzen hinausreicht, Der unbestrittene Zweck der Bewegung ist die Herstellung eines unabhängigen polnischen Reiches von einer dem frühern, Bestände desselben sich nach Möglichkeit annähernden Ausdehnung. Auch wenn dieser Zweck die Begehrlichkeit nach preußischen Landestheilen nicht nothwendig in sich schlösse, so wäre die königliche Regierung doch ebenso berechtigt wie verpflichtet, zu erwägen, inwieweit der Versuch zum Umsturz der vertragsmäßigen Verhältnisse des Nachbarstaates auf die diesseitigen StaatSinteressen zurückwirken, und was demnach zur Wahrung der letzteren geschehen muß. Wenn eine solche Erwägung zweifellos zu der Ueberzeugung führt, daß die Verwirklichung von der polnischen Insurrection erstrebten Zwecke, wenn nicht dem Territorialbestand, so doch jedenfalls die Interessen und die Sicherheit des preußischen Staates in hohem Grade gefährden würde, so steht such die Pflicht der Regierung fest, jener Bewegung entgegenzutreten, ohne abzuwarten, daß sie vielleicht erstarke, und dann mit größeren Opfern ihr Andringen abgewehrt werden müsse. Die königliche Regierung muß darauf gefaßt sein, daß der polnische Aufstand, obgleich für jetzt nur gegen die dortige Regierung gerichtet, auch ohne schließlich die Oberhand zu behalten, doch während seiner Dauer die diesseitigen Staatsinteressen in Mitleidenschaft ziehen wird, deren Nachtheile umso fühlbarer werden müssen, je länger der Ausnahmezustand des Nachbarlandes fortbesteht. Es liegen uns über die Bestrebungen, auch auf preußischem Gebiete den Aufstand so weit vorzubereiten, daß er im günstigen Augenblicke ins Leben gerufen werden könne, amtliche Anzeigen vor.

Allerdings hält sich die königliche Regierung der Treue und des gesetzlichen Sinnes der großen Mehrzahl auch unter den polnischen Unterthanen Sr. Majestät des Königs für versichert. Aber auch im Königreich Polen hat der Aufstand von Seiten der bürgerlichen und bäuerlichen Bevölkerung nur in seltenen Fällen eine freiwillige Unterstützung gefunden. Um den Kern fremder Emissäre und zurückgekehrter Emigranten hat sich unter Mitwirkung eines Theiles der Geistlichkeit der kleine Adel mit seinem zahlreichen Gefolge von Dienern und Arbeitern geschaart, und diese Elemente waren stark genug, um ausgedehnte Landstriche einer Anarchie preiszugeben, in welcher Leben und Eigenthum der Bevölkerung jeder Gewaltthat bloßgestellt sind und ruhige Einwohner durch Drohungen gezwungen werden, der Insurrection zu dienen.

Wenn auch ähnliche Zustände in diesem Umfange bei uns nicht leicht herbeigeführt werden können, so liegt doch der Regierung die Pflicht ob, die königlichen Unterthanen gegen Gefahren, welchen sie durch Gewalt oder Verführung ausgesetzt werden könnten, rechtzeitig zu schützen. Dieser Pflicht in dem nöthigen Umfange nachzukommen, ist die königliche Regierung bestrebt und zugleich entschlossen, überall, wo sie die öffentliche Sicherheit dennoch. gefährdet sieht , behufs Herstellung derselben sofort zu einer durchgreifendem Anwendung aller ihr zu Gebote stehenden Mittel zu schreiten.

Eine Discussion fand nicht weiter statt.

Hintergrund

Bismarck wird die Wirtschaft mit geheimen Fonds allerdings weiter ausbauen, aus denen eine ihm dienende Presse finanziert wird. Nach dem Krieg gegen Österreich 1866 und der Annexion von Hannover kommt hier der sogenannte “Welfenfonds” hinzu, der aus dem konfiszierten Vermögen des ehemaligen Herrscherhauses besteht. In einer Rede betont Bismarck, daß das Geld nur dazu diene, die Umtriebe der Welfen zu unterbinden, man müsse das “Reptil” bis in seine Höhle verfolgen. Da es keine solchen Umtriebe gibt — eine angebliche “Welfenlegion”, die im Ausland aufgestellt werde, bleibt reine Fiktion —, dient das Geld Bismarck für diverse Umtriebe, neben der Finanzierung einer offiziösen Presse, Zuwendungen an Gehilfen oder auch die Subventionierung der antisemitischen Bewegung. Spöttisch hängt insbesondere Eugen Richter, dem Fonds die Bezeichnung “Reptilienfonds” an, woraus sich die gängige Darstellung der Reaktionäre als Reptilien entwickelt.

