Keine Gratulation zum Geburtstag von Bismarck

Am 23. März 1895 kommt es zu einer hitzigen Debatte im deutschen Reichstag. Anlaß ist der Antrag des Reichstagspräsidenten Albert von Levetzow (Konservative), dem Altkanzler Otto von Bismarck zu seinem achtzigsten Geburtstag am 1. April 1895 von Seiten des Parlaments zu gratulieren. Im Vorfeld ist der Antrag bereits von den Anhängern Bismarcks zu einer nationalen Frage stilisiert worden, weil sich abzeichnet, daß die Mehrheit der “Reichsfeinde” im Reichstag nicht zustimmen könnte.

Und so kommt es auch. Abgelehnt wird die Beglückwünschung von der Freisinnigen Volkspartei, der Deutschen Volkspartei, den Sozialdemokraten, dem Zentrum und den Polen, während Konservative, Freikonservative, Antisemiten, Nationalliberale und die Freisinnige Vereinigung (der ehemals nationalliberale Flügel der Freisinnigen Partei) dafür stimmen.

Eugen Richter begründet für seine Partei, die Freisinnige Volkspartei, und die verbündete Deutsche Volkspartei (süddeutsche Demokraten) das Nein:

Präsident: Das Wort hat der Herr Abgeordnete Richter.

Abgeordneter Richter: Meine Herren, namens der freisinnigen Volkspartei und zugleich der deutschen Volkspartei habe ich folgendes zu erklären.

Die angeregte Beglückwünschung als einfache Bekundung menschlicher Theilnahme für den hochbejahrten Staatsmann aufzufassen verhindert uns schon die Art, wie ein Theil der Anhänger des Fürsten Bismarck beflissen ist, die Geburtstagsfeier zu einem politischen Huldigungsakt für denselben auszugestalten und zu parteipolitischen Zwecken für sich selbst auszunutzen.

(Sehr richtig!)

Auch wir verkennen durchaus nicht die großen Verdienste des Fürsten Bismarck um das deutsche Einigungswerk — —

(Zwischenrufe rechts.)

— Die Unterbrechungen bestätigen die erwähnte Absicht parteipolitischer Ausnutzung —

Auch wir verkennen durchaus nicht die großen Verdienste des Fürsten Bismarck um das deutsche Einigungswerk und die auswärtige Politik unseres deutschen Vaterlandes. Aber die Persönlichkeit des Fürsten Bismarck kann und muß beanspruchen, ganz und ungetheilt beurtheilt zu werden.

Fürst Bismarck ist zugleich der Träger eines Systeme der inneren Politik, das wir als dem Liberalismus und dem parlamentarischen Wesen entgegengesetzt ansehen müssen und deshalb im Interesse von Volk und Vaterland zu bekämpfen stets für unsere patriotische Pflicht erachtet haben.

(Lachen rechts. Sehr gut! links.)

Insbesondere hat Fürst Bismarck im letzten Abschnitt seiner politischen Wirksamkeit jene die Volkseinheit zersetzenden Interessenkämpfe entzündet und geschürt, welche auf weite Kreise der Bevölkerung politisch demoralisirend einwirken

(oh! oh! rechts; sehr gut! links; — Glocke des Präsidenten),

die Gegenwart schwer belasten und für die Zukunft unserer nationalen Entwicklung mit Besorgniß erfüllen.

(Widerspruch rechts.)

Auch nachdem der amtlichen Thätigkeit des Fürsten Bismarck ein Ziel gesetzt worden ist, sucht derselbe mit der ganzen Autorität seiner Person auf die öffentliche Meinung einzuwirken in einer Richtung. welche die Einlenkung der inneren Politik in gesundere Bahnen verhindert oder erschwert.

(Sehr richtig! links. Widerspruch rechts.)

Wir bedauern daher, dem Ersuchen des Herrn Präsidenten keine Folge geben zu können.

(Lebhafter Beifall links. Zischen rechts.)

Als das Ergebnis der namentlichen Abstimmung feststeht — 146 Stimmen für die Gratulation und 163 Stimmen dagegen — legt der Präsident des Reichstags als Protest sein Amt nieder. Der Führer der Nationalliberalen Rudolf von Bennigsen erklärt, daß der abwesende Vizepräsident Albert Bürklin (Nationalliberale) dies wohl auch tun werde. Die Sitzung wird nun vom zweiten Vizepräsidenten Rudolf von Buol-Berenberg (Zentrum) weiter geleitet. Nochmals meldet sich Eugen Richter zu Wort:

Vizepräsident Freiherr von Buol-Berenberg: Zur Geschäftsordnang hat das Wort der Herr Abgeordnete Richter.

Abgeordneter Richter: Ich will auf diese ungewöhnlichen Erklärungen, die für den Augenblick gar keine praktische Bedeutung haben können

(Widerspruch rechts)

nur erwidern, daß ich das Vertrauen habe, daß das Präsidium des Reichstags auch ohne die beiden Herren die Geschäfte in ordnungsmäßiger Weise zu führen im Stande sein wird.

(Bravo! links und aus der Mitte.)

In diesem Sinne: auch keine Gratulation zum 200. Geburtstag von Bismarck.

Siehe auch:

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Vortrag von Schulze-Delitzsch verschoben

Berliner Gerichtszeitung, 28. März 1863

Der Abgeordnete Schulze-Delitzsch wollte den Schluß des ersten Cyklus seiner socialen Vorträge “Ueber Arbeiter-Genossenschaften”, erst am Sonntag nach Ostern halten. — Da er aber die achttägigen Ferien des Abgeordnetenhauses dazu benutzen will, die gehaltenen Vorträge, so weit sie noch nicht im Buchhandel erschienen, zum Druck vorzubereiten, so wird, wie wir aus zuverlässiger Quelle mittheilen können, der nächste Vortrag im Arbeiterverein am Sonntag, den 29. März, Vormittags 11 Uhr, in der Tonhalle stattfinden und sollen dazu wie gewöhnlich Eintrittskarten so weit es der Raum gestattet, an den Eingangsthüren ausgegeben werden. Die beiden ersten Vorträge “Arbeit” und “Kapital” sind bereits erschienen und in der Buchhandlung Carl Nöhring, Prinzenstraße 27 für 1 ¼ Sgr. [Silbergroschen] zu haben.

Siehe auch:

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Kurzer Festbericht aus Berlin,

Hamburger Wespen, Nr. 13, 1863

aus dem man sich das Beste herauslesen muß. *)

Das Jubiläum der Erhebung des preußischen Volkes ist mit allem Glanze begangen worden, ja, wenn Schweigen der Gott der Glücklichen ist, so sollten wir nicht Worte der Verwunderung suchen über den durch Berlin hinrollenden Jubel, mit dem, ein Beispiel für alle Völker, die Hauptstadt zu der Ueberzeugung gekommen ist, daß das Heil Preußens nur im Schlosse seines angestammten Herrschers und der Rest desselben im Herrenhause zu finden ist, daher wir uns auch kein Urtheil über die Haltung der schlechten Presse erlauben, welche in unserer Feier eine Nichtbetheiligung des Volkes entdeckt haben will, ja wir blicken mit Verachtung darauf nieder und schließen mit einem Hoch auf Preußens edle und weise Könige!

*) Ursprünglich für die Kreuzzeitung bestimmt.

Zum Hintergrund siehe:

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Der Proceß Matamoros

Die Presse (Wien), 27. März 1863

Der Proceß Matamoros *).

Don Manuel Matamoros ist der Sohn eines Oberstlieutenants der spanischen Armee, der nun gestorben. Er selbst war Offgicier in der spanischen Armee. Als er Protestant geworden war, wurde er vielfach angefeindet, worauf er die Armee verließ und später nach Barcelona übersiedelte.

Im September 1860 floh ein junger Wann, der in Granada zum Priester erzogen war, und den man in Verdacht hatte, daß er ein Anhänger des Protestantismus sei. Alhama, ein Hutmacher in Granada und sehr geachtet in dieser Stadt, wurde beschuldigt, ihm zur Flucht verholfen zu haben. In Folge dessen wurde sein Haus durchsucht, er selbst verhaftet und in das Gefängniß gebracht. Unter den aufgefundenen Papieren in Alhama’s Haus waren einige Briefe von Matamoros und einer von Alhama an ersteren adressirt. In einem dieser Briefe fand sich als einen Gegenstand der Erwägung vorgeschlagen: ob es nicht wünschenswert wäre, eine Petition an die Cortes für Religionsfreiheit zu richten. In Folge dieser vorgefundenen Briefe wurde nach Barcelona der Befehl telegraphirt, Matamoros zu verhaften. Um halb 7 Uhr Morgens, den 8. October 1860 trat die Polizei in sein Haus, schritt zur Untersuchung seiner Papiere; sie wurden geöffnet und thaten ihn als einen Protestanten Und seine Verbindung mit Protestanten dar. Er wurde auf die Polizei-Station genommen und in eine Zelle gebracht. Drei Stunden darauf besuchte ihn der Polizeichef, und forderte ihn auf, ihm die Namen seiner protestantischen Freunde anzugeben, da man sie nicht aus den aufgefundenen Papieren ersehen konnte. Er verweigerte dieß, indem er erklärte: er sei bereit zu leiden, aber seine Freunde werde er nicht verrathen; worauf ihn der Chef verließ.

Matamoros wurde darauf in das öffentliche Gefängniß in Barcelona gebracht. Der Gefangenwärter wurde beauftragt, ihn in strenger Haft zu halten, als einen Gefangenen der mit sehr schwerem Verbrechen belastet sei. Am ersten Tag litt er brennenden Durst, und erst bei Anbruch der Nacht brachte ihm der Gefangenwärter ein wenig Wasser. Erst am nächsten Tag ward ihm ein Lager zugerichtet. Nach drei Tagen hielt das Tribunal eine Sitzung und er wurde verhört. Nach einem sehr langen Verhör wurde er in das Gefängniß zurückgebracht: Nach acht Tagen, während welcher Zeit er in einsamer Haft gehalten war, wurde er wieder verhört.

Er wurde gefragt, üb er sich zur apostolisch-kathotischrömischen Kirche bekenne? Wenn nicht — zu welcher? Antwort: “Meine Religion ist die Religion Jesu Christi; meine Glaubenslehre ist das Wort Gottes oder die heilige Schrift, welche ohne ein hinzugefügtes, vermindertes oder verändertes Wort der Grund meines Glaubens ist, und in diesem bin ich befestigt durch die letzten wenigen Sätze der Offenbarung Johannes und die vielen deutlichen Vorschriften der Apostel in ihren Briefen. Da die römisch-katholische Kirche nicht auf diesem Grunde steht, so glaube ich nicht an ihre Dogmen, und noch weniger gehorche ich ihr in der Ausübung.” — “Wissen Sie, was Sie sagen?” unterbrach ihn der Wächter. “Ja, Herr,” autwortete Matamoros, “ich habe meine Hand an den Pflug gelegt, und darf nicht zurückgehen.”

Es wurde ihm befohlen, das, was er gesagt, zu Papier zu bringen, worauf er unter Bedeckung ins Gefängniß zurückgebracht wurde, indem ihm formell notificirt wurde, daß er ein Propagant des protestantischen Glaubens sei. Seiner Mutter, die dringend um seine Freilassung bat, wurde gesagt, daß es unmöglich sei; sein Verbrechen sei eines der schlimmsten. Dann wurde er an einen Ort gebracht, wo viele andere Verbrecher eingeschlossen waren, wo es aber seiner Mutter erlaubt wurde, ihn zu sehen.

