Vural Öger und Thilo Sarrazin haben Unrecht

In seinem Bestseller „Deutschland schafft sich ab“ schreibt Thilo Sarrazin im Kapitel „Eroberung durch Fertilität?“:

„Im Mai 2004 war in der Zeitung Hürriyet zu lesen, dass der deutschtürkische Unternehmer Vural Öger bei einem Essen mit türkischen Unternehmern geäußert habe: „Im Jahr 2100 wird es in Deutschland 35 Millionen Türken geben. Die Einwohnerzahl der Deutschen wird dann bei ungefähr 20 Millionen liegen.“ Laut Hürriyet fügte er hinzu: „Das, was Kanuni Sultan Süleyman 1529 mit der Belagerung Wiens begonnen hat, werden wir über die Einwohner, mit unseren kräftigen Männern und gesunden Frauen, verwirklichen.“ Später erklärte der Unternehmer, das sei ein Witz gewesen, er habe die deutschen Frauen nur dazu aufrufen wollen, mehr Kinder zu bekommen.“

Jedem Großdeutschen wird es bestimmt warm ums Herz werden, wenn Vural Öger Wien für eine deutsche Stadt hält. Aber was ist an Ögers Zahlen wirklich dran? Sarrazin stimmt ihm ausdrücklich zu, denn er fährt fort: „Witz oder nicht, die Zahlen stimmen jedenfalls.“ Allerdings ist er gerade noch klug genug, einen Vorbehalt einzuschmuggeln, daß es „absolut realistisch“ sei, „dass die muslimische Bevölkerung [sic!] durch eine Kombination von hoher Geburtenrate und fortgesetzter Einwanderung bis 2100 auf 35 Millionen Menschen wachsen kann.“

Das ist ja nicht, was Vural Öger behauptet. Und wenn man gleich zwei Joker einsetzen darf, die Geburtenrate und die Einwanderung, dann kann man natürlich vieles zeigen. Wenn 7 Millionen im Jahre 2080 einwandern, die pro Ehepaar bis 2100 je acht Kinder haben, dann ist es „absolut realistisch“, daß es 35 Millionen geben kann. Wie auch an anderen Stellen geht Sarrazin hier nach einem Muster vor: Er sucht einen Eindruck beim Leser zu erwecken und dann zu bestärken, der im Nebensatz aber sogleich wieder relativiert wird, sodaß er sich im Zweifelsfall rausreden kann.

Zahlenspiele

Hier soll es nicht darum gehen, ob die „Einwohnerzahl der Deutschen“ 2100 richtig ist. Im Hintergrund wird, so kann man erschließen, wohl mit den offiziellen Fertilitätszahlen hantiert, die aber aufgrund eines Artefakts, des sogenannten „Tempo-Effekts“, die wirkliche Lage verzerrt wiedergeben. [1] Korrigiert man dafür, dann kommt man auf ungefähr 35 Millionen 2100 und nicht 20 Millionen, wenn man absolut nicht realistisch davon ausgeht, daß Deutschstämmige sich nur untereinander halten werden, was sie ja auch heute schon nicht tun. Diesen Fehler kann man Vural Öger nicht allein vorhalten, denn auch Thilo Sarrazin liegt ja falsch und zweifelt diese Zahl nicht an.

Wie steht es nun um die Zahl der Türkischstämmigen, mal angenommen, daß diese sich nur untereinander halten werden, was ebenso unrealistisch ist?

Gastarbeiter aus der Türkei kamen ab dem Anwerbeabkommen von 1961. Als 1973 ein Anwerbestopp verfügt wurde, gab es etwa 900.000 Einwanderer aus der Türkei in Deutschland, von denen viele blieben. Zumeist waren es Männer, die etwas später ihre Frauen und Kinder nachholten, die noch in der Türkei lebten. Um die Zeit, als Vural Öger seine Behauptung aufstellte, gab es etwa 2,5 Millionen Türkischstämmige in Deutschland, heute sind es ungefähr 3 Millionen.

Das sieht auf den ersten Blick nach einem rasanten Anstieg aus. Riesige Familien wurden dann wohl nachgeholt, und die Kinderzahlen waren astronomisch – das wären jedenfalls die üblichen Verdächtigen. Und wenn man diesen Anstieg nun fortschreibt, mit einer Verdreifachung etwa alle 40 Jahre, dann kommt man bei den 35 Millionen aus, von denen Öger fabuliert. Sein Problem ist dabei nicht, daß er falsch rechnet, sondern daß er einen Denkfehler macht, den viele begehen. Immerhin kann man ihm zugestehen, daß es sich bei ihm um einen ehrlichen Irrtum handelt und er das, was er sagt, auch glaubt. Bei Thilo Sarrazin ist das nicht so klar.

Auflösung

Wieviele Türkischstämmige wird es denn 2100 geben, wenn es wie bisher weitergeht und man nur unter sich bliebe? Die Antwort ist eigentlich ganz einfach.

Die Fertilität (wieviele Kinder eine Frau über ihr Leben hat) lag bei den ursprünglichen Einwanderern zwar höher als bei den Deutschen (in den 1970er und 1980er auch deutlich höher, anfangs über 4), fiel aber schon in den 1980ern auf etwa 2,5. Das ist in etwa dasselbe Niveau wie bei den Deutschen während des Babybooms in den 1960er Jahren. In der zweiten Generation näherte sich die Fertilität dann mit gut 2 oder sogar darunter dem allgemeinen Niveau bereits deutlich an. [2]

Eine Fertilität von gut 2 bedeutet aber, daß eine Bevölkerung nicht mal mehr ganz ihre Größe hält. Man braucht nämlich etwas mehr zum Ausgleich für diejenigen, die nicht alt genug werden, Kinder zu haben, weshalb das Ersatzniveau bei etwa 2,1 liegt. Die Fertilität in türkischen Städten liegt heute bei 1,7, also kaum über dem hiesigen Niveau. [2] Es ist von daher nicht unplausibel, daß die Annäherung auch in Deutschland weitergehen wird.

Aber selbst wenn man einmal davon ausgeht, daß die Fertilität über Generationen auf dem Ersatzniveau von 2,1 verharren würde, dann folgt daraus nur, daß die Bevölkerung konstant bleiben wird. Damit wird es aber im Jahre 2100 höchstens drei Millionen Türkischstämmige geben, und eher weniger!

Wie kann das sein?

Auf den ersten Blick sieht das alles wie ein Widerspruch aus: Über ein halbes Jahrhundert gibt es einen starken Anstieg, und dann soll es auf dem Niveau einfach stehenbleiben? Der Grund ist dabei gar nicht so kompliziert. (Eine ausführlichere Erklärung auch zum verwendeten Modell und den Annahmen findet sich im Artikel: „Misinterpreting Growth of Immigrant Populations“.)

Nehmen wir an, daß es 1973 etwa 1,1 Millionen Erwachsene gab, die letztlich nach Deutschland einwandern würden und von denen etwa die Hälfte Männer und die Hälfte Frauen waren, also etwa 550.000 Ehepaare. 1973 wären recht viele der Frauen noch nicht in Deutschland, sie würden erst etwas später nachgeholt.  Die Annahme ist hierbei, daß die Einwanderer in einem mittleren Alter von ungefähr 25 Jahren kommen. Damit haben sie schon einige Kinder, gut 300.000, die teilweise in Deutschland sind, teilweise noch nachgeholt werden. Was passiert nun?

Die 1,1 Millionen Erwachsenen werden zusätzlich zu den Kindern, die schon 1973 da sind, auch noch weitere Kinder bekommen. Bei einer Fertilität auf Ersatzniveau wären das im Schnitt 2,1. Damit verdoppelt sich die Bevölkerung schon sehr bald. Dargestellt ist das im nebenstehenden Bild: Die Einwanderer sind der blaue Streifen unten. Der dunkelrote Streifen darüber sind ihre Kinder. Es gibt also eine Steigerung um 100%, ohne daß etwas Besonderes passiert wäre. Jede Familie hat im Mittel gut zwei Kinder.

Aufbau 1

Nach etwa 20 Jahren sind die Kinder so alt, daß auch sie Kinder bekommen. Das ist der grüne Streifen. Und etwas später kommen dann die Urenkel (lila), Ururenkel (mittelblau) und Urururenkel (orange), ja sogar die Ururururenkel (hellblau) hinzu, wobei die Unterscheidung auf Dauer schwierig wird, weil die Generationen sich überlappen und damit die Kinder nicht mehr gut zuordenbar sind.

Das Mißverständnis liegt nun darin – und man könnte Jahrzehnte an Einwanderungsdebatten darauf reduzieren! –, daß man vom Anstieg in den ersten beiden Generationen auf die Zukunft schließt, als wenn es immer weiter mit dieser Geschwindigkeit hochgehen würde. Aber das ist nicht so, denn wie man an dem Streifen für die ursprünglichen Einwanderer sieht: sie sterben langsam aus, und etwas später auch ihre Kinder, usw. Und deshalb ersetzen weitere Nachkommen nur die vorherigen Generationen, die langsam verschwinden. Beides gleicht sich nach etwa einem halben Jahrhundert aus, weshalb sich der Wert bis auf leichte Schwankungen, die immer mehr abklingen, bei 3 Millionen einpendelt.

Gefördert wird der Trugschluß, als wenn es rasant immer weiter nach oben gehen würde, noch durch einen zweiten Effekt. Nicht alle, um die es geht, sind gleich von vornherein in Deutschland. Ein Teil von ihnen wird erst etwas später nachgeholt. Wenn das recht gleichmäßig über das erste Vierteljahrhundert ginge, dann würde man in Deutschland nur den orangen Teil in der folgenden Grafik sehen. Der grüne Teil wären diejenigen, die noch in der Türkei sind. Die Familienzusammenführung ist dabei auch nicht, was manchmal daraus gemacht wird: Nachgeholt werden Ehefrauen und einige minderjährige Kinder, keineswegs weitläufige Verwandte. Aber dennoch verstärkt das den scheinbaren Anstieg gerade zu Anfang.

Aufbau 2

Es ist durchaus verständlich, aber schlichtweg falsch, daß man daraus den Schluß ziehen darf, als wenn es sich um eine extrem schnell wachsende Bevölkerung handeln würde. Wegen der Fertilität auf Ersatzniveau wächst die Bevölkerung nämlich überhaupt nicht! Die richtige Sichtweise ist hier, daß von vornherein 3 Millionen da sind, nur der ältere Teil der Bevölkerung niemals einwandert. Erst über die Zeit baut sich der ältere Teil der Bevölkerung in Deutschland auf, wenn die Einwanderer und ihre Kinder selbst in das Alter kommen. Daß es Familienzusammenführung gibt, spielt auch keine wirkliche Rolle. Dabei geht es ja nur darum, wo jemand ist, den es so oder so aber längst gibt. Dadurch wächst auch nichts. Es handelt sich nur um einen scheinbaren Anstieg, den man in Deutschland wahrnimmt.