Siehe etwa:

Zu August Braß, dem ehemaligen Revolutionär und nunmaligen Lakaien Bismarcks: Alte Geschichten – Berliner Gerichtszeitung vom 28. Juli 1881

Zum Verfassungskonflikt:

Und zum polnischen Aufstand:

Veröffentlicht unter 1863, Bismarck, Deutsche Fortschrittspartei, Geschichte, Parlamentarismus, Polen, Preußen, Rußland | Hinterlasse einen Kommentar

Jeg er Danmark

jeg er danmark

Veröffentlicht unter Aktuelles, Dänemark | Hinterlasse einen Kommentar

Neueste Zeitereignisse

Lokomotive an der Oder, 17. Februar 1863

Inland. Berlin, 13. Februar. Die Militär-Commission ist heute Morgen gewählt worden. Vorsitzender ist wiederum v. Bockum-Dolffs, Stellvertreter desselben Abg. Behrend; zu drei Schriftführern sind ernannt: die Abgeordneten Leeden, Franck und Lüning. Außerdem sitzen in der Commission die Abgeordneten Harkort, Waldeck, Schulz-Herford, v. Hoverbeck, v. Forckenbeck, Rohden, Sombart, Bassenge-Lüben, Taddel, Gneist, v. Vaerst, Stavenhagen, Beitzke, v. Seydlitz, Virchow, v. Vincke-Stargard. Von den Gewählten gehören elf zur Fortschritts-Partei, acht zum linken Centrum. Der Druck der Protokolle ist beschlossen.

Das Staats-Ministerium hat vorgestern im Conferenz-Zimmer des Abgeordneten-Hauses in Anwesenheit des Kronprinzen über den polnischen Aufstand berathen. An die Regierung ist die Frage herangetreten, welche Stellung sie diesem Aufstande gegenüber einzunehmen hat. Daß es die Absicht der Insurgenten ist, das politische Reich mit Einschluß derjenigen Landestheile, welche früher polnisch waren und jetzt preußisch sind, wieder herzustellen, läßt sich nicht verkennen. Diese Absicht ist indessen bis jetzt weder proclamirt, noch ist die Verwirklichung derselben versucht worden. Zu einer Intervention Preußens in Russisch-Polen berechtigt dieselbe keinesfalls. Nur die eigenen polnischen Landestheile mit allen Mitteln sich sicher zu stellen und gegen den Ausstand zu bewahren, ist Preußen berechtigt und verpflichtet.

Die Correspondenz “Stern” glaubt mittheilen zu dürfen, “daß der General v. Alvensleben nicht nach Petersburg gegangen ist, um eine Convention abzuschließen, sondern nur, um eine Vereinbarung über den Augenblick provisorisch zu treffen, wo eine combinirte Bewegung der preußischen und russischen Truppen nothwendig werden dürfte, die selbst das Ueberschreiten der Gränze von preußischen Regimentern herbeiführen könnte. Die ganze Angelegenheit ist direct von Sr. Majestät dem Könige ausgegangen, und wenn das Ministerium jetzt Anordnungen trifft, um jeder Eventualität die Spitze bieten zu können, so ist dies eben nur die Folge der Initiative, welche der König ergriffen. Diese Anordnungen umfassen vorläufig die Zusammenziehung der 1., 4. und 11. Division bei Gleiwitz, zwischen Thorn und Kulm und bei Neidenburg, und zwar sollen die Regimenter dieser drei Divisionen auf vollständigen Kriegsfuß gestellt werden, d. h. zu 1000 Mann per Bataillon, Diese Nachricht geht uns heute gleichzeitig aus Breslau, Danzig und Stettin mit dem Hinzufügen zu, daß auch die Garde-Regimenter in Stettin und Breslau Marschordre erhalten haben und daß die Garnison von Breslau, welche ausrückt, durch Regimenter des 5. Armeecorps ersetzt wird. Aus Breslau wird uns außerdem gemeldet, daß die russischen Soldaten, welche bei ihrem Uebertritt über die preußische Gränze entwaffnet worden waren, ihre Waffen in Folge höherer Anweisung zurückerhalten haben.”

Siehe auch:

Veröffentlicht unter 1863, Geschichte, Parlamentarismus, Polen, Preußen | Hinterlasse einen Kommentar

Schnupftabak essende Damen

Die Presse (Wien), 17. Februar 1863

Wenn man gerade keine interessanten Kriegsneuigkeiten berichten kann, schrieb kürzlich ein Correspondent vom Armeecorps des unionistischen General Grant, so muß man über das Wetter, die Ernte oder sonst etwas schreiben. Ich glaube, ich thue am besten, wenn ich heute einmal über das Schnupftabaknäschen der südlichen Damen *) — wenigstens sehr vieler darunter — eine kurze Abhandlung liefere. In West- und Mittel-Tennessee scheint diese Sitte so einheimisch zu sein, daß sie nothwendig zu der Erziehung des zarten Geschlechtes gehört. Ich bin in die Geheimnisse dieser “noblen Passion” Noch keineswegs so eingeweiht, daß ich sagen könnte, ob Rapper, Scotch und Maccoby **) zu den “Cosmetics” und “Stimulanzen” der Töchter des sonnigen Südens gehören. Der Proceß ist einfach. Gewöhnlich wird ein kleines Stückchen Span mit dem Speichel der Schönen befeuchtet, damit sich der pulverisirte Tabak anhängt. Sie taucht es dann in den Schnupftabak, zieht es heraus, und bringt es sofort zwischen ihre Zähne, wo der süße Bissen so lange bleibt, bis die ganze Schmackhaftigkeit aufgesogen ist. Eine andere Methode ist die: einen Löffel voll Tabak in ein Stückchen Tuch zu wickeln, und es dann tüchtig zu verkauen, wie wenn ein Stück Kauwachs (chewing gum) zwischen den Perlenzähnen wäre. Eine dritte endlich ist die: den Mund damit vollzustopfen, und den Tabak gerade so zu essen, als ob es Zucker wäre.