Es wurde absichtlich verbreitet, daß er wegen politisch-religiöser Verschwörung verhaftet sei. Matamoros schrieb an verschiedene Zeitungen, worin er jede Verbindung mit irgend einer politischen Partei von sich wies, und erklärte, daß seine Zwecke rein religiös seien.

Das Tribunal von Granada, von dem der Befehl zu seiner Verhaftung herrührte, verlangte, daß er zum Verhör dahin gesendet werde. Es wurde befohlen, den zu Fuß zu machen, eine Entfernung von 180 französischen Meilen, mitten im Winter, December 1860. Fr litt am Blutsturz, den er durch die Gefangenschaft bekommen.

Und doch sollte er mit einer Truppe Verbrecher zu Fuß gehen, wobei die Reise fast drei Monate währte, und die Orte, in denen sie logiren sollten, unter aller Beschreibung ekelhaft und abscheulich waren. Die anhaltenden Bitten seiner Mutter, unterstützt von einem kräftigen ärztlichen Zeugniß, und die Einwendung einiger Zeitungen in Barcelona, brachten endlich den Gouverneur von Barcelona dazu, den Tag seiner Abreise zu verschieben, und dafür das ärztliche Zeugniß nach Granada zu senden.

Nachdem die Obrigkeit in Granada die Documente erhalten hatte, befahl sie, daß Matamoros gesund oder krank gesendet werde. So vergingen 15 Tage. Währenddessen hatte er nach England und Paris geschrieben, um seine Freunde mit den Umständen bekannt zu machen. Es wurden Mittel geschafft, ihn auf dem Wasser bis Malaga und von da nach Granada zu bringen. Die Obrigkeit gab ihm die Erlaubniß, die Route zu ändern, aber bestand darauf, nicht nur die Kosten für sich, sondern auch für seine Wächter hin und zurück zu bezahlen. Auf der Reise von Malaga nach Granada begegnete er Sir Robert Peel zum erstenmal.

In Granada angekommen, wurde er wieder in strengen Gewahrsam gebracht. Er wurde in ein finsteres elendes Loch gesetzt, und da würde er wahrscheinlich geblieben sein, wären nicht die dringenden und fortgesetzten Bemühungen Sir Robert Peel’s gewesen, welcher ihn in seinem Kerker besuchte, und welche zuletzt Erfolg hatten, indem er in eines der bequemsten Gemächer des Gefängnisses gebracht wurde, wo er am Abend seiner Wohnungsveränderung einen freundlichen Besuch von Sir Robert Peel, Lady Emily Peel und Lady Jane Hay erhielt. Dies war im Anfang des Jänners 1861. Das Gefängniß, in welchem ihn Sir Robert Peel besuchte, war das Municipal-Gefängniß; nachher wurde er in das Gefängniß Audiencia gebracht, wo er jetzt ist.

Bald nach seiner Versetzung in dieses Gefängniß, worin auch Alhama und Trigo eingesperrt waren, wurde er vor das Tribunal gefordert, und man verlangte, daß er die Erklärungen, welche er in Barcelona gegeben, bestätigen solle, Was er that. Da er vernahm, daß einige von den Regierungs-Organen sich bemüht hatten, ihn als politischen Verbrecher darzustellen, schrieb er wieder an die liberalen Zeitungen, von denen einige seine Sache vertheidigten, und sie für eine rein religiöse erklärten.

Um diese Zeit fing man an, die Gefangenen mit wachsender Strenge zu behandeln. Ihre Freunde mußten auch leiden. Um Mitternacht am 16. März 1861 traten vier Gendarmen mit ihren Sergeanten und einem Constabler in das Haus von Alhama. Seine alte Mutter ließ sie ein. Sie verlangten alle Schlüssel, um das Haus zu durchsuchen. Seine Frau war zu Bette, krank durch eine zu frühe Niederkunft, die durch Kummer herbeigeführt worden. Sie nöthigten sie aufzustehen und durchsuchten selbst die Matratze, auf welcher sie lag. Die unbedeutendsten Dinge wurden geprüft. Zwei Stunden währte das wilde Suchen fort. Es wurde indessen nichts gefunden, was der Familie zur Beschuldigung gereichte. Aber der Schrecken war für Alhama’s Frau zu groß. Sie stürzte mit einem epileptischen Anfall nieder. In dieser Nacht wurden 14 andere Personen in das Gefängniß geschleppt. Das war indessen ein Mißgriff der Polizei. Sie bildete sich ein, eine protestantische Versammlung entdeckt zu haben; aber es stellte sich heraus, daß es eine literarische Privatgesellschaft war. Als die Polizei das Haus betrat, in welchem die Personen versammelt waren, fand sie dieselben beschäftigt, einer periodischen Vorlesung zuzuhören. Die ersten Worte des eintretenden Polizei-Agenten waren: “Ha, ha, nun haben wie die gesuchten Ketzer gefunden! Nun wollen wir sehen, was wir mit diesen Protestanten von Granada thun können!” Sie wurden in das Gefängniß gebracht, aber die gänzliche Grundlosigkeit dieser Beschuldigung ward bewiesen, und in wenigen Tagen wurden sie in Freiheit gesetzt. Einer von diesen vermeintlichen Verbrechern (Matamoros kannte keinen derselben) wurde durch Matamoros’ Zelle geführt, um an den ihm bezeichneten Platz gebracht zu werden. Er war sehr bejahrt, und da Matamoros sah, daß ihm kein Bett gegeben wurde, bot er ihm sein eigenes an. Das wurde nun angesehen, als wären sie Verbündete. Die Zellen von Matamoros und Alhama wurden augenblicklich durchsucht, ihre Bibeln und andere Bücher weggenommen, sie selbst getrennt, und ihnen verboten, ihre Freunde zu sehen. Ueber diese Zeit schreibt einer von ihnen Folgendes: “Es sind nun 33 Tage, daß keinem von unseren Freunden erlaubt worden ist, uns zu sehen; selbst unser Essen wird genau geprüft; wir können nicht mit unseren Mitgefangenen Brüdern sprechen. Ein überwiesener Verbrecher, der niedrigste und schlechteste hier, wird mit größerer Freundlichkeit und Rücksicht behandelt als wir.” Nach einiger Zeit scheint die Behandlung etwas gemildert worden zu sein, als im Juli 1861 in Loja, einer Stadt zwischen Granada Und Malaga, plötzlich eine Empörung ausbrach. Einer von den Wahlsprüchen der Insurgenten war: “Tod dem Papst!” Sie wurde daher als eine solche bezeichnet, die einen religiösen Charakter habe, und die Gelegenheit wurde als günstig erachtet, Matamoros und diejenigen mit hinein zu verwickeln, welche wirklich aus religiösen Ursachen in Granada litten.

Plötzlich, am 8. Juli in der Morgendämmerung, trat der Gefangenwärter in Matamoros’ Zelle. Er bat ihn, auszustehen, sagte ihm, daß er sogleich in enge einsame Haft gebracht werden solle, und daß er in das tiefste Loch im Thurm komme. Alhama wurde auch, aber mit einem andern Gefangenen, in das allgemeine Gefängniß gebracht. Das Loch, in welches Matamoros eingesperrt wurde, war sehr ekelhaft. Der Gestank war unerträglich; keine frische Luft konnte hinein. Matamoros schreibt aus jener Zeit: “Die Ungesundheit meines Kerkers, meine persönliche Angegriffenheit, der Gram um meine unglückliche Familie, und tausend andere Dinge waren zu viel für meinen Körper. Am dritten Tage fiel ich in ein hitziges Fieber. Drei Tage lang lag ich in Fiebergluth, ohne um ärztlichen Beistand zu bitten; aber in der Nacht zum 13. Juli fühlte ich mich so krank, daß ich nach einem Arzt verlangte. Mein Begehren wurde abgeschlagen. Ich bat um Arznei. Sie wurde mir ebenfalls verweigert. So lag ich acht Tage, vom Fieber geschüttelt, unfähig mich zu bewegen, bis die Gnade Gottes mich wieder genesen ließ.”

Während dieser ganzen Zeit versuchte er umsonst, den Grund dieser neuen Strenge zu entdecken. Es war seinen Freunden nicht erlaubt, ihn zu sehen, und kein Arzt durfte zu ihm kommen; doch fand er zu seiner Verwunderung, daß ein gemeiner Taugenichts häufig zu ihm geschickt würde. Die Jesuiten hatten das Gerücht verbreitet, die Unruhen zu Loja seien eine protestantische Bewegung und die Gefangenen daran betheiligt. Um die Beweise für ihre Mitschuld zu erlangen, wurde einem Mitgefangenen, der bereits falsche Aussagen gegen sie gemacht hatte, und zu sieben Jahren Zuchthausstrafe verurtheilt war, Freiheit und 8000 Realen angeboten, wenn er Papiere herbeischaffen könnte, in denen man Beweise ihrer Mitschuld zu finden erwartete. Eines Tages bat Matamoros diesen Mann, ihm einige nöthige Sachen zu kaufen und zu bringen, und gab ihm die nöthige Summe dazu; aber dieser Elende ging zu dem Staatsanwalt, und berichtete, Matamoros habe ihm Geld gegeben (welches er zeigte), um seinen Mund zu stopfen, daß er nicht gegen ihn zeuge. Ein neuer Gefangenwärter wurde hieher versetzt, welcher auch durch falsche Vorstellungen von Matamoros eine Bezahlung zu bekommen suchte; damit ging er zum Staatsanwalt, und wiederholte dasselbe, wie jener Elende, der auch in der That dem Matamoros mehrere Briefe entriß, die er aus Dublin vom Pastor Ruet und von seiner Familie erhalten hatte. Der Angeber wurde in Freiheit gesetzt! Und nicht nur das, sondern derselbe wurde auch beauftragt, eine Woche lang der Gefangenen frühere Wohnung zu bewohnen, um dort womöglich noch mehr Spuren ihrer Schuld zu entdecken. Eines Tages gelang es ihm, sich in Besitz von Matamoros’ Taschentuch zu setzen. Er ging zu Alhama’s Frau, und verlangte in Matamoros’ Namen, indem er ihr das Taschentuch als Zeichen wies, die Herausgabe der Papiere. Die Frau ward wirklich getäuscht, mußte aber erklären, daß ihr niemals solche Documente anvertraut seien. Nichtsdestoweniger berichtete der Verräther, daß sie solche besitze, und in Folge davon wurde die ganze Familie ins Gefängniß geschleppt. Nach 14 Tagen, die sie in der größten Angst zugebracht hatten, wurden sie aus der einsamen Haft entlassen, aber Alhama’s Mutter, eine Greisin von 72 Jahren, noch im Gefängniß behalten.

Endlich wurde die Anklage gegen Matamoros erhoben, “daß er den Plan zur Rebellion in Loja entworfen; daß er das Haupt der Insurgenten zu einer Conferenz ins Gefängniß berufen; daß er die Verschwornen mit Geld unterstützt; daß er in Verbindung mit seinem frühern Gefangenwärter Verabredungen getroffen habe, welchen, wie gesagt wurde, er bestochen habe, um den Gefangenen die Freiheit zu geben; daß er sich selbst an die Spitze der Empörung in Granada stellen wolle, mit dem Aufruf: “Tod dem Papst!”

