Kapitalistenschweine mit neuem Werk

Unsere Hausband — die “Kapitalistenschweine” — hat die Musik für einen Trailer zu dem Buch “Rosemarie Nitribitt – Recherchen und Theorien” von Guido Golla abgeliefert, das wir auch schon mal hier rezensiert haben (und an dessen Entstehung, aber nicht dessen Erfolg wir zu einem kleinen Teil beteiligt sind). Dem Thema entsprechend ist auch die Musik eher düster. Für Zartbeseitete empfiehlt es sich, die Tatortfotos ab etwas vor 1:50 bis etwas nach 2:10 zu überspringen:

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Wie stellen sich die Sozialdemokraten zur Monarchie?

Berliner Tageblatt, 20. März 1890

Der “neugewählte sozialdemokratische Abgeordnete einer mitteldeutschen Stadt”, den die “Krzztg.” über die Stellung der Sozialdemokratie zu den kaiserlichen Erlassen hatte interviewen lassen, war der neue Abgeordnete für Frankfurt, Herr Lithograph Schmidt, der in der “Frankf. Ztg.” erklärt, der Artikel der “Kreuzztg.” beruhe auf Wahrheit — und Dichtung. Der Hergang sei folgender gewesen: Am Montag, den 10. März, etwa zwischen 3 und 4 Uhr Nachmittags, erschien an meiner Arbeitsstelle ein Herr, stellte sich mir unter dem Namen “Grohmann” (wie ich verstand) vor und fragte, ob ich bereit sei, Auskunft zu geben über die Stellung unserer Fraktion gegenüber den kaiserlichen Reformplänen; er sei Mitarbeiter der “Kreuzzeitung”. Da mir dieses offene Eingeständniß entschieden gefiel, der Mann auch sonst keinen ungünstigen Eindruck auf mich machte, so erklärte ich ihm, daß ich meine persönlichen Anschauungen über diese Frage gegen Niemand zurückhalte, daß ich jedoch über die Stellung unserer Fraktion schon deshalb keine Mittheilung machen könne, weil ich bis jetzt keine Gelegenheit gehabt, mit irgend einem Mitglied unserer Fraktion, weder mündlich noch schriftlich, diese Frage zu erörtern. Hierauf fragte er, ob wir trotz dieser kaiserlichen Fürsorge für die Arbeiter auf unserer “antimonarchischen Agitation” beharren würden. Dem gegenüber erklärte ich, daß mir diese Frage eigentlich nicht recht verständlich sei. Meines Wissens sei bisher niemal von unserer Seite die Monarchie zum Gegenstande einer direkten Agitation gemacht worden. Persönlich sei ich allerdings Anhänger der Republik; auch bestehe für mich kein Zweifel, daß der Gesellschaftszustand, den wir vorläufig als höchstes Ziel betrachteten, unter keinen Umständen mit der monarchischen Staatsform verträglich sei, ebensowenig, wie mit irgend einer anderen gegenwärtig bestehenden Klassenherrschaft. Dies sei meine persönliche Meinung und, wie ich annehme, auch die der Mehrzahl meiner Parteigenossen; Erörterungen hierüber hätten jedoch meines Wissens in neuerer Zeit keine stattgefunden. Vor mehr als zwölf Jahren dagegen sei in einem Parteiorgan (ich glaube die Berliner “Freie Presse”) die Ansicht vertreten worden, daß die Verwirklichung durchgreifender sozialer Reformen unter der Monarchie mehr Aussicht habe, als unter der bürgerlichen Republik. Dieser Ansicht sei das Centralorgan (“Vorwärts”) entschieden entgegengetreten. Herr “Grohmann” meinte sodann, er werde also berichten, daß ein Theil unserer Parteigenossen auf der Ansicht beharre, daß die Monarchie mit der Durchführung unserer Forderungen unverträglich sei, während ein anderer Theil die Durchführung weitgehender Reformen unter denselben für möglich halte. Darauf entgegnete ich ihm, er habe mich offenbar mißverstanden. Die betreffende Erörterung habe vor mehr als 12 Jahren in der Form einer Zeitungspolemik stattgefunden; es sei indeß allerdings die Möglichkeit vorhanden, daß auch heute noch die letztgenannte Ansicht Vertreter habe. Herr “Grohmann” fragte darauf, welche Anschauung damals den “Sieg” davongetragen habe. Worauf ich erklärte: Selbstverständlich keine! Derartige theoretische Fragen ließen sich überhaupt nicht durch Beschlüsse entscheiden. Die Polemik sei schließlich einfach “beigelegt” worden.

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Die Freisinnige Zeitung zur Kanzlerkrise

Neue Freie Presse, 19. März 1890

Berlin, 18. März. Die Freisinnige Zeitung berichtet zur Vorgeschichte der Kanzler-Krise: Der Kanzler habe zum Reichstagsschlusse nicht nach Berlin kommen wollen, er sei erst durch eine dringende Depesche Bötticher‘s dazu bewogen worden. Die Arbeiter-Erlässe des Kaisers seien, von Hintzpeter redigirt, dem Kanzler nur fix nnd fertig vorgelegt worden. Auch die Ernennung des Freiherrn v. Berlepsch zum Handelsminister sei dem Fürsten Bismarck nicht genehm gewesen. Anläßlich einer Controverse im Ministerrathe vor zehn bis zwölf Tagen habe der Kanzler sein Entlassungsgesuch angekündigt; der Ministerrath habe dies aber ruhig aufgenommen wie etwas, was man kommen gesehen. Von da ab sei auch das Verhältniß zwischen dem Kanzler und Bötticher gespannt gewesen. Auch die Verleihung des Schwarzen Adler-Ordens an Puttkamer sei keine Freundlichkeit gegen den Kanzler gewesen. Eine neue Controverse angeblich über Vermehrung der Fabriks-Inspectoren, sei in den letzten Tagen entstanden. Für diese Mittheilung muß der Freisinnigen Zeitung die Verantwortung überlassen werden.

Dem genannten Blatte zufolge ist die Dienerschaft im Palais des Kanzlers eifrig mit dem Einpacken beschäftigt, was durch die seinerzeit gemeldete Aufnahme des Bismarck’schen Privat-Inventars erleichtert worden ist.

