Doug Saunders: The Myth of the Muslim Tide

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Der britisch-kanadische Journalist Doug Saunders knöpft sich in seinem Buch modische Thesen vor, die westliche Länder von einer moslemischen Flut bedroht sehen. Auch wenn wir bei einzelnen Punkten anderer Ansicht sind, fanden wir das Buch sehr empfehlenswert, weil es mit einer ganzen Reihe von unhaltbaren Behauptungen aufräumt, die mittlerweile schon fast zum Gemeingut geworden sind.

Eingangs schildert Saunders einfühlsam das Bedrohungsszenario, dem sich Warner vor einer moslemischen Flut gegenübersehen, um dann die Popularisierung der These und Hauptvertreter der Richtung durchzugehen: Bat Ye’or, Bruce Bawer, Geert Wilders, Thilo Sarrazin, usw. Erfreulich ist hierbei, daß er sich, anders als in der deutschen Debatte zu dem Thema üblich, nicht mit persönlichen Attacken aufhält, sondern die Behauptungen Punkt für Punkt angeht. Das geschieht im zweiten Teil „The Facts“.

Am besten gefiel uns, wie Saunders die angebliche demographische Überflutung auseinandernimmt. Hier läßt sich die Frage relativ gut mit Zahlen durchgehen. Und wenn man dies tut, dann bleibt nichts übrig. Geburtenraten in moslemischen Ländern sind dramatisch gesunken und nähern sich denen in westlichen Ländern. Einwanderer aus den betreffenden Ländern passen sich sehr schnell den Einwanderungsländern an. Statt einem Anteil von 5% Moslems „droht“ selbst bei Zugestehen von maximalen Szenarien bloß eine Quote von vielleicht 10%, weit weg von einer Bevölkerungsmehrheit.

Auch in anderen Hinsichten gleichen sich Einwanderer rasch an, etwa mit ähnlichen Quoten beim Besuch von Gottesdiensten, in den USA auf dem höheren Niveau der Christen, in Europa auf dem deutlich niedrigeren. Dies verfolgt Saunders dann weiter im Abschnitt über Integration. Hier zeigt sich eine Annäherung bei den Ansichten von Einwanderern und Einheimischen, insbesondere auch bei kontroversen Themen. Daß jemand aus einem moslemischen Land stammt oder sogar religiös ist, bedeutet nicht unbedingt, daß für ihn in allen Fragen vordringlich die Religion maßgeblich ist. Das Bekenntnis zu den neuen Heimatländern fällt je nachdem sogar höher als bei den Einheimischen aus. Insgesamt ergibt sich ein Bild, das gar nicht zur Geschichte von isolierten Parallelgesellschaften paßt.

Saunders stützt sich hier nur auf Umfragen, die offener in ihrer Interpretation sind als die Zahlen zur Demographie. Das gilt noch mehr, wenn es darum geht abzugrenzen, welchen Anteil extremistische Einstellungen haben. Wie Saunders recht klar zeigt: die allermeisten Moslems sind keine Extremisten, ganz im Gegenteil. Man kann sich aber fragen, ob ein Anhänger von Al Qaeda bei einer Umfrage genauso ehrlich wie beim Antrag für ein amerikanisches Visum die Option „Ja, ich will terroristische Anschläge begehen“ ankreuzt oder ob hier nicht auch je nachdem nach Erwartungen geantwortet wird. Die Zahlen sind aber doch klar genug, daß an den Folgerungen von Saunders keine wesentlichen Änderungen nötig sind.

Störend fanden wir etwas, daß Saunders seinen im angelsächsischen Sinne „liberale“ (deutsch: sozialdemokratischen) Blickwinkel für selbstevident hält, etwa bei der Behauptung, wie Leute in Armut „gezwungen“ werden. Hier hätte man auch etwas reflektieren können, wie Leute sich etwa durch Schulabbruch oder ihre Arbeitseinstellung, die sie zu verantworten haben, selbst ausmanövrieren. Daß ein Aufstieg vom armen und wenig gebildeten Einwanderer auch mal mehr als eine Generation dauert, muß nicht schuld der anderen, sondern könnte einfach normal sein. Ob hier administrative Programme, insbesondere das Allheilmittel Bildungspolitik, wirklich helfen, wissen wir nicht, und das wird, soweit wir es sehen, auch nicht wirklich belegt.