Man hat anderwärts keine Idee, wie diese excellente Kunst des Schnupftabaknaschens in den reichen und gebildeten Cirkeln der Südstaaten der ci-devant nordamerikanischen Union gepflegt und cultivirt wird. Ich will nicht sagen, daß alle dortigen Frauen diese Kunst practiciren. Es ist aber herkömmlich, daß ein junger Mann, der sich eine reiche Erbin von so und so viel Wollköpfen holen möchte, einen intimen Hausfreund im Vertrauen und privatim fragt: “Ißt der Engel Tabak?” Aber das Geheimniß kann doch selten dem Freunde entlockt werden. Man muß gelegentlich dem schönen Wesen so nahe zu kommen suchen, daß man das Aroma ihres Athems schlürfen kann.

Es ist mir aus zuverlässiger Duelle gesagt worden, daß die jungen Seminar- und Pensionsladies des Südens die Wissenschaft des Schnupftabaknaschens schon los haben, wenn sie aus den Vorbereitungsclassen kommen. Rapper und Maccoby sind unter den “Extras” der Boardings- und Pensionsbills aufgeführt. Jede Schülerin ist, wie ich vermuthe, angewiesen, sich bei ihrem Eintritt in eine solche Anstalt mit Servietten, Handtüchern und einer Flasche Schnupftabak zu versehen.

Unter den Entbehrungen und Entsagungen, denen sich, die südlichen Ladies seit dem Beginne des Krieges unterwerfen mußten, gibt es nicht leicht etwas, was sie schmerzlicher fühlen, als den Mangel an gutem Schnupftabak, der durch die Handels-Unternehmungen mit dem Norden herbeigeführt wurde. Ersatzmittel für Seide und Atlas waren leicht erdacht und erfunden. Weizen und Roggen ersetzten leicht den Ausfall von Kaffee. Aber nichts konnte den Platz des unabweislichen und unentbehrlichen Maccoby einnehmen. Ich zweifle nicht im geringsten, daß viele von den Friedensgebeten ihren Ursprung von der peinlichen und betrübenden Thatsache ableiten, daß der Süden nahe daran ist, durch Schnupftabak-Hungersnoth zugrunde zu geben.

*) Gemeint sind die Damen der Südstaaten von Nordamerika.
**) Namen der in den Vereinigten Staaten gangbarsten Schnupftabaksorten.

Siehe auch:

Veröffentlicht unter 1863, Amerika, Drogen, Geschichte | Hinterlasse einen Kommentar

Italien bringt seinen Haushalt in Ordnung

Die Presse (Wien), 16. Februar 1863

Turin, 14. Februar, Abends. Der Finanzminister constatirt in der Kammersitzung, daß das Deficit bis zum 31. December 1862 den Betrag von 374 Millionen Lire erreicht habe. Zum Budget für 1863 beantragt derselbe ein Gesetz, welches die außerordentlichen Credite durch ein königliches Decret regelt. Er constatirt die Möglichkeit, das Gleichgewicht im Budget innerhalb des Zeitraumes von 4 Jahren herzustellen, und zwar mittelst einer Anleihe von 700 Millionen durch Verkauf der Domänengüter, Conversion vieler Güter der todten Hand in Rente, Erhöhung der Grundsteuer, Einführung der Militär-Steuer und des Octrois, Verkauf der Eisenbahnen, Einrichtung eines Bodencredit-Institutes, Reorganisirung der Bank und Reformen im Hypothekenwesen. Der Minister glaubt, es sei nothwendig, die politische Ruhe zur Regelung der Finanzen zu benutzen. Die Kammer nahm den Vorschlag des Ministers gut auf, die Debatte über die finanzielle Darlegung und die Anleihe erfolgt in der nächsten Sitzung.

Anmerkung

1863 ist Turin die Hauptstadt des Königreichs Italien, Rom noch ein Teil des Kirchenstaates.

Siehe auch:

Veröffentlicht unter 1863, Geschichte, Italien | Hinterlasse einen Kommentar

Die Intervention Preußens in Polen

Die Presse (Wien), 16. Februar 1863

Der polnische Aufstand und die laut mit Rußland abgeschlossener Convention projectirte Intervention Preußens in Russisch-Polen bilden das hervorragendste Moment der Tagesgeschichte. Sehr bemerkenswerth ist die Haltung der officiösen preußischen Presse (Nordd. Allg. und Kreuzzeitung) und des Organs der österreichischen Regierung, der Donau-Zeitung. Die Kreuzzeitung und ihre officiöse Collegin in Berlin suchen zu beweisen, daß Oesterreich aus Gründen der Selbsterhaltung eine ähnliche Convention wie Preußen mit Rußland abschließen müsse. Die Donau-Zeitung ist jedoch ganz andrer Meinung. Oesterreich habe, bemerkt sie, sehr Wohl gethan, sich einer Vereinbarung fernzuhalten, welche gar nicht geeignet wäre, die Sicherheit der polnischen Besitzungen Oesterreichs zu gewährleisten. “Wir wollen nicht daran erinnern,” fahrt der sehr merkwürdige Artikel des Organs der österreichischen Regierung fort, “daß Oesterreich im verflossenen Jahrhundert nur widerstrebend zu den Theilungen Polens seine Zustimmung gab. Wir wollen nicht geltend machen, daß es hiebei nicht seiner Neigung und Ueberzeugung, sondern dem Gebote der Nothwendigkeit folgte, das Gleichgewicht zwischen seinen eigenen Machtzuständen und denen seiner nächsten Nachbarn herzustellen und einseitigen unverhältnißmäßigen Gebietszuwachs bei letzteren fernzuhalten. Viele Jahrzehnte sind seitdem dahingeschwunden, aus der vollbrachten Thatsache sind neue Zustände und Besitzrechte hervorgewachsen, und wer möchte zweifeln, daß Oesterreich dieselben achtet und auch seinerseits geachtet wissen will? Es konnte daher wol kaum eine plattere Beschuldigung vorgebracht werden, als die, daß Oesterreich mit der Sache der Insurrection sympathisirt. Oesterreich hat nie von dem gefährlichen Mittel der Nationalitäten-Politik Gebrauch gemacht, es hat diese zweischneidige Waffe nie gehandhabt.

Allein woraus es mit ziemlicher Beruhigung ein Gewicht legen darf, das ist der Umstand, daß es die zwei Wichtigsten Momente des polnischen Lebens, die Nationalität und den Katholicismus. stets in Ehren hielt. Selbst seine Gegner müssen ihm in dieser Hinsicht Anerkennung widerfahren lassen. Die Polen wissen am besten, daß sie von unserer Seite keinen Germanisirungszwang zu erdulden hatten. Sie wissen, daß die katholische Kirche in Galizien gewissenhaft geachtet und geschützt wurde, und daß nichts geschah, was sie ihrem natürlichen Gefüge, der Verbindung mit Rom, entrückt hätte. Es entfallen daher bei uns zwei wichtige Motive jener immerhin beklagenswerthen Bewegung, welche auf polnischem Boden jetzt so viel Blut fließen macht.

Aus der Lauterkeit seiner Politik mag daher Oesterreich jetzt die Beruhigung schöpfen, daß es keiner außerordentlichen Maßregeln bedürfen wird, um die Sicherheit seiner Besitzungen in dem tobenden Sturme zu verbürgen. Es that jedenfalls am besten, sich auf den Boden seiner specifischen Interessen zu stellen und nur diesen bei der Behandlung der urplötzlich aufgeworfenen brennenden Frage zu Rathe zu ziehen. Es dürfte über den Kreis derselben nicht hinausgehen, ohne sich Wechselfällen auszusetzen, die es vermeiden will und hoffentlich auch kann. Bei einiger Ueberlegung dürften daher die gemeinten preußischen Organe zur Ueberzeugung gelangen, daß ihre Schlußfolgerungen ebenso unannehmbar erscheinen, als die Prämissen, von denen sie ausgehen.”

Wir können diese Sprache der Donau-Zeitung nur billigen; sie stimmt mit dem überein, was die liberale preußische Presse der Berliner Regierung natürlich ganz vergebens empfiehlt. Die in Posen erscheinende Ostdeutsche Zeitung weist den Gedanken einer Intervention Preußens zu Gunsten Rußlands ganz entschieden zurück. Die Provinz Posen sei ganz ruhig und gebe zu keiner Befürchtung Veranlassung. “Eine preußische Intervention in Polen,” sagt die Ostdeutsche Zeitung, “würde zur Zeit nicht den Charakter einer Unterstützung der Macht tragen, deren eigene Kraft durch Niederlagen geschwächt ist, sondern den einer gewöhnlichen Polizei-Execution. Wir trauen keinem preußischen Minister den Gedanken zu, den vierten Theil des preußischen Heeres zu Gendarmendiensten mißbrauchen zu wollen, zwei preußische Armeecorps zu Zwecken zu verwenden, für die die russische Regierung ihre eigenen Truppen zu gut zu halten scheint. Wir sind Feinde aller und jeder Interventions-Politik. Wir würden es nicht nur für einen schweren politischen Fehler halten, die Gemüther unserer polnischen Landsleute auf das tiefste dadurch zu verletzen, daß die preußische Regierung sich als den Henker aller nationalen Bestrebungen der Polen par excellence hinstellte; wir würden es auch als ein schweres Verbrechen gegen uns Deutsche in der Provinz betrachten, wenn die Regierung ohne alle und jede Veranlassung den Brand der Zwietracht und des Aufruhrs in unsere Provinz schleuderte und uns in die Mitleidenschaft eines Aufstandes hineinzöge, der uns zur Zeit noch gar nicht berührt und uns auch nicht in der Folge berühren dürfte.”