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Parlamentarische Nachrichten

Berliner Tageblatt, 19. März 1890

Eine interessante Tabelle über die Berufsangehörigkeit der Reichstagsmitglieder bringt das Kürschnersche Buch “Der neue Reichstag” (Stuttgart, Deutsche Verlagsanstallt). Danach sind unter Ausschluß der noch nicht entschiedenen Nachwahlen in den einzelnen Fraktionen folgende Berufe bezw. Lebensstellungen vertreten:

[Wegen der Größe wurde die Tabelle in zwei aufgespalten. Beschriftungen: "N.-L." = Nationalliberale, "V.-P." = (Deutsche) Volkspartei, "D.-Fr." = Deutsch-Freisinnige Partei, "D.-K." = Deutsch-Konservative (= Konservative), "R.-P." = Reichspartei (= Freikonservative), "Centr." = Zentrumspartei, "Welf." = Welfen (mit der Zentrumspartei verbündet), "Pol." = Polen, "Soz." = Sozialdemokraten, "Dän." = Dänen, "O." vermutlich für die sonstigen: Elsaß-Lothringer und Wilde (= keiner Fraktion Angehörende).]

Beruf   bezw. Stellung N.-L. V.-P. D.-Fr. D.-K. R.-P.
Agent
Amtsrath 1
Aquariumsdirektor 1
Arzt 1 1
Bankdirektor 2 1 1
Bankier 1
Bergräthe 1 2
Bierbrauereibesitzer 1 1
Bildhauer
Buchdruckereibesitzer 1
Buchdrucker 1
Bürgermeister 3 1 1 2
Cigarrenarbeiter
Cigarrenfabrikanten
Cigarrenhändler
Dreher
Eisenbahndirektor 1
Eisengießereibesitzer 1
Fabrikanten 8 2 2 1 1
Fabrikdirektor 1
Fürstliche Personen 2 2
Gastwirthe 1
Geistliche 1
Gemeinderath 1
Grubenbesitzer 1
Gutsbesitzer (Hauptberuf) 10 1 7 31 3
Gymnasialdirektor
Gymnasiallehrer 1
Hofchargen 2
Juristen (ohne Rechtsanw.) 4 5 5 1
Kammerrath 1
Kaufleute 2 1 4 3
Kunstanstaltsbesitzer
Landdrost 1
Landesdirektor 1 1
Landesrath
Landräthe 1 9 6
Landschaftsdirektor 1
Landschaftsräthe 1
Legationsräthe 1
Lehrer a. D. 1
Lithograph
Maler 1
Marineoffizier 1
Militär 1
Mühlenbesitzer 1
Ober-Präsidenten 1 2
Ober-Stiftungsrath
Posthalter
Professoren 1 4
Rechtsanwälte 2 2 8 8
Redakteure 1
Regierungsräthe 1 1 2 1
Regierungspräsidenten 3
Rentner 1 2
Reporter
Schiffsrheder 1
Schornsteinfegermeister
Schreiner
Schriftsteller 1 6
Schuhmacher
Senatoren 2
Staatsminister a. D. 1
Stadtdirektor 1
Stadträthe 4
Stadtverordneter
Standesbeamter 1
Stiftsrath
Wirklicher Geheimrath 1
Beruf   bezw. Stellung Centr. Welf. Pol. Soz. Dän. O.
Agent 1
Amtsrath
Aquariumsdirektor
Arzt 1 1
Bankdirektor
Bankier
Bergräthe
Bierbrauereibesitzer 2
Bildhauer 1
Buchdruckereibesitzer 1 1
Buchdrucker 1
Bürgermeister 4
Cigarrenarbeiter 1
Cigarrenfabrikanten 4
Cigarrenhändler 2
Dreher 1
Eisenbahndirektor
Eisengießereibesitzer
Fabrikanten 3 1 1 2
Fabrikdirektor
Fürstliche Personen 1 3
Gastwirthe 2
Geistliche 14 1 7
Gemeinderath
Grubenbesitzer
Gutsbesitzer (Hauptberuf) 29 7 10 1 1
Gymnasialdirektor 1
Gymnasiallehrer 2
Hofchargen
Juristen (ohne Rechtsanw.) 18
Kammerrath
Kaufleute 5 4
Kunstanstaltsbesitzer 1
Landdrost
Landesdirektor
Landesrath 1
Landräthe 1
Landschaftsdirektor
Landschaftsräthe 2
Legationsräthe 2
Lehrer a. D.
Lithograph 1
Maler
Marineoffizier
Militär
Mühlenbesitzer
Ober-Präsidenten
Ober-Stiftungsrath 1
Posthalter 1
Professoren
Rechtsanwälte 3 1 1
Redakteure 1 3 2
Regierungsräthe 1
Regierungspräsidenten
Rentner 8 1
Reporter 1
Schiffsrheder
Schornsteinfegermeister 1
Schreiner 1
Schriftsteller 6 2
Schuhmacher 1
Senatoren
Staatsminister a. D. 1
Stadtdirektor
Stadträthe 1
Stadtverordneter 1
Standesbeamter
Stiftsrath 1
Wirklicher Geheimrath

Von sämmtlichen Abgeordneten [395 Aufgelistete] gehören 125 dem Adel an, davon führen den Titel Baron 3, Freiherr 19, Graf 30, Prinz 3, Erbprinz 1. Fürst 4.

An Vielseitigkeit in der Zusammensetzung läßt hiernach der neue Reichstag sicher nichts zu wünschen übrig.

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Noch nicht dagewesen!

von Alexander Moszkowski, 1912

Man lese und staune!

Das Universalipyrin

ersetzt den Arzt in allen Lebenslagen, verlängert das menschliche Leben und verkürzt den menschlichen Bandwurm, beseitigt die Gallensteine und poliert sie blank, entfernt Frauenschnurrbärte und befördert den Haarwuchs, ist ein ideales Abführmittel und stopft die hartnäckigsten Diarrhöen, verhindert bei üblem Atem das Oxydieren der Uhrketten, parfümiert Knoblauchwürste, macht schlank und verleiht eine üppige Büste, konserviert die Jugend bis ins höchste Greisenalter, verwandelt sich mit Wasser ungerührt in eine angenehme Rasierseife, die zugleich Sommersprossen, Hitzpickeln und Frostbeulen vertilgt, das Gedächtnis stärkt, Loden wetterfest macht, Motten samt Brut ausrottet, die Facultas virilis erhöht, den Ozongehalt der Blähungen verstärkt, das Ausfallen der Zähne bei Zahnrädern und das Platzen der Pneumatiks verhindert, wirkt aufgekocht als ein erstklassiges Malzpräparat, das innerlich genossen jede Fleischnahrung entbehrlich macht, das Essen ersetzt, bei fehlendem Blinddarm den Magen schont, die Mitesser auf der Leber entfernt und der Niere eine angenehme Figur verleiht, äußerlich angewandt einen vorzüglichen Gesundheitslikör darstellt, der die Nerven anregt, 40 Prozent Gasersparnis bewirkt, den Hühneraugen Glanz verleiht, jede Schwammbildung unmöglich macht und sich überdies als eine unübertreffliche Schuh-Crême bewährt, die das Schieflaufen der Absätze verhindert, rauhen Kragenrand glättet und als Zusatz zu Kaffee bei jeder Schreibmaschine 200 Durchschläge ermöglicht.

