Wie Amazon seine Kritiker fertigmachen könnte

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Es kommt aus Amerika. Es wird Geld damit verdient. Und es macht lahmduseligen deutschen Unternehmen Konkurrenz. — Dann ist es bestimmt etwas Böses!

Aktuelles Beispiel für diese Logik: Amazon.

Was wurde nicht alles aufgedeckt. So fanden etwa öffentlich-rechtliche Anstalten Schockierendes heraus: Mitarbeiter bei Amazon müssen arbeiten, teilweise sogar körperlich, dabei lange Wege zurücklegen und eine gewisse Leistung erbringen. Und dafür bekommen sie nur den Lohn, den sie mit Amazon vereinbart haben, weil Amazon ihnen mehr als andere Unternehmen bezahlt. Natürlich eine unerträgliche Vorstellung für jeden Mitarbeiter beim Staatsfunk. Was wäre denn erst los, wenn sich solche Zustände auch dort ausbreiten würden?

Als nächstes sprangen die Gewerkschaften auf, die sich freuten, ein paar Proletarier entdeckt zu haben. Dann der Einzelhandel, dem die Leistung von Amazon schon lange ein Dorn im Auge gewesen war. Politiker witterten Heldentum auf Kosten anderer. Und wenn es etwas zu bejammern gilt, dann dürfen natürlich auch die Kirchen nicht fehlen. Die heilige Allianz war beisammen, das Lamentieren groß. Hände wurden blutig gewrungen, Boykotte angedroht. Nie wieder Krieg, nie wieder Amazon!

Hier nun ein Vorschlag, wie Amazon zurückschlagen könnte:

Amazon hat es zu seinem Markenzeichen gemacht, Logistikprozesse zu optimieren. Eine riesige Maschinerie muß dazu nahtlos laufen. Und man darf davon ausgehen, daß Amazon bis ins letzten Detail weiß, wie eine Lieferung zustandekommt. Insbesondere wird man dort wissen oder mit wenig Aufwand herausfinden können, wer alles an der Zusammenstellung und Auslieferung einer Sendung beteiligt war.

Amazon müßte nun dieses Wissen einfach nur nutzbar machen für eine durchaus alte Erfindung, mit der man Leuten, die wenig verdienen, etwas Gutes tun kann: Trinkgelder.

Nehmen wir an, Sie bestellen etwas bei Amazon. Sie müßten nun nur die Gelegenheit haben, den Leuten etwas zukommen zu lassen, die so schön für Sie arbeiten. Bei Ihrer Bestellung geben Sie einen Betrag ein, sagen wir, 1 Euro. Oder Sie runden auf den nächsten runden Betrag auf. Oder Sie stellen prozentual vom Wert etwas ab. Was hier die beste Lösung ist, wird sich wohl herausfinden lassen.

Amazon leitet dieses Geld nun an seine Mitarbeiter weiter. Normalerweise werden das viele sein, die ein bißchen beigetragen haben. Jeder bekommt vielleicht einen gleichen Anteil. Oder bei einem besonders ausgefuchsten System könnten Sie sogar bestimmen, daß der mehr bekommt, der den schweren Teil der Lieferung herumwuchten muß.

Damit hätten alle, die bis jetzt nur jammern konnten, eine wunderbare Möglichkeit ihr Geld dorthin zu tun, wo ihr Mund ist. Und anders als bei einer pauschalen Regelung, wie sie die Gewerkschaften gerne sähen, bei der die zusätzlichen Kosten auf alle Kunden umgelegt würden, könnte jeder hier nach seinen Möglichkeiten beisteuern. Der weniger gut Gestellte, der selbst auf die Cents aufpassen muß, wäre etwas knauseriger (auch wenn solche Leute meist sogar besonders freigebig sind), der gut bestallte Redakteur einer öffentlich-rechtlichen Anstalt, der Politiker, der Kirchenmann oder der Gewerkschaftsfunktionär, der gibt bestimmt gerne mehr.

Doch würde das für die Mitarbeiter von Amazon etwas bringen, das merklich ist?