Es sei angemerkt, daß die Wirklichkeit ein wenig, aber nicht viel vertrackter ist. So gab es, wie erwähnt, in der ersten Generation eine höhere Fertilität, was aber nur bedeutet, daß die Ausgangsbevölkerung ein wenig kleiner gewesen sein sollte und es später noch einen kleinen weiteren, aber einmaligen Aufbau geben würde. Es gab außerdem etwas an Rückwanderung, ein gewisser Teil der Einwanderer verheiratete sich mit anderen Einwanderern oder Deutschen, womit die Kinder nicht mehr zuordenbar sind. Und die Generationen gehen auf Dauer durcheinander. Aber all das ändert nur wenig an der Hauptaussage: Für fünfzig Jahre gibt es einen steilen Anstieg, und danach geht es nicht mehr weiter.

Und wie wird es 2100 sein?

Seriöserweise sollte man keine solche Kaffeesatzleserei betreiben. Dennoch hier der Versuch einer Vorhersage:

  • Wie man an der obigen Grafik sehen kann, baut sich die Bevölkerung viel stärker auf als nur durch die Einwanderer selbst. Der größte Beitrag kommt dabei von ihren Kindern und Enkeln. Von daher führt schon mäßige Einwanderung zu einem deutlichen Bevölkerungswachstum. Mit netto 400.000 Einwanderern pro Jahr – 2015 allein aus der EU! – könnte Deutschland in einem halben Jahrhundert die 100-Millionenmarke erreichen, bis zum Ende des Jahrhunderts recht sicher. Von wegen „Deutschland stirbt aus“. Es wird sehr amüsant sein, wie die vielen falschen Prognosen über die nächsten Jahrzehnte stillschweigend eingesammelt werden.
  • Aber bedeutet das nicht, daß die Deutschen eine Minderheit werden? Eigentlich nicht. Zuerst einmal spricht auch gar nichts dagegen, daß jemand, dessen Vorfahren nicht schon vor Datum X in Deutschland gelebt haben, genauso ein Deutscher sein kann. Über mehrere Generationen ergibt sich das von selbst. Die Welle von deutschen Einwanderern in die USA erreichte 1881 ihre Spitze, insgesamt kamen mehr als 7 Millionen. 130 Jahre danach (=2100-1970=2011-1881), gibt es zwar etwa 60 Millionen deutschstämmige Amerikaner (übrigens ebenfalls aufgrund des obigen Effekts, allerdings auch durch hohe Fertilität über eine lange Zeit). Doch fast keiner von ihnen kann noch Deutsch oder hat einen Bezug zu Deutschland. Alle sind jedoch Amerikaner und glauben, daß „Weihnachtsgurken“ ein alter deutscher Brauch sind. Aber selbst mit einer Definition über die Abstammung wird es 2100 viel mehr geben als nur die berechneten 35 Millionen, die ganz oder teilweise von den Deutschen in den Grenzen von 1938 oder welche Definition auch immer abstammen. Dafür sorgt einfach eine gewisse Durchmischung. Voraussichtlich wird das die Mehrheit sein.
  • Genauso wie ein sehr großer Teil der deutschen Bevölkerung 2100 auch deutschstämmig sein wird, werden auch viel mehr als nur 3 Millionen ganz oder teilweise auch türkischstämmig sein. „Reine“ Türkischstämmige, ebenso wie „reine“ Deutschstämmige wird es allerdings immer weniger geben. Typische Namen von Deutschen wären dann also vielleicht: Jerome Gauland oder Thilo Öger. Ein paar werden vielleicht noch an ihrem „Großen Ariernachweis“ basteln, aber die meisten Deutschen werden darüber lächeln und sich sagen: „Wir sind das Volk!“

Fußnoten

[1] Marc Luy & Olga Pötzsch: „Schätzung der tempobereinigten Geburtenziffer für West- und Ostdeutschland, 1955-2008“, Comparative Population Studies – Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft, Jahrgang 35, 3 (2010), Seite 569-604, 2011.

[2] Katharina Wolf: „Fertility of Turkish migrants in Germany: Duration of stay matters“, MPIDR Working Paper WP 2014-001, 2014, Tabelle auf Seite 17. Und: Werner Haug, Paul Compton, Youssef Courbage: The demographic characteristics of immigrant populations, Tabelle auf Seite 227. Sowie: Susanne Schmid Martin Kohls: „Generatives Verhalten und Migration“, 2011, Tabelle auf Seite 189, wo die Fertilität 2006-2008 für türkischstämmige Frauen sogar als nur 1,8 geschätzt wird.

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Die neue Welt

von Alexander Moszkowski, 1894

Amerika, Du hast es besser,
Als unser alter Kontinent,
Wo sich kein einz’ges Staatenwesen
Vom Defizite jemals trennt;
Des Goldes Flut, nicht mehr zu messen,
Schwillt immer höher an bei Dir,
Dein Fiskus taucht in Schätzen unter,
Im Überfluß erstickt er schier.

Dein Präsident hat oft verkündet,
So kann es nicht mehr weiter geh’n,
Die Kassen sind gefüllt zum Platzen,
Und irgend etwas muß gescheh’n;
Man muß, zu steuern diesem Übel,
Gesetze machen, eh’s zu spät,
Sonst wird der Überfluß an Mitteln
Zu einer Staats-Kalamität.

Was wirst Du thun? wirst Du vermehren,
In Zukunft der Beamten Schar?
Wirst Du im Edelmut verdoppeln
Jedwedes Richter-Honorar?
Wirst Du dem Präsidenten bauen
Ein neues Haus von Marmelstein?
Wirst Du Paläste konstruieren
Und sie dem Dienst der Künste weih’n?

Du kannst weit mehr! sieh’, Du hast Bahnen,
Die staatlich, wie bei uns zu Haus,
Da statte selbst die dritte Klasse
Mit Sophas und mit Spiegeln aus;
Und richt’ es ein mit Deinen Mitteln
Fortan, daß jeder Passagier,
Statt einfach sein Billet zu zahlen,
Noch etwas ‘rausbekommt von Dir.

Du hast gewiß auch Volksschullehrer;
Wohlan, ihr Tisch sei stets gedeckt,
Es schäume auf des Lehrers Tafel,
Zum Frühstück schon ein Gläschen Sekt.
Gieb jedem, daß er sich erfreue
Der wohlverdienten Altersruh’,
Ein scharfes Scherchen und natürlich
Die nötigen Coupons dazu!

Du hast jawohl auch Indianer;
Die Leute sind entsetzlich arm,
Sie kommen niemals ins Theater,
Sie haben keins, daß Gott erbarm’!
Da klafft entschieden eine Lücke,
Die füll’ mit Deinem Gelde aus
Und lege schnell die Fundamente
Zu einem Sioux-Opernhaus.

Du meinst nun freilich nicht mit Unrecht,
Das alles reiche noch nicht zu,
Der Staatsschatz müßt’ entlastet werden
Durch einen ungleich stärkern Coup.
Da ist denn guter Rat recht teuer,
Wir sinnen hin, wir sinnen her,
Und finden nur die einz’ge Lösung:
Schaff’ Dir ein tücht’ges Militär!

Da wärst Du schnell wohl über’m Berge;
Indes, wir wissen selber ja,
Du schwärmst nicht für die großen Massen
Der Infanterie et cetera;
So bleibt Dein Schatz denn ungemindert,
Dir fehlt ein ernster Aderlaß,
Und uns bleibt nur zu bitten übrig:
Amerika, geh’ — schenk’ uns was!

Anmerkung

Die USA haben sich über den Bürgerkrieg von 1861 bis 1865 massiv verschuldet, bauen aber die Schulden sehr rasch ab und haben laufend Haushaltsüberschüsse. Während das Deutsche Reich 1871 aufgrund der hohen Kontributionszahlungen aus Frankreich ohne Schulden startet, gibt es hier andauernd Defizite und Staatsschulden werden aufgebaut. Das meiste Geld wird dabei für das Militär ausgegeben.

Der Anfang des Gedichts ist eine Anspielung auf ein Gedicht von Johann Wolfgang von Goethe (1749 – 1832) aus „Zahme Xenien“: „Amerika, du hast es besser / Als unser Kontinent, das alte, / Hast keine verfallene Schlösser / Und keine Basalte. / Dich stört nicht im Innern / Zu lebendiger Zeit / Unnützes Erinnern / Und vergeblicher Streit.“

Das Gedicht ist dem Band „Anton Notenquetschers Heitere Dichtungen“ von 1894 entnommen, erschienen bei Libera Media (jetzt auch fürs Kindle):

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Weitere Bücher von Alexander Moszkowski bei Libera Media(einfach auf das Bild klicken):

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Es läuft gut für Gary Johnson

Anfang Juli und etwas vorher Ende Juni haben wir das letzte Mal über den Stand berichtet. Seitdem hat sich einiges getan:

  • Kamen vor knapp einem Monat etwa 30.000 neue Likes pro Woche bei Facebook für die Seite von Gary Johnson rein, so hat das Tempo stark angezogen. Aktuell liegt das Tempo bei etwa 120.000 oder sogar darüber. Vor ein paar Monaten sah es noch danach aus, als wäre eine Million Likes kaum bis zur Wahl zu erreichen, nun sollte es bei dem Tempo und fast 800.000 erreichten Likes in ein bis zwei Wochen so weit sein. Mit einer Million Likes läge Gary Johnson zwar noch weit hinter der Konkurrenz. Bedenkt man aber, daß nur etwa 130 Millionen bei den letzten Wahlen abgestimmt haben und die meisten Likes wohl Wählern entsprechen, dann erreicht Gary Johnson recht bald etwa alle seine Wähler vom letzten Mal (knapp 1,3 Millionen) oder etwa ein Prozent der Wählerschaft. Wenn jeder Fan nur ein paar andere kennt, hat er damit einen Durchgriff auf einen nennenswerten Anteil der Wählerschaft, ganz unabhängig von der Präsenz in den Medien.
  • Die Haltung der Medien ist dabei weiterhin sehr interessiert, kein Vergleich zur Situation vor vier Jahren. Berichte gibt es fast fortlaufend von großen Anbietern. Eine nicht vollständige Auswahl: Politico, The New Yorker, TIME, Washington Post, usw. Hinzu kommen Fernsehauftritte wie bei Bill Maher (mit über einer halben Million Views auf Youtube) und die weiterhin wohlwollende Berichterstattung der progressiven Young Turks (fast 200.000 Views).
  • Der Bekanntheitsgrad steigt auch weiter an. Mittlerweile haben die Suchen nach Gary Johnson auf Google (nach Google Trends) in etwa das Niveau bei den letzten Wahlen erreicht. Auch die Website hat sich aus dem Nirgendwo mittlerweile in den sichtbaren Bereich vorgearbeitet (nach Alexa, wobei die Auswertung seltsam ist mit einem niedrigeren Rang weltweit als in den USA). Auf der amerikanischen Ausgabe von Google News braucht man mittlerweile nur noch bei der Suche das „G“ einzutippen, um Gary Johnson als Auswahl zu erhalten (auf der deutschen Ausgabe muß man noch „GAR“ schaffen).
  • Außerdem gab es einige Endorsements: von Jesse Ventura (wie schon 2012), einem Delegierten zur republikanischen Konvention sowie dem konservativen Kommentator Glenn Beck (ohne sich ganz festzulegen). Fast noch interessanter könnte die Haltung der Anti-Trump-Republikaner sein. Ted Cruz drückte seine Wahlempfehlung so aus: man solle auf dem Wahlzettel nach oben (also Clinton) und auch nach unten (also z. B. Gary Johnson) schauen und dann nach seinem Gewissen und seinen Prinzipien abstimmen. Gerüchteweise soll Jeb Bush auf Gary Johnson zugekommen sein. Ganz geschickt interpretiert Johnson das als Interesse und mögliche Unterstützung. Das wurde zwar dementiert, aber auf eine Weise, daß eine Unterstützung nicht ausgeschlossen wurde. Nach der Pleite bei der republikanischen Konvention könnte Gary Johnson fast die einzige Möglichkeit sein, Trump noch zu schaden. Sicherlich stößt man sich an manchen Positionen. Aber wenn man wirklich Trump so haßt, wie es aussieht, könnte Gary Johnson (mit dem richtigen Stallgeruch als ehemaliger Republikaner) als das kleinere Übel erscheinen.
  • Insgesamt schlägt sich das alles in besseren Ergebnissen bei den Wahlprognosen nieder. In einer Umfrage gab es schon einmal landesweit 13%, allerdings mit einer großen Streuung über die Umfragen, in denen Johnson zur Wahl steht (immer noch nicht sehr viele, aber doch viel mehr als 2012). Nach den recht präzisen Prognosen von FiveThirtyEight würde Gary Johnson bei einer Wahl jetzt auf 9,5% der Stimmen kommen, was für einen Kandidaten der Libertarian Party schon sensationell wäre. Allerdings sind die Vorhersagen sehr sensibel gegen neue Daten und schwankten in der letzten Zeit zwischen 8% und über 11%.
  • Besonders aussichtsreich sieht es im Heimatstaat von Gary Johnson, New Mexico, aus. Hier wären aktuell sogar 19,0% der Stimmen drin. Auch in Montana und Alaska sieht es recht gut aus. Dennoch ist ein Sieg soweit recht unwahrscheinlich selbst für diese Staaten, die auch nur wenige Wahlmänner stellen. Dazu müßte Gary Johnson auf ein Niveau von 30% oder mehr vordringen, was soweit außerhalb der Reichweite liegt. Interessant würde es, wenn er genug Wahlmänner gewinnen kann, daß weder Clinton noch Trump gewählt werden kann. In dem Fall würde die Wahl in den Kongreß gehen.
  • Um an den großen Debatten (los geht es Ende September) teilnehmen zu können, muß Gary Johnson nach den obskuren Regeln in fünf nationalen Umfragen mehr als 15% erreichen. Welche Umfragen das sind, ist wohl der Willkür der Organisation anheimgestellt, die sich in der Hand der Demokraten und Republikaner befindet. Raum für Manipulation ist also gegeben. Um sich den Zugang zu erzwingen, müßte Gary Johnson also die 15% sicher hinter sich lassen. Mit zwei Monaten und dem bisherigen Schwung ist das alles andere als ausgemacht, aber doch auch nicht jenseits der Möglichkeiten.

Stay tuned …

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Feuer im Haus von Theodor Mommsen

(Gemälde von Ludwig Knaus, 1881, Quelle: Wikipedia)

[Ohne Titel, Neue Freie Presse (Wien), 13. Juli 1880]

 

Berlin, 12. Juli. In Theodor Mommsen’s Hause in Charlottenburg brach gestern Nachts durch eine Gas-Explosion Feuer aus, welches den Dachstuhl und den oberen Theil des HauseS verzehrte. Viele, zumeist unersetzliche Manuskripte, darunter auch zahlreiche von Mommsen selbst, sowie ein ansehnlicher Theil seiner großen Bibliothek sind verbrannt. Der Schaden ist um so bedauerlicher, als Mommsen bereits sehr umfangreiche Vorarbeiten für eine Geschichte der römischen Kaiserzeit gemacht hatte und dieselben bei einer Reise nach England demnächst zu ergänzen gedachte.  Er suchte bei dem Brande mit Lebensgefahr seine Bücher und Papiere zu retten und mußte schließlich mit Gewalt zurückgehalten werden.

Anmerkung

Theodor Mommsen (1817-1903) war einer der führenden deutschen Historiker. Insbesondere für seine Werke über römische Geschichte erhielt er 1902 den Nobelpreis für Literatur. Zudem war Mommsen auch politisch tätig. 1849 nahm er am sächsischen Maiaufstand teil. Deswegen wurde er 1851 aus dem Hochschuldienst entlassen, erhielt aber recht bald schon 1852 einen Ruf nach Zürich und von da 1854 nach Breslau. Während des Preußischen Verfassungskonflikts vertrat er die Deutsche Fortschrittspartei im Preußischen Abgeordnetenhaus. Nach dem Deutschen Krieg von 1866 schloß er sich den Nationalliberalen an, zu deren linkem Flügel er gehörte. Mit der reaktionären Wende Bismarcks in den 1870er Jahren, kam es zu Zerwürfnissen. Wie andere Politiker des linken Flügels trat auch Mommsen 1880 aus der Nationalliberalen Partei aus und schloß sich der Liberalen Vereinigung („Sezessionisten“) an, für die er von 1880 bis 1884 im Reichstag saß. Insbesondere wandte sich Mommsen gegen den Antisemitismus, etwa in einem publizistischen Schlagabtausch mit dem Historiker Heinrich von Treitschke und später 1890 als einer Gründer des „Vereins zur Abwehr des Antisemitismus“.

Siehe auch:

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Amerikanischen Wahlkampf verfolgen

Die Nachrichten bekommt man ja überall um die Ohren geschlagen. Schwieriger ist es durchzuschauen, was der aktuelle Stand ist. Hier drei sehr hilfreiche Quellen:

RealClearPolitics hat eine sehr übersichtliche Seite zu den aktuellen Umfragen. Wie man sieht, gibt es verschiedene: nur Clinton und Trump, inklusive Johnson sowie inklusive Johnson und Jill Stein (Grüne). Wenn man darauf klickt, bekommt man auch nur eine Liste für die Umfragen mit zwei, drei oder vier Kandidaten, außerdem auch noch einen Durchschnitt über die letzten Ergebnisse.

Wettmärkte sind meist sehr gut darin, Ergebnisse vorauszusagen. Hierzu stellen Maxim Lott und John Stossel fortlaufend die „Election Betting Odds“ zusammen. Danach stehen die Chancen aktuell so: Clinton 73,3%, Trump 22,5% und Johnson 0,3%.

Nate Silver von FiveThirtyEight (die Zahl steht für die Anzahl der Wahlmänner, es handelt sich um eine allgemein recht interessante, sehr quantitativ ausgerichtete Website auch zu anderen Themen) ist bei den letzten Wahlen wohl der präziseste Prognostiker gewesen. Er kommt ursprünglich aus dem Sportbereich und hat die eingesessene Konkurrenz alt aussehen lassen.

Auch dieses Mal macht er natürlich wieder Vorhersagen, die laufend aktualisiert werden, wie die neue Information reinkommt. Es gibt dabei drei verschiedene Ansätze (man kann das oben links auswählen und dazwischen umschalten):

  • Now-Cast: Was wäre wenn heute gewählt würde? Diese Schätzung sollte stärker schwanken, weil kurzfristige Trends eine Rolle spielen und einfach zufälliges Rauschen.
  • Polls-only forecast: Eine Prognose für das Ergebnis der Wahlen im November, die sich nur auf die Umfragen stützt. Diese Prognose sollte stabiler sein als die vorherige, aber doch auch stärker schwanken als die nächste.
  • Polls-plus forecast: Hier gehen neben den Umfragen auch wirtschaftliche Daten ein, was zu einer ruhigeren Entwicklung führt. Dies war die Methode, mit der Nate Silver bisher so erfolgreich war (es gibt einige Anpassungen dafür, daß etwa Gary Johnson auch im Rennen ist, wie in den ausführlichen Erklärungen zum Schätzverfahren erläutert wird). Der Einfluß der wirtschaflichen Daten wird allerdings bis zur Wahl auf Null gehen, sodaß sich die drei Vorhersagen immer mehr annähern werden.

Ein wichtiger Punkt bei der Prognose ist auch noch, daß auf Staatenebene vorhergesagt wird. Schließlich entscheidet ja nicht die Stimmenmehrheit, sondern die Mehrheit der Wahlmänner. Außerdem werden noch Wahrscheinlichkeiten geschätzt für verschiedene Ereignisse (Kandidat gewinnt bei Wahlmännern, aber nicht nach Stimmen, Erdrutschsieg, usw.).

Kurze Zusammenfassung zu den aktuellen Ergebnissen:

  • Chancen von Trump, Präsident zu werden, nach den drei Methoden: 23,0% 20,7% und 26,6%.
  • Chancen für Hillary Clinton: 77,0%, 79,2% und 73,3% (bis auf einen marginalen Rest 100% – Chancen von Trump).
  • Ergebnisse für Gary Johnson (Stimmen) 5,6%, 7,9% und 8,6%, (Wahlmänner) 0,2%, 0,7% und 0,5%. Chance, Präsident zu werden, kleiner als 0,1%.
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So helfe mir Gott – oder auch nicht

Neue Freie Presse (Wien), 30. Juni 1880 (ohne Titel)

Die morgige Sitzung des englischen Unterhauses kann außerordentlich wichtig werden. Gladstone wird den Antrag einbringen, daß künftig jedes Parlamentsmitglied, welches den vorschriftsmäßigen Eid nicht leisten wolle, eine Erklärung an Eidesstatt abgeben könne. Die Tories werden Alles aufbieten, um Gladstone eine neuerliche Niederlage zu bereiten. Uebrigens steigt der Mann, um dessentwillen all die Stürme der vorigen Woche im Unterhause tobten, sehr in der Gunst der öffentlichen Meinung. Mr. Bradlaugh hielt am letzten Samstag, stürmisch begrüßt, eine Ansprache an eine große Versammlung auf dem Campbell Square in Northhampton und erhielt ein glänzendes Vertrauensvotum seiner Wähler. Auch in Bury (Lancashire) und in London selbst haben Meetings zu Gunsten Bradlaugh’s stattgefunden.  Daraus ergibt sich, daß der religiöse Zopf, der dem Parlamente hinten hängt, dem englischen Volke nicht allgemein behagt.