Tausend Mark Belohnung

demjenigen praktischen Chemiker, der mir obige Substanz erfindet, die Inseratenkosten trägt, die Patente in allen Kulturländern bezahlt und als Garantie für die Leistungsfähigkeit des Stoffes zehntausend Mark Kaution bei mir hinterlegt.

Alois Krepetzer, Drogist.

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Die Demission des Fürsten Bismarck

Neue Freie Presse, Wien, 18. März 1890

(Telegramme der “Neuen Freien Presse”.)

Berlin, 17. März. Nach einer Berliner Meldung der Kölnischen Zeitung ist der Rücktritt des Fürsten Bismarck von allen Aemtern schon in allernächster Zeit bevorstehend, und wird der heutige Ministerrath, wie man glaubt, sich mit der Thatsache seines Rücktritts beschäftigen. Diese Meldung erscheint umso auffälliger, als gestern in einem Artikel der “Hamburger Nachrichten” ausgeführt wurde, die Spannung sei zwar fortbestehend, aber der Rücktritt des Kanzlers nicht unmittelbar bevorstehend. Danach wäre die vorgestrige Besprechung des Kaisers mit dem Kanzler erfolglos geblieben. Näheres bleibt jedenfalls abzuwarten.

Berlin, 17. März, Mitternacht. Der Reichskanzler Fürst Bismarck und Staatsminister Graf Herbert Bismarck gaben ihre Demission. Der Kaiser hat jedoch nur die Demission des Reichskanzlers angenommen. Ein Nachfolger des Kanzlers ist noch nicht ernannt.

— ½ 1 Uhr. Mit Bezug auf die Ernennung eines Nachfolgers des Fürsten Bismarck soll auf Puttkamer, Miquel, Bennigsen, Bötticher und Caprivi das Augenmerk gereichtet, aber noch nichts beschlossen sein. Es ist anzunehmen, daß die Entscheidung nicht so bald werde getroffen werden und vielmehr ein längeres Interim in Aussicht stehe.

(Telegramme des Correspondenz-Bureau.)

Berlin, 17. März. Man spricht davon, daß Fürst Bismarck heute sein Demissions-Gesuch eingereicht hat.

Köln, 17. März. Das Abendblatt der Kölnischen Zeitung meldet aus Berlin, man nehme daselbst in unterrichteten Kreisen an, daß der Rücktritt des Fürsten Bismarck von allen Aemtern schon in der allernächsten Zeit bevorstehe. Man glaube, daß schon der heutige Ministerrath, der um 3 Uhr unter dem Vorsitze des Reichskanzlers sich versammelte, sich mit der Thatsache des Rücktrittes desselben beschäftige.

Anmerkungen

Auch wenn die Neue Freie Presse hier eher so berichtet, als wenn der Rücktritt bereits unter Dach und Fach wäre, wird man noch einige Tage lang keine offizielle Bestätigung haben. Bismarck hat überdies in der Vergangenheit schon so häufig mit seinem Rücktritt gedroht, um seine Forderungen durchzusetzen, daß sich die Gerüchte auch diesmal in Wohlgefälligkeit auflösen könnten. Er kann dabei mit Ängsten spielen, daß sein Rücktritt von anderen Staaten, vor allem Frankreich, als Schwäche Deutschlands ausgelegt und ausgenutzt werden könnte. Allerdings macht Frankreich zur gleichen Zeit gerade seine eigene Regierungskrise durch. Und dieses Mal stehen die Zeichen für Bismarck wirklich schlecht: es ist bis in die Öffentlichkeit gedrungen, daß das Verhältnis mit dem noch jungen Kaiser Wilhelm II. eher angespannt ist. Und bei den Wahlen 1890 hat der Kanzler seine hörige Mehrheit im Reichstag verloren, während die Opposition, besonders die Freisinnigen und die Sozialdemokraten, große Erfolge verzeichnen konnten.

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Beraterhaftung 1890

Berliner Gerichtszeitung, 18. März 1890

Eine hiesige Bank hatte im Jahre 1881 dem Rentner D. zur Kapitalsanlage wiederholt den Ankauf von Augsburger Trambahnaktien empfohlen, worauf dieser auch von ihr 6000 Mk. dieser Aktien zum Kurse von 110 Prozent kaufte. Da die Dividende ausblieb, der Kurs rapide fiel, und das Papier schließlich unverkäuflich war, wurde D. gegen die Bank mit dem Antrage klagbar, daß dieselbe die betreffenden Aktien zurücknehmen und ihm sein Geld zurückgeben solle. In erster Instanz wurde auch unter folgender Ausführung nach dem Klageantrag erkannt: Die Bank hätte schon durch den Umstand stutzig gemacht werden müssen, daß dem Grundkapital von 650 000 Mk. der gleiche Betrag an Obligationen gegenüberstand, die beide vom Unternehmer übernommen wurden, daß es im Anfange an Betriebsmaterial fehlte, daß die günstige Einnahme der ersten 13 Tage zur Basis der Rentabilitätsberechnung genommen wurde, und daß der Prospekt vermuten ließ, daß alle Strecken im Betriebe gewesen, während dies nur bei einer der Fall war. Auch mußte ihr auffallen, daß der Unternehmer ihr die Papiere zu 80 Prozent anbot, woraus sich schon eine unsolide Basis offenbarte. Wenn sie trotz dieser und anderer Umstände dennoch die Papiere als Kapitalsanlage ihrem Kommittenten empfahl, so handelte sie gegen die Sorgfalt eines ordentlichen Kaufmanns und ist schadensersatzpflichtig. Die hiergegen eingelegte Berufung wurde vom Kammergericht zurückgewiesen.

