Aus dem Töfftöff

Julius Stettenheim, 1904

Die Pferde werden, wie mancher denkt,
Allmählich vom Automobil verdrängt,
Indes das Automobil uns lehrt,
Verdrängen wird nichts das Steckenpferd.

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Zwei neue Stücke von den “Kapitalistenschweinen”

“Attack of the Squares:”

Und “Attack of the Squares (Slight Return)”:

Siehe auch:

 

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Eugen Richter zu Ein- und Auswanderung 1881

Deutscher Reichstag, 13. Juni 1881

Präsident: Das Wort hat der Herr Abgeordnete Richter (Hagen).

Abgeordneter Richter (Hagen): Dann hätte der geehrte Herr [Freiherr von Minnigerode] auch besser gethan, überhaupt nicht meinen Namen zu nennen, denn er wird wissen, daß ich es verstehe, wenn er eine mich betreffende Bemerkung macht, ihm eine anderthalbfache darauf zu setzen. Meine Herren, es ist in der That für uns Deutsche ein nichts weniger als erhebendes Gefühl, wenn man sich auf der einen Seite an jene Zeit erinnert vor zehn Jahren, wo alle Deutschen ohne Unterschied der Religion zusammen standen in der Abwehr des äußeren Feindes und alles übereinstimmte im Preise und Lobe der deutschen Nation und ihrer Tugenden, und wenn jetzt auf der anderen Seite es so dargestellt wird, als ob die ganze deutsche Nation in Gefahr käme, wenn hinten herum in Rumänien ein paar Juden mehr einwandern. Das ist doch der Kernpunkt der Rede des Herrn Abgeordneten von Minnigerode, wenn er ihn auch hier, wie er sagt, nur delikat andeutet; draußen versteht er die Farben desto deutlicher zu malen und dort wird das ergänzt, was er hier aus gutem Grunde beizufügen unterläßt.

Der Herr Abgeordnete Dr. Lingens hat umgekehrt hervorgehoben, wie gut es wäre, wenn der Strom der deutschen Auswanderung abgelenkt würde von Amerika nach Rumänien — wenn ich ihn recht verstanden habe. Er scheint alfo seinerseits doch den Zustand, daß in Rumänien 13 Prozent Juden sind, für nichts weniger als abschreckend zu erachten für die deutsche Einwanderung dorthin. Meine Herren, es ist in der That die beste Politik des preußischen Staates gewesen und eine ruhmreiche Politik gerade der Hohenzollern, allen einwandernden Fremden ohne Unterschied und zumal denen, die ihres Glaubens wegen bedrückt wurden, hier in Preußen eine Freistätte zu eröffnen. Es sind wahrlich nicht die schlechtesten Bürger in Preußen und hier in Berlin gerade, die damals eine Zuflucht gefunden haben grade durch diese Hohenzollernpolitik. Wie klein erscheinen wir dagegen, wenn wir uns hier dagegen verwahren und Furcht zeigen, es könnten aus Rumänien künftig ein paar Juden in Deutschland einwandern, die diesem oder jenem weniger gefallen. Meine Herren, ehe man daran denkt, künstliche Mittel gegen die Einwanderung zu machen, sollten Sie lieber daran denken, wie Sie die Deutschen im Lande behalten und namentlich Sie in Westpreußen. Wo wandern denn jetzt die meisten aus? Wo die Herren von drüben (rechts) zu Hause sind, aus der Provinz des Herrn von Minnigerode, wo Sie alle die Beglückungen, die Sie jetzt den städtischen Arbeitern zu Theil werden lassen wollen, zunächst einmal an Ihren eigenen Arbeitern erproben könnten. Die laufen Ihnen fort, weil sie es zu schlecht haben auf Ihren großen Gütern, —