Sehr energisch sprechen sich auch die Nat.-Ztg. und die Köln. Ztg. im. gleichen Sinne aus. “Will man, “fragt ersteres Blatt, “auf die Politik des vorigen Jahrhunderts zurückgehen, so ist doch wenigstens in dieser Richtung auch nicht der allergeringste Vortheil abzusehen. Zu einem Vasallenstaate, der bei dem geringsten Anlaß für Rußlands Integrität Geld und Blut einzusetzen hätte, ist Preußen doch hoffentlich noch nicht herabgesunken. Soll damit bewiesen werden, mit welcher Leichtigkeit jedes preußische Ministerium jetzt zu beliebigen militärischen Operationen zu schreiten vermag, so wird auf diesem Wege der neuen Heeres-Organisation wahrlich am wenigsten die Stimme des Volkes gewonnen werden.”

Die Köln. Ztg. stellt sich ungläubig. “Die sogenannte “”Recrutirung”” in Polen ist die unmenschlichste That unseres Jahrhunderts, und eben deshalb, um dies vorauszunehmen, ist es auch unmöglich, vollkommen unmöglich, daß der Staat, der sich den gebildetsten Europas nennt, daß Preußen auch nur den Schein auf sich lade, sich zum Schergen einer so entsetzlichen Execution zu erniedrigen!” Die Köln. Ztg. führt dann die Aeußerung der Nordd. Allgem. Ztg. an, wonach eine Einsprache der Westmächte gegen die preußische Intervention das Verhältniß zwischen den deutschen Großmächten und Rußland nur noch intimer gestalten würde, und sagt: “Also eine neue heilige Allianz gegen Frankreich mit Oesterreich, während noch soeben alle Plane des Herrn v. Bismarck mit Frankreich gegen Oesterreich gerichtet schienen. Man sieht, seine Plane wechseln rascher als der Wind. Aber wenn ihm auch der Einspruch sämmtlicher Großmächte eine Kleinigkeit scheinen sollte, so wollen wir doch bescheidentlich daran erinnern, daß noch jemand ein Recht der Einsprache hat: die preußische Landesvertretung. Die Zustimmung der Landesvertretung ist nach Artikel 48 der Verfassung zu allen Verträgen nöthig, welche dem Staate Lasten auferlegen. Wenn ein durch die Verfassung mündig gesprochenes Volk, wie das preußische, sein Blut vergießen soll, so verlangt es zu wissen, wofür.” Die Kölnische Zeitung sieht nicht gut. Wenn Herr v. Bismarck die Verfassung dem preußischen Volke zuliebe nicht beachtet, sondern trockenlegt, weßhalb sollte er sie in der polnischen Sache einhalten? Er wird sich um Artikel 48 der Verfassung so wenig kümmern, als er sich um Artikel 99 gekümmert hat, und im Nothfalle sich mit der Person des Königs decken.

Die auswärtigen Blätter schweigen noch über die preußischen Interventions-Gelüste. Nur der Pariser Siècle gibt eine Meinung ab. “Wird Deutschland,” so fragt er, “diese Erde, die so stolz darauf ist, die größten Denker der Neuzeit hervorgebracht zu haben, gestatten, daß Preußen sich durch eine solche Mithilfe entehre? Eine preußisch-russische Allianz gegen Polen wäre Schmach und Entwürdigung für Deutschland, und würde Frankreich in die Lage versetzen, auf seine eigene Vertheidigung bedacht zu sein. Erst nach Vernichtung der polnischen Macht sei im vorigen Jahrhundert die nordische Coalition zum erstenmal gegen Frankreich angerückt.”

Es fehlt natürlich auch nicht an guten Rathschlägen, welche Rußland bei dieser Gelegenheit ertheilt werden. Kaiser Napoleon, welcher gestern in seiner Antwort an die Adreß-Deputation der Kammer die “widrigen Leidenschaften” verdammte, die überall in Europa aufflammen, soll, wie die Independence erzählt, vor einigen Tagen zu einem Ausländer von Distinction (wahrscheinlich einem russischen Abgesandten), der in vertraulicher Mission in den Tuilerien empfangen wurde und um die Meinung des Kaisers bezüglich der polnischen Unruhen und der Mittel, sie zu heben, bat, gesagt haben: “Heutigen Tages muß jeder Souverän aufmerksam die moralischen Aspirationen seines Volkes belauschen. Wäre ich Kaiser von Rußland, so würde ich mit den Concessionen nicht warten, bis ich dazu gezwungen bin. Für solche abgetrotzte Concessionen wissen die Völker keinen Dank, sie werden nur noch begehrlicher, denn sie fühlen, daß man dazu nur von der Furcht bestimmt wurde. Ich ließe mich durch die jetzigen Unruhen nicht nur nicht abhalten von Reformen, sondern ich würde den Kreis derselben nur erweitern. Was die Zukunft betrifft, so gibt es für Rußland nur Ein Mittel, Polen zu befriedigen — die Wiederherstellung der Verfassung von 1815.” So erzählt man der Independance, die ihre Mittheilung natürlich nicht verbürgt.