Das hängt davon ab, wie großzügig all die Leute sind, die ihr Herz auf der Zunge tragen. Aber vielleicht kommt es auf die ja gar nicht so an. Gerade Menschen, die sich über Märkte, neue Produkte und eine gute Leistung freuen, die sind auch gerne bereit, das zu honorieren. Und die haben Spaß daran, wenn es anderen gut geht.

Wie man an den geringen Kosten für Verpackung und Versand bei Amazon sehen kann, hat das Unternehmen seine Prozesse sehr gut organisiert. Zieht man von den Kosten die für Materalien ab, für den Bau und Unterhalt der Logistikzentren, usw., dann bleibt nur wenig, das für Personalkosten pro Sendung verwendet wird.

Das ist aber eine gute Botschaft für die Mitarbeiter von Amazon. Verteilt man nämlich auch nur kleine Beträge pro Sendung, so sind diese recht groß im Vergleich zu den Personalkosten. Entsprechend groß ist auch das Potential, das Einkommen der Mitarbeiter durch Trinkgelder aufzustocken. Vermutlich würde der eine Euro oben schon einer nennenswerten Gehaltssteigerung gleichkommen. Besonders in der stressigen Weihnachtszeit kann man erwarten, daß auch die Trinkgelder lockerer sitzen und mehr als sonst ankommt.

Würde Amazon ein solches System einführen, so könnte das Unternehmen seine Kritiker auf einen Schlag entwaffnen. Wer den Mitarbeitern mehr gönnt, der kann das selbst in die Hand nehmen. Und Amazon würde auch die Konkurrenz abhängen, bei der es ja wesentlich schwieriger wäre, jedem Mitarbeiter im Lager und hinter der Ladentheke ein paar Cent zuzustecken.

Natürlich ergäbe sich eine Dynamik: Wenn die Mitarbeiter einen gewissen Anteil für Trinkgelder erwarten können, dann würden sie auch zu einem niedrigeren Grundgehalt bereit sein, bei Amazon zu arbeiten. Amazon könnte dadurch seine festen Kosten für den Versand senken, was aber auch wieder Raum für höhere Trinkgelder schaffen würde.

Es käme also letztlich darauf an, wieviel die Kunden auf Dauer bereit wären, für den festen Anteil zusammen mit den Trinkgeldern zu berappen. Aber sie hätten es ab nun in der Hand, darüber zu bestimmen. Wenn also so viele sich hier Sorgen machen und es unmoralisch finden, nur wenig zu bezahlen, dann sollten sie mit dem neuen System mehr bezahlen, was auch bei den Mitarbeitern von Amazon ankäme. Aber vielleicht hakt es an dieser Stelle, daß man nur freigebig mit anderer Leute Geld sein will. Immerhin wüßte man dann, wer die Heuchler im Land sind.

Also Amazon, wie wäre es?

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3 Antworten auf Wie Amazon seine Kritiker fertigmachen könnte

  1. Robin sagt:

    Aber niemand sollte erwarten, dass ein solcher Schritt Amazon positiv angerechnet würde. Schließlich handelt es sich um ein Unternehmen, das in den Medien nicht auf Schonung hoffen darf.
    Die Blaupause für die Kritik an dem Trinkgeld-Vorschlag sehe dann vielleicht ungefähr so aus:
    Das Unternehmen stiehlt sich aus der Verantwortung für seine Mitarbeiter. Nicht einmal den niedrigen Lohn für die ausgebeuteten Arbeitnehmer im Versandzentrum bringt Amazon mehr selbst auf. Nein, dafür sollen jetzt die Kunden herhalten. Und offensichtlich habe dieser Schritt nur zum Zweck, die Löhne in Zukunft weiter senken zu können. Verantwortungslos. Ausbeuterisch. Auf diese Idee kann nur ein kommen.

    • eugen sagt:

      Leider nur zu gut möglich. Ein solches Symbol wollte man sich natürlich nicht ohne weiteres wegnehmen lassen.

      Denkbar wäre auch die Klage, daß nicht alle das Gleiche bekommen. Etwa würden die Verpacker für Gewerkschaftsmerchandizing vermutlich in die Röhre schauen, während solche, die Bücher über Liberalismus versandfertig machen, im Geld schwämmen.

