Eugen Richter: Die Irrlehren der Sozialdemokratie, 1890

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Eugen Richters „Irrlehren der Sozialdemokratie“ erschienen erstmals im November 1890, kurz nach Auslaufen des Sozialistengesetzes, und erreichten schnell eine Auflage von mehr als 80.000 Exemplaren. Die Kapitel waren zuvor als eine Serie von Artikeln in der „Freisinnigen Zeitung“ erschienen. Wie Eugen Richter süffisant bemerkt:

„Die sozialdemokratische Presse hat diese Skizzen zuerst geglaubt, verächtlich übersehen zu können. Dann aber, als sie das Interesse gewahr wurde, welches diese Skizzen in weiten Kreisen erregten, versuchte sie durch allerlei Wortklaubereien die Richtigkeit der Wiedergabe der sozialdemokratischen Ziele zu bemängeln; als dies auch nicht verfing, wurde dem Verfasser eine Flut von Schimpfworten in dem anerkannten Hauptorgan der sozialdemokratischen Partei, im „Berliner Volksblatt“, und anderen sozialdemokratischen Blättern zu teil. „Narren“, „krasse Ignoranten“, „dogmatische Dickköpfe“, „Idioten“, „Petrefakten“, „Museum für Antiquitäten“, „Altweibermärchen“, „böhmische Dörfer“, „hinter’s Ohr schreiben“, „Falstaff“, „phrasengeschwollener Molch“, waren die Ausdrücke, in denen die sozialdemokratische Presse ihrer Wut und ihrem Aerger über diese Ausführungen Ausdruck gab. Alles dies verstärkt nur den Eindruck einer jammervollen Hilflosigkeit der Sozialdemokratie, sobald sie sich einer Kritik ihres eigentlichen Programms gegenüber befindet. Gern ist deshalb dem mehrfach geäußerten Wunsch entsprochen worden, eine Kritik der sozialdemokratischen Irrlehren auch in Form einer Broschüre wie der vorliegenden zu verbreiten.“

Und dann geht Eugen Richter ans Werk. Zuerst schält er aus den Phrasen das eigentliche Programm der Sozialdemokraten heraus, das diese vor ihren Wählern nur ungern erörtern („Das sozialdemokratische Versteckenspiel“):

„Verstaatlichung alles Kapitals und Verstaatlichung jeder Produktion, Regelung auch der Konsumtion durch den Staat, gleicher Arbeitslohn für alle.“

Scharfsinnig folgert Eugen Richter, was dieses Programm zur Folge haben muß. Zuerst einmal muß alles Privatvermögen verstaatlicht werden, und damit auch — ein für die Sozialdemokraten empfindlicher Punkt — die Ersparnisse der Arbeiter. Die Erträge der Staatswirtschaft sollen dann gleichmäßig an die Untertanen verteilt werden. Dazu rechnet Richter einfach nach, was das bedeuten würde. Industriearbeiter, die Zielgruppe der Sozialdemokraten, würden weniger bekommen als unter dem „Ausbeutungssystem“, weil es nur wenige Reiche und sehr viele Arme gibt, und diese zumeist auf dem Land. Im Mittel würden sich Arbeiter von 640 Mark pro Jahr auf etwa 840 Mark verbessern (eine Mark hatte eine Kaufkraft von etwa 10 Euro). Allerdings muß der Staat nun Kapital bilden, weil Private das nicht mehr übernehmen können, was diese Verbesserung wieder zum größten Teil zunichte machen würde.