Hintergrund

Der liberale Politiker Charles Bradlaugh wurde im Jahre 1880 für Northampton in das Unterhaus gewählt. Um seinen Sitz antreten zu können, mußte er nach dem Oaths Act von 1868 einen Eid auf die Krone schwören:

„I, [… Name …], do swear that I will be faithful and bear true allegiance to Her Majesty Queen Victoria, her heirs and successors, according to law. So help me God.“

Als erklärter Atheist bat Bradlaugh am 3. Mai 1880 darum, ohne die religiöse Formel den Gehorsam an Eidesstatt zu bestätigen (to affirm), wie es auch bei Eiden vor Gericht möglich war. Die Frage wurde in einem Ausschuß am 12. Mai 1880 beraten, der aber abschlägig beschied. Bradlaugh müsse den Eid ablegen.

Bradlaugh schrieb am 21. Mai 1880 dazu einen Leserbrief an die „Times“. Er werde den Eid in der Form ablegen „including words of idle and meaningless character“. Im Parlament wurde nun von konservativer Seite die Gültigkeit eines solchen Eides angefochten. Premierminister Gladstone schlug deshalb einen weiteren Ausschuß vor, der sich aber unerwartet dagegen aussprach, daß Bradlaugh den Eid unter diesen Umständen ablegen dürfe. Ihm stehe aber offen, das vom „High Court of Justice“ überprüfen zu lassen.

Ein Vorschlag des anderen Abgeordneten für Northampton, Henry Labouchère, eine gesetzliche Grundlage für eine eine Erklärung an Eidesstatt ohne die religiöse Formel zu schaffen, fand keine Mehrheit im Parlament. Charles Bradlaugh versuchte am nächsten Tag dennoch den Eid abzulegen, was ihm aber verweigert wurde. Er hielt seine erste Rede deshalb von außerhalb der Begrenzung (behind the Bar). Es kam zu einer Debatte, den Eid doch zuzulassen, die zu nichts kam. Letzte wurde Charles Bradlaugh vom Sprecher des Hauses befohlen, das Parlament zu verlassen. Er weigerte sich aber und wurde nach einigem Hinundher verhaftet.

Das Mandat von Bradlaugh verfiel ohne die Eidesleistung, und eine neue Wahl wurde ausgeschrieben, die Bradlaugh allerdings wieder gewann. Während sich die Auseinandersetzung über die nächsten Jahre hinzog, wurde er insgesamt sogar viermal wiedergewählt. Eine Petition zu seinen Gunsten fand die Unterstützung von Hundertausenden, und auch Premierminister Gladstone stellte sich auf Bradlaughs Seite. Gegner waren hingegen neben der Konservativen Partei die Anglikanische und die Katholische Kirche.

Im Jahre 1883 nahm Bradlaugh seinen Sitz im Parlament einfach eigenmächtig ein und nahm dreimal an Voten teil. Hierfür wurde er verhaftet und wegen illegaler Abstimmung zu eine Geldstrafe verurteilt. Erst 1886 konnte Charles Bradlaugh den Eid schließlich doch noch ablegen. Er schlug als Abgeordneter nun eine Reform der Gesetzgebung an, was mit dem Oaths Act von 1888 erfolgreich war, der auch einen Eid ohne die religiöse Formel möglich machte.

Dieser Beitrag ist Teil der Berichterstattung aus dem Jahr 1880.

Hier gehts zur Übersicht.

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Künstliche Beine

Berliner Tageblatt, 29. Juni 1880

Einem Amerikaner, welcher im Secessionskriege ein Bein verloren hat, ist es nach Jahre langen Versuchen gelungen, künstliche Beine von größter Vollkommenheit anzufertigen. Der Mann der sich augenblicklich in Berlin aufhält, geht nicht allein ohne Stock mit Leichtigkeit, sondern vermag sich auch am Kegelschieben und Billiardspiel zu betheiligen, sogar ein Tänzchen zu wagen. Er hat seine Erfindung vom Reichspatentamt patentiren lassen und sucht dieselbe in Deutschland zu verwerthen.

Siehe auch:

Dieser Beitrag ist Teil der Berichterstattung aus dem Jahr 1880.

Hier gehts zur Übersicht.

 

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Freizügigkeit: Anspruch auf Wiederherstellung eines angeborenen Menschenrechts

„Gehen wir nun, nach diesem Ueberblick der verschiedenen gesetzlichen Institutionen, wie sie sich, in buntester Mannigfaltigkeit und doch mit gewissen gemeinschaftlichen Grundanschauungen, in den einzelnen deutschen Staaten entwickelt haben, über zu der Betrachtung ihres Verhältnisses zu der Freizügigkeit (die eigentlich kein politisches Recht ist, sondern eine Negation vernunftswidriger Beschränkungen und der Anspruch auf Wiederherstellung eines angeborenen Menschenrechts, eine Forderung, welche sich aus dem sozialen und wirthschaftlichen Charakter der menschlichen und bürgerlichen Gesellschaft ergiebt), so wird man vielleicht erwarten, dass wir eine Begründung und Rechtfertigung dieser Forderung der Freizügigkeit vorausschicken.

Allein wir glauben dies aus mehreren Gründen unterlassen zu können. Erstens verhält es sich mit dem Beweise der Nothwendigkeit der Freizügigkeit etwa eben so, wie mit dem Beweise, dass man berechtigt ist, mit seinem eigenen Auge zu sehen, oder mit seiner eigenen Nase zu riechen. Er ist eben so leicht und eben so schwer zu führen, wie dieser; und es kann mit Fug und Recht behauptet werden, dass Derjenige, welcher Beschränkungen einer natürlich-menschlichen und allgemein-bürgerlichen Freiheit verlangt, seinerseits den Beweis der absoluten Nothwendigkeit derselben zu führen hat.“

Karl Braun: Studien über Freizügigkeit, 1863, S. 54-55 (S. 24-25 der Neuausgabe):

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Kleines Update zu Gary Johnson

Wie letztens berichtet, war die Zahl der neuen Likes für die Facebookseite von Gary Johnson deutlich angestiegen (etwa 30.000 pro Woche). Zwischenzeitlich fiel sie wieder zurück und momentan kommt sie auf das Niveau zurück und es sieht danach aus, als wenn sie sogar darüber ansteigen wird.

Was ebenfalls stark gewachsen ist, ist die Anzahl derjenigen, die über die Seite sprechen. Noch vor wenigen Wochen lag diese unter 100.000, jetzt sicher über 300.000. Auch bei Alexa sieht es für die Kampagnenwebsite nach einem kontinuierlichen Anstieg aus. Man liegt aber doch noch weit unten und ist wohl bei wenigen auf dem Radar.

Vorteilhaft war für Gary Johnson sicherlich der Auftritt auf CNN, wo er und Bill Weld einen „Townhall“-Termin bekamen mit Fragen aus dem Publikum und fast einer Million Zusehern. Etwas erstaunlich, daß das sonst stramm demokratische CNN hier Softball spielen will. Aber dahinter könnte vielleicht die Überlegung stecken, daß man Trump eher schadet, oder man möchte etwas Spannung in den Wahlkampf bringen und eine Geschichte entwickeln. Hier sind die vier Teile des gesamten Programms via Libertarian Party: Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4.

Inhaltlich hatte der Auftritt ein paar Durchhänger. Zum Beispiel wurden recht lahme Positionen angeboten, wo man hätte weitergehen sollen. Aber dann ist das Ziel hier auch eher, Leute interessiert zu machen und den „Median Voter“ zu jagen, der schnell verschreckt wäre. Aber selbst wenn man das zugesteht, war so manches unkonturiert, schlecht rübergebracht und widersprüchlich. Einziger Trost: in praktisch allen Punkten besser als die Konkurrenz (oder auch jede Partei in Deutschland und auch besser als Ron Paul oder erst recht Rand Paul).

Das Ziel könnte aber vielleicht doch erreicht worden sein, mit dem Gary Johnson in die Sendung ging: eben nicht als extrem zu erscheinen und als sympathischer Kandidat. Viel kritisiert wurde seine sanfte Haltung den beiden anderen Kandidaten gegenüber. Aber eigentlich zeichnet ihn das aus, sich nicht in die Schlammgrube zu stürzen. Das war auch schon sein Erfolgsrezept bei seinen Kandidaturen in New Mexico: niemals den Gegner persönlich angreifen.

Eher irritierend wirkte dabei je nachdem Bill Weld, der sich das Programm von Johnson kaum angeschaut zu haben scheint und als gemäßigter Republikaner rüberkommt, der etwas gegen Trump hat und das auch persönlichnimmt. Nicht die schlimmste Position, aber auch nicht beeindruckend, insbesondere wenn die Widersprüche der beiden offensichtlich werden und Weld Johnson konterkariert. Dafür kommt er telegener rüber, während Johnson überkonzentriert und überbemüht ist, was eher nach hinten losgeht, besonders wenn er immer wieder dieselben Formulierungen hintereinanderreiht, sich dabei dann aber auch noch öfters verhaspelt.

Die Chancen zu gewinnen, sind immer noch minimal, wenn auch vielleicht nicht null. Daniel Pearson bei Cato hat eine optimistische Sicht darauf: Jesse Ventura and Gary Johnson. Allerdings ist Jesse Ventura vielleicht noch telegener als Donald Trump und kann von daher allein als Person schon ziehen. Er hat auch einen sehr hohen Unterhaltungswert. Johnson kommt dagegen blaß rüber, was aber vielleicht auch kein Makel sein muß, wenn er sich damit wohltuend von schillernden Konkurrenten abhebt.