  2. eugen sagt:

    Vielleicht das noch zur Anmerkung:

    In erster Linie würde Amazon seine Kritiker entwaffnen, weil es sie bei ihren ökonomischen Vorstellungen abholt. Das ist der Punkt des Artikels. Auf kurze Sicht würden wir damit rechnen, daß die Mitarbeiter davon profitieren würden. Ob das auf längere Sicht auch der Fall wäre, ist zumindestens unklar. Wir geben zu, daß wir die vollständige Analyse aktuell nicht leisten können.

    Es gäbe diverse Effekte, die dafür sprechen, daß die Gehaltssteigerung nicht dauerhaft sein könnte, außerdem Effekte, die in unterschiedliche Richtungen gehen:

    – Wie im Artikel angesprochen, könnte Amazon die festen Gehälter senken, sodaß diese durch Trinkgelder ersetzt würden. Amazon könnte dafür die festen Kosten für Versand senken, sodaß sich letztlich nichts verändert hätte. Trinkgelder wären das neue Gehalt, das wie vorher wäre.
    – Wenn die Kunden eisern denselben Betrag an Trinkgeldern + festen Kosten anvisieren würden, also ihre Trinkgelder entsprechend erhöhen, könnten sie die Beträge gleich hoch halten, die bei den Mitarbeitern ankommen. Aber Amazon könnte sich nun weniger Mühe geben, effizient zu arbeiten (z. B. weniger Kapital pro Kopf aufwenden), sodaß mehr Mitarbeiter dasselbe leisten, bis dahin, wo alle wieder dasselbe Gehalt bekommen.
    – Solange das Gehalt (Trinkgelder + fest) höher als zuvor wäre, könnte Amazon wählerisch bei der Auswahl der Mitarbeiter sein, da nun auch solche bereitstünden, die anderswo mehr verdienen könnten. Das würde gegen Mitarbeiter laufen, die weniger qualifiziert sind, irgendwelche Probleme mitbringen, nicht perfekt arbeiten (was vorher durch ein niedrigeres Gehalt ausgeglichen wurde).
    – Die Bezahlung würde weniger transparent werden. Je nach Einsatz würde mehr oder weniger an Trinkgeldern abfallen. Die Wirkung ist schwer einzuschätzen. Intern könnte die Zuweisung zu einer Stelle als Prämie genutzt werden für die Leistung, was positive Effekte für die Qualität haben könnte.
    – Die Mitarbeiter würden ein Risiko übernehmen, das aus schwankenen Trinkgeldern resultiert. Das macht die Arbeit attraktiver für diejenigen, die sich leichter damit tun, ein solches Risiko zu übernehmen. Das wären vermutlich jüngere Leute, solche, die wenige Verpflichtungen haben oder die anderweitig abgesichert sind.
    – Für das Risiko würden Mitarbeiter eine Prämie verlangen, um es zu übernehmen (bei sehr vielen Transaktionen, an denen der Mitarbeiter beteiligt ist, wäre das wohl eher gering). Es würde zusätzliche Unsicherheit hereingebracht, die es vorher nicht gab und mit der umgegangen werden müßte.
    – Zwar könnten die Trinkgelder an die Leistung gekoppelt werden. Aber bei der Art von Tätigkeit wie bei Amazon gibt es nicht viele Anreize, etwas besser zu machen. Es gibt „richtig“ und es gibt: mehr oder weniger „falsch“. Die Norm wäre „richtig“, was man nicht steigern kann. Die Möglichkeiten für eine Verbesserung der Qualität wären gering.

    Wie gesagt: es wäre ein cleverer Schachzug von Amazon. Wir würden auf kurze Sicht (solange andere noch nicht nachgezogen sind, sodaß das überall der Fall wäre) mit einer gewissen, anfangs sogar ordentlichen Verbesserung für die Mitarbeiter rechnen. Auf Dauer würden wir denken, daß diese sich nicht unbedingt halten würde. Das Ergebnis ist auf jeden Fall unklar. Wie gesagt, die Analyse ist knifflig und wir haben sie nicht voll im Griff. Wir freuen uns, hier belehrt zu werden.

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