Dies waren die Verbrechen, um welcher willen Matamoros nach fünfzehntägiger Einsperrung am 22. Juli vor ein Kriegsgericht gerufen wurde, um sich zu vertheidigen. Das Verhör währte drei Stunden. Obgleich alle möglichen Anstrengungen gemacht worden waren, falsches Zeugniß gegen ihn aufzubringen, die alten Beamten im Gefängniß entfernt oder abgesetzt wurden, um den für die geschwornen Feinde der Protestanten passenden Platz zu machen; obgleich sie sich das Zeugniß einiger der schlechtesten Verbrecher, welche im Gefängniß mit Matamoros waren, durch Versprechungen und Bestechungen gesichert hatten, so wurde doch Matamoros triumphirend freigesprochen, und um den Triumph vollständiger zu machen, erwachte einem von den bestochenen Zeugen, Espenona genannt, das Gewissen. Nach zwei Versuchen, sich selbst zu entleiben, bekannte er vor dem Civilgerichte, wie man ihn heimlich bearbeitet und bestochen habe, und entdeckte die ganze finstere Geschichte.

Es hat keinen Zweck, die Geschichte in ihrem Verlauf zu verfolgen. Jede Regierung, die fähig ist, Reue und Scham zu fühlen, würde von selbst die Gelegenheit ergriffen haben, Matamoros einigen Ersatz für seine ausgestandenen Leiden dadurch zu geben, daß sie ihn sogleich in Freiheit setzte. Aber nein, Großmuth und Barmherzigkeit scheinen in Spanien unbekannt zu sein. Die Entschädigung, welche Matamoros zu Theil wurde, waren neue, mit noch größerem Eifer denn vorher betriebene religiöse Beschuldigungen.

Der Staatsanwalt verlangte, daß Matamoros auf 11 Jahre auf die Galeere sollte geschickt werden. Gegen diesen Antrag, dem Ende 1861 das richterliche Erkenntniß folgte, appellirte er. Auf diese Appellation wurde sogleich der Urtheilsspruch gegeben, und er wurde zu acht Jahren Galeeren verurtheilt. Gegen dieses Erkenntniß, hofft man, wird er wiederum appelliren. Ebenso wurden auch Alhama und Trigo zur Galeerenstrafe verurtheilt.

Nun aber hat der Staatsanwalt unterm 14. October 1862 gegen das Urtheil des Gerichtshofes appellirt, weil er die darin festgesetzte Strafe für zu gelind ansieht: er besteht auf seinem Verlangen, nämlich für Matamoros, Alhama und Trigo je 11 Jahre Galeerenstrafe; für 12 andere gefangene Protestanten, die freigesprochen waren, acht Jahre Galeerenstrafe, und für alle Flüchtlinge und für die, welche gegen Caution sich auf freiem Fuß befinden, ebenfalls acht Jahre.

Werden nun die gegenwärtig versammelten Cortes diese Schmach von Spanien abwenden, dadurch, daß sie die Religionsfreiheit proclamiren, deren sich nun alle Länder Europas, ja der ganzen Welt erfreuen, damit nicht Spanien aus der Reihe der civilisirten Staaten gestrichen werden muß?

 *) Vor einigen Tagen haben wir gemeldet, daß auch die österreichischen Protestanten sich einer Petition zu Gunsten eines ihrer Glaubensbrüder in Spanien angeschlossen. Wir geben hier nach der A. A. Z. die ergreifende Geschichte dieses Martyriums.

Anmerkung

Der hier verfolgte Herr Matamoros trägt ironischerweise selbst einen Verfolgernamen: der Maurentöter.

Siehe auch:

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Ist die polnische Frage nun todt?

Lokomotive an der Oder, 26. März 1863

Langiewicz, der Dictator Polens, ist mit seinem weiblichen Adjutanten, oder, wenn das besser klingt, mit seinem Rittmeister (magister equitum) vom schönen Geschlecht in Tarnow in österreichisch Gallizien internirt, d. h. verhindert, diesen Aufenthaltsort zu verlassen. Er hat gewiß sein möglichstes gethan, um durch Tapferkeit, Einsicht und Entschlossenheit die polnischen Waffen so lange siegreich zu erhalten, als diß mit ungeschulten Leuten disciplinirten Truppen gegenüber überhaupt geschehen konnte, besonders da er eine erdrückende Uebermacht gegen sich hatte; aber er hat doch den Russen das Feld überlassen müssen. Die einzelnen zerstreuten Banden, ohne irgend einen nennenswerthen Führer, ohne erheblichen Zuzug aus den Städten, ohne Unterstützung von der ländlichen Bevölkerung, ja von dieser zum Theil gehaßt und verfolgt, werden und können Polen nicht frei machen und in wenigen Wochen wäre das Trauerspiel dieser hoffnungslosen Erhebung eines tapferen, todesmuthigen Volksstammes zu Ende gewesen, — wenn eben dieser Aufstand nur ein innerer Kampf zwischen Russen und russischen Polen geblieben wäre.

Seit aber am 8. Februar Preußen einen gegen die aufständischen Polen gerichteten Vertrag, mag er nun lauten wie er wolle, mit Rußland abgeschlossen hat, betrachteten auch andere Staaten jenen Ausstand nicht als eine innere Frage Rußlands, sondern als eine Frage, zu deren Lösung alle bedeutenden Mächte Europa’s ermächtigt und berufen sind. Auch läßt es sich nicht leugnen, daß die wiederholten Aufstandsversuche der Polen gegen die Russen große Aehnlichkeit haben mit den Erhebungen der Griechen gegen die Türken in den zwanziger Jahren. Den ersten wahrhaft liberalen Schritt zu Gunsten der Polen that nun die englische Regierung, welche die acht Unterzeichner der Wiener Verträge aufforderte, dahin zu wirken, daß Rußland veranlaßt wurde, die den Polen 1815 verheißene freie Verfassung jetzt zur Beruhigung des Landes zu gewähren. Dabei wurde englischerseits anerkannt, daß Preußen seinen Verpflichtungen Polen gegenüber vollständig nachgekommen sei; von Oesterreich wurde gänzlich geschwiegen. Könnte Preußen diesem gewiß reiflich erwogenen Vorschlage offen beistimmen, der auch gewiß den großherzigen Gesinnungen des Kaisers Alexander II. nicht widerstrebt, so würde es sich im Einklange mit den Westmächten und Schweden befinden und jede Gefahr vor einer drohenden Verwickelung wäre beseitigt.

Anders steht es mit Frankreich; dort ist die zur Schau getragene Begeisterung für Polen nach allgemeiner Ansicht eigentlich nichts, als ein verstecktes Gelüst, bei dieser Gelegenheit das linke Rheinufer zu erobern. Preußen steht Rußland bei und wir Polen; das ist die Stimmung in Paris und Frankreich, welcher der Prinz Napoleon im Senate einen lauten und gehässigen Ausdruck verlieh. Polen beistehen heißt aber soviel als Preußen angreifen und kein Preuße sollte vergessen, daß Frankreich ganz gewiß und mit Freuden jede Gelegenheit wahrnehmen wird, um mit Preußen anzubinden, vorausgesetzt, daß es nicht ganz Europa wider sich haben sollte. Freilich wird der jetzige französische Kaiser nicht wie ein Räuber im Rheinlande einfallen, oder wie Ludwig XIV. Deutschlands Grenzen durch Mord und Brand verwüsten; aber, wenn es ihm gelingt, durch den Fürsten Metternich Oesterreich auf seine Seite zu ziehen oder im Falle eines Krieges zu strengster Neutralität zu verpflichten, dann wird er einen Schritt weiter gehen, als England. Er wird sich durch die Stimme seines Volkes zwingen lassen, für die Herstellung eines selbstständigen Polens das Schwert zu ziehen. Wenn nun Preußen in eine solche Forderung schwerlich willigen kann, dann wird Frankreich erst seine Truppen aus Amerika zurückziehen; es wird dann Italien die Sorge, sich zu vervollständigen, selbst überlassen und seine mexicanischen und römischen Truppen gewiß unter lautem Beifall des Volkes am Rheine verwenden.

Wenn nun auch jetzt wirklich schon Maßregeln getroffen worden, die französischen Truppen im großen Uebungslager in Chalons Anfang April zusammenzuziehen, so haben wir dennoch nicht sogleich zu Anfange des Frühjahrs einen französischen Krieg zu besorgen; o nein! Napoleon pflegt nichts zu übereilen und wenn er jetzt offen für die polnische Nation in den Kampf eintritt, um sie “von der Barbarei der Russen” wie 1859 die Italiener “von der Barbarei der Oesterreicher” zu befreien, so wird er nicht eher Hand anlegen, bis er des Erfolges — und eines anständigen Macherlohnes gewiß zu sein glaubt. Dann freilich dürfen wir nicht vergessen, daß Rußland und Oesterreich schon ihre Lection für 1815 bekommen haben, daß England zu Lande nicht angreifbar und zu Wasser doch gar zu stark ist und daß somit “die Reihe an den Preußen ist.” Nur dann wird die Reihe nicht an Preußen kommen, wenn England und Oesterreich, so wie Rußland und das übrige Deutschland fest zu Preußen stehen. Das aber ist eben jetzt der Fall nicht, denn fast überall sahen die Regierungen und die Völker den polnischen Aufstand mit freundlicheren Augen an, als unsre Regierung es that. Freilich ist es noch jetzt nach Niederwerfung des Aufstandes nicht zu spät, eine günstigere Stimmung für Preußen bei den europäischen Kabinetten hervorzurufen, wenn dieses seinen ganzen Einfluß in St. Petersburg benutzt, um für das unglückliche Land eine umfassende Amnestie und eine günstige Neugestaltung der polnischen Verhältnisse herbeizuführen. — Wenn dagegen unsre Regierung fortdauernd einer günstigeren Stellung der Polen zu Rußland sich abgeneigt zeigt, so wird sie den Polen vielleicht mehr nützen und sich mehr schaden, als ihr lieb ist, denn dann wird schon Frankreich als der Retter und Rächer unterdrückter Nationen in seiner Paraderolle auftreten und wenn es Preußen als seinen vereinzelten Gegner findet, dann wird bei gleicher Bravour und gleicher Kriegstüchtigkeit doch zuletzt wol die Uebermacht entscheiden. Wie aber soll sich das Volk für einen Krieg begeistern können, bei dem es sich darum handelt, Polen unter einer solchen russischen Soldatenherrschaft zu erhalten, von der wir grauenvolle Proben genug gehört haben.

Wenn dagegen Preußen mit den andern Großmächten zu Gunsten einer liberalen Regierung für Congreßpolen eintritt, so hat wahrscheinlich Polen durch Niederwerfung des so unzeitgemäßen Aufstandes mehr gewonnen als verloren und wenn dann die so lästigen Zollschranken zwischen Preußen und Congreßpolen fallen, so wird auch Preußen, besonders aber Schlesien in einer weit vortheilhafteren Lage sein,als es bisher zu Rußland stand. Aber freilich um die liberalen Wünsche des» Landes durchzuführen, müssen wir eine liberale Regierung haben und die freundlichen Worte, welche Se. Majestät der König an Seinem Geburtstag zu der glückwünschenden Deputation des Abgeordnetenhauses gesprochen hat, geben auch der Hoffnung darauf wieder neuen Raum.