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Übersicht zu den Artikeln aus dem Jahr 1880

Wie schon in den Vorjahren machen wir wieder eine Parallelberichterstattung, diesmal aus dem Jahr 1880. Hier nun ein Überblick über die Artikel, die bislang erschienen sind (die Seite wird bei weiteren Artikeln aktualisiert):

  1. Absetzung des Sultans vom Khalifat?
  2. Republikaner können sich nicht auf ihren Kandidaten einigen
  3. Amerika wird von Einwanderern überschwemmt
  4. Der Henker in Spanien
  5. Welche Mittel die Amerikaner anwenden
  6. Ueber den gräßlichen Nothstand, der noch immer in Armenien herrscht
  7. Die Vorgänge in Arabien
  8. Deutsche Fortschrittspartei gewinnt den 5. Wahlkreis in Berlin
  9. Fernsprechverbindungen für Berlin
  10. Das Grab von Sarah Bernhardt
  11. Nach der Verstaatlichung
  12. Künstliche Beine
  13. So helfe mir Gott – oder auch nicht

Hinweis

Zum Hintergrund ist vielleicht interessant (erschienen als kommentierte Neuausgabe bei Libera Media):

Ludwig Bamberger: Deutschtum und Judentum (1880)

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Nach der Verstaatlichung

Berliner Wespen, 18. Juni 1880

Nach der Verstaatlichung
Mehrere Verwundete. Ihr verdammten faulen Schwellen — — !

Die Schwellen. Nehmen Sie sich in Acht, wir sind jetzt im Staatsdienst, machen Sie sich keiner Beamtenbeleidigung schuldig!

Hintergrund

Eines der diversen Projekte von Bismarck in der Zeit ist die Verstaatlichung der Eisenbahnen. Hierüber machen sich die „Berliner Wespen“ lustig, die der oppositionellen Deutschen Fortschrittspartei nahestehen.

Hinweis

Bei Libera Media gibt es kommentierten Neuausgaben der Werke von Julius Stettenheim (1831-1916) und Alexander Moszkowski (1851-1934), den Machern hinter den „Berliner Wespen“ (einfach auf das Bild klicken):

 Wippchens Gedichte 1 klein 2 Wippchens%20Gedichte%20klein%202 Ein%20lustig%20Buch%20klein%202 Burlesken%20Klein%201 Tausend klein 2 Heiteres Allerlei klein 2 Moszkowski%20Kunst%201a%20klein MZ klein 4 Notenquetscher Dichtungen klein 2 MVF klein 2 NQ klein 2

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Sarah Bernhardt

Alexander Moszkowski, 1884

Sarah, Sarah überall —
Ohne Sarah kein Journal!
Sarah in der Kunstkritik,
Sarah in der Sportrubrik,
Sarah Bernhardt sicherlich
Unter und auch über’m Strich,
Sarah in polit’schen Theilen,
Sarah in Reporterzeilen,
Sarah in den Drahtberichten
Und in Feuilletongeschichten,
Sarah hier und Sarah da,
Sarah im „et cetera“,
Sarah’s Rechtstreit, der entwischten,
Im Lokalen und Vermischten,
Sarah’s neu’ste Fluchtgeschichte
Selbst im Polizeiberichte,
Sarah’s Liebe, Sarah’s Zorn
Unten, oben, hinten, vorn,
Sarah’s Fantasiegarderoben
Hinten, vorne, unten, oben,
Ohne Sarah-Memoiren
Nebst den längsten Commentaren
Eine einz’ge Spalte kaum.
Welchen ungeheuren Raum
Nimmt für sich doch ganz allein
Diese mag’re Dame ein!

Siehe auch: Das Grab von Sarah Bernhardt

Entnommen aus:

Marinierte Zeitgeschichte – Gesammelte Humoresken

(erhältlich über Amazon, einfach auf das Bild klicken)

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Weitere Werke von Alexander Moszkowski
als ausführlich kommentierte Neuausgaben bei Libera Media:

MVF klein 2  Notenquetscher Dichtungen klein 2  Moszkowski%20Kunst%201a%20klein

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Das Grab von Sarah Bernhardt

Neue Freie Presse (Wien), 17. Juni 1880

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Sarah Bernhardt als Kameliendame 1881 (Quelle: Wikipedia)

[Das Grab von Sarah Bernhardt.] Man schreibt uns aus Paris: Es steht geschrieben, daß die in London gastirende Tragödin trotz ihrer Abwesenheit dem Pariser Publicum fortwährend Stoff zum Klatschen bieten muß. Ihre neueste Caprice ist nämlich nicht mehr der Sarg in ihrem Schlafzimmer, sondern ihr — Monument auf dem Père-Lachaise-Kirchhof. Es ist ein Marmor-Sarkophag mit einem Kreuze, überaus ernst und einfach und mit dem einzigen Worte als Inschrift: „Bernhardt“. Ganz wie man etwa „Goethe“ oder „Molière“ setzen würde! Das Grabmal erregt um so größeres Aussehen, als in der nämlichen Allée des Anglais und wenige Schritte von Sarah’s Ruhestatt entfernt ein zweites Monument mit großem Kreuze die Inschrift trägt: „Croizette„, woraus also erhellt, daß die beiden feindlichen Rivalinnen vom Théâtre Français wenigstens der Tod zusammenführen dürfte. Während aber das erste Grab schmucklos dasteht, ist dasjenige von Sophie Croizette mit Blumen bedeckt. Sie pflegt also ihre zukünftige Residenz, es sei denn, daß die zahlreichen Blumenspenden zarte Huldigungen leidenschaftlicher Anbeter wären, die sich nicht damit begnügten, ihr Bouquets in die Garderobe zu senden, sondern die ihr Andenken zum voraus ehren möchten. Eine solche Liebeserklärung auf dem Grabe ist allerdings neu.

Anmerkung

Alles etwas verfrüht: Sarah Bernhardt stirbt erst 1923. Immerhin wurde sie wirklich auf dem Friedhof Père Lachaise bestattet (auf dem Grab steht auch ihr voller Name, nicht nur der Nachname). Sophie Croizette lebt nur bis 1901 und wurde anderswo beerdigt: auf dem Cimetière de Passy.

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Fernsprechverbindungen für Berlin

Berliner Tageblatt, 15. Juni 1880

Fernsprechverbindungen für Berlin. Um festzustellen, ob für Berlin ein Bedürfniß vorhanden ist, die Wohungen, Geschäftslokale, Fabrikanlagen &c. solcher Personen, welche sich des Fernsprechers als Verkehrsmittel bedienen wollen, in entsprechende Verbindung zu bringen und jedem Theilnehmer die Möglichkeit zu gewähren, sich zu jeder Zeit mit jedem anderen Theilnehmer mittels des Fernsprechers in Vernehmen zu setzen, werden diejenigen Personen, welche eine Einrichtung der vorstehend erörterten Art wünschen sollten, vom Staatessekretär des Reichspost-Amtes aufgefordert, sich dieserhalb schriftlich, oder während der Dienststunden von 9 Uhr Vormittags bis 3 Uhr Nachmittags persönlich, an das Telegraphen-Betriebsbureau des Reichs-Postamts, Französische Straße Nr. 33c, Zimmer Nr. 149, zu wenden, welches die nähere Auskunft über die bezüglichen Einrichtungen sowohl, als auch über die Bedingungen der Theilnahme ertheilen wird. — Es scheint somit, daß nunmehr die Postbehörde der Telephon-Frage für Berlin ernstlich näher getreten ist. — Inzwischen hat, wie wir hören, die internationale Bell-Telephon-Company von der hiesigen städtischen Bau-Deputation auf Veranlassung des Magistrats den Auftrag erhalten, einen Kostenvoranschlag einzureichen zur Herstellung von Telephon-Verbindungen des hiesigen Rathhauses 1. mit dem Köllnischen Rathhause, Breitestraße 20a (Centralbureau des Gaskuratoriums), 2. mit der Klosterstraße 68 (Städtische Wasserwerks- und Kanalisationskasse und Sparkasse) und 3. mit der Alten Jakobstraße 33 (Abtheilung für die Waisenverwaltung).

Siehe auch:

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Worterläuterung: „freisinnig“

Das Wort „freisinnig“ ist in Deutschland völlig verschwunden und von daher nicht unbedingt sofort verständlich. In der Schweiz gibt es den Ausdruck noch, vor allem als Bezeichnung für eine bestimmte politische Richtung (die Freisinnig-Demokratische Partei).

Wie weit die Verwirrung geht, kann man etwa an Versuchen ersehen, das Wort in andere Sprachen zu übersetzen. Auf Englisch wird etwa daraus „free-minded“ gemacht, auf Französisch „libre-penseur“. Beides ist sehr wörtlich genommen, nicht unbedingt falsch, aber doch irreführend. Zu beachten ist dabei, daß die französische Entsprechung in der Schweiz gar nicht „libre-penseur“, sondern „radical“ ist. Das macht auch Sinn, wenn man die ältere Bedeutung von „radikal“ kennt, was aber vielleicht noch weniger in Deutschland vorausgesetzt werden kann, als im Fall von „freisinnig“. 

Eigentlich ist es ganz einfach: „freisinnig“ ist schlichtweg das deutsche Wort für: „liberal“!

Da „liberal“ zu verschiedenen Zeiten eine bestimmtere Bedeutung hatte und etwa konkrete politische Gruppierungen bezeichnete, hatte das Wort „freisinnig“ lange Zeit eine umfassende Bedeutung ohne den Beiklang einer organisierten Richtung. In diesem Sinne wurde „freisinnig“ etwa zu Zeiten der Revolution von 1848 verwendet. „freisinnig“ konnte dabei genauso für jemanden verwendet werden, der ein Demokrat (auch eine Art Liberaler in der Zeit, ein weiteres leicht mißverstandenes Wort) oder ein Liberaler (ein eher gemäßigter Liberaler) war.

Oder es konnte sich auch um eine allgemeine Bezeichnung für eine Einstellung handeln, etwa wenn von „freisinnigen“ Christen (also nicht strenggläubigen) die Rede war. Ja mancher aufgeschlossene Konservative hätte vielleicht, wenigstens in gewissen Hinsichten, so genannt werden können. Und noch 1881 meint Ludwig Bamberger in „Die Sezession“, daß eigentlich jeder sich als „freisinnig“ sehe, und bescheinigt selbst den Sozialdemokraten, sie seien auch in einem gewissen Sinne „freisinnig“. Das ist durchaus richtig, wenn man nur auf den Teil ihres Programms schaut, in dem etwa Presse-, Glaubens- und Redefreiheit verlangt wurden. Man kann daran auch sehen, daß um die Zeit bei dem Wort „freisinnig“ eher an die bürgerliche und politische, jedoch nicht an die wirtschaftliche Freiheit gedacht wurde.