Die Times sprechen sich übrigens in ganz ähnlicher Weise aus: Dem Aufstand kann nur durch eines von zwei Mitteln eine Ende gemacht werden — entweder durch eine langwierige und unbarmherzige Niederkämpfung der Rebellen oder durch eine Regierungsform, welche die Polen befriedigt und dem Kaiser die Achtung Europas zurückgewinnt. Ueber die erste Möglichkeit wollen wir keine Speculationen anstellen. Aber wir hoffen, daß ein Herrscher vom Charakter Alexander’s II. nicht für gut finden wird, die Gräuel von 1830 vor den Augen der heutigen Generation wieder in Scene zu setzen. Solch ein Frevel würde mit Recht alle Cordialität zwischen seiner Regierung und denen Westeuropas aufheben, und wahrscheinlich Rußland, wenn nicht von dem Souverän, doch von dem Volk und Parlament jedes constitutionellen Staates isoliren.

Siehe auch:

Veröffentlicht unter 1863, Bismarck, Geschichte, Österreich, Polen, Preußen, Rußland | Hinterlasse einen Kommentar

Hintergrund: Die Conflictszeit (I)

[Fortsetzung von: Die Begründung der deutschen Fortschrittspartei (II)]

Die Conflictszeit. (I)

Es ist unzweifelhaft, daß die Heeresreorganisation, wie sie die preußische Regierung beabsichtigte, von der Volksvertretung genehmigt worden wäre, wenn das Ministerium sich mit voller Offenheit an dieselbe gewendet und seine Popularität durch eine kräftige nationale Politik gehoben hätte. Allein die Regierung verfuhr fortgesetzt so unklar, zweideutig und widerspruchsvoll, daß das tiefste Mißtrauen geweckt und der stärkste Widerstand provocirt wurde.

Die Mobilmachung von 1850 hatte tiefe Schäden in der Militärverwaltung aufgedeckt und die Nothwendigkeit einer Reorganisation dargethan. Nach Beginn der Regentschaft wurde dieselbe ernsthaft in die Hand genommen; die allgemeine Wehrpflicht sollte zur Wahrheit und die Wehrkraft des Staates erhöht werden. Das Landwehr-Institut, welches zu den stolzesten Erinnerungen der Nation gehörte, sollte zu diesem Zwecke ebenfalls einer Aenderung unterworfen werden. Der Kriegsminister von Bonin hatte indessen im Landtage bereits die bestimmte Erklärung abgegeben, daß eine Aenderung der Landwehrordnung vom 3. September 1814 nur auf gesetzlichem Wege, also unter Zustimmung des Abgeordnetenhauses, erfolgen könne. Eine Gesetzesvorlage über die Reorganisation der Armee wurde denn in der That auch gemacht, welche in den Motiven sich in der schärfsten Kritik des populärsten Militärinstitutes erging, zugleich aber nicht nur eine beträchtliche Mehrbelastung des Volkes, sondern auch die Wiedereinführung der dreijährigen Dienstzeit bei der Infanterie forderte. Die liberale Partei war völlig bereit, die Wehrkraft zu stärken, aber sie glaubte diesem Zwecke unter Schonung der Steuerkraft des Landes durch stärkere Aushebung und schnelleren Wechsel der Soldaten genügen zu können; sie wollte den einzelnen Mann nur zwei Jahre bei den Fahnen fest halten und dadurch die Möglichkeit schaffen, in derselben Zeit und mit denselben Kosten drei statt zwei Soldaten heranzubilden, dann brauchte die Zahl der Regimenter nicht erhöht zu werden, und man erreichte für dasselbe Geld, das man bisher auf die Armee verwandt, alle Vortheile, die mit der Reorganisation beabsichtigt waren. Auf den Einwand, der militärischerseits gemacht wurde, daß in zwei Jahren der Rekrut nicht hinreichend ausgebildet werden könne, daß insbesondere durch den schnellen Wechsel der Mannschaft den einzelnen Truppentheilen der feste Zusammenhang, die innere Einheit geraubt werde, glaubte man kein großes Gewicht legen zu dürfen, weil ja länger als zwanzig Jahre die zweijährige Dienstzeit thatsächlich in Uebung gewesen war und die Kriegsminister und Generale jener Zeit somit Zeugniß gegen das Verlangen der Regierung ablegten. Gleichwohl hätte das Ministerium der neuen Aera seine Forderung durchgesetzt, wenn es zu jener Zeit, da es noch allgemeine Verehrung genoß, die Reorganisation offen und mit aller Kraft auf gesetzlichem Wege durchzubringen sich entschlossen hätte. Statt dessen beliebte man, auf künstlichem Wege eine vollendete Thatsache zu schaffen und somit den Landtag nach und nach in eine Zwangslage zu versetzen. Als der Friede von Villafranca geschlossen war, hob man die Mobilmachung nicht auf, sondern beließ die einberufenen Landwehrbataillone bei der Fahne. Allerdings wurden die Wehrleute aus denselben entlassen, aber statt ihrer Rekruten und Reserven eingestellt und so thatsächlich neue Truppenkörper innerhalb des stehenden Heeres geschaffen. Dem Landtage von 1860 wurde der Gesetzentwurf über die Reorganisation vorgelegt, allein das Herrenhaus lehnte die Grundsteuer-Vorlagen ab, aus deren Ertrag die Mehrkosten der neuen Einrichtung bestritten werden sollten, und die Commission des Abgeordnetenhauses beantragte eine Reihe von Abänderungen des Gesetzentwurfes.