Siehe auch:

Veröffentlicht unter 1863, Deutschland, Frankreich, Geschichte, Großbritannien, Liberalismus, Polen, Preußen, Rußland | Hinterlasse einen Kommentar

Die zweite Beschlagnahme des Kladderadatsch

Berliner Gerichtszeitung, 26. März 1863

Es ist wohl allgemein bekannt, daß der Kladderadatsch schon zum zweiten Male in diesem Jahre confiscirt worden ist. Einer der Schutzleute, die beauftragt worden waren, die incriminirte Nummer in den öffentlichen Localen mit Beschlag zu belegen, begab sich in eine Restauration, in der wie man auf der Polizei wußte, der Kladderadatsch gehalten wurde und forderte den Wirth auf, ihm die mit Beschlag belegte Nummer zu geben. Der Letztere erklärte dem Beamten, daß dies Blatt gerade von einem seiner Gäste gelesen werde und er ersuchte den Schutzmann so lange zu warten, bis der Lesende mit seiner Lectüre zu Ende sei. Selbstverständlich hatte dazu der Beamte weder Lust noch Zeit, er veranlaßte vielmehr den Wirth, dem Gast sofort die Zeitung fortzunehmen. Letzterer gab denn auch ruhig den Kladderadatsch hin, nicht so gemessen benahm sich dagegen der Wirth, dieser riß das Blatt vielmehr, als er es in die Hände bekam, in kleine Stücke und übergab es in diesem Zustande dem Beamten. Als sich dieser über ein solches Thun in sehr mißbilligendem Sinne äußerte, erklärte der Wirth, er sei in solcher Weise nur verfahren, um auch ganz sicher zu sein, daß er wirklich das bei ihm confiscirte Exemplar wieder zurückerhalte, denn es sei bei der ersten Confiscation eine Verwechselung vorgekommen, die ihm unangenehm gewesen sei.

Siehe auch:

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An Polen

Frankfurter Latern (Friedrich Stoltze), 25. März 1863

Steig auf, du weißer Ahr, mit blut’gen Schwingen,
Die Weltgeschichte hält ihr Vehmgericht,
Das deinen Alp verdammt und frei dich spricht,
Frei in des Aethers Schooß nach muth’gem Ringen!

Dir jauchzt die Welt, all ihre Stimmen klingen
Ihr groß Begeist’rung flammendes Gedicht,
Wenn ein Tyrteus so zu Herzen spricht,
Da kann ein Zwerg doch Riesenwerk vollbringen.

Wie Hellas einst, das Vaterland des Schönen,
Der Despotie, der wüsten Barbarei
Entgegenwarf den Damm von seinen Söhnen:

So stehst du jetzt dem asiat’schen Blei.
Für dich ist Gott — dir feindlich die Partei,
Klein, doch gewohnt, was heilig zu verhöhnen.

Siehe auch:

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Kurze Nachrichten vom amerikanischen Bürgerkrieg

Die Presse (Wien), 25. März 1863

Newyork, 14. März. Der Senat wurde vertagt. Cassius Clay wurde als Gesandter in Rußland bestätigt. Chase ist in Newyork angekommen, um eine neue Anleihe von 150 Millionen abzuschließen. Man glaubt, Lincoln werde nächstens eine Vermehrung des Heeres fordern. Es heißt, die Conföderirten bewaffneten am Rappahanock die Neger. Gerüchtweise verlautet über eine Schlacht am Flusse Yazoo. Die Unionisten sollen 7000, Gefangene gemacht und 3 Transportschiffe genommen haben.

Siehe auch:

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Megastar Adelina Patti 1863 in Wien

Berliner Gerichtszeitung, 24. März 1863

Adelina Patti, 1862 (Gemälde von Franz Winterhalter, Quelle: Wikipedia)

Adelina Patti, 1862 (Gemälde von Franz Winterhalter, Quelle: Wikipedia)

— In Wien grassirt der Patti-Enthusiasmus in bedenklicher Weise und hat Anlaß zu folgendem humoristischen Geschichtchen gegeben. Eine musikalische Familie in Prag — die Böhmen sind ja geborene Musikanten und machen mit ihren so harmonischen Blechinstrumenten nur allzu häufig unsre Berliner Höfe unsicher — hatte viel von der berühmten Sängerin gehört und wünschte sehnlichst sie selber zu hören. Aber die Sehnsucht scheiterte am Kostenpunkt, jenem schwarzen Punkte, an dem schon so manche andere gescheitert ist. Da entschloß sich der zärtliche Gatte, was er nicht gemeinschaftlich mit der Gattin ausführen zu dürfen glaubte, auf eigene Faust zu unternehmen. Er schützte die Nothwendigkeit einer achttägigen Geschäftsreise vor und rollte auf den Flügeln des Dampfes Wien und der Zauberin Patti zu. Die Gattin beschloß seine Abwesenheit zur Erfüllung ihres heißesten Herzenswunsches zu benutzen. Telegraphisch bat sie eine Freundin in Wien ihr einen Sperrsitz zu verschaffen, da sie die Patti hören und mit dem nächsten Zuge wieder nach Prag zurückkehren wolle. Die Freundin gewährte ihre Bitte und bald saß die Musikliebhaberin in voller Erwartung vor dem niedergelassenen Vorhange. Doch wer schildert ihren Schreck und ihr Erstaunen, als plötzlich in ihrer unmittelbaren Nähe das Gesicht ihres Gatten — und dasselbe war sehr lang geworden — auftaucht? Das Ueberraschende dieses Vorgangs raubte Beiden die Sprache, der Vorhang rauschte plötzlich auf, die Patti erschien und da Beide nun ganz Ohr waren, konnte natürlich der Mund seine Rechte nicht geltend machen. Dem alten Spruch gemäß, daß “böse Menschen keine Lieder kennen”, vermochten nach Beendigung des Aktes die Gatten einander auch nicht böse sein. Er erfolgten gegenseitige Erklärungen und pattbeglückt kehrten mit leichterem Herzen und leichterer Börse die Musikenthusiasten an ihren heimischen Heerd zurück.

Anmerkung

Die erst zwanzigjährige, aus einer sizilianischen Familie stammende Spanierin Adelina Patti ist 1863 ein Megastar. 1862 singt sie “Home Sweet Home” für den amerikanischen Präsidenten Abraham Lincoln und seine Frau. Die beiden sind so gerührt, daß sie eine Wiederholung wünschen. Adelina Patti wird das Lied später noch oft singen, sodaß sogar Aufnahmen vom Anfang des 20. Jahrhunderts überlebt haben.

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Seltsamkeiten unsrer Tage

Lokomotive an der Oder, 24. März 1863

Es ereignet sich wol zu jeder Zeit einmal etwas, was innere Widersprüche in sich trägt; die Zeit aber, wo dergleichen Ereignisse sich häufen, kann doch wol für keine gesunde Zeit gelten. Als unlängst von Halle aus Herr v. Bismarck als der neue Blücher gefeiert wurde, der den größeren Kampf siegreich durchfechten sollte, da meinten die dortigen Feudalen doch ganz gewiß nicht einen Kampf mit den paar hundert Abgeordneten, sondern den mit der Majorität der Nation. So gehässige Aeußerungen aber müssen das Volk stutzig machen. Was soll der neue Blücher? Soll er sein eigenes Volk, wenigstens seine eigenen Landsleute mit Blut und Eisen zu seiner Ansicht bekehren oder vielmehr dazu zwingen? — Aber der Gedanke der Feudalen in Halle ist nicht vereinzelt geblieben; in den letzten Tagen hat Herr v. Bismarck einen Ehrendegen von Koblenz zugesendet bekommen mit der eingravirten Inschrift: “Viel Feind’, viel Ehr’”, und “zur Erinnerung an den 16. Februar 1863,” d. h. zur Erinnerung an die Kammerverhandlungen über Preußens Verhältnis zum polnischen Aufstand, wo die Kammer und mit der Kammer zugleich alle bedeutende Kabinette Europa’s die vom Ministerpräsidenten vertheidigte Convention vom 8. Februar, welche thätige Mitwirkung zur Unterdrückung der Polen versprach, tadelte und als gefährlich mißbilligte. — Wofür oder wozu erhält nun der neue Blücher diesen Degen? wer sind die “Viel Feind’?”

Nun zu etwas anderem. — Am 17. März wurde auch in Münster ein Veteranenfest gefeiert und das ist erfreulich, denn die wackeren Alten haben wol noch einige Freudentage verdient, ehe sie zur ewigen Ruhe eingehen. Man vertheilte dort die Festlieder, deren Mittelpunkt, wie es nicht anders sein kann, das “Heil Dir im Siegerkranz” bildete. Aber in allen Exemplaren fehlt der Vers: “Nicht Roß, nicht Reisige Sichern die steile Höhe, Wo Fürsten stehn; Liebe des Vaterlands, Liebe des freien Manns, Sichern den Fürstenthron Wie Fels im Meer.” Warum war von den betreffenden Festordnern dieser Vers gestrichen worden. Man hat diß Lied die Preußische Nationalhymne genannt und hat dasselbe schon viele tausendmal bei feierlichen und festlichen Anlässen gesungen; warum soll wol jetzt, 1863, ein gewiß nicht schlechter, nicht schwungloser Vers gestrichen werden? Was seitAbfassung des Liedes für wahr und schön galt, sollte das mit einem Male unwahr und unpassend erscheinen. Aufgefallen aber ist diese unliebsame Aenderung und Neuerung und zwar westphälischen Veteranen, die den alten, unverstümmelten Text auswendig wußten.

Das Fest am 17. d. M. hat auch andere Seltsamkeiten und Widersprüche an den Tag treten lassen; in Berlin, dem lebens- und festlustigen Berlin, haben (wenn die Zeitungen recht berichten) die Gewerke und Zünfte mit alleiniger Ausnahme der Bürstenbinder alle Betheiligung am Festzuge verweigert; und doch hatte dieser Ehrentag der Ritter des eisernen Kreuzes allen Anspruch darauf, ein wahres Volksfest der Hauptstadt Preußens zu werden. Noch schlimmer stand es an diesem Tage in Elbing, wo, wie schon erwähnt, der Oberbürgermeister Vorkehrungen treffen mußte, daß nicht gerade an diesem Tage ähnliche Scenen herbeigeführt wurden, wie sie ein Jahr vorher Mühlhausen mit Schrecken in seinen Mauern sah, wo ein von Reaktionären aufgestachelter Pöbel die sogenannten Demokraten räuberisch und mordbrennerisch überfiel. — Ist denn das eine würdige Feier Preußischer Jubeltage?

Und fassen wir jetzt größere und allgemeinere Verhältnisse ins Auge, so muß es höchst seltsam erscheinen, daß dasselbe Oesterreich, dessen gänzlichen Zerfall man 1860 erwartete, jetzt so zu sagen die tonangebende Macht Europas geworden ist. Da bemüht sich England um Oesterreichs Zustimmung und Frankreich sucht gleichfalls die Unterstützung Oesterreichs zu gemeinsamen Schritten für Polen nach. Rußland, das wahrscheinlich von Oesterreichs Seite gleiche Bereitwilligkeit wie von Preußen vorausgesetzt hatte, erklärt sich mit der Haltung des Wiener Kabinettes ganz einverstanden — weil es Furcht hat, Oesterreich könne eine feindselige Stellung einnehmen. In seinem Innern aber ist Oesterreich heuer das erste Mal seit unvordenklichen Zeiten auf dem besten Wege, aus den ewigen “Defizit’s” heraus und in eine haltbare Finanzlage hinein zu kommen. Der Kaiser hat es nämlich gewagt, ohnerachtet der Verhältnisse Italiens und Ungarns die Armee auf eine noch geringere Zahl zu beschränken, als im Auslande bekannt geworden ist. Diese außerordentliche Verminderung der Ausgaben und die durch die Gebührentaxe herbeigeführte Mehreinnahme könnten endlich auch im Finanzwesen hoffnungsvollere Zeiten herbeiführen.