Im Jahre 1884 schloß sich nun aber die „Liberale Vereinigung“ (der vormalige linke Flügel der Nationalliberalen, zu denen auch Ludwig Bamberger zählte) mit der Deutschen Fortschrittspartei zusammen. Offenbar war das Wort „liberal“ zu sehr von den Nationalliberalen besetzt, die in der Zeit oft auch einfach als „Liberale“ bezeichnet wurden (was viele nicht verstehen und was zu komischen Fehlinterpretationen führen kann). Es war vermutlich auch kein Zufall, daß sich die „Liberale Vereinigung“ so nannte, als sie sich 1880 von der Nationalliberalen Partei löste, aber dabei betonte, deren eigentliches Programm weiterzuführen.

Da „liberal“ nicht in Frage kam, schaute man also nach einem anderen Begriff aus, und damit lag „freisinnig“ nahe, das in Deutschland bis dahin noch mit keiner spezifischen Richtung verbunden gewesen war. Die neue Partei nannte sich also „Deutsch-Freisinnige Partei“ (die Variante „Deutsche Freisinnnige Partei“ gab es in der Zeit durchaus auch, aber sie zeigt meist auch ein gewisses Unverständnis bei heutigen Lesern an, die die Verbindung „deutsch-freisinnig“ nicht begreifen können).

Dabei wurde genau genommen das „freisinnig“ durch das „deutsch“ als Adverb bestimmt. Beide bildeten jedenfalls eine Einheit. Auch hier ist die Auflösung eigentlich recht einfach, warum man das so machte, wenn man sich vergegenwärtigt, daß „deutsch“ dem Fremdwort „national“ entsprach, das auch zu jener Zeit noch andere Konnotationen als später hatte (nämlich, daß man ein einheitliches Deutschland im Gegensatz zu den Einzelstaaten haben wollte). Damit war die „Deutsch-Freisinnnige Partei“ übersetzt einfach: die Nationalliberale Partei!

Vermutlich sprach das besonders die ehemaligen Nationalliberalen an, die damit das Erbe der vormals liberal ausgerichteten, aber mittlerweile eher schon konservativen Nationalliberalen gewissermaßen reklamieren konnten. Auch die ehemaligen Mitglieder der Deutschen Fortschrittspartei, die anfangs alle Liberalen umfaßt hatte (von 1861 bis 1866), mußte das nicht stören, war ja auch ihre Terminologie mit dem „deutsch“ aufgegriffen.

Mit der Benennung einer bestimmten Partei verengte sich die Bedeutung von da an. Nunmehr wurde „freisinnig“ viel spezifischer aufgefaßt für diejenigen, die die Linie der Deutsch-Freisinnigen Partei und ihrer Nachfolgeparteien ab 1893, der Freisinnigen Volkspartei und der Freisinnnigen Vereinigung, vertraten. Zu deren Programm gehörte auch die wirtschaftliche Freiheit, die Ludwig Bamberger noch 1881 als nicht definierend angesehen hatte. In diesem engeren Sinn ist auch der Name der „Freisinnigen Zeitung“ (begründet 1885 von Eugen Richter) zu verstehen.

Weitere Worterläuterungen zu heute oft mißverstandenen Ausdrücken (z. B. „Volkspartei“, „Demokrat“, „radikal“, „links“, usw.) folgen …

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Mehr Schwung für Gary Johnson

Vor ein paar Tagen hatten wir noch darüber berichtet, wie das Interesse für Gary Johnson ansteigt. So schnell kann es gehen: das ist jetzt schon überholt. Das Tempo an neuen Likes auf der Facebookseite hat sich mittlerweile verdoppelt (von 15.000 auf 30.000 pro Woche).

Es gab eine ganze Reihe Entwicklungen, die für ein schnelleres Tempo sorgen. Nur die drei Sachen, die wir im Blick haben:

Das ist alles eine außerordentliche Reichweite, wenn man es einmal mit den Nischen vergleicht, die bei den letzten Wahlen 2012 für Johnson erreichbar waren. Hinzu kommen noch einige weitere Auftritte bei Medien mit einer großen Reichweite: CNN, FOX, MSNBC, usw.

Darüber hinaus gab es noch eine weitere interessante Entwicklung. Diejenigen Republikaner, die sich mit Donald Trump nicht anfreunden können (zu ihrer Ehre!), haben es nicht geschafft, eine Alternative aufzubauen, womit Gary Johnson und Bill Weld, zumal als ehemalige Republikaner, ins Blickfeld geraten.

Erstaunlich offen zeigte sich etwa Mitt Romney im Interview auf CNN mit Wolf Blitzer. In sehr scharfen Worten („trickle-down racism“) geißelte er Donald Trump und machte klar, daß er den „Donald“ unter keinen Umständen unterstützen würde. Dafür äußerte er sich wohlwollend über Gary Johnson und Bill Weld. Letzteren lobte er und meinte, Weld würde er sofort wählen, Gary Johnson müsse er sich anschauen, was er aber auch tun werde. Natürlich schluckte er bei Forderungen nach Legalisierung von Marihuana.

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Deutsche Fortschrittspartei gewinnt den 5. Wahlkreis in Berlin

Berliner Tageblatt, 12. Juni 1880

Der gestrige Wahltag im 5. Reichstags-Wahlkreise [1] gestaltete sich äußerlich sehr ruhig, denn es handelte sich ja nur um die Nachwahl [2] für eine Session [3]. Wer schärfer in das Getriebe hineinblickte, bemerkte aber die Spuren einer tiefgehenden Bewegung. Die Vertrauensmänner [4] waren in jedem Wahlbezirk auf dem Posten, und gegen 4 Uhr Nachmittags wurden sie gegen die säumigen Wähler mobil gemacht. Nun begann das Heranbringen der Säumigen, welche trotz Mutterns [5] Einspruch theilweise aus dem Mittagsschlaf aufgestört wurden. Mancher besonders Eifrige brachte es auf 30 Arrestanten [6]. In der Nacht zuvor waren dagegen die Sozialdemokraten eifrig thätig gewesen. Sie hatten Plakate in alle Häuser geworfen und theilweise sogar angeheftet. Die Polizei ihrerseits war aber ebenfalls auf dem Posten und vollzog mehrfache Verhaftungen. Unter dem Belagerungsgesetz [7] werden die Abgefaßten jedenfalls nicht mit leichten Strafen davonkommen, da der Wahlaufruf für Most [8] vollständig revolutionär lautet. Die Zeit, von Reformen zu sprechen, sei vorüber, die Revolution wolle ihr Recht haben. Die moderne Gesellschaft sei nicht mehr zu verbessern, sie müsse gestürzt werden. Die Losung laute also: Nieder mit Thron, Altar und Geldsack! Die Betheiligung an der Wahl war trotzdem nur eine schwache. Die Minoritäts-Parteien [9] besonders hatten wenig Gewicht auf die Wahl gelegt. So erschienen von den 28 ultramontanen [10] Wählern, welche sonst das katholische Krankenhaus stellte, dies Mal nur acht. Interessant war die Wahrnehmung, daß die Schutzleute, welche an der Wahlurne erschienen, sämmtlich für Träger [11] stimmten [12], von Seiten desjenigen, welcher etwa die Ordre [13] gegeben hatte, ein Zeichen richtiger politischer Einsicht. In den meisten Bezirken [14] hielt sich die Wahlbetheiligung auf 25 Prozent. Sie sank in manchen bis auf 17 Prozent, stieg in anderen dagegen bis gegen 40 Prozent. Die Durchschnitts-Betheiligung ergab für den ganzen Wahlkreis 22 Prozent. Von circa 20,000 Wahlberechtigten stimmten 4571, hiervon 4266 für Träger und 203 für Most, die übrigen 102 zersplitterten sich [15]. Das Wahl-Resultat wurde durch den Abgeordneten Hermes [16] in der Rosenthalerstraße 12 verkündigt und mit einem dreimaligen Hoch auf Albert Traeger aufgenommen. Auch hier waren die sozialdemokratischen Vertrauensmänner zur Stelle.

Anmerkungen

[1] Berlin hat sechs Wahlkreise, wobei der fünfte Wahlkreis (Spandauer Vorstadt, Friedrich-Wilhelm-Stadt, Königsstadt-West) eine Hochburg der Deutschen Fortschrittspartei ist.

[2] Im Februar war der bisherige Abgeordnete der Deutschen Fortschrittspartei Eduard Zimmermann (1811-1880) gestorben, weshalb ein neuer Abgeordneter gewählt werden mußte.

[3] Sitzungperiode des Reichstags. Die letzten Wahlen fanden 1878 statt. Da die Wahlperiode dreijährig war, stand nur noch die Sitzungsperiode 1881 an, die für 1880 war schon beendet.

[4] Mitglieder der Parteien, die die Wähler zur Wahl bewegen sollen.

[5] Ehefrau.

[6] Niemand wird hier verhaftet, die Ausdrucksweise ist spöttisch für die Bemühungen der Vertrauensmänner.

[7] Seit 1878 gilt das Sozialistengesetz. Unter diesem ist über Berlin der „kleine Belagerungszustand“ verhängt worden, unter dem jemand aus der Stadt ausgewiesen werden kann und auch andere Strafen vefügt werden können.

[8] Johann Most (1846-1906) war ein Politiker und Reichstagsabgeordneter. Unter dem Sozialistengesetz ging er nach Großbritannien ins Exil, wo er die Zeitung „Freiheit“ herausgab. Diese stand in Konkurrenz zum offiziellen Organ „Der Sozialdemokrat“, der in der Schweiz erschien. 1880 wurde er wegen seiner Linie, die auf eine gewaltsame Revolution drängte, aus der Partei ausgeschlossen. Er wandte sich dem Anarchismus zu und wanderte weiter in die USA aus.

[9] In Berlin sind alle Parteien außer der Deutschen Fortschrittspartei und den Sozialdemokraten chancenlos. Nur wenige Stimmen können die Nationalliberalen, Freikonservativen, Konservativen und die Zentrumspartei gewinnen.

[10] Anhänger der Zentrumspartei, die den Ultramontanismus unterstützen, der die weltliche Macht des Papstes („ultramontan“ hinter den Bergen) verteidigt.

[11] Albert Träger (1830-1912) war einer der führenden Politiker der Deutschen Fortschrittspartei.

[12] Die Wahlen zum Reichstag sind geheim, sodaß der Schreiber dies nicht wissen kann. Vermutlich schließt er das daraus, daß die Schutzleute zur Wahl gekommen sind, aber keine Stimmen für die einschlägigen Parteien abgegeben wurden. Beamte würden dazu gedrängt, konservative Kandidaten zu wählen, wenn sie das nicht sowieso von sich aus tun. Die Regierung ist der Deutschen Fortschrittspartei keineswegs wohlgesonnen, wie es hier klingt und der Wahlkampf 1881 zeigen wird.

[13] Befehl, Anweisung.