Noch ehe die Vorlage im Plenum zur Berathung kam, zog die Staatsregierung dieselbe zurück und legte, da anderenfalls am 1. Mai die Kriegsbereitschaft ein Ende gehabt und die Landwehrbataillone hätten entlassen werden müssen, einen neuen Gesetzentwurf vor, worin “zur Aufrechterhaltung und Vervollständigung derjenigen Maßnahmen, welche für die fernere Kriegsbereitschaft und erhöhte Streitbarkeit des Heeres erforderlich und auf den bisherigen gesetzlichen Grundlagen thunlich sind,” ein einmaliges Extraordinarium von 9 Millionen Thaler für die Zeit bis zum 30. Juni 1861 gefordert wurde. Der Finanzminister erklärte wiederholt im Namen der Staatsregierung, daß es sich um ein Provisorium handle, womit der künftigen Regelung der Verhältnisse auf gesetzlichem Wege in keiner Weise präjudicirt werde. Zehn Tage später freilich erklärte derselbe Minister, die Regierung acceptire das Provisorium nicht in dem Sinne, daß nach Ablauf desselben “der frühere normalmäßige Zustand ganz von selbst wiederkehren sollte.” In der Commission aber fügte der Minister hinzu: “Alle Einrichtungen sollen so getroffen werden, daß sie zukünftigen Beschlüssen nicht präjudiciren.” Diese Versicherung wurde ausdrücklich auch von dem inzwischen eingetretenen Kriegsminister von Roon wiederholt. War sie nicht ernst gemeint, so konnte wenigstens das Abgeordnetenhaus, welches dem Ministerium durch Bewilligung der Forderung das verlangte Vertrauensvotum ertheilte, keine Verantwortung für die Anordnung unwiderruflicher Einrichtungen treffen, es sei denn, daß man ihm dieses Vertrauen selbst zum Vorwurf machen kann. Die Kammer bewilligte Alles, was die Regierung gefordert hatte. Zur Wahrung ihres Standpunktes ließ sie aber in dem von Vincke erstatteten Commissionsberichte erklären:

“Die Nothwendigkeit des einstweiligen Fortbestehens dieser Kriegsbereitschaft wird von der Commission einstimmig anerkannt. Sie konnte sich der Wahrnehmung nicht entziehen, daß Europa in Nachwirkung der aus dem letzten Kriege hervorgegangenen Verwickelungen sich noch in einem Zustande der Unbehaglichkeit befindet, welcher einem bewaffneten Frieden sehr ähnlich sieht. Vor allem Anderen aber wird die preußische Landesvertretung in patriotischem Selbstgefühl stets des erhabenen Wortes sich erinnern: “”Die Welt soll es wissen, daß Preußen überall das Recht zu schützen bereit ist.”” Als schreiende Verletzungen guten alten deutschen Rechts springen hier sofort die Vergewaltigungen in Hessen und in Schleswig-Holstein in die Augen. In beiden Fällen hat das Haus der Abgeordneten noch in den letzten Tagen ausgesprochen, daß Preußen dem Rechte Anerkennung, dem Unrechte Wandel zu schaffen, in erster Reihe berufen, daß die Ehre des Landes dafür verpfändet ist. Diese Beschlüsse würden jedes Nachdruckes entbehren, sie würden im deutschen Vaterlande wie in Europa nicht verstanden werden, wenn gleichzeitig die seit Monaten bestehende Kriegsbereitschaft einem Zustande des tiefsten Friedens Raum geben sollte. Allerdings beruhen die zur einstweiligen Aufrechterhaltung der Kriegsbereitschaft getroffenen und angebahnten Maßnahmen zum Theil auf Principien, welchen die Commission bei Berathung der früheren Vorlagen mit 14 gegen 7 Stimmen ihre Billigung versagen zu müssen geglaubt hat (namentlich die Eliminirung der Landwehr aus den Reihen der mobilen Feldarmee und der Wiedereinführung der dreijährigen Dienstzeit der Infanterie). Allein die königliche Staatsregierung geht davon aus, daß in keiner Weise den künftig zu fassenden Beschlüssen präjudicirt werden soll und präjudicirt werden wird.” — Hiernach konnte kein Zweifel obwalten, erstens, daß die Reorganisation nur im Wege des Gesetzes vorgenommen, zweitens, daß die neun Millionen Thaler gefordert und bewilligt wurden, nicht zur Durchführung der Reorganisation, sondern zur Aufrechterhaltung der Kriegsbereitschaft auf ein Jahr.

Siehe auch:

Veröffentlicht unter 1860er, 1881, Bismarck, Deutsche Fortschrittspartei, Geschichte, Liberalismus, Parlamentarismus, Rechtsstaat, Verfassung | Hinterlasse einen Kommentar

Links der Woche

Wir stellen hiermit einige Links zusammen, die uns in der letzten Zeit aufgefallen sind. Fett gekennzeichnet unsere engere Auswahl. Da es zwei fast gleich gute Artikel gab, auch zwei beste Artikel der Woche. Aktuelle Links finden sich auch immer fortlaufend auf unserer Facebookseite.