Doch damit nicht genug. Die Sozialdemokraten erwarten nicht nur, daß die Produktivität gleich hoch bleiben, sondern sogar noch phantastisch steigen wird. Eugen Richter erklärt ihnen, daß der Großbetrieb nicht per se vorteilhafter als der Kleinbetrieb ist, und daß der Staatsbetrieb am schlechtesten wirtschaftet. Die Kombination, der staatliche Großbetrieb, werde dies noch verschlimmern. Die Aufhebung der Konkurrenz beseitige die Anreize für Verbesserungen der Produktion und den Erhalt des Kapitals. Der Haß auf den Handel sei unberechtigt, weil der sozialistische Staat die entsprechenden Aufgaben weit schlechter verrichten werde. Und gleicher Lohn unabhängig von der Leistung erzeuge Unfähigkeit und Unlust für die Arbeit. Der Einzelne werde zum Rädchen in der Maschinerie, zum Sklaven des Staates:

„Und nun vergegenwärtige man sich die furchtbare Macht einer Behörde, welche souverän darüber entscheidet, was der Einzelne zu arbeiten hat und welche darüber auch unbedingt entscheiden muß, weil ja sonst ihr ganzer Produktionsplan zerstört werden würde und die von Bebel verabscheute „blinde Produktion“ ja eben die Folge der freien Berufswahl sein müßte. Der Arbeiter befindet sich der sozialdemokratischen Behörde gegenüber genau in der Lage eines zu lebenslänglicher Haft verurteilten Zuchthäuslers. Auch im Zuchthause besteht gleiche Arbeitspflicht, gleiche Arbeitszeit, gleicher Unterhalt und dazu verschiedenartige Beschäftigung nach Entscheidung des Direktors.“

Da der Staat alles Kapital besitzt, wird es keine freie Presse und keine unabhängige Kunst und Wissenschaft geben. Wahlen werden zu einer Farce werden, weil der Staat alles kontrollieren wird. Das häusliche Leben wird zerstört. Der sozialistische Staat muß notwendig despotisch sein:

„Wenn überhaupt eine Organisation der Produktion und der Konsumtion ausführbar wäre, wie sie das sozialdemokratische Programm vorzeichnet, so würden die Staatsleiter, welche an der Spitze stehen, mit einer so despotischen Gewalt bekleidet werden müssen, wie sie in dieser Ausdehnung niemals auch nur im Orient bestanden hat.“

Und ohne Personenkult um den obersten Führer wird es kaum gehen:

„Selbst die Phantasie reicht nicht aus, einen idealen Menschen auch nur zu träumen, welcher befähigt wäre, eine solche Stelle einzunehmen, auch wenn an dieser obersten Stelle mehr als der vierstündige Arbeitstag verlangt und derselben ausnahmsweise ein höherer Lohn gewährt werden sollte. Hier müssen schon überirdische Vorstellungen von einem zur Erde herabgestiegenen göttlichen Wesen dazu kommen, um die Möglichkeit einer irdischen Vorsehung zu denken, wie sie der sozialdemokratische Staat voraussetzt.“

Sogar die Bevölkerung soll die Staatsleitung planen und Millionen beispielsweise nach Sibirien dirigieren oder per Diät ihre Vermehrung steuern:

„In diesem großen Zukunftsgedanken, welcher der sozialdemokratischen Staatsleitung zu guterletzt auch noch die Aufgabe zuweist, eine Menschenzüchtung durch bestimmte Ernährungsmethoden beliebig zu regulieren, hat die Bebel’sche Weltordnung ihren Schlußstein gefunden. Bebel findet nunmehr, daß die Regulierung der Bevölkerungszahl „ihre Lösung in der einfachsten Weise finden wird.“ Er schwingt sich stolz zu der Schlußphrase auf: Der Sozialismus ist die mit klarem Bewußtsein und voller Erkenntnis auf alle Gebiete menschlicher Thätigkeit angewandte Wissenschaft. Wir aber schließen unsere Betrachtungen mit dem Ausspruch, daß der Sozialismus nur eine auf unklares Bewußtsein und unzureichende Erkenntnis der Natur und des Wesens der Menschen und der Dinge begründete Irreleitung der Arbeiter darstellt.“

Insgesamt: eine brilliante und visionäre Kritik des Sozialismus, und das schon 1890. 

Das Buch ist als Facsimile-Nachdruck wieder via EOD erhältlich.

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