[14] Der Wahlkreis ist in Wahlbezirke eingeteilt.

[15] Die Stimmen wurden für verschiedene Kandidaten abgegeben. Man konnte jeden auf den Wahlzettel schreiben, der das passive Wahlrecht hatte.

[16] Hugo Hermes (1837-1915) war Abgeordneter für die Deutsche Fortschrittspartei im Wahlkreis Zauch-Belzig und Jüterbog-Luckenwalde in der Provinz Brandenburg, Regierungsbezirk Potsdam.

Hinweis

Bei Libera Media sind kommentierte Neuausgaben von Büchern erschienen, die mit dem Artikel in Verbindung stehen:

Eugen Richters (Deutsche Fortschrittspartei) Reichstagsreden gegen das Sozialistengesetz von 1878 und die Rede „Sozialismus und Reaktion“ von Rudolf Virchow (Deutsche Fortschrittspartei) im 6. Berliner Wahlkreis ebenfalls von 1878 (einfach auf die Bilder klicken):

Richter SozGes klein 4  Sozialismus und Reaktion klein 3

Und außerdem gibt es auch noch einen Band mit Gedichten aus dem Jahre 1858 von Albert Träger (die Schreibweise steht in der Zeit nicht fest, auch wenn Wikipedia es besser weiß) :

Traeger Gedichte klein 2

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Links der Woche

Hier eine kleine Zusammenstellung von Links zu Artikeln, die uns in der letzten Zeit interessant erschienen:

  • Tyler Cowen auf Marginal Revolution mit einem für ihn ungewöhnlich langen, dafür aber auch sehr durchdachten und anregenden Post über Neoreaktionäre: What is neo-reaction? – Es handelt sich um eine wenig bekannte Richtung in den USA, die aber eigentlich doch recht bekannt ist, weil sie viele klassische konservative Thesen aufwäscht. In Europa würde man das gar nicht mal als „neo“ wahrnehmen, weil es einfach die normale reaktionäre Sicht ist, wie es sie seit 200 Jahren gibt, allerdings in mancherlei Hinsicht modernisiert. Über die Hoppe-Schiene ist das auch in libertären Kreisen nicht unbekannt, und so hat in Deutschland der Begriff „libertär“ mittlerweile nach unserem Dafürhalten, eine sehr verschobene Bedeutung erhalten, so verschoben, daß wir den Begriff meiden, weil er einfach mißverständlich geworden ist.
  • Jorge Arprin auf arprin: Bitte kein Völkermord mehr – sehr gute Punkte zum inflationären und gehaltlosen Gebrauch des Begriffs „Völkermord“. Der Wurm steckt auch drin, weil man ein Kollektiv des Volkes als etwas anderes ansieht als einfach die Menschen, die dazugehören. Letztlich ist es ein Massenmord, und das ist schon verwerflich genug und läßt sich eigentlich gar nicht steigern. Das Ziel, alle Menschen einer Gruppe auszurotten, ist natürlich besonders perfide. Aber das wäre ja auch so, wenn man sich nur das Ziel setzen würde, jeden zweiten umzubringen.
  • Gary Chartier bei den Bleeding Heart Libertarians: Libertarianism and the Varieties of Virtue – Hintergrund ist die Unterscheidung zwischen „thick“ und „thin“ für Libertarismus. Dünner Libertarismus ist in diesem Sinne eine Haltung, bei der man nur darauf achtet, daß jemand keinen Gewalt (oder allgemeiner Zwang) beginnt. Ansonsten ist alles egal. Prinzipiell läßt sich damit fast alles verbinden. Jemand könnte voll des Hasses für bestimmte Menschen sein, die übelsten Sachen über sie behaupten, gegen sie hetzen, die Argumente zusammentragen, wieso sie vernichtet werden sollten, usw. Solange er nur keine Gewalt anfängt, kann er ein Libertärer sein. Bei dickem Libertarismus wird mehr gefordert, d. h. auch eine Einstellung, eine Weltsicht, Wertsetzungen, die zum allgemeinen Prinzip passen. Haß zu säen, gegen andere zu hetzen, usw., würde jemanden als Libertären disqualifizieren (was nicht heißt, daß ein solcher Hetzer gewaltsam unterdrückt werden darf, solange er selbst nicht anfängt). Die Unterscheidung zwischen „thick“ und „thin“ wurde vor allem auf dem Blog der Bleeding Heart Liberatarians aufgebracht. Dort wurde eine Art von dickem Libertarismus vertreten und aus diesem Blickwinkel dünner Libertarismus (eher mit einem konservativen Beiklang) kritisiert. Nun drehen William Ruger and Jason Sorens die Sache um und argumentieren für einen dicken Libertarismus, der in eine konservative Weltsicht eingebettet ist. Gary Chartier reagiert von Seiten der Bleeding Heart Libertarians seinerseits darauf. Interessante Diskussion: es ist eine Sache zu begründen, wieso ein dünner Libertarismus zu wenig ist, aber daraus folgt noch nicht, wie er aufgedickt werden sollte. Da gibt es nicht nur eine Möglichkeit.
  • Mariassunta Giannetti und Bige Kahraman  bei VoxEU: The organisation of the asset management industry and the benefits of closed-end structures – Es geht um die Frage, ob und warum an Kapitalmärkten Fehlpreisungen nicht oder nicht weitgehend genug korrigiert werden. Die Behauptung des Artikels ist es, daß das an den Anreizstrukturen von Investoren liegt. Unter der Drohung von Mittelabflüssen können längerfristige Positionierungen nicht eingegangen oder durchgehalten werden. Das erscheint plausibel. Es ist allerdings nicht ganz klar, ob man objektiv solche Fehlpreisungen erkennen kann, womit das Ziel unklar ist, an dem die Ergebnisse gemessen werden. Wie im Artikel vorausgesetzt wird, gibt es auch Marktteilnehmer, die weniger starken Anreizen in der Richtung unterliegen. Selbst wenn die anderen hier Möglichkeiten auslassen, ist es nicht selbstevident, wieso die weniger restringierten Investoren die Beseitigung von Fehlpreisungen nicht alleine schaffen können. Es gäbe ja viel dabei zu verdienen. Man muß hier wohl noch eine Annahme reinstecken, daß es Begrenzungen für die ungebundeneren Investoren gibt, warum diese nicht den Markt bestimmen.
  • David Friedman bei Ideas: The Origin of the Law of Torture: A Cautionary Tale – David Friedman gibt eine Erklärung, warum Folter in früheren Zeiten als Mittel zur Wahrheitsfindung eingesetzt wurde. Er vergleicht das mit ähnlichen Mechanismen, besonders im amerikanischen Recht, wo viele Prozesse durch „plea bargaining“ geregelt werden.
  • Und Jonathan Glancey stellt auf der Website der BBC eine Sammlung von Gebäuden vor, die durch ihre herbe Form verzücken oder auch nicht (HT: Tyler Cowen): Ten beautiful Brutalist buildings.
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Die Vorgänge in Arabien

Neue Freie Presse (Wien), 10. Juni 1880

Wien, 9. Juni.

Die Nachrichten aus Türkisch-Asien, welche als Bestätigung der Depesche Dubsky’s an Baron Haymerle einlaufen, lauten sehr ernst. Mansur Pascha, der Rebellen-Chef am arabischen Strome, marschirt gegen Bagdad; Midhat Pascha, der Gouverneur von Syrien, hat seine Entlassung gegeben, und unter den Wanderstämmen der syrischen Wüste, die bis zum Euphrat schweifen, herrscht große Gährung. „Unglücksfälle,“ sagt das arabische Sprichwort, „kommen allemal in Schwärmen wie Nachtvögel.“ Man begreift vollkommen, daß die Pforte gerade jetzt, wo gewisse „freundschaftliche“ Rettungsversuche ihr so große Pein verursachen, die Vorgänge in Arabien nicht auf die leichte Achsel nimmt. All diese Ereignisse stehen nämlich in bedrohlichem Zusammenhang. Midhat, der so oft mit glühendem Patriotismus für sein Vaterland eingetreten, scheint es endlich überdrüssig geworden zu sein, an einem so exponirten Posten, wo man ihm die durchgreifendsten Reformen ohne die geringste Unterstützung zumuthet, auszuharren. Er muß unter den obwaltenden Umständen eine Verantwortlichkeit ablehnen, die bis ins Ungeheuerliche anwachsen kann. Ohne Geld und irgend welche nur halbwegs genügende Machtmittel könnte er möglicherweise einen Rückschlag der am arabischen Strome ausgebrochenen Unruhen auf Syrien erleben. Man hat ihn in Damascus im Stiche gelassen, wie vor zehn Jahren im Irak, wo in Folge der Stambuler Serail-Politik ein ganzes, mit edler Energie angestrebtes Reformwerk in Scherben ging. Midhat kennt die Verhältnisse im Irak; er weiß nur zu gut, daß die Empörung des mächtigen, ein gutes Drittel des Irak bewohnenden Großstammes der Muntefik (sprich: Muntefij), welcher sich bis vor Kurzem mit den Türken verhältnißmäßig besser als die die übrigen Stämme des Paschaliks vertrug, kein blos localer Zwischenfall gewöhnlicher beduinischer Aufruhrluft ist, wie solche die türkische Herrschaft auf diesem vielumstrittenen Boden der stolzen Khalifen-Tradition von jeher zu bekämpfen hatte; er weiß vielmehr, daß dieselbe ein Ereigniß von nicht zu unterschätzender politischer Tragweite bedeutet. Denn was man auch halten mag von den im verflossenen Jahre wiederholt auf egyptischem Wege herübergelangten Sensationsnachrichten von einem auf Wiederherstellung eines arabischen Großreiches abzielenden Geheimbunde mit dem Sitze in Maskat, Derajeh oder im Wüstenschlosse des Emirs von Nurim, wie sehr man auch die ausgesprochene Candidatur des jugendlichen Abdul Aziz im Oman, eines Feissul in Riad und eines Mansur in Basra für das Khalifat anzweifeln und die gemeldeten Details in das Gebiet des Verschwörungsromanes verweisen mag: für den Kenner der Verhältnisse in Vorder-Asien sind alle diese Dinge doch etwas mehr als Luftspiegelungen. Wer mit eigenen Augen gesehen und mit eigenen Ohren gehört, wer die Entwicklung jener Verhältnisse in den letzten zwanzig Jahren mit Interesse verfolgt hat, der kann sich der Ueberzeugung nicht verschließen, daß der arabische National-Gedanke bei den seßhaften wie den nomadisirenden Bevölkerungen große Fortschritte gemacht hat. Unzweifelhaft ist es auch, daß der Wahabismus den Sauerteig jener Gährung bildet, welche man in diesem Augenblicke einzig und allein auf die durch die Ermordung des Mekkaner Großscherifs hervorgerufene allgemeine Unzufriedenheit zurückführen will.