Nun aber ist Oesterreichs — wenigstens der österreichischen Regierung — Stellung Preußen gegenüber seit langen Jahren nie so schroff gewesen, als wie sie es jetzt ist; die Oesterreicher aber sind daran nicht schuld, sondern unser Herr Minister-Präsident, der die Convention mit Russland in Schutz nimmt, hat Oesterreich ganz offen den guten Rath gegeben, seinen Schwerpunkt nicht in Deutschland, sondern anderswo etwa in Ungarn zu suchen oder dahin zu verlegen. Wenn die österreichische Regierung gezwungen wäre, diesem Rathe des Herrn von Bismarck unbedingt Folge leisten zu müssen, so würde Herr von Bismarck von Seiten aller Preußen und aller wahren deutschen Vaterlandsfreunde mehr Verehrung und Bewunderung verdienen, als der schönste Kalender-Heilige; wenn aber ein solcher Vorschlag weiter nichts bewirkt, als daß er die uns zunächst stehende größere Großmacht verletzt und erbittert: wenn thatsächlich die bedeutendsten deutschen Vaterländer mehr zu Oesterreich als zu Preußen sich fest hinneigen, und wenn es andrerseits Preußen sehr nahe gelegt wird, seinen Schwerpunkt, wo nicht nach Warschau oder St. Petersburg, so doch ausschließlich von Frankfurt weg und nach Berlin zu verlegen, so kann man nur über den Wagemuth staunen, der Oesterreich von da ausscheiden heißt, wo es (leider!) selbst fester und behaglicher sitzt, als der, der es gehen heißt. — Ja, es ist wol seltsam; als Preußen zu Ende der zwanziger und zu Anfange der dreißiger Jahre jede patriotisch-liberale Regung mit Härte verfolgte, da hatte es Rußland und Oesterreich und die meisten deutschen Regierungen für sich; als 1858 das Ministerium Hohenzollern mit Auerswald und Schwerin wahrhaft liberalen, verfassungsmäßigen Ideen eine Gasse durch Deutschland bahnen sollte, da jauchzte ihm der begeisterungsfähige Theil des deutschen Volkes aus allen Gauen zu und England begrüßte diesen Aufschwung mit Freuden, wenn auch alle nicht liberalen Regierungen bestürzt oder scheel dazu sahen: jetzt, wo Preußen eine mächtige Verstärkung des stehenden Friedensheeres durchführt, wo der Kampf zwischen Regierung und Abgeordnetenhaus seinen ununterbrochenen Fortgang nimmt und wo die gegen Polen geschlossene Convention nach allen Seiten hin verletzt, jetzt sieht Preußen weder die Regierungen noch die Völker auf seiner Seite und muß sich für die seltsame Vereinsamung seiner Stellung trösten mit dem Beifall der Majorität — des Herrenhauses.

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Vergleichende Werbung 1863

Die Presse (Wien), 23. März 1863

[Thierbändiger.] Zwei Thierbändiger, Crockett, der mit seinen sechs Löwen im Cirque Napoléon in Paris großes Aufsehen erregt, und sein in Brüssel gastirender College Hermann machen sich gegenwärtig durch Herausforderungen Concurrenz und Reclame. Hermann hat soeben nachstehenden Fehdebrief an Crockett erlassen: “Mein Herr! Ich lese in den Zeitungen Ihre famose Herausforderung, in der Sie, was übrigens Herr Herbert bereits angenommen hat, allen denen, welche, wie Sie, in den Löwenkäfig sich begeben, 12,500 Franken aussetzen. Ich wundere mich sehr, daß Sie eine so bedeutende Summe an eine, mit Verlaub zu sagen, so unbedeutende Kleinigkeit wagen. Nicht allein nehme ich die Wette an, sondern ich schlage Ihnen persönlich noch eine andere vor. Treten Sie, wenn Sie es wagen, in den Käfig meines Eisbären, denn, wohlbemerkt, ich bin nicht wie Sie, ein Thierhändiger von Profession, sondern ich wirke in diesem Fache, wenn ich mich so ausdrücken darf, aus Liebe zur Kunst, als einfacher Dilettant. Ich gehe noch weiter; wenn Sie nichts für Ihre Thiere fürchten, so werde ich vier Löwen, zwei große Bären, zwei Hyäken mit mir in Ihren Käfig hineinnehmen. Dafür verlange ich von Ihnen gar keine Geldsumme, denn es kommt mir nur darauf an, die Macht des Menschen über ein noch so wildes Thier zu beweisen. Ich weiche vor nichts zurück. Ich will nur beweisen, daß übertriebene Reclamen mich ebensowenig einzuschüchtern vermögen, als Ihre sechs Löwen. Sie können nach Belieben die Bedingungen der Reise und des Kampfes mit Herrn Schmidt feststellen, in dessen Menagerie ich auftrete. Hermann.”

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Hintergrund: Die Conflictszeit (VI)

[Fortsetzung von: Die Conflictszeit (V)]

Die “Kreuzzeitung” triumphirte, daß “die Entscheidungen des Obertribunals jetzt sämmtlich einen conservativen Charakter” trügen. In der That, sie trugen den ausgeprägtesten Stempel der Reaction; jeder Tadel gegen die Regierung wurde als Beleidigung bestraft, jeder Angriff gegen einen Amtsblatt-Artikel als Schmähung von Einrichtungen des Staates und Anordnungen der Obrigkeit geahndet. Tendenziöse Zusammensetzung der Strafsenate, verfassungswidrige Bestellung von Hilfsrichtern, Disciplinirung und Beförderung nach politischen Rücksichten hatten es dahin gebracht, daß Twesten unter allgemeiner Zustimmung ausrufen konnte: “Das Unrecht hat alle Scham verloren!” Die Regierung, welche die vom Redner vorgetragenen Thatsachen nicht widerlegen konnte, rief jetzt die Hilfe ihrer Gerichte gegen die Kritik der Volksvertretung an. Ein Criminalverfahren und ein Disciplinarproceß wurden gegen den Stadtrichter Twesten eingeleitet. Wie Twesten, so mußte aber auch der litthauische Abgeordnete Frentzel auf die Anklagebank. In Gumbinnen herrschte der vielberufene Regierungs-Präsident Maurach, vom Volksmunde “Murawiew Gumbinski” geheißen. Von der Art und Weise, wie sich der hohe Herr populär zu machen suchte, giebt die Thatsache Kunde, daß er Bürger der Stadt, welche herbeigeeilt waren, um einen im Regierungsgebäude ausgebrochenen Brand löschen zu helfen, mit Fußtritten und Faustschlägen und Titulaturen wie “Hundepack” traktirte und zum Hause hinausjagte. Von der Umsicht des Bureaukraten legt die fernere Thatsache Zeugniß ab, daß er seinem Kutscher befohlen hatte, in der Räucherkammer unter dem Dach, welche bestimmt war, den aus dem Erdgeschoß kommenden, abgekühlten Rauch zu empfangen, Feuer zu entzünden, und dadurch das Haus in Asche legte, während sich die Löschgeräthschaften der Staatsbehörde, ebenfalls durch die persönliche Schuld des Präsidenten, in jämmerlichem Zustande befanden. Maurach-Murawiew versuchte nun nicht bloß, den Thatbestand zu verdunkeln, sondern auch die Schuld für die Ausdehnung der Feuersbrunst auf die “Demokraten” und den freisinnigen Magistrat von Gumbinnen zu schieben. Gegen diese Beleidigung erhob der schneidige Fortschrittsmann Frentzel seine Stimme, indem er die Thatsachen anführte, welche den Staatsbeamten — er ist jetzt längst in traurigen Verhältnissen gestorben — als fahrlässigen Brandstifter darstellten und zugleich ein helles Licht auf den Charakter des litthauischen Paschas warfen. Frentzel erzählte, wie der Präsident dortige Bürger nicht nur prügelte und beschimpfte, sondern auch die Kasse des Magistrats in gewaltthätiger Weise hatte erbrechen lassen und in übler Laune Bambusröhre auf Rücken von Droschenkutschern zerschlagen hatte; wie Maurach ferner einstmals selbst den Demokraten gespielt und sich erst zum brauchbaren Organ der Reaction herausgebildet hatte, als in Folge von Vermögensverlusten an ihn das Bedürfniß herangetreten war, ein Amt zu nehmen.

Das war am 2. Juni 1865, und wiewohl der Kriegsminister Von Roon sechs Tage später vom Ministertische wörtlich erklärte: “Die Herren, welche auf der Tribüne von ihrer Redefreiheit den uneingeschränktesten Gebrauch machen, sind in der glücklichen Lage, daß sie eben Alles sagen können, was ihnen zweckmäßig erscheint, was sie in ihrer Pflicht liegend halten,” wurde auch gegen Frentzel das Strafverfahren eingeleitet. Artikel 84 der Verfassung aber besagt: “Die Mitglieder beider Kammern können für ihre Abstimmungen in der Kammer niemals, für ihre darin ausgesprochenen Meinungen nur innerhalb der Kammer auf Grund der Geschäftsordnung zur Rechenschaft gezogen werden.” Der Justizminister Graf zur Lippe aber erklärte, daß die Staatsanwaltschaft die Anklage auf seinen Befehl erhoben habe, und der Ministerpräsident ließ sich herbei, diese Anordnung zu vertheidigen.

Twesten weigerte sich, der Vorladung zur Vernehmung “über eine Rede” zu folgen, und wurde vom Stadtgericht wie vom Kammergericht freigesprochen. Frentzel wurde wegen elffacher Verleumdung Maurach’s angeklagt, neun Stellen bezogen sich auf den Brand, eine auf die Gewaltthätigkeit, eine auf das Renegatenthum des Präsidenten. Es traf sich aber, daß vor der Verhandlung des Processes beim Kreisgericht Gumbinnen zwei andere Processe zur Entscheidung kamen, welche auf jene Feuersbrunst Bezug hatten. Maurach’s Kutscher war der fahrlässigen Brandstiftung angeklagt und — freigesprochen worden, weil er zu beweisen vermochte, daß er das Feuer unter dem Dache thatsächlich nur auf ausdrücklichen Befehl des Präsidenten angemacht hatte. Sodann wurde der Redacteur des Insterburger Blattes, das die ersten neun Stellen der Frentzel’schen Rede abgedruckt hatte, ebenfalls der Verleumdung angeklagt und freigesprochen, weil in allen Punkten der vollkommene Beweis der Wahrheit erbracht wurde. Die Staatsanwaltschaft hielt es nunmehr für angezeigt, nur die letzten beiden Punkte der Anklage gegen Frentzel aufrecht zu erhalten. Frentzel ließ sich auf die Sache nicht ein, berief sich auf seine verfassungsmäßige Redefreiheit und wurde in den ersten beiden Instanzen freigesprochen.