(Widerspruch rechts)

jawohl, weil die Wohnungen zu wenig einem menschenwürdigen Dasein entsprechen, weil die Kost nicht genügend, der Lohn zu niedrig ist, so daß die Leute nicht bloß in die Städte, sondern, wenn sie die Mittel haben, gleich nach Amerika schaarenweise wandern; und in diesem Monat Mai, im zweiten Jahre dieser gepriesenen neuen Wirthschaftspolitik, ist die Auswanderung über Hamburg stärker gewesen, wie seit 10 Jahren. Darüber denken Sie nach, wie Sie diese eingebornen echten Deutschen, die Vollgermanen in Ihrem Sinne, und es sind wahrlich nicht die schlechtesten, welche auswandern, im Lande behalten, daß Sie auch eine bessere Politik machen und vor allem Eintracht und Friede halten und sich energisch gegen solche Bestrebungen wenden, welche bloß die Religionsgesellschaften in Deutschland gegen einander aufstacheln.  

(Bravo! links.)

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Steinmeier schließt Lieferung von Wattebäuschen an Kurden nicht mehr ganz aus

von Henning Helmhusen

Außenminister Frank-Walter Steinmeier hat jetzt die Faxen dicke. Wie ihm bei seinem Besuch im Irak auffiel, scheint hier nämlich einiges schiefzulaufen. Am Samstag enthüllte er dann, was bisher keiner geahnt hatte: „Eine terroristische Mörderbande versucht sich das Land untertan zu machen.“

Doch nun soll gehandelt werden. Woran es den Kurden bei der Abwehr des “Islamischen Staates” mangelt, hatte Ursula von der Leyen dabei schon vor Tagen herausgefunden. Sie legte selbst Hand an, als eine erste Lieferung unter andem mit Decken gen Irak geschickt wurde. Die Decken sollen dabei von den kurdischen Kämpfern über die Köpfe der Gegner geworfen werden, um deren Orientierung bei Massakern zu erschweren.

Außenminister Steinmeier will jetzt aber noch einmal nachlegen. Zum einen soll heiße Luft in biologisch abbaubare Plastikbeutel gefüllt und über dem Kampfgebiet abgeworfen werden. Und dann sind bereits mehrere Tonnen Wattebäusche geordert, mit denen sich die Kurden selbst gegen den “Islamischen Staat” wehren können.

Ursula von der Leyen wies allerdings darauf hin, daß die kurdischen Kämpfer bislang nur Wattebäusche aus vormals sowjetischer Produktion kennen und von daher eventuell mit deutschen Wattebäuschen überfordert sein könnten. Frank-Walter Steinmeier will aber hart bleiben. Schließlich gebe es “keine risikofreien Entscheidungen”.

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Eugen Richter zum Abgang von Bismarck

Freisinnige Zeitung, 21. März 1890

Die Entlassung des Reichskanzlers Fürsten Bismarck ist vollendete Tatsache. Gott sei Dank, daß er fort ist! so sagen wir heute ebenso aufrichtig, wie wir ihm gegenüber stets gewesen sind. Es wäre ein Segen für das Reich gewesen, wenn er schon viel früher beseitigt worden wäre. Nicht um der Person willen sagen wir dies, sondern wegen des Regierungssystems, welches Fürst Bismarck befolgte.

Unser Kampf gegen den Fürsten Bismarck ist niemals ein persönlicher gewesen. Im Gegenteil, die Persönlichkeit als solche hat uns mehr imponiert, als ein halbes Schock der unter seinem Präsidium verbrauchten Minister zusammen genommen. Unser Kampf gegen den Fürsten Bismarck war ein durchaus sachlicher, weil wir das System seiner inneren Politik als ein für das Land überaus verderbliches ansahen. So wenig unsere Gegnerschaft während seiner Amtsdauer durch Haß oder Feindschaft gegen die Person bedingt war, so wenig kann der Rücktritt seiner Person die Gegnerschaft gegen eine falsche Regierungspolitik aufheben oder auch nur mildern.