Die Sache liegt tiefer. Die arabischen Länder sind unterwühlt. König Feissul mit dem „dicken Bäuchlein“ ist kein großer Krieger, aber ein großer Propagandist. Man hat sichere Kunde, daß die Emissäre des Wahabiterfürsten bis nach dem fernen Maghreb, bis in die Tiefe des schwarzen Welttheiles, bis nach Indien schweifen, um die ganze islamitische Welt, wo sie auch nur dem Namen nach hinreicht, der puritanischen Lehre der Einheitsbekenner, dem unverfälschten Koranworte wieder zu gewinnen. Die Aufregung der syrischen Wüstenstämme ist auf diese Einflüsse zurückzuführen; so ist’s zum Beispiele bekannt, daß die Rualla, dieser mächtigste anesitische Clan, längst wahabitisch gesinnt ist, während verschiedene Kleinstämme der Anesch, wie die Mauâli, Seba’a, Fedâan u. s. w., den Puritanern Mittel-Arabiens noch feindselig und deßhalb auch mit der Rualla oft in Fehde sind. Nicht minder bekannt ist das Wahabiterthum der Delta- und Riffpiraten des Persermeeres, der Aldschiwazim, Siab und Atub. Was die Muntefik anbelangt, so sind sie seit geraumer Zeit dem wahabitischen Islam gewonnen, und insbesondere Mansur, der Großscheikh, ein eifriger Wahabit, während die schiitischen Euphratstämme den Neuheiligen aus dem Hochlande die Zerstörung und Plünderung der Heiligen Stadt Kerbela (1802) immer noch nicht verzeihen können. Und aus diesem Zwiespalte kann der Pforte Heil erwachsen. Ist’s wahabitischer Einfluß, der Mansur Pascha gen Bagdad treibt, dann wird er in den Schiiten ein entschieden feindseliges Element finden, welches schwer ins Gewicht fällt, denn die Bevölkerung am Schat ist stark schiitisch gemischt. Geht der tapfere Muntefik auf eigene Faust darauf los, dann wird wol der Vali Abderrahman Succurs genug erhalten, um dem Rebellen-Chef raschen Empfang zu bereiten. Allerdings muß bei der Beurtheilung der ganzen, immerhin gefährlichen Sachlage ein Factor nicht vergessen werden, welcher heißt: die Engländer am Euphrat.

Es steht nämlich außer Zweifel, daß fast ebenso im Stillen, wie die Russen auf den Hochebenen des Altai, nur ganz unblutig, die Briten in den Niederungen des alten Chaldäerlandes, welches die Dichterzungen von Hira als das Herz der Welt priesen, bemerkenswerthe Fortschritte gemacht haben, wenn dieselben sich auch noch nicht in Quadratmeilen ausdrücken lassen. Sie betrachten heute Arabistan als ein indisches Borderland und besitzen in dem neuerworbenen Schathafen Mohammera einen Schlüssel für künftige Erwerbungen zu Gunsten ihrer bekannten gewaltigen Verkehrslinie, die dereinst Indien mit dem Mittelmeere direct verbinden soll. Dies Mohammera, an dem Einflusse des schiffbaren lurischen Flusses Kuran und dem einzigen schiffbaren Mündungsarm des Schat gelegen, nennen sie heute schon gerne ein zukünftiges Schat-Alexandrien. Türken und Perser haben sich so lange um den Besitz dieses wichtigen Punktes herumgezankt, bis er endlich englisch geworden ist. Wenn man, auf der schmalen Schiffbrücke von Bagdad stehend, den Blick stromabwärts gleiten läßt, so bleibt derselbe jenseits des Zollhauses, wo die kleinen Tigrisdampfer liegen, auf einem weitläufigen Gebäude haften, dessen langgestreckte Gartenterrasse auf den Strom hinausspringt. Dort hat der Resident der Königin Victoria seinen Sitz, welcher in nicht gar ferner Zukunft einen bedeutenden Actionspunkt der britischen Orient-Diplomatie bilden dürfte. Bis zum Ende des verflossenen Jahrhunderts war England in Bagdad nicht eigentlich consularisch vertreten; noch Samuel Manesti, der vielgenannte ausgezeichnete Resident in Basra, welcher die große Factorei der Compagnie leitete, ließ die Bagdader Geschäfte durch einen armenischen Agenten besorgen. Der erste Resident mit Consulsrang kam 1798 in der Person des Mr. Hartford Jones in die Tigrisstadt. Eigentliche Bedeutung indeß gewann der neue diplomatische Sitz erst Anfangs der Fünfziger Jahre unter dem berühmten Forscher Sir Henry Rawlinson, welcher zum General-Consul ernannt wurde. Seit jener Zeit bildete sich in Bagdad eine englische Colonie, deren Mitglieder nicht allein die Reiselust oder der Jagdsport, in den Rohrmarschen den wilden Eber zu speeren, dahin geführt hatte. Heute ist Bagdad Hauptstation des indischen Telegraphen und besitzt eine besondere englische Post nach Beyrut, Indien und Persien. Ein britisches Kriegsschiff liegt jahraus jahrein im Tigris vor Anker, und der Steamerdienst auf dem Strome ist ganz in den Händen der Engländer, nachdem die von dem einsichtsvollen Midhat als Concurrenz gegründete Dampfschifffahrt-Gesellschaft mit dem Sitze in Basra so ziemlich zu Grunde gegangen. Der wirthschaftlich so wichtige Transport der schiitischen Kerbela-Pilger, welche zur See anlangen (im verflossenen Jahre mehr als 100,000), wird ebenfalls von den Engländern besorgt; sie bringen die Wallfahrer, welche in Mohammera auf britischen Dampfern von Kurratschi und Bombay anlangen, den Tigris hinauf nach Bagdad, dem Sammelpunkte der Schiiten-Karawanen. Der Einfluß der Engländer auf die arabischem Stämme, mit welchen sie auf indische Rechnung in lebhaftem Pferdehandel stehen, ist ein sehr bedeutender, und gerade der Emir der Muntefik verkehrt als erster Pferdezüchter und Händler im Lande sehr viel mit der englischen Colonie. Dieses überaus gute Verhältniß datirt übrigens schon aus Rawlinson’s Zeiten, welcher mit Mansur auf freundschaftlichem Fuße stand.

Inwieweit nun die einzige, bisher in Arabistan consularisch vertretene europäische Macht sich mit ihrem, sei es platonischen, sei es praktischen Interesse an den gegenwärtigen Wirren betheiligt und inwieweit sie mit den großen, von Arabien selbst ausgehenden Einflüssen zu ihrem Vortheile zu rechnen vermag, wäre schwer zu sagen. So viel steht jedoch fest, daß der Pforte zu so gelegener Zeit bereitete Verlegenheiten, von wo dieselben auch ausgehen mögen, einer gewissen Politik „der Loyalität“ nicht unwillkommen sein dürften.

(Ein Schlußartikel folgt.)

Siehe auch: Absetzung des Sultans vom Khalifat?

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Ueber den gräßlichen Nothstand, der noch immer in Armenien herrscht

Berliner Börsen-Zeitung, 9. Juni 1880

— Ueber den gräßlichen Nothstand, der noch immer in Armenien herrscht, schreibt man dem Wiener „Fremdenbl[att].“ aus Kontantinopel vom 31. Mai: „Der Präsident des Armenischen Hilfscomités Herr Khrimian hat an den Armenischen Patriarchen in Konstantinopel ein Telegramm gerichtet, welches den Zustand Armeniens in den düstersten Farben schildert. Zu der Hungersnoth, die in der unglücklichen Provinz herrscht, gesellen sich die Plünderungen und Gewaltthätigkeiten der in derselben herumstreifenden Kurden und vermehren die Schrecken dieser Geißel. Eine vollständige Verwüstung Armeniens steht zu befürchten. Die Furcht vor den Kurden bestimmt einen großen Theil der Landbevölkerung, die Flucht zu ergreifen, ohne ihre Felder zu bestellen; die wenigen Muthigen, welche zurückbleiben, werden mißhandelt und oft genug ermordet. Auf diese Art werden die Anstrengungen der Hilfscomités lahmgelegt, die Hungersnoth nimmt zu, statt gemildert zu werden. Die Kurden stürzen sich, ihren räuberischen Gewohnheiten getreu, auf die unglücklichen Dörfer und hinterlassen überall Spuren der Verwüstung. Im Kadza-Erdzisch und besonders in Adardjewaz, deren Bodenproduction hinreichen würde, das ganze Vilajet zu ernähren, hat der Kurdenstamm der Haydaranie erst kürzlich arg gehaust, ihre unersättlichen Thiere haben die ganze Gegend kahl gefressen; dann haben sie eine Menge Lastthiere mit sich fortgetrieben und eine solche Panik verbreitet, daß die armen Landleute Alles im Stiche ließen und die Flucht ergriffen. Dieselben Kurden haben im Dorfe Zako des Districtes Kiavash einen auf dem Felde arbeitenden Bauer getödtet, das zur Aussaat bestimmte, den Bauern gehörige Getreide geraubt, Mühlen geplündert und eine Carawane, welche die von der Commission den Nothleidenden geschickten Lebensmittel transportirte, ausgeplündert, wobei ein Maulthier-Treiber getödtet und mehrere verwundet wurden. Aus Alzak erfährt das Comité aus sicherer Quelle, daß der Kurdenstamin Achak die Dörfer von Alzak geplündert und alle Felder verwüstet hat. Es ist unmöglich, alle Acte von Gewalt, Plünderung, Grausamkeit und Verbrechen aufzuzählen, welche die Bevölkerung zur Verzweiflung treiben, und die Bemühungen, einer noch furchtbareren Hungersnoth in der Zukunft vorzubeugen, fruchtlos machen. Die Behörden, welche die Provinz regieren, blicken, weit entfernt, die Uebelthäter zu bestrafen, als müßige Zuschauer auf das Treiben dieser Horden, welche die Hungersnoth, die jetzt Armenien verheert, herbeigeführt haben. Wenn die wirksamen und tiefgreifenden Reformen, welche der Sultan seit Langem zugesagt hat, nicht schleunig eingeführt werden, wenn nicht ohne Zeitverlust geeignete Maßregeln getroffen werden, um diesen Uebelständen Einhalt zu thun, so steht zu befürchten, daß die ganze Bevölkerung Armeniens sich zerstreut oder zu Grunde geht und daß die Bemühungen der Hilfscomités ohne allen Erfolg bleiben werden.

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