Da trat der höchste Gerichtshof ein; der Präsident Uhden sandte auf Veranlassung des Justizminister zwei “zuverlässige” Hilfsrichter in den Criminalsenat des Obertribunals, und nun wurde mit einer Stimme Mehrheit ein Unterschied zwischen “Meinungen” und “Aeußerungen” der Abgeordneten gemacht und die Redefreiheit dahin interpretirt, daß nach Art. 84 der Verfassung nur, wo Aeußerungen überhaupt straflos seien, auch Abgeordnete nicht bestraft werden sollen, es sei denn auf Grund der Geschäftsordnung des Hauses. Eine Erklärung des Staatsministeriums Vom 11. Mai 1863, unter welcher neben den andern Ministern die Namen von Bismarck und Graf zur Lippe stehen, hatte wörtlich anerkannt, daß die Bestimmung der Verfassungs-Urkunde “die Anwendung der allgemeinen Strafgesetze auf etwaige ungesetzliche Aeußerungen der Abgeordneten ausschließen”. Auf Befehl derselben Regierung wurde nichtsdestoweniger die Anklage erhoben. Das preußische Obertribunal hatte in der Plenarsitzung vom 12. December 1853 und noch durch Erkenntnisse vom 2. Mai 1864 und 11. Januar 1865 die Straflosigkeit der Reden der Volksvertreter ausgesprochen und dasselbe Obertribunal decretirte jetzt das Gegentheil. Im Abgeordnetenhause übten namhafte Juristen, Männer wie Forckenbeck, Gneist, Twesten, Waldeck, Schulze-Delitzsch und vor Allem Simson eine vernichtende Kritik an dem Obertribunalsbeschlusse, insbesondere rief letzterer, als man von dem Mißbrauch der Tribüne sprach, dagegen: “Es ist eine ewige Wahrheit, was nicht gemißbraucht werden kann, das taugt nichts!” Nach zweitägiger Debatte nahm das Haus einen Antrag Hoverbecks an, welcher die Redefreiheit als unentbehrlich für die Wirksamkeit des Landtages und jeden Angriff auf dieselbe als eine Untergrabung des Verfassungslebens in seinen Wurzeln bezeichnet und gegen die Verfolgung der genannten Abgeordneten auf Grund der Verfassung entschieden Protest einlegt. 263 Abgeordnete stimmten für, nur 35 gegen den Antrag.

Ungeachtet dieses Verdicts nahm das Verfahren der Gerichte seinen Fortgang. Ja, der höchste Gerichtshof hatte den Muth, noch durch Beschluß vom 18. Februar 1867 eine neue Disciplinar-Untersuchung gegen Twesten wegen einer Kammerrede anzuordnen, welche die Verurtheilung zu 300 Thlr. Geldbuße zur Folge hatte. Der Staatsanwalt erstattete dem Justizminister Bericht und — mußte die Appellation einlegen, weil nicht auf Amtsentsetzung erkannt war. Wenige Tage vorher hatte Herr von Bismarck in einer von ihm herbeigeführten Unterredung mit dem nationalliberal gewordenen Volksvertreter erklärt, er möchte dessen Verfolgung nun gern ein Ende machen. “Die greisenhafte Bureaukratie,” sagte später Gneist an Twesten’s Grabe, “versuchte noch einmal, auch das Schema der Beamtendisciplin gegen die verfassungsmäßige Stellung der Volksvertreter in Bewegung zu setzen.” Frentzel wäre es ein Leichtes gewesen, die Verleumdungsklage zu entkräften; er hätte alle seine Behauptungen gegen Maurach durch Zeugen beweisen, er hätte berichten können, daß Maurach einstmals so feuriger Demokrat gewesen war, daß in der Conduitenliste des Berliner Abgeordneten Hagen vom Jahre 1849 als schwarzer Punkt verzeichnet war: “Verkehrt mit Maurach!” Aber Waldeck erklärte den Antritt dieses Beweises für politisch unzulässig; Frentzel dürfe sich in die materielle Discussion nicht einlassen. Der Angeklagte folgte dem Rathe des bewährten Führers der Fortschrittspartei und wurde nun wirklich zu 200 Thlr. Geldstrafe verurtheilt. Indessen die Urtheile gegen Twesten wie gegen Frentzel gelangten nicht zur Ausführung. Die Krone übte ihre schöne Aufgabe, das unter den Formen des Rechts begangene Unrecht zu sühnen. Frentzel schickte das Geld an die Gerichtskasse, erhielt es aber zurück. Wenig später wurde er benachrichtigt, daß er ohne sein Ansuchen begnadigt worden. Twesten aber, der Führer der nationalliberalen Partei, welche nachmals im Justizcompromiß das Schwurgericht in politischen Processen preisgab, hatte am 20. Mai 1865 im Abgeordnetenhause die trefflichen Worte gesprochen: “Parteiregierungen suchen allemal die Gerichte ihren politischen Tendenzen dienstbar zu machen, und ein Berufsbeamtenthum hat auf die Länge niemals die Kraft, dem konsequenten Drucke der Regierungsgewalt zu widerstehen. Es ist eine Täuschung, zu glauben, daß Gerichte und gerichtliches Verfahren an sich schon eine Schutzwehr für das Recht des Landes und für die persönliche Freiheit der Staatsbürger seien. Die Sternkammer der Stuarts war kein Schutz des Rechts und der Freiheit, sondern ein serviles Werkzeug der Unterdrückung. Ein wirklicher Schutz für die persönliche Freiheit und das Recht liegt nur in Geschworenengerichten für politische Vergehen und Preßvergehen. An Geschworenengerichten brachen sich in der traurigen Reaktionsperiode Englands unter Georg III. die Reaktionsversuche. Man zeigt noch heutigen Tages das Grab eines liberalen Schriftstellers jener Zeit. Die Inschrift lautet:

“Diesen Mann wünschte Pitt hängen zu lassen; aber der Versuch scheiterte an dem Wahrspruch einer ehrlichen englischen Jury.”

“Meine Herren! Hoffen und streben wir, daß wir über kurz oder lang diesen Hort für die persönliche Sicherheit gewinnen werden: ein echtes Schwurgericht!”

Der fieberhaften Agitation gegen die freisinnige Partei außerhalb des Parlaments entsprach innerhalb desselben natürlich ein leidenschaftlicher, auf’s Höchste gereizte Ton. Man weiß, wie höhnisch der Majorität bisweilen entgegen gerufen wurde: “Halten Sie Ihre Monologe!” man weiß, wie man ihr erklärte, ob sie bewillige oder ablehne, sei völlig gleichgiltig, man weiß, wie der Ministerpräsident den Abgeordneten Dr. Virchow sogar zum Zweikampf forderte. Man weiß auch, wie Herr von Bismarck es liebte, das Abgeordnetenhaus wegen seiner Unkenntniß der auswärtigen Politik zu verspotten. Hätte man ihm einen Einblick in dieses Getriebe gestattet, es hätte sicherlich dem Confliktministerium in dieser Frage sowenig seine Unterstützung versagt, wie bei dem deutsch-französischen Handelsvertrage.

Der Krieg gegen Dänemark war geschlagen, der Krieg gegen Oesterreich stand bevor — “diesem Ministerium keinen Groschen” hat die deutsche Fortschrittspartei nie gesprochen, “das Herz der deutschen Demokratie ist stets, wo Preußens Fahnen wehen,” rief Franz Ziegler in Breslau; der Landtag war im Februar 1866 geschlossen, im April traten die ersten Anzeichen des Krieges hervor, das Abgeordnetenhaus war garnicht in der Lage, die Mittel zum Kriege zu verweigern. Die Fortschrittspartei aber versandte am 20. Juni ein Circular, unterzeichnet Runge, worin es heißt:

“Das Geschehene kann nicht wieder ungeschehen gemacht werden, und so muß der Krieg jetzt geführt werden, auf welche Weise er auch entstanden sein mag. Wenn wir aber auch durch die Geltendmachung des Volkswillens im Abgeordnetenhause den Krieg nicht mehr zu verhüten vermögen, so liegt doch die andere, nicht minder wichtige Aufgabe uns vor, demselben eine Richtung und ein Ziel zu geben, was der großen Anstrengungen und der ungeheuren Opfer würdig ist, welche uns durch denselben worden, ein Ziel, das kein anderes sein kann und darf, als die Wiederherstellung Deutschlands, geeinigt auf dem Boden der Freiheit und des Volkswohls durch eine Verfassung.”

Der Conflict fand seinen Abschluß, indem das Staatministerium für das gesetzlose Regiment Indemnität, das heißt Verzeihung, von der Volksvertretung erbat und erhielt. Am 5. April 1876 aber erklärte Fürst Bismarck, als Virchow jener Zeit wieder gedachte:

“Ich erkenne meines Theils — ich habe Objectivität genug, um mich in den Ideengang des Abgeordnetenhauses von 1862 bis 1866 vollständig einleben zu können, — und habe die volle Achtung vor der Entschlossenheit, mit der die damalige preußische Volksvertretung das, was sie für Recht hielt, vertreten hat. Daraus mache ich Niemand einen Vorwurf. Sie konnten damals nicht wissen, wo meiner Ansicht nach die Politik schließlich hinausgehen sollte; ich hatte auch keine Sicherheit, daß sie factisch dahin hinausgehen würde, und Sie hatten auch das Recht, wenn ich es Ihnen hätte sagen können, mir immer noch zu antworten: Uns steht das Verfassungsrecht unseres Landes höher, als seine auswärtige Politik. Da bin ich weit entfernt gewesen, irgend Jemandem einen Vorwurf daraus zu machen, oder bin es wenigstens jetzt, wenn auch in der Leidenschaft des Kampfes ich es nicht immer gewesen sein mag. . . . .””

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Hundertneunzehn

Kladderadatsch, 22. März 1863

Ein Leid-Artikel,

gegen welchen der Staatsanwalt hoffentlich nichts einzuwenden haben wird.

Es war einst ein Mann, den wir Schultze nennen wollen, einem andern Manne, der kurzweg Müller heißen mag. hundertundneunzehn Thaler schuldig. Müller war fest davon überzeugt, daß er von Schultze die hundertneunzehn Thaler nie gutwillig bekommen würde, und da er bereits lange mit Schultze befreundet war und den Frieden liebte, so schrieb er die hundertundneunzehn Thater vorläufig auf sein Verlustconto und Alles schien vergessen.

Da kam aber eines Tages Schultze und sagte: Höre, Mütter, es ist mir schrecklich, einen so braven und ehrlichen Kerl um hundertundneunzehn Thaler gebracht zu haben. Aber die Verhältnisse gestatten es mir nicht, dir auf einmal die hundertundneunzehn Thaler zu geben; damit du jedoch meinen guten Willen siehst. will ich dir monatlich einen Thaler geben.

Gut! — sagte Müller — ich habe nichts dagegen.

Hierauf verging eine lange Zeit; aber Schultze ließ sich nicht bei Müller sehen. Endlich kam eine Gelegenheit, wo Beide sich treffen mußten.

Ei, sieh da, Schultze! — sagte Müller. — Wie geht es dir?

Vortrefflich! — sagte Schultze ganz unbefangen.

Nun, das freut mich! — sagte Mütter herzlich. Aber nun sage mir einmal aufrichtig, warum hast du mir damals den Vorschlag der monatlichen Abschlagszahlungen gemacht? Ich wußte ja doch, daß ich die hundertneunzehn nie non dir bekommen würde! Warum hast du mich durch deine Versprechungen erst wieder aufs Neue getäuscht?

Das will ich dir sagen, lieber Müller! — entgegnete Schultze ganz naiv und treuherzig. Dich auf einmal um die hundertundneunzehn Thater gebracht zu haben, peinigte mich Tag und Nacht; ich konnte nicht essen, nicht trinken, nicht schlafen. Aber dir alle vier Wochen einmal einen Thaler schuldig zu bleiben, daraus, mein alter Freund, mache ich mir kein Gewissen!

Nachschrift. Jeder verständige wird uns verstehen! Um aber etwaigen Mißverständnissen Unverständiger zu entgehen, bemerken wir ausdrücklich, daß mit den hundertneunzehn Thalern in dieser Geschichte keineswegs die hundertneunzehn Artikel der Verfassung gemeint sind.

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Die Flucht von Marian Langiewicz

Die Presse (Wien), 22. März 1863

Wien, 21. März.