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Beklemmungen auf dem Geldmarkt

Handels-Zeitung des Berliner Tageblatt, 17. März 1890

Obwohl der englische Bankdiskont in verflossener Woche auf 4 pCt. ermäßigt wurde, bezeichnet der Londoner Economist die Lage des Geldmarktes als nicht ganz befriedigend. Das Blatt schreibt:

“Die Geldknappheit in Newyork, die Deroute an der Berliner Börse, sowie die kritischen Verhältnisse in der argentinischen Republik dürften verursachen, daß Gold aus London entnommen wird, und es ist ganz sicher, daß nach dem Quartalswechsel die Zunahme des Geldumlaufes im Inlande die Hilfsquellen der Bank stark in Anspruch nehmen wird. Immerhin möchten wir nicht annehmen, daß eine große Goldnachfrage für Exportzwecke bevorsteht. Der Newyorker Markt wird zum Beginne des Quartals durch die Vertheilung der Dividendengelder erleichtert werden; in Berlin regeln sich die Dinge, und so sehr nöthig auch Argentinien Gold brauchen mag, so besitzt es nicht die Macht, es England zu entziehen, ohne neue Anleihen vom Stapel zu lassen, was Argentinien in Folge seines Mißkredits vorläufig nicht zu thun vermag. Gleichwohl sind die Aussichten so ungewiß, daß die Bankdirektoren wahrscheinlich geneigt sein würden, die Sätze aufrechtzuerhalten, wenn sie es könnten. Allein sie können es nicht. Jetzt, wo das Ende des Quartals vor der Thüre steht, besitzen sie nicht hinreichende Herrschaft über den Markt, um eine Abwärtsbewegung der Sätze des offenen Marktes zu verhindern, und mit einer Reserve von nahezu 17,000,000 Lstrl. sind sie nicht berechtigt, ihren eigenen Satz hoch über dem wirklichen Geldwerth zu halten. Man erörtert bereits die Wahrscheinlichkeit einer weiteren Herabsetzung des Kankdiskontos im Laufe der nächsten wenigen Wochen, aber eine solche Eröterung ist verfrüht. Es ist nothwendig, ein wenig zu warten und zu sehen, wie die Ereignisse sich gestalten, ehe eine zutreffende Meinung über den wahrscheinlichen Gang des Marktes ausgesprochen werden kann.

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Vortrag zu offenen Grenzen an der Universität Bonn

Am 7. Juli 2014 fand an der Universität eine Veranstaltung statt  unter der Überschrift “Warum offene Grenzen?” Organisiert wurde sie von der Libertären Liste Bonn, den Kölschen Libertariern und dem Hayek-Club Bonn.

Die Folien zum Vortrag sind online verfügbar. Und die Veranstaltung wurde auch von den Sons of Libertas gefilmt und auf YouTube in voller Länge einstellt mit aktuell schon 516 Views:

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Der Phonograph als Grabredner und verkaufte Kinder

Neue Freie Presse, Wien, 17. März 1890

[Der Phonograph als Grabredner.] Die originellste Anwendung des Phonographen wird aus Newyork gemeldet: Ein zu Larchmont im Staate Newyork wohnhafter Geistlicher, Rev. Thomas Allan Horne, der dort vor einigen Wochen im Alter von 77 Jahren starb, hatte ausführliche Weisung hinterlassen, wie bei seiner Leichenfeier verfahren werden solle. Ein Theil derselben bestand in einer von ihm selbst verfaßten Leichenrede, die er gesprochen dem Phonographen anvertraut hatte. Dem Neffen war aufgetragen, den mit der Leichenrede versehenen Phonographen im Trauerlocal aufzustellen und im rechten Augenblicke in Function zu setzen. Die Freunde des Verstorbenen waren versammelt, und alles ging nach dem Programm. So eindrucksvoll war das geheimnisvoll Gehörte, daß Alle tief erschüttert waren, als die wohlbekannte Stimme des beliebten Geistlichen wie früher von dem Lande sprach, “wo die Gottlosen keinen Kummer mehr bereiten und die Müden in Ruhe sind”. Uebrigens hatte der wackere Verfasser dieser eigenartigen Leichenrede es auch nicht versäumen wollen, dem Verstorbenen für seine Tugenden das übliche Lob zu spenden, war aber offenbar im Augenblicke, wo er davon sprach, von Rührung überwältigt worden und zusammengebrochen, denn plötzlich brach der Phonograph in ein heftiges Schluchzen aus, das übrigens so natürlich war, daß es die anwesenden Zuhörer mit ergriff, wodurch die Leichenfeier ein vorzeitiges Ende fand. So melden amerikanische Blätter, bei welchen allerdings Dichtung und Wahrheit häufig ineinanderspielelt.

[Verkaufte Kinder.] Aus Trient schreibt man den “Neuen Tiroler Stimmen”: Als vor einigen Tagen in Ala ein Zug aus Italien ankam, fand die Polizei in einem Coupé dritter Classe einen Mann mit fünf weinenden Knaben. Der Mann Namens Bastini Giovanni von Bagni gestand, die Kinder in der Provinz Lucca gegen Oel von den Eltern eingetauscht zu haben. Auch habe er diesen versprochen, monatlich 10 Lire zu schicken. Die Kinder seien zum Verkaufe von Gypsfiguren in Hamburg bestimmt gewesen. Es ist eine traurige Thatsache, daß in Italien alljährlich Kinder von unmenschlichen Eltern an Händler verkauft und ins Ausland geführt werden, wo sie in kurzer Zeit an Entbehrungen sterben. Diesmal hat die italienische Behörde den Handel vereitelt und die Kinder in die Heimat zurückgeführt.