Schwach fanden wir die Schilderung, wie an einer Stelle Salafisten der Polizei helfen, Al Qaeda-Anhänger unschädlich zu machen. Das sollte man vielleicht nicht überinterpretieren. Gruppen, die von einem sicheren Land aus in ihrem Heimatland agieren wollen, haben kein Interesse daran, daß Terroristen die Bevölkerung aufschrecken. Khomeini hätte wohl im Pariser Exil auch so agiert. Nach einer Machtübernahme im Heimatland kann das dann doch ganz anders aussehen. Irgendwie können wir auch nicht so recht an die Salafisten glauben, den es nur um die Religion zu tun ist und die anders als die terroristischen Strömungen seien. Wer eine derart bornierte Weltsicht hat, der mag vielleicht taktisch stillhalten, aber vielleicht nur unter gewissen Umständen. Die aktuellen Entwicklungen in Ägypten schauen für uns eher wie einer Machtergreifung aus, die ja nicht für nichts gemacht wird.

Sehr gut hingegen dann wieder der historische Exkurs über die Reaktion auf katholische und jüdische Einwanderung in die USA, Kanada und Großbritannien vor 100 und mehr Jahren mit frappanten Parallelen in den Argumentation der Gegner, aber auch den Verhaltensweisen der Einwanderer wie etwa einem gewissen Rückzug in der zweiten Einwanderergeneration aus der umgebenden Gesellschaft. Mit der längeren Perspektive erscheinen die damaligen Klischees albern, wie wohl auch vieles, was heute hoch im Kurs steht. Kennedy, der erste katholische Präsident, führte dann ja nicht den Gottesstaat mit direktem Draht zum Papst ein.

Wir haben ähnliche Sachen hier auch schon einmal angesprochen, vgl. Gehört der Katholizismus zu Deutschland?  oder Zahlen beweisen!, wobei allerdings zu beachten ist, daß dies in Deutschland keine Reaktion auf Einwanderung war, die in beiden Fällen vernachlässigbar war. Hier zeigt sich bei Saunders auch, daß er in der deutschen Geschichte weniger bewandert ist. Es ist richtig, daß unter Bismarck ab 1885 Polen mit österreichisch-ungarischer und russischer Staatsangehörigkeit ausgewiesen wurden, etwa 35.000 und davon 10.000 Juden (und nicht die Mehrheit, wie Saunders meint), siehe Einwanderungsland Preußen und Übersicht über die Hetzen 1881. Im zeitgenössischen Antisemitismus, etwa bei von Treitschke, wird dann auch ausgiebig von eine jüdischen Überschwemmung fabuliert. Das war aber einfach nur falsch. Tatsächlich gab es sogar netto eine Abwanderung von Juden in der Zeit. Hier sitzt Saunders teilweise der Propaganda auf, wenn er den Antisemitismus hauptsächlich als Reaktion deutet.

Im letzten Teil blickt Saunders dann nach vorne. Treffend fanden wir dabei, wie er die fixe Idee von monolithischen und unveränderlichen Kulturen zurückweist, ob bei den Fans einer perfekten Assimilierung, islamischen Fundamentalisten, Kulturkriegern und Multikulturalisten.

Auch wenn wir den Punkt zur Privatisierung der Religion in moslemischen Ländern grundsätzlich für richtig halten (Religion in die Politik gezogen ist das Eingeständnis, daß Religion eben nicht mehr selbstverständlich bestimmend ist), wären wir weniger optimistisch, was die Entwicklungen in den Ländern des arabischen Frühlings anlangt.

Es mag ja sein, daß ein politisierter Islam auf Dauer unfreiwillig die Säkularisierung vorantreibt, ganz ähnlich wie der politisierte Pietismus in Preußen in der Mitte des 19. Jahrhunderts wesentlich die Säkularisierung Deutschlands vorangetrieben hat. Aber das kann lange dauern. Erfreulich ist es natürlich zu lesen, wie abgestoßen Iraner in den großen Städten von religiöser Despotie sind. Aber vorher kann ein halbes Jahrhundert und mehr vergehen, wo die Unduldsamkeit am Drücker ist.

Allgemein lobenswert an dem Buch ist, daß es differenziert auch Einwände benennt, ernst aufnimmt und nicht im Gegenzug gegen haltlose Behauptungen in seine eigene Verklärung verfällt.  Wie schon eingangs gesagt: Trotz kleiner Schwächen ein durchaus empfehlenswertes Buch.

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