Angenommen, daß sich die Flucht des polnischen Dictators Langiewicz auf österreichisches Gebiet bestätigt — Sicheres darüber wissen wir noch immer nicht — so muß man sich vor allem davon Rechenschaft geben, von welcher Bedeutung dieser Sieg der Russen für die Ereignisse im Königreich Polen sein kann. Vor allem möchten wir davor warnen, daß man sich dem Glauben hingibt, mit der Entfernung dieses hervorragendsten Führers vom Schauplatze der Insurrection sei dieser selbst der Garaus gemacht. Wer in dieser Bewegung eine organisirte Macht erblickte, welche im Stande wäre, der organisirten Macht Rußlands die Spitze zu bieten, der mag die Flucht des Maryan Langiewicz auf österreichisches Gebiet als das definitive Ende des polnischen Kriegsdramas betrachten. Wer aber den eigentlichen Charakter dieser Bewegung, die furchtbaren Leidenschaften erwägt, welche auf allen Punkten des weitgedehnten Landes unbewaffnete oder schlecht bewaffnete Menschen zusammenführt, um im Kampfe mit den Russen den beinahe sichern Tod zu finden, der wird selbst in der gänzlichen Vernichtung der Schaaren, die Langiewicz führte, nicht das Ende dieses tragischen Kampfes erblicken dürfen. Niederlagen sind entscheidend, wo die eine Macht die andere zu fassen und niederzuwerfen im Stande ist. Wenn aber Haß und Verzweiflung auf der weiten Fläche Congreßpolens, Littauens und Podoliens Hunderte von Banden gleichzeitig zum Aufstande treibt, wenn Alles, was im Lande auf Bildung Anspruch macht, sich von der russischen Regierung zurückzieht, wenn in Warschau die Stimmung auf einer an Wahnsinn grenzenden Höhe der Desperation angelangt ist, dann ist wol kaum daran zu denken, daß Rußland mit dem Schlage, den seine Uebermacht bei Zagosce und Busk geführt, der Insurrection den Kopf zertreten hat. Der entsetzliche Verzweiflungskampf der Polen hatte militärisch niemals die geringste Aussicht auf Erfolg, aber es liegt in der Natur der Verhältnisse, daß er mit einem, mit zwei, mit zehn Siegen der Russen nicht beendigt wird. Dieser Aufstand, an sich hoffnungslos, kann fort und fort geschlagen werden, ohne noch besiegt zu sein, denn der Geist, der ihn erfüllt, ist kein solcher, den man mit den Waffen der materiellen Gewalt niederschlägt. Die Russen werden noch lange Zeit brauchen, bis sie die äußerliche Ruhe und das, was sie unter Ordnung verstehen, werden hergestellt haben. Daß sie aber zu einer wirklichen Pacification des Landes niemals gelangen, dafür borgen nicht nur die Mittel, die sie heute anwenden, um zu siegen, die Gräuel, die sie begehen, dafür bürgt vor allein die Unfähigkeit des Czarismus zu Reformen, die diesen Namen verdienen, die Initiative zu ergreifen und die Polen jemals zu befriedigen.

So machen wir uns denn gefaßt darauf, noch geraume Zeit hindurch Berichte über die Niedermetzlung der Polen aus diesem unglücklichen Lande zu erhalten. Man wird kämpfen, so lauge.es Insurgenten gibt, und das Resultat für Rußland wird darin bestehen, daß es zweimal so viel Soldaten nach Polen ziehen muß, um die Bevölkerungen niederzuhalten. Diese Wunde am Riesenleibe Rußlands wird aber fortbluten, und einer andern Zeit, anderen Staatsmännern in Europa bleibt es vorbehalten, sie zu schließen. Die einzige Hoffnung der Polen, daß die Mächte sich ihrer annehmen, das zeigt sich heute bereits, wird sich für jetzt nicht erfüllen. Prinz Napoleon, dieses radicale Aushängeschild der napoleonischen Politik, sieht selbst kein Mittel, für Polen etwas Wirksames zu thun. “Ich sympathisire mit den Polen sehr,” sagte er zu Anfang seiner Rede; “aber mir fehlen alle positiven Anhaltspunkte um diese Sympathien in rettende Thaten umzugestalten.” Und seine lange, von Flüchen gegen die Verträge von 1815 erfüllte Rede schloß er, wie er begonnen, indem er sagte: “Ich komme zu dem Haupteinwande. Man sagt: Du willst den Krieg. Ich antworte ohne Umschweif: Nein, aber auch der Frieden ist nicht, was ich will.” Der Senat schrie bei diesen Schlußworten laut auf vor Verwunderung, aber der prinzliche Redner drückte, vielleicht ohne es zu wissen, genau den Zustand aus, in welchem sich die Cabinette und die öffentliche Meinung befinden. Es fehlt nicht am guten Willen, aber man weiß nicht, wie die Sache anfassen. Man schwankt hin und her, gibt seiner Sympathien in Meetingsbeschlüssen, Subscriptionen und anderen Kundgebungen Ausdruck, aber man findet keine Handhabe, um die Frage practisch zu stellen und zu lösen. Die Cabinette fänden sie wol, wenn sie sich verständigen könnten, aber darin liegt der Fluch der ganzen Situation, daß eine Verständigung ohne Frankreich nicht möglich ist, und daß nach allen gemachten Erfahrungen keine Macht es wagt, mit dem Tuilerien-Cabinete in ein Bündniß zu treten. Dahin hat es der große Nationalitäten-Befreier gebracht, daß er selbst das unübersteigliche Hinderniß für die weitere Erfüllung seiner “providentiellen Sendung” geworden, und daß es der Feind der Civilisation die russische Barbarei allein ist, welche aus dieser traurigen Uneinigkeit der Mächte den eigentlichen Nutzen zieht.

Was die Person Maryan Langiewicz’ betrifft, welcher, wie gerüchtweise verlautet, sich unter den Schutz der österreichischen Neutralität begeben haben soll, so ist in Krakauer und Lemberger Telegrammen davon die Rede, daß demselben die Bewilligung, sich durch Galizien nach England zu begeben, verweigert, und daß er internirt worden sei. Bevor es aber nicht klar erwiesen ist, daß Langiewicz sich auf österreichisches Gebiet begeben, halten wir mit jedem Urtheil über ein Verfahren zurück, das sicher nichts weniger als eine liberale Interpretation der Oesterreich, einer russischen Regierung gegenüber durch die Neutralität auferlegten Pflichten bekunden würde.

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Von Mecklenburg nach Timbuktu und zurück

Berliner Gerichtszeitung, 21. März 1863

— Aus dem kleinen Städtchen Plau in Mecklenburg begab sich vor einigen Jahren ein Weißgerbergeselle auf die zunftmäßige Wanderschaft. Er gerieth nach Constantinopel, Teherean, trank sogar aus dem heiligen Brunnen von Mecka und drang bis in die Kaaba. Er wurde aber als verdächtig abgefaßt, war vorsichtig genug sich vor dem Pascha nicht durch sein Plau’sches Wanderbuch zu legitimiren, sondern gab sich für einen Engländer aus. Diese Nation kämpfte damals für den Halbmond gegen Rußland und unser Weißgerber war gerettet. Er erhielt den grünen Turban der Meckapilger und eine Paß, in welchem Mecklenburg als Provinz von England dargestellt war. Mit diesem Passe durchstreift er Afrika, trifft mit dem Preußischen Reisenden Professor Böhmer zusammen, dringt bis Timbuktu vor und läßt sich von seiner Sehnsucht zum Vaterlande wieder gen Plau ziehen. Hier aber werden dem Weitgereisten Paßscheerereien gemacht, wie man sie selbst in Timbuktu nicht kennt, da durch seine Wanderungen sein Wanderbuch in Unordnung gekommen. Wir wissen nicht, ob er bereits mit der Behörde sich abgefunden, aber seine Reisen sollen vom Professor Böhmer herausgegeben werden.

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Plünderung in Staszow

Berliner Gerichtszeitung, 21. März 1863

— Als das polnische Städtchen Staszow nach der Einnahme durch die Russen geplündert wurde, waren diese angewiesen, die Plünderung nur an den christlichen Einwohnern zu vollführen, die Juden aber, die in eine abgesonderten Stadtviertel wohnen und sich nicht an der Insurrection betheiligten, zu verschonen. Nachdem die Plünderung der christlichen Bewohner vollbracht war, kaufte die Judengemeinde den Russen die sämmtliche Beute für 500 Rubel ab und stellte dieselbe nach dem Abzuge der Russen ohne irgend welche Bezahlung oder Vergütigung der christlichen Bevölkerung zurück.

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Vortrag von Schulze-Delitzsch im Berliner Arbeiterverein

Berliner Gerichtszeitung, 21. März 1863

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Am Sonntag, den 22. d., wird der Abgeordnete Schulze-Delitzsch seinen Vortrag über “die praktischen Mittel und Wege zur Abhülfe der Noth im Arbeiterstande” im Berliner Arbeiterverein in der Tonhalle, Friedrichstraße 112, fortsetzen. Den Schluß wird dann nach Ostern ein Vortrag über das “Genossenschaftswesen” bilden. Die Vorträge, die sämmtlich genau stenographirt und von Herrn Schulze-Delitzsch selbst vor dem Druck durchgesehen werden, sollen als eine Art Arbeiter-Katechismus für die Selbstkosten verkauft werden. — Bei dem hohen Interesse, welches diese Vorträge im Publikum erregt haben, ist der Andrang von Zuhörern ein stets wachsender; es werden aber, um Ueberfüllung des Lokales zu vermeiden, an den Eingangsthüren nur so viel Billets ausgegeben werden, als wirklich Raum vorhanden ist.

Hintergrund

Die Reden werden im selben Jahr unter dem Titel “Capitel zu einem deutschen Arbeiter-Katechismus” erscheinen. In ihnen entwickelt Hermann Schulze-Delitzsch, als führender Politiker der Fortschrittspartei und Begründer des Genossenschaftswesens bekannt, grundlegende ökonomische Begriffe in allgemeinverständlicher Form. Insbesondere setzt er sich mit Ferdinand Lassalle und dessen Lehren auseinander, der um die Zeit seine Agitation für seinen Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein (Vorläufer der SPD) aufgenommen hat und vor allem die Fortschrittspartei attackiert.

Die wirtschaftliche Lage ist nicht gut, was unter anderem eine Auswirkung des amerikanischen Bürgerkriegs ist. Dort haben nämlich die Nordstaaten die Häfen der Südstaaten blockiert, womit die Ausfuhr von Baumwolle zum Erliegen kommt. Das wirkt sich in ganz Europa in der Textilindustrie aus, besonders in England, wo die Phase als “Cotton Famine” bezeichnet wird. Der Manchester-Liberale Richard Cobden initiiert eine Sammlung zugunsten der betroffenen Arbeiter, die die unerhörte Summe von mehr als einer Million Pfund zusammenbringt (ganz grob umgerechnet: 200 Millionen Euro).

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Keine gehobene Stimmung

Die Presse (Wien), 20. März 1863

Wien, 19. März.