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Verurteilung wegen Majestätsbeleidigung

Berliner Tageblatt, 16. März 1890

Wegen Majestätsbeleidigung hatten sich am Freitag vor der Potsdamer Strafkammer der verantwortliche Redakteur der freisinnigen “Potsdamer Nachrichten” Emil Flachs und der Redakteur und Verleger dieses Blattes Dr. Feodor Rosenbaum zu verantworten. Die Vorgeschichte dieses Prozesses ist interessant. Am 21. Juli v. J. erschien in den “Potsdamer Wespen”, einer Beilage der “Potsdamer Nachrichten”, ein Artikel, der unter dem Spitznamen Naucke und mit der Abbildung dieser komischen Figur, sich über eine Reise nach dem Südpol ausließ. Die Staatsanwaltschaft fand hierin eine schwere Majestätsbeleidigung und beantragte gegen den Angeklagten ein Jahr Gefängniß. Der Vertheidiger, Rechtsanwalt Munckel, bestritt das Vorhandensein einer Beleidigung. Der Artikel bezwecke weiter nichts, als die byzantinische Berichterstattung hinsichtlich einzelner unbedeutender Vorfälle an Bord des “Hohenzollern” lächerlich zu machen. Der Gerichtshof erkannte nach langer Berathung gegen Dr. Rosenbaum, der als Verfasser des Artikels betrachtet wurde, auf vier Monate Festungshaft, gegen Flachs, als Mitthäter, auf zehn Wochen Festungshaft.

Anmerkung

Bei dem Rechtsanwalt Munckel handelt es sich um den August Munckel (1837-1903), Mitglied des Reichstags, der Preußischen Abgeordnetenhauses, des Brandenburgischen Provinziallandtags und der Charlottenburger Stadtverordnetenversammlung für die Deutsch-Freisinnige Partei, der auch in anderen politischen Prozessen Angeklagte verteidigt.

Siehe auch: Das Wort hat der Abgeordnete Eugen Richter: Gegen eine Yacht für den Kaiser

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Der Kaiser gegen Mißhandlung von Soldaten

Berliner Tageblatt, 16. März 1890

Von Tag zu Tag mehren sich die Kundgebungen unseres Kaisers, welche ihn als einen von humanen und durchweg modernen Anschauungen durchdrungenen Regenten erscheinen lassen. So bringt heute das Kriegsministerium nachstehende Kabinetsordre, betreffend Bestrafungen wegen Mißhandlungen Untergebener, zur Kenntniß der Armee:

Ich habe aus den Mir von den kommandirenden Generalen eingereichten Nachweisungen über die Bestrafungen wegen Mißhandlung Untergebener ersehen, daß die Bestimmungen der Ordre vom 1. Februar 1843 noch nicht durchweg in dem Geiste aufgefaßt und gehandhabt wird, in dem sie gegeben worden sind. In Meiner Armee soll jedem Soldaten eine gesetzliche, gerechte und würdige Behandlung zu Theil werden, weil eine solche die wesentliche Grundlage bildet, um in demselben Dienstfreudigkeit und Hingebung an den Beruf, Liebe und Vertrauen zu den Vorgesetzten zu wecken und zu fördern. Treten Fälle von fortgesetzten systematischen Mißhandlungen Untergebener hervor, so haben Mir die kommandirenden Generale bei Einreichung der Nachweisungen zu berichten, welchen Vorgesetzten die Verantwortung mangelhafter Beaufsichtigungen trifft und was ihrerseits gegen denselben veranlaßt worden ist. Sie haben hiernach das Erforderlichste zu veranlassen und den kommandirenden Generalen auch die Bemerkungen, zu welchen Mir die letzten Nachweisungen Anlaß gegeben haben, zugehen zu lassen.

Berlin, den 6. Februar 1890.

Wilhelm.

An den Kriegsminister.

Auch in diesem Erlaß des Kaisers kommt eine hocherfreuliche Uebereinstimmung des Monarchen mit jenen Ueberzeugungen zur Erscheinung, welche seit Jahren und noch in der jüngst abgelaufenen Reichstagssession von den Vertretern der deutsch-freisinnigen Partei im Reichstage mit allem Nachdruck vertreten worden sind. Man erinnert sich noch der einschlägigen großen Debatten, in denen die Abgeordneten Rickert und Richter die zahlreichen Beschwerden über Mißhandlungen einzelner Soldaten während ihrer Dienstzeit muthvoll zur Sprache brachten. Die obige Kabinetsordre  ist der beste Beweis dafür, daß die Worte der freisinnigen Volksvertreter beim Kaiser nicht auf jene Voreingenommenheit stoßen, die ihnen sonst wohl die politische Wirksamkeit erschwerten, und so enthält auch diese kaiserliche Maßnahme eine neue Mahnung für die Wähler, durch die Wahl unabhängiger freisinniger Abgeordneten der ungeschminkten Wahrheit den Weg zum Throne bahnen zu helfen.

Siehe auch: Das Wort hat der Abgeordnete Richter: Gegen Mißhandlungen von Lehrern in der Armee

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Etwas verspätet: Happy 4th of July!

Dazu eine interessante Auflistung, wie alt die Gründer”väter” zum Zeitpunkt der Unabhängigkeitserklärung am 4. Juli 1776 waren:

Marquis de Lafayette, 18
James Monroe, 18
Gilbert Stuart, 20
Aaron Burr, 20
Alexander Hamilton, 21
Betsy Ross, 24
James Madison, 25

Und die etwas älteren:

Thomas Jefferson, 33
John Adams, 40
Paul Revere, 41
George Washington, 44
Samuel Adams, 53

Richtig alt war nur Benjamin Franklin mit 70 Jahren.

Quelle: The surprising ages of the Founding Fathers on July 4, 1776 (HT: Tyler Cowen bei Marginal Revolution)

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Nahles besteht auf Mindestlohn auch für die Bundesliga

von Henning Helmhusen

Die Ausnahmeregelung für Fußballspieler scheint endgültig vom Tisch zu sein. Hatte sich Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles noch eine Weile vom Koalitionspartner hinhalten lassen, so kam nun ein Machtwort von ihr:

“In der Bundesliga herrschen menschenunwürdige Arbeitsbedingungen. Teilweise grenzt das schon an Menschenhandel, wenn Spieler mit Ablösesummen an den Höchstbietenden verschachert werden. Diese Leute brauchen unsere Hilfe.”

Daß hier etwas im Argen lag, hatten die Gewerkschaften schon lange angemahnt. Kein Bundesligaverein verfüge etwa über einen Betriebsrat. Und so sei es nicht verwunderlich, daß die Spieler in ihren völlig ungeschützten Arbeitsverhältnissen jeglicher Ausbeutung hilflos ausgeliefert seien. Hungerlöhne seien an der Tagesordnung.

Mit dem flächendeckenden Mindestlohn soll solchen Zuständen deshalb endlich ein Ende bereitet werden, wie Andrea Nahles der versammelten Presse erläuterte:

“Auch die Bundesliga darf kein Tummelplatz für Lohndrücker bleiben!”

