Der lange Schatten des Antisemitismus

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Können Einstellungen über mehr als ein halbes Jahrtausend fortdauern? Mit dieser Frage befaßt sich eine der interessantesten wissenschaftlichen Arbeiten, die wir in der letzten Zeit gelesen haben. Sie stammt von Nico Voigtländer und Hans-Joachim Voth und wurde 2012 im Quarterly Journal of Economics unter dem Titel „Persecution Perpetuated: The Medieval Origins of Anti-Semitic Violence in Nazi Germany“ veröffentlicht.

Als 1348 bis 1350 die Pest durch Deutschland zog, wurden vielerorten Juden beschuldigt, die Brunnen vergiftet zu haben. Aus sehr vielen Städten und Gemeinden wurden sie vertrieben, ja in vielen sogar Pogrome gegen sie veranstaltet. Dies war aber nicht einheitlich so. Manchmal ereignete sich ein Massaker in dem eine Ort, während in einem nahegelegenen nichts passierte. Die Welle von Pogromen um 1349 war nicht die erste — es hatte ähnliche bereits aus Anlaß der Kreuzzüge gegeben oder etwa bei den Rintfleisch-Pogromen 1298 in Franken und angrenzenden Gebieten —, aber bis dahin war sie doch die umfassendste. Weitere Verfolgungen in den nächsten Jahrhunderten drängten die Juden bis 1550 dann fast ganz aus Deutschland heraus. Erst viel später ab dem 18. Jahrhundert kehrten sie wieder zurück. In der Zwischenzeit kannten viele Menschen Juden wohl eher nur vom Hörensagen.

Fast Forward. 1928 führten die Nationalsozialisten einen Wahlkampf, bei dem sie ihren Antisemitismus in den Vordergrund rückten. Das Wahlergebnis fiel allerdings schwach aus. Die NSDAP verlor 0,4 Prozentpunkte und landete bei nur 2,6%, allerdings mit einer großen Variation innerhalb Deutschlands. Bei den folgenden Wahlen stellten die Nationalsozialisten andere Themen heraus, ihren Antisemitismus bei der Propaganda hingegen zurück, und waren damit weitaus erfolgreicher.

Auch das Ausmaß der Pogrome bei der „Reichskristallnacht“ 1938 war nicht überall gleich, genauso wenig wie der Anteil der Juden die später deportiert und ermordet wurden. Unterschiedlich häufig wandten sich auch Bewohner unterschiedlicher Ortschaften mit Leserbriefen an den „Stürmer“, wofür in der besprochenen Arbeit der Zeitraum von 1935 bis 1938 ausgewertet wird. Zudem wird noch in die Betrachtung genommen, wo in den 1920ern es zu Pogromen kam. Setzt man diese verschiedenen Facetten zusammen, so ergibt sich ein Bild, wie der Antisemitismus in Deutschland in den 1920ern und danach verteilt war.

Und nun kommt das Verblüffende: Schaut man sich an, wie das Verhalten der Bevölkerung in der Weimarer Zeit und dem Dritten Reich in einem Gebiet mit Pogromen um 1349 zusammenhängt, so stellt man folgendes fest:

In Gebieten mit Pogromen 1349 schnitt die NSDAP 1928 deutlich besser bei den Wahlen ab, kam es häufiger zu Pogromen in den 1920ern, zu Attacken während der „Reichskristallnacht“, es wurde ein größerer Anteil der Juden deportiert und es wurden mehr Leserbriefe von dort an den „Stürmer“ geschrieben. Umgekehrt verhielt es sich mit Gebieten, wo es 1349 zu keinen Pogromen gekommen war. Oft bleibt sogar das Muster bei benachbarten Städten erhalten, die einen feindlicher, die anderen weniger feindlich gesonnen. Auch in anderen Hinsichten findet sich das Muster wieder, etwa was Bildnisse mit „Judensäuen“ an Gebäuden anlangt.

Grundsätzlich könnte es nun sein, daß hinter einem solchen Zusammenhang eine beide Ergebnisse treibende Größe steckt. Etwa könnten gewisse geographische Eigenheiten, z. B. eine mehr oder minder große Abgelegenheit, sowohl 1349 als auch ab den 1920ern fördernd für Antisemitismus gewirkt hätten. Mit einer sorgfältigen Betrachtung wird das aber ausgeschlossen, wiewohl es natürlich nie unmöglich ist, daß es eine gemeinsame Größe gibt, an die noch niemand gedacht hat. Mit den großen Veränderungen über fast 600 Jahre kommen eher zeitgebundene Größen dabei allerdings nicht in Frage.

Die Schlußfolgerung ist von daher, wie wir es verstehen, daß verschiedene Orte eine unterschiedliche Kultur ausprägten, manche feindselig gegen Juden gerichtet, andere vielleicht nicht freundlich, aber indifferent oder sogar tolerierend, und daß diese Kultur sich über Jahrhunderte erhielt, sogar zu Zeiten, zu denen kaum noch Juden präsent waren. Das wirkt erst einmal unwahrscheinlich. Wenn man aber, wie die Autoren aufzeigen, davon ausgeht, daß bis vor vielleicht zweihundert Jahren die meisten Menschen am Ort blieben und die Wanderung innerhalb Deutschlands nur sehr gering war, kann man sich schon eher vorstellen, wie sich lokale Kulturen von Generation zu Generation erhalten haben.

Es gibt dabei eine interessante Ausnahme. Die Verbindung zwischen 1349 und den 1920ern läßt sich nicht mehr oder in dem Maße für Orte feststellen, die offen für Handel waren, wie etwa die Hansestädte. Auch die Expansion verschiedener Städte durch Zuwanderung, wie etwa für Berlin, Frankfurt oder Hamburg, wirkte in entgegensetzter Richtung. Mit anderen Worten: Der Kapitalismus arbeitete hier gegen die Weitergabe „gewachsener Kultur“. Die Arbeit von Voigtländer und Voth zeigt damit auch die negativen Seiten von „sozialem Kapital“ auf, dessen positive Wirkungen gerne herausgestellt werden. Nicht jede Kultur, sei sie noch so alt und „gewachsen“, ist eben erhaltenswert.

Wir können den Inhalt der Arbeit nur anreißen und würden die Leser auf das Original verweisen, das noch manche hier vernachlässigte Aspekte auslotet. Auch wenn oder vielleicht gerade weil es sich um eine wissenschaftliche Arbeit handelt mit vielen ökonometrischen Details, ist sie so spannend und anregend zu lesen wie der beste Journalismus.

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