  1. Matt Lewis bei Daily Beast: Will Right-Wing Movies Save Hollywood?
  2. Klaus Alfs bei NOVO Argumente: Tierrechte: Das Tier ist nicht der Freund des Menschen
  3. Leo Mirani bei Quartz: Millions of Facebook users have no idea they’re using the internet
  4. Sascha Tamm bei antibürokratieteam: Vielleicht hat ja die Bundeskanzlerin recht,
  5. Scott Shackford bei Reason: Will Cigarettes Someday Replace Marijuana in the Drug War?
  6. Lily Kuo bei Quartz: China is banning Western textbooks to crack down on its own professors
  7. Jeffrey Tucker bei The Freeman: The Eugenics Plot Behind the Minimum Wage BESTER ARTIKEL DER WOCHE (1)
  8. Tyler Cowen bei MarginalRevolution: Which books should you read one hundred times or more?
  9. Beth McMurtrie bei Chronicle of Higher Education: The Rich Man’s Dropout Club
  10. Tim Fernholz bei Quartz: Argentina’s president is charged, once again, in alleged bombing cover-up
  11. Alex Nowrasteh bei Cato at Liberty: Pausing Immigration Will Not Boost Assimilation
  12. Nick Gillespie bei Reason: Let Us Now Praise Political Punks!
  13. Migazin: Vermutlich mehr als 300 Flüchtlinge im Mittelmeer ertrunken
  14. Annalisa Merelli bei Quartz: Armenian genocide, still a political hot potato, is about to land at the Eurovision song contest
  15. Arnold Kling bei askblog: Who Do You Least Admire?
  16. Bryan Caplan bei EconLog: Revolution: Two Minimal Conditions
  17. Tyler Cowen bei MarginalRevolution: The Greeks are now negotiating seriously
  18. Shikha Dalmia bei The Week: Reform conservatism is a triumph of liberalism
  19. Andrea Castillo bei TheUmlaut: The Silk Road 2.0 Database Is Up For Grabs in the First Darkleaks Auction — BESTER ARTIKEL DER WOCHE (2)
Veröffentlicht unter Links der Woche | Hinterlasse einen Kommentar

Die Reaktion in Aktion

Wie überhaupt in der Reaktionszeit, so litt auch unter der Ausführung dieser Verwaltungsmaxime die Rheinprovinz am meisten, zumal sie noch mit einem besonders tanzfeindlichen Oberpräsidenten gesegnet war. Während die Uckermark noch vierzehnmal im Jahr tanzen durfte, erschien Ende des Jahres 1856 die für die Kulturgeschichte des 19. Jahrhunderts ewig denkwürdige Verordnung der Koblenzer Regierung, welche, “um dem verderblichen Einfluß der öffentlichen Tanzmusiken auf die Sittlichkeit der unteren Volksklasse zu begegnen” festsetzte, daß an Sonn- und Feiertagen überhaupt nicht, sonst aber höchstens an drei Tagen des Jahres, worunter am Königsgeburtstag, die Unsitte des Tanzens geduldet werden solle. Wohl keine Maßregel der Reaktion hat in der Rheinprovinz eine größere Erbitterung hervor gerufen, wie diese das Nationalgefühl auf’s tiefste kränkende und dem freien Sinn der Rheinländer widerstrebende Verordnung.

Aus: Eugen Richter: Die Freiheit des Schankgewerbes, 1862.

Veröffentlicht unter 1856, 1862, Eugen Richter, Reaktion, Verbote | Hinterlasse einen Kommentar

Antrag auf eine Lebens-Versicherung der preußischen Verfassung

Kladderadatsch, 15. Februar 1863

Offene Fragen,

deren klare und wahre Beantwortung unerläßlich ist, um entscheiden zu können, ob das Leben der preußischen Verfassung versichert werden kann.

1. Ist die genannte Verfassung jetzt bei guter Gesundheit?
2. Ist die Existenz der Verfassung jemals ernstlich bedroht gewesen? Von welcher Krankheit? Und wer war der Arzt?
3. Ist die genannte Verfassung mit einem Bruche behaftet, oder ist sie dazu prädisponirt?
4. Ist irgend ein naher Vewandter oder eine nahe Verwandte der Verfassung (vielleicht in Kurhessen) an der Auszehrung (Paragraphen-Schwindsucht) oder einer andern erblichen Krankheit gestorben?
5. Führt die Verfassung eine thätige oder sitzende Lebensweise? (Hierüber besonders Herr Dr. Hagen in Insterburg näher zu befragen.)
6. Ist die Verfassung in irgend einem Schutz- oder Militärdienst? (Hierüber Herr Dr. Beitzke und Baron von Vaerst zu hören.)
7. Hat es vielleicht sehen irgend eine Gesellschaft abgelehnt, das Leben der genannten Verfassung zu versichern, oder eine höhere Prämie verlangt? (Das Herrenhaus in der Leipzigerstraße dürfte hierüber nähere Auskunft geben können.)
8. Wer sind die Personen, welche für die kräftige und ungeschwächte Constitution der zu Versichernden bürgen wollen, und welche Gaubwürdigkeit genießen ihre Zeugnisse?

Für die General-Agentur der Borussia.

Kladderadatsch.

Siehe auch: Erste Kundschaft

Veröffentlicht unter 1863, Geschichte, Preußen, Satire, Verfassung | Hinterlasse einen Kommentar