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Theaterpläne

von Alexander Moszkowski, 1912

Wir veröffentlichen hier die Liste derjenigen Unternehmungen, die vom 1. September bis Mitte Oktober eröffnet werden sollen.

Das Frührot-Theater in der Friedrichstraße. Eine künstlerische Zuflucht für alle die Tausende, die nach dem anstrengenden Souper mit anschließendem Aufenthalt in einer Bar noch eine gesunde Bühnenkost zu sich nehmen wollen. Beginn der Vorstellung 3 ½ Uhr morgens. Fortfall der Droschken-Nachttaxe bei der Heimkehr. Direktoren: die rühmlichst bekannten Nachtcafé-Pächter Bums und Hahnenkraht.

Das Rotations-Theater am Spittelmarkt. Mit drehbarer Bühne, die sich so schnell dreht, daß die Trikot-Mädchen zum Gaudium der Besucher durch die Zentrifugalkraft ins Parkett fliegen. Repertoir: Drehstücke mit sechsfach verdrehbarem Schluß, unter denen sich der Zuschauer einen aussuchen darf.

Das klangsichere Opernhaus in der Taubenstraße. Ohne Orchester und Gesangspersonal. Mit wirksamen Vorrichtungen gegen jedes Eindringen von Musik und sonstigen kompositorischen Belästigungen.

Das Garantierte Durchfalls-Theater. Unter den Linden. Ein Labsal für alle, die keinen Erfolg mögen und gern zehn Mark bezahlen, um ein Fiasko mit “Trömmelche” zu erleben. Zur Ausführung kommen lediglich solche Werke, die bereits im Ausland einen brillanten Zisch-Erfolg erstritten haben.

Das Naturtheater am Tegeler See. Mit Ausblick auf das Strafgefängnis. Gespielt wird nur in der Zeit der scharfen Übungen auf dem Artillerie-Schießplatz.

Die Verkehrte Oper des Westens. Zur Aufführung gelangen Opern der Neuromantiker mit der Maßgabe, daß die Partituren und Stimmen verkehrt aufs Pult gelegt und verkehrt abgespielt werden. Prognose: ein immenser, seit vielen Jahren nicht mehr erlebter Wohlklang, ein wahres Schwelgen in Harmonie.

Das Armeleutgestank-Theater in der Parochialstraße. Repertoire: Einakter und Keinakter von gesunder volkstümlicher Tendenz, die das Hungersterben sämtlicher Darsteller in sämtlichen Stücken veranschaulicht.

Das Undeutliche Theater an der Weidendammer Brücke, in dem kein Mensch ein Wort verstehen soll. Die Bühne, auf der Mimen mit chronischer Rachenbräune in die Kulissen hinein halblaut deklamieren, ist durch einen schalldämpfenden Schleier gegen das Auditorium geschützt.

Das Dialekt-Theater am Schlesischen Bahnhof. In Vorbereitung: “Tasso”, “Iphigenie” und “Elektra” in schlesischer Mundart. Die Stücke spielen sämtlich am großen Koppenteich.

Das Ehebruchs-Theater für Backfische wird wahrscheinlich mit dem “undeutlichen Theater” verschmolzen werden, damit die Intimitäten des Dialogs den jungen Damen verborgen bleiben.

Das Wertheim-Theater. Parkettpreis 69 Pfennige. Wer gleichzeitig ein Dutzend Klappsitze kauft, erhält einen Souffleurkasten gratis.

Das Dramatische Variété am Dönhoffsplatz. Première: Uriel Acosta am Schwebereck; hierauf Sodoms Ende im Looping the Loop.

Das Gänsehaut-Theater an der Anatomie (Direktion: Frank Wedekind), verbunden mit einem Sanatorium ersten Ranges und einer Station für erste Hilfeleistung bei epileptischen Anfällen.

Das Historische Kostüm-Theater. Fest engagiert: 150 Kostümschneider. Eröffnung: sobald ein Bauterrain an einer noch theaterfreien Straßenecke gefunden ist. Rauchen und Handlung verboten.

Das Darmsaiten-Theater am Gendarmen-Markt. Der Direktor und erste Darsteller, Herr Ferdinand Bronn, ist Virtuose auf der Kniegeige und wird es so einrichten, daß er in jeder Heldenrolle ein Cello zwischen die Beine bekommt.

Die Grusel-Operette am Weinbergsweg. Sie wird den Beweis führen, daß man aus den ernstesten Stoffen die komischsten Wirkungen zu ziehen vermag. Die Proben zum “Bethlehemitischen Kindermord” oder “Was beißt mich da?” haben bereits begonnen. Einfach zum Totlachen.

Siehe auch:

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Eine ergötzliche Wahlgeschichte