Es ist wol keine gehobene Stimmung, in welcher das preußische Volk die Stiftung der Landwehr und das fünfzigjährige Jubiläum der Erhebung von 1813 feiert. Die Feier trägt auch durchwegs ein mehr militärisches Gepräge, und was unter anderen Umständen ein wahres Herzen und Geister erhebendes Volksfest sein konnte, war im Grunde nichts als eine Reihe officieller Ceremonien, ein leeres Schaugeprange für die gedankenlose Menge. Der derzeitige preußische Minister-Präsident kann sich rühmen, etwas zu Stande gebracht zu haben, das selbst einem Manteuffel nicht gelungen wäre: er hat dem preußischen Volke, so weit es nicht zur Fahne der Kreuzzeitung schwört, eine seiner schönsten Erinnerungen verleidet. Es ist eine ganz ungeheuerliche Erscheinung, daß ein so durch und durch monarchisches Volk, dessen Selbstbewußtsein so stark und lebendig ist, einer Feier wie diese kalt und fremd gegenüberstand; es ist ein Symptom der tiefsten innern Verstimmung, daß der König in allen seinen an dem historischen 17. März gehaltenen Reden und gesprochenen Toasten kein Wort der Anerkennung, Versöhnung und Liebe für das Volk fand, dasdoch der eigentliche Held dieses Tages ist, dessen Begeisterung, Opfermuth und Tapferkeit vor 50 Jahren das auf Preußen und Deutschland lastende Joch der Fremdherrschaft abschütteln half. Welcher Anlaß wäre geeigneter gewesen, die Kluft zu überbrücken, die Volk und Regierung in Preußen gegenwärtig trennt, und mit welcher Freude wäre das leiseste Wort der Versöhnung aus dem Munde des Königs begrüßt worden? Fürwahr, man hat eine jener Gelegenheiten, die nie wiederkehren, ungenützt vorübergehen lassen, und vielleicht näher, als sie es ahnt, ist der Tag der schweren Reue für jene gewissenlose Partei, die heute sich abwehrend zwischen das preußische Volk und seinen König gestellt hat.

Ein wahrhaft trauriges Schauspiel ist es, das Preußen in diesem Augenblicke darbietet. Die mit Mund und Säbel renommirenden Junker haben nicht nur dafür Sorge getragen, daß die Feier des 17. März einen ausschließlich officiellen Charakter erhielt und für das Volk im Ganzen unzugänglich blieb, sie haben zugleich nach Kräften das Ihrige gethan, damit der hohe Gedanke, der dieser Feier trotz alledem zu Grunde liegt, möglichst erniedrigt werde. Die Kreuzzeitungspartei, deren Nestor Gerlach noch in der neuesten Nummer dieses Organs mystische Blicke in Vergangenheit und Zukunft wirft, und im Tone eines verrückt gewordenen Puritaners gegen das treulose wälsche Wesen declamirte, das von Westen kommt und wie eine Pest die christlich-germanische Menschheit anzustecken droht — die jetzt in Preußen regierende Kreuzzeitungspartei hat durch ihre Polizei es überall einsagen lassen, man möge sich aus Anlaß des Jubeltages sorgfältig jeder anti-bonapartistischen Kundgebung enthalten. Was soll man sagen zu einer Partei, die sich sonst den Anschein gab, mit der Bibel in der einen und mit dem Schwerte in der andern Hand die gekrönte Revolution und das rothe Gespenst der Demokratie aus der Welt zu schaffen, und die nun an dem Jahrestage der Befreiung Preußens und Deutschlands von der Zwingherrschaft Napoleon’s I. feig und schreckenbleich jeden Athemzug des Volkes belauscht, damit ihm kein Wort entfährt, das der schweigsame Mann in den Tuilerien übelnehmen könnte. Nun, die Gleichgiltigkeit des Volkes hat dieser tapfern Politik jeden Schrecken erspart; der Cäsar an der Seine hat keinen Grund, wegen eines von einem Gödsche gedichteten Prologs zur Feier des Jahres 1813 die Stirne zu runzeln, und wenn der Polizei-Präsident von Berlin es dennoch für nöthig hielt, der Bevölkerung für ihre “gute Haltung” zu danken, so charakterisirt ein solcher Erlaß vollends das Bediententhum der jetzt in Preußen herrschenden Partei gegenüber dem napoleonischen Frankreich. Unter so traurigen Verhältnissen, wie die heutigen, hätte man um besten gethan, über die Haltung des Volkes beim Befreiungsfeste ganz zu schweigen. Ihm dafür danken, daß es apathisch blieb; daß es sich zu keiner anti-bonapartistischen Demonstration hinreißen ließ; daß es seine Erinnerung an seine vor fünfzig Jahren erfochtenen Siege nicht manifestirte, das ist eine Liebedienerei gegen den Kaiser der Franzosen, die wir selbst einem Ministerium Bismarck-Eulenburg nicht zugetraut hätten. In der That, ein seltsames Siegesfest, bei welchem der Feiernde, von Furcht geschüttelt vor den Nachkommen der Besiegten von Großbeeren, Groß-Görschen, Dennewitz, Möckern, sich darüber zu freuen gezwungen ist, daß das preußische Volk sich scheut, seine eigenen Siege mitzufeiern, weil Bismarck und Genossen diese Theilnahme am Ende noch für ihre Zwecke verwerthen könnten.

Aber nicht blos derartige Erwägungen lassen die äußerliche Theilnahmslosigkeit der preußischen Liberalen angesichts dieser Feier als gerechtfertigt erscheinen. Nach den großen und kühnen Hoffnungen, welche die Regentschafts-Epoche geweckt, nach der energischen Unterstützung, welche die Politik des Grafen Bernstorff und selbst des Herrn v. Bismarck in der deutschen Frage seitens der öffentlichen Meinung in Preußen gefunden, ist die Stellung, zu der diese Macht jetzt in Europa herabgesunken, eine zu furchtbare Ernüchterung, als daß man dadurch irgendwie in eine feierliche Stimmung versetzt werden könnte. Von allen Ministern, die in Preußen jemals die auswärtigen Angelegenheiten geleitet, wüßten wir keinen, der in verhältnißmäßig so kurzer Zeit so ungeheure Mißerfolge herbeigeführt hätte, wie Herr v. Bismarck. Noch im November v. J., gleich nach seinem Amtsantritte, eilte er nach Paris, um die von ihm während seiner Gesandtschaften am russischen und französischen Hofe vermeintlich eingefädelte preußisch-russisch-französische Allianz durch die Abmachung einer Zusammenkunft der Kaiser Napoleon und Alexander mit König Wilhelm in Berlin zu besiegeln. Auf diese Allianz hin hatte dieser tiefsinnige, weitblickende Staatsmann sein burschikoses System zur Lösung der deutschen Frage gebaut, die unerhörtesten Drohungen gegen Oesterreich ausgestoßen und vielleicht auch die Convention mit Rußland abgeschlossen. Damit aber hatte er dem von ihm soviel bewunderten Kaiser der Franzosen doch zu viel zugemuthet, und unter dem Aufschrei der entrüsteten Meinung Europas, unter dem Hagel westmächtlicher Protestnoten, und desavouirt von der Vertretung des eigenen Landes, mußte er mit seiner Convention den schmachvollen Rückzug antreten, glücklich, nicht gezwungen zu sein, dieselbe formell widerrufen zu müssen. Zeigte es sich aber jetzt, daß die ganze Bismarck’sche Großmachtspolitik in der Luft hing, und machte die polnische Insurrection einen dicken Strich durch die ganze Rechnung, litt Preußen einen diplomatischen Schiffbruch sondergleichen, steht es jetzt isolirt und unbeachtet beiseite, muß es in Paris und London um Nachsicht bitten, und selbst in Wien zu retten versuchen, was noch zu retten ist, so sollte man glauben, daß eine solche Leistung eher auf alles Andere als auf den Dank des erniedrigten preußischen Vaterlandes Anspruch hat. Aber gerade in dieser Beziehung sollte die officielle Feier des 17. März das Außerordentlichste bieten, und es bildet sicherlich die Krone dieser Festlichkeiten, wenn der Mann, welcher Preußen in solch unverantwortlicher Weise nach allen Seiten hin bloßgestellt hat, der Verfasser der Note vom 24. Jänner, wenn der Verherrlicher eines von Preußen im Bunde mit dem Auslande gegen Oesterreich zu führenden Vernichtungskrieges, am Jubeltage des Befreiungskampfes von 1313 durch die Verleihung des Großkreuzes des Rothen Adler-Ordens ausgezeichnet wird.

Wahrlich bei solcher Vertracktheit aller Verhältnisse, wie in Preußen, bei solcher Verwirrung der einfachsten Begriffe, bei so viel Verkehrtheit und Unversöhnlichkeit im Innern, bei so viel Hoffnungslosigkeit nach Außen, möchte man beinahe der Berliner Volkszeitung beistimmen, wenn sie neulich, an allem verzweifelnd, die Rettung Preußens nur mehr in einer von Außen kommenden Katastrophe erblickte. Wir wünschen Preußen sicher nichts weniger als eine solche Katastrophe, aber gleichwol liegt etwaS Wahres in dem Gedanken, daß das Schlaraffenthum eines fünfzigjährigen Friedens viel zu der jetzigen Situation beigetragen hat, und daß eine die Nation aufrüttelnde Krise die erschlafften Kräfte wieder erwecken und gewittergleich die von den Miasmen hohler Träumerei und eitler Selbstbefriedigung erfüllten Lüfte reinfegen würde.

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Willst Du nicht aufsteh’n, Michel!

Hamburger Wespen, Nr. 12, 1863

(Frei nach Heine.)

 

Am Fenster stand Germania,
Im Bette lag der Sohn.
“Willst Du nicht aufsteh’n, Michel?
Denk an die Convention!” —

“Ich bin so krank, o Mutter,
Daß ich nicht hör’ und seh’;
Ich denk’ an das arme Polen,
Da thut das Herz mir weh.”

“Steh auf, wir woll’n ihm helfen,
Nimm’s Schwert zum Waffentanz;
Ein rascher Aufstand heilt Dir
Dein krankes Herze ganz.”

Es flattern krieg’risch die Fahnen,
Es tönt die Revolution;
Das ist bis hin zum Rheine
Die Folge der Convention.

Germania begeistert die Menge,
Sie führt den erwachten Sohn,
Sie singen beide im Chore:
Nieder die Convention!

Hintergrund

Mit der “Convention” ist die Alvenslebensche Konvention von Anfang Februar 1863 gemeint, in der Preußen und Rußland vereinbart haben, daß Truppen des jeweils anderen Staates bei der Unterdrückung des polnischen Januaraufstandes auf das Gebiet des anderen übertreten dürfen. Dieses Abkommen wird nicht nur europaweit, besonders in Italien und Schweden, aber auch in Frankreich und Großbritannien verurteilt, sondern auch von der Opposition in Preußen kritisiert. Die demokratisch gesinnten “Hamburger Wespen” (Vorläufer der “Berliner Wespen”) wittern Morgenluft, daß der polnische Aufstand ein Fanal sein könnte für eine Revolution auch in Deutschland. Der verantwortliche Redakteur der “Hamburger Wespen” Julius Stettenheim ist auf Betreiben Preußens in ganz Deutschland mit Haftbefehl bedroht und nur in seiner Heimatstadt Hamburg sicher, die ihn nicht ausliefert. Ähnlich ergeht es Friedrich Stoltze in Frankfurt, der das demokratische Satireblatt “Frankfurter Latern” macht.

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Wir haben Schnurrbärte genug

Lokomotive an der Oder, 19. März 1863

Die Börsen- und Handels-Zeitung bringt ein Schreiben aus Warschau, in welchem es heißt: “Die Convention mit Preußen ist in Warschau von den Gouvernementalen vom Anfang an scheel angesehen worden, man versprach sich davon nichts Gutes. Die russischen Offiziere in der Statthalterschaft sagten sogleich: “Was soll das heißen? Wollen wir Europa sagen, daß unsere Armee mit den waffenlosen Empörern nicht fertig werden kann?” Ja, dem Großfürsten selbst werden sehr unwillige Aeußerungen in den Mund gelegt; unter-Anderem erzählen Beamte, daß er bei der Benachrichtigung von der Ankunft der preußischen Offiziere gesagt habe: “Was wollen sie? Wir haben Schnurrbärte genug.”

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