Es ist unsere innerste Überzeugung, daß eine Fortsetzung der bisherigen inneren Politik, wie sie namentlich seit 1877 begonnen, nach einem ebensolchen Zeitraum tatsächlich Deutschland in den Abgrund geführt haben würde. Daß bei den letzten Wahlen die deutsche Bevölkerung sich zu einem Fünftel zu einer republikanischen Partei bekannt hat, ist in der Hauptsache die Frucht des Bismarckschen Regierungssystems, welches nur zu sehr geeignet war, die Sozialdemokratie bald mittels dargereichten Zuckerbrotes, bald mittels der angewandten Peitsche künstlich großzuziehen. Dazu sind die konfessionellen Gegensätze verschärft worden, nach der einen Seite durch den mittels Polizei und Strafbestimmungen geführten kirchenpolitischen Kampf, nach der anderen Seite durch das Verhalten des Kanzlers zu der Entstehung der antisemitischen Bewegung. Das gewaltige Emporwuchern der Interessenparteien, welche rücksichtslos die Ausbeutung der Staatsgewalt auf Kosten des allgemeinen Wohles erstreben, ist zurückzuführen auf die Schutzzollpolitik und jene Schutzzollagitationen, zu welchen der Kanzler persönlich in jeder Weise aufgefordert und angereizt hat. Die Verhetzung der politischen Parteien untereinander, die Verdächtigung der Vaterlandsliebe, das Absprechen des Patriotismus für jeden politisch Andersdenkenden ist die Folge einer durch den Welfenfonds korrumpierten Presse und des Tones, welchen die Kanzlerpresse stets angeschlagen hat gegen alle, welche einmal andere Ansichten bekundeten als der Kanzler.

Nur die falsche Politik des Kanzlers hat das Anschwellen der Steuerlasten des Reiches in den letzten zehn Jahren um nahezu 400 Millionen, und zwar vorwiegend zuungunsten der minderwohlhabenden Klassen verschuldet. Dabei wurden maßlose Versprechungen nach allen Seiten zur Aufrechterhaltung des Regierungseinflusses gegeben, welche auch eine weitere angemessene Erhöhung der Steuerlasten zu erfüllen gänzlich außerstande ist. Niemals hat man dagegen gehört, daß der Kanzler die sich steigernden Anforderungen der Militärverwaltung durch Ausgleiche im Heeresbudget auch nur erträglicher zu machen bemüht war.

Die Volksvertretung wurde stets in der rücksichtslosesten Weise behandelt und in ihrem Ansehen herabgewürdigt, so oft sie dem Kanzler nicht zu Gefallen stimmte. Rücksichtslos folgte der Kanzler seinen Leidenschaften bei der Veröffentlichung des Tagebuchs Kaiser Friedrichs, im Geffcken-Prozeß, in Sachen Morier, in dem aufgebauschten Streit mit der Schweiz, aus Anlaß des Falles Wohlgemuth, in Angriffen der offiziösen Presse auf alle Personen, welche als Nachfolger des Kanzlers hätten in Frage kommen können. Dabei trat eine nahezu vollständige Versumpfung der preußischen Gesetzgebung ein, weil der alte Kanzler neuen Fragen der Gesetzgebung nicht mehr zu folgen vermochte.

Wahrlich, es war hohe Zeit, daß diesem Zustande ein Ende gemacht wurde. Darum keine Höflichkeitsphrasen und falschen Sentimentalitäten! Es könnten daraus falsche Schlußfolgerungen gezogen werden zugunsten des Regierungssystems, welches sich im Fürsten Bisrnarck verkörperte, eines Regierungssystems, welches durch seinen Rücktritt zwar erschüttert, aber durchaus nicht beseitigt ist.