Berliner Gerichtszeitung, 15. März 1890

— Eine ergötzliche Wahlgeschichte aus der Zeit der letzten französischen Wahlen wird in einem Pariser Blatte erzählt. In einem kleinen Orte der Provence ist es seit fast zwanzig Jahren der sehnlichste Wunsch der Gemeinde, eine Station der hart an dem Ort vorbeiführenden Eisenbahn zu erhalten. So oft die Wahlen für die Kammer ausgeschrieben waren, wurde hier ein Kandidat nicht danach gefragt, ob er Monarchist oder Republikaner, gemäßigt oder radikal sei, sondern ob er in der Kammer dahin wirken werde, daß der Ort eine Eisenbahnstation erhalte. Der Kandidat, der dies versprach, wurde natürlich gewählt. Sobald der Abgeordnete aber in der Kammer saß, dachte er nicht mehr an die kleine Gemeinde, ihre Eisenbahn und ihre Station, so daß, als das Mandat abgelaufen war, der Schnellzug nach wie vor an seinem Wählern vorbeibrauste. Was war natürlicher, als daß ein Gegen-Kandidat sich den Umstand zu nutze machte und unter entrüsteter Hinweisung auf das gebrochene Wort des Abgeordneten sich aufs angelegenlichste mit dem Versprechen empfahl, er werde ganz bestimmt die Station erwirken. das war eine Verlegenheit für den Abgeordneten, aber nicht lange. Als der Wahltag heranrückte, stellte er sich den Wählern neuerdings vor. Er wisse, sagte er, sein Gegner habe dem Orte eine Station versprochen; aber was wolle das bedeuten? Eine Station hätte er bei seinen Verbindungen mit dem Ministerium längst haben können; aber seine Wünsche gingen höher, seine Fürsorge für die Wähler weiter. Was sei für einen so intelligenten, gewerbsfleißigen, aufblühenden Marktflecken eine Station? Der Ort müsse einen Bahnhof erhalten und die Abzweigung einer längst projektierten Flügelbahn! Er wolle nicht Abgeordneter sein, wenn die Gemeinde nicht einen Bahnhof erhalte. Die guten Provençalen steckten die Köpfe zusammen. “Einen Bahnhof!” riefen die einen. “Und eine Flügelbahn!” sagten die anderen. “Ja, wir müssen einen Bahnhof bekommen!” sagten die anderen. “Ja, wir müssen einen Bahnhof bekommen!” Und mit diesem begeisterten Rufe wurde der Abgeordnete zu zweiten Male gewählt. Aber die Session ging wieder zu Ende, und es war keine Rede vom Bahnhofe, von der Flügelbahn, nicht einmal von der Station, sondern die Lokomotive pfiff noch immer an den betrogenen Provençalen vorbei, als wollte sie sie verhöhnen. Es kam wieder der Wahltag heran, und diesmal war guter Rat noch teurer als sonst. Aber unser Deputierter verlor den Mut nicht. Am Morgen des Wahltages vollzog sich in dem kleinen Orte ein großes Ereignis. Ein Karren, mit Ziegeln beladen, gezogen von einem fremden Pferde und geführt von einem fremden Kutscher, fuhr langsam durch den Ort nach dem Feld hart an der Eisenbahn. Nach einer Weile folgte ein zweiter mit Sand beladener Karren und nach diesem ein dritter, welcher Kalk geladen hatte. “Was wird denn gebaut?” fragten die Leute den fremden Kutscher. Er wisse es nicht, meinte dieser; aber er habe gehört die Ziegel seien für den neuen Bahnhof des Ortes bestimmt. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht, man bringe schon das Material für den Bahnhof des Ortes; die ganze Gemeinde lief auf das Feld, und im Angesicht der Ziegel, des Kalks und des Sandes wurde unter dem begeisterten Zuruf der Provençalen der Abgeordnete zum dritten Male gewählt. Nach den drei Karren ist aber keiner mehr erschienen. Die Ziegel, der Sand und der Kalk liegen heute noch auf dem Felde bei der Eisenbahn; aber der Zug braust noch immer, ohne anzuhalten, an dem Orte vorbei. Das wird aber nicht hindern, meint das Blatt, welches die Geschichte erzählte, daß der Herr Abgeordnete zum vierten Male gewählt werden wird.

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Petition für Frauenstudium in Baden

Neue Freie Presse, Wien, 15. März 1890

[Frauenstudium.] Man schreibt uns aus dem Großherzogthum Baden, 13. März: Unserer zweite Kammer verhandelte gestern über die Petition des Allgemeinen deutschen Frauenvereins in Leipzig, “den Frauen den Zutritt zum ärztlichen und dem wissenschaftlichen Lehrberuf durch Freigebung und Förderung des dahin gehenden Studiums zu ermöglichen.” Der Berichterstatter der Commission stellte namens derselben den Antrag auf Uebergang zur Tagesordnung, indem er ausführte, die Commission betrachte die Angelegenheit nicht als Rechtsfrage, sondern vom Standpunkt der Zweckmäßigkeit aus. Es seien für Frauen bereits genügende Erwerbszweige vorhanden; dieselben eigneten sich im Allgemeinen nicht für den höheren Lehrberuf; jedenfalls müßten für sie die gleichen Vorbildungsstufen verlangt werden, wie von den Männern, das heißt es wären Frauen-Gymnasien zu gründen, und das gehe nicht an. Auch sei der Zudrang zum akademischen Studium ohnehin schon so stark, daß es bedenklich sei, denselben noch zu steigern. Auch ästhetische Gründe sprächen gegen das Verlangen der Bittsteller, und überdies sollte das kleine Baden in dieser Frage nicht selbstständig vorgehen, sondern dem Reiche die Initiative überlassen. Der national-liberale Kammerführer Kiefer trat sehr warm für das Gesuch ein. Das darin Verlangte werde noch kommen, ob man jetzt dafür stimme oder nicht. Außer Ungarn, der Türkei und Deutschland gebe es keinen Staat in Europa, der in dieser Frage eine solch ablehnende Stellung bekunde, wie Deutschland. Wären die Frauen schon längst zum höheren Studium zugelassen worden, so hätte man auf wissenschaftlichem Gebiete viel größere Erfolge erzielt. Weder physische noch intellectuelle Unzulänglichkeit der Frauen könne geltend gemacht werden: der Redner führte dafür Beweise an. Die Scandale, von denen man über Studentinnen in der Schweiz erzähle, gehörten in das Gebiet der Fabel oder seien übertrieben; früher mögen ausnahmsweise Ungehörigkeiten vorgefallen sein, jetzt gehe Alles seinen geordneten Gang. Er, der Redner, beantrage empfehlende Ueberweisung an die Regierung. Der Vertreter der letzteren betonte, daß sie die Berechtigung des Gesuches anerkenne, daß jedoch die badische Regierung keine Veranlassung habe, in dieser Frage einseitig vorzugehen, sondern glaube, die Initiative des Reiches abwarten zu sollen, welch letzteres sicher bald an diese Frage herantreten werde. In ärztlicher Hinsicht könne sich die Regierung im Allgemeinen mit dem Gesuch einverstanden erklären, philologischer Beziehung habe sie schwere Bedenken, doch werde sie die Frage unausgesetzt im Auge behalten. Der Commissions-Antrag, d. h. die Ablehnung der Petition, gelangte schließlich zur Annahme, doch nur in dem Sinne, daß Baden nicht einseitig vorgehen wollte. — Durch die Reden der Gegner zog wie ein rother Faden die Besorgniß, die Männer könnten auf wissenschaftlichem Gebiete, besonders in der ärztlichen Praxis, zurückgedrängt werden, was sich etwas sonderbar ausnimmt gegenüber der andererseits behaupteten physischen und intellectuellen Unzulänglichkeit der Frauen. — Der Regierungsrath in Basel hat dieser Tage die Frage erledigt, indem er die Zulassung des Frauenstudiums an der dortigen Hochschule (zunächst für solche, welche sich an den Schulen in Basel dafür vorbereiteten) genehmigte.

Anmerkungen

Ab 1900 durften Frauen dann auch in Baden als erstem deutschen Staat studieren, ab 1904 in Württemberg und erst ab 1908 in Preußen. Mit Sondergenehmigungen hatten Frauen allerdings schon vorher bisweilen sogar promovieren dürfen, die erste 1754.

Die Schweiz war hier schon lange weiter. Seit 1863 konnten sich Frauen einschreiben. 1867 promovierte Nadeschda Prokofjewna Suslowa an der Universität Zürich in Medizin und die erste Schweizerin dann 1874. Auch in anderen Ländern waren Universitäten seit langem für Frauen offen. So war die University of Iowa bereits 1855 koedukativ. Der Zugang war für Frauen frei seit 1871 in Neuseeland, 1873 in Schweden, 1875 in Dänemark, 1876 in Großbritannien, den Niederlanden und Italien, 1877 in Chile, 1879 in Brasilien, 1880 in Australien, Frankreich und Kanada, 1883 in Rumänien, 1884 in Norwegen, 1887 in Mexiko, 1888 in Serbien und 1890 in Griechenland. Deutschland stellte hier die letzte Nachhut. Immerhin durften Frauen ab 1891 mit Genehmigung Vorlesungen hören.

Siehe auch:

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Prozeß um ein Komma und Amor auf dem Lande

Berliner Gerichtszeitung, 15. März 1890

— Prozeß um ein Komma. Ein Kaufmann hatte, wie aus München berichtet wird, einem Kunden 200 Mk. Entschädigung zugesichert für den Fall, daß dieser auf den bestellten, bereits zur Abfahrt am Bahnhof bereiten Waggon Zwetschen verzichten würde. Als Antwort erhielt er darauf von dem Kunden das kommalose Telegramm: Acceptiere nicht ablassen.” Der Kaufmann, welcher die Zwetschen anderweitig besser verwerten konnte, ersah in dem Telegramm die Annahme der 200 Mk. und die Ordre zum Nichtablassen des Waggons. Anders jedoch will es der Absender gemeint haben, und nun ist zwischen beiden an einer fränkischen Handelskammer ein Prozeß ob des Kommas anhängig.

— Amor auf dem Lande. Ein Besitzer bietet seine Tochter Anna-Marie, die bereits das ehrwürdige Alter von 45 Jahren erreicht hat, einem andern, der bedeutend jünger ist, an, findet bei diesem doch kein williges Ohr, obwohl er ihm 1000 Thaler Mitgift verspricht. Der Besitzer läßt sich jedoch dadurch nicht beirren und spricht: “Wi hewe e Schwin schlacht; ick göw Di noch dat half Schwin!” Aber “Ne, ick dhot ne,” war die hartnäckige Antwort. Schließlich bietet der Besitzer noch “e Pott Schmolt von det Schwin.” Das wirkte, und “No, her mit dem Pott, Vodder, ick schlo in!” war die Antwort, und der Handel war gemacht!

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Interessante Artikel

In unregelmäßigen Abständen werden wir immer wieder einmal Links zu interessanten Artikeln posten und je nachdem kommentieren. Dies ist Teil der “Links der Woche”, die über die Zeit etwas unhandlich viele geworden sind:

  • Alex Tabarrok bei Marginal Revolution beschäftigt sich in seinem Post “Rating the FDA by Division: Comparison with EMA” mit der Frage, ob die amerikanische Gesundheitsbehörde FDA schneller neue Medikamente freigeben könnte. Gerade bei schweren Krankheiten kann das für viele Menschen einen großen Unterschied machen. Daß es hier Potential für Beschleunigung gibt, zeigt sich daran, daß die einzelnen Einheiten der FDA unterschiedlich schnell sind. Ein Grund dafür könnte die größere Komplexität in einigen Bereichen sein. Das wird aber von einem Vergleich mit der europäischen Schwesteragentur EMA widerlegt, die zwar nicht in allen Fällen schneller, aber wesentlich gleichmäßiger arbeitet.
  • Bei Quartz geht Gideon Lichfield der Frage nach, welche Abkürzung für die im Irak und Syrien operierende Terrorgruppe eigentlich richtig ist: ISIL or ISIS? Why the world can’t decide. Ist aber auch wirklich schwierig. Am besten ist wohl die Abkürzung im Arabischen “Da’ish”, über die sich die so Bezeichneten aus irgendwelchen Gründen besonders ärgern.
  • Und noch einmal Alex Tabarrok bei Marginal Revolution mit “Chimps Rock at Game Theory”. In Experimenten mit Schimpansen stellt sich heraus, daß diese viel besser als Menschen optimale Strategien in Spielen lernen können. Schaut man sich das eingebettete Video an, dann kann man verstehen, daß Schimpansen in manchen Bereichen uns Menschen etwas voraushaben.
  • Einen interessanten Vorschlag hat Vishal Manu, der den “Young Writer on Liberty”-Wettbewerb des britischen Adam-Smith-Instituts gewonnen hat: Politicians Without Borders: A proposal to abolish the nationality requirement to run for election. Auch die beiden anderen Vorschläge sind überzeugend: Economic Counter-Terrorism: Legalising the export of pharmaceutical-grade opium from Afghanistan und Allow student loans to be spent abroad!
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Die Sozialdemokraten und die Monarchie

Neue Freie Presse, Wien, 14. März 1890

Wir haben gestern den von der Kreuzzeitung mitgetheilten Inhalt einer angeblichen Unterredung mit einem sociabdemokratischen Reichstags-Abgeordneten über die social-politischen Erlässe des Kaisers reproducirt Das social-demokratische “Berliner Volksblatt” bestreitet auf das bestimmteste, daß das von der Kreuzzeitung mitgetheilte Interview überhaupt stattgefunden habe. Zwischen den social-demokratischen Abgeordneten und den Vertrauensmännern der Kreuzzeitung bestehe keine Verbindung. Unter allen Umständen sei die hauptsächlichste Mittheilung, es hätte über die Frage, ob die Social-Demokraten auch von ihrer anti-monarchischen Agitation ablassen würden, während der letzten Wochen innerhalb der social-demokratischen Partei ein lebhafter, sowol mündlicher als schriftlicher Meinungsaustausch stattgefunden, von Anfang bis zum Ende erfunden.

Siehe auch:

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