Erst eine spätere Generation wird ein vollkommen gerechtes Urteil über den Fürsten Bismarck fällen. Wir sind der Meinung, die Nachwelt wird seine 28 jährige Wirksamkeit in ihrer Gesamtheit weniger in den Himmel heben, als es die Mitwelt vielfach getan hat. Vor den Augen der letzteren kam voll und ganz zur Geltung, was er für die Einheit des Vaterlandes getan; aber wie seine falsche innere Politik an an dem Volksleben gesündigt, das wird in seinem ganzen Umfang erst späteren Generationen zum vollen Bewußtsein gelangen, die noch unter den Nachwirkungen dieser Politik zu leiden haben werden.

Diejenigen Staatsmänner, welche die Erbschaft anzutreten haben, sind wahrlich nicht zu beneiden. Es wird noch gar vieles anders werden müssen im deutschen Reich, wenn es gelingen soll, die bösen Folgen einer langjährigen Mißregierung zu überwinden. Aber nachdem der blinde Autoritätskultus, den man mit der Person des Fürsten Bismarck getrieben, gegenstandslos geworden, wird man hoffentlich in allen Kreisen des Volkes die Schäden jener Politik schärfer als bisher erkennen. Vor allem hoffen wir, daß nunmehr in Deutschland überall wieder ein kräftiges, selbstbewußtes, politisches Leben erwacht. Statt in stumpfer Passivität hinzuhorchen, was von oben kommen wird, muß man sich wieder überall mit dem Gedanken durchdringen, daß das Volk selbst berufen ist, an seinem Geschicke mitzuarbeiten. Auf die Dauer wird kein Volk anders regiert, wie es regiert zu werden verdient.

Anmerkung

Die Artikel der “Freisinnigen Zeitung” sind nicht gezeichnet. Es ist aber bekannt, daß Eugen Richter die meisten Leitartikel geschrieben hat. Dieser Leitartikel der “Freisinnigen Zeitung”, so darf man mit hoher Wahrscheinlichkeit vermuten, stammt von ihm und wird ihm auch in der Literatur zugeschrieben.

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Die Entlassung des Fürsten Bismarck

Neue Freie Presse, Wien, 20. März 1890

Berlin, 19. März. Auch heute bringt der “Reichsanzeiger” nichts über die Entlassung des Fürsten Bismarck und berichtet nur, daß der Kaiser heute Vormittags eine Unterredung mit Bötticher hatte und mit Caprivi conferirte. Trotzdem finden die noch heute Vormittags verbreiteten Gerüchte, daß neue Vermittlungsversuche stattfinden und die Entscheidung vertagt werden solle, bisher keine Bestätigung. Abgesehen vom Amtsblatte, behandeln alle Blätter den Rücktritt des Kanzlers als Thatsache. Auch die Norddeutsches Allgemeine Zeitung, welche Journalstimmen, darunter an erster Stelle den gestrigen ArJ tikel der “Neuen Freien Presse” wiedergibt, thut dies mit dem Bemerken, daß sich alle Blätter mit dem Ereigniß beschäftigen. Die Mannigfaltigkeit der Nachrichten und Gerüchte läßt vermuthen, daß die Wahl des Nachfolger’s des Fürsten Bismarck doch größere Schwierigkeiten mache, als anfänglich angenommen worden zu sein scheint. Die National-Zeitung meldet zwar positiv, Caprivi sei zum Reichskanzler bestimmt und anscheinend auch zum preußischen Minister-Präsidenten, da ein Reichskanzler ohne Einfluß auf die preußischen Stimmen im Bundesrathe eine unhaltbare Stellung hätte. Allein die “Hamburger Nachrichten” berichten neuerdings aus Berlin, der Kaiser theile die Ansicht Friedrich’s des Großen, daß ein General der beste Leiter der auswärtigen Politik sei, weil dieser mit Rücksicht auf die hinter ihm stehende Armee am besten wisse, wie weit er gehen könne. Der Kaiser wünsche Caprivi sehr; dieser aber wolle eher gehen, als die Erbschaft Bismarck’s antreten. Die “Allgemeine Reichs-Correspondenz” meldet, der Kaiser habe die Entlassung des Grafen Bismarck schon gestern genehmigt, was aber der Bestätigung bedarf. Als Nachfolger des Grafen Bisinarck im Staatssecretariat des Auswärtigen Amtes nennt man außer den Grafen Münster und Hatzfeldt auch Radowitz, ferner den derzeitigen Unter-Staatssecretär Grafen Berchem, der vielleicht das Amt bis zur endgiltigen Besetzung provisorisch leiten wird. Nach einer anderweitig nicht bestätigten Angabe des “Börsen-Courier” hatte der Kaiser heute auch eine Unterredung mit dem Grafen Waldersee. Der Name des Letzteren tauchte indeß bisher nicht in den politischen Combinationen auf.

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Gefaßter Automaten-Marder

Berliner Tageblatt und Handels-Zeitung, 20. März 1890

Gefaßter Automaten-Marder. Seit einiger Zeit hatte der Chokoladen-Fabrikant Herr Sch. in der Schönhauserstraße die unangenehme Entdeckung gemacht, daß der vor seinem Laden angebrachte Automat in der frechsten Weise geplündert werde. An Stelle der Nickel fand Herr Sch. nur Blechstücke vor und zwar an einem Tage allein 20 Stück, so daß der Schaden ein ziemlich beträchtlicher war. Trotz eifrigsten Aufpassens wollte es aber nicht gelingen, des Thäters habhaft zu werden. Im Gegentheil zeigte der Apparat eines Tages deutliche Spuren, daß der Apparat eines Tages deutliche Spuren, daß die Einwurfsstelle etwas ausgefeilt war,damit die Blechstücke besser hineingingen. Unter diesen Umständen stellte Herr Sch. zuletzt den Automat nur noch als eine Diebesfalle auf, um den Dieb zu ermitteln und wirklich gelang es am Montag, den Patr festzunehmen. Am selben Mittag war es, als ein etwa zwölfjähriger Schulknabe an den Apparat trat und etwas hineingleiten ließ. In dem Augenblick, als er die Süßigkeit spendende Klappe ziehen wolte, hatte ihn aber auch schon die Hand des Herrn Sch. gepackt. Ein Schutzmann wurde gerufen, und nachdem die Oeffnung des Automaten egeben, daß der Bursche ein Blechstück hineingeworfen, ward er von dem Beamten zur Wache sistirt. Auf dem Wege dorthin machte er noch einen Fluchtversuch, wurde aber bald eingeholt und auf das Revier gebracht, woselbst ihm bei der Visitation noch etwa ein Dutzend falscher Nickel abgenommen wurden. Der hoffnungsvolle Knabe ist der Sohn wohlhabender Eltern und besucht eine höhere Lehranstalt. Den Raub will er stets mit Kameraden getheilt haben.

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Der Kaiser wird mit den Sozialdemokraten fertig oder zerschmettert sie

Neue Freie Presse, Wien, 20. März 1890

Vor einiger Zeit wurde eine Aeußerung des Kaisers Wilhelm verbreitet, derzufolge derselbe gesagt hätte, was die Social-Demokraten angehe, so werde er mit diesen schon selbst fertig werden. Die Aeußerung lautete nach einer Berliner Mittheilung anders, und zwar soll Kaiser Wilhelm erklärt haben: Wenn die Social-Demokraten nicht schlimmer sind, wie der ist (Buchholtz), dann hoffe ich, mit ihnen schon fertig zu werden. Sieher sei, daß der Kaiser kein gütliches Mittel unbenützt lassen wird, um die socialistische Gefahr zu beschwören; ebenso gewiß, daß er, falls dies mißlingt, entschlossen sei, wahr zu machen, was er neulich mit dein Ausdrucke “zerschmettern” andeutete. Auch diese Eventualität soll faktisch bereits vorgesehen sein. Ursprünglich wäre der Kaiser für ein Socialisten-Gesetz gewesen, seit der Zusammenkunft wegen der Stadtmission im November 1887 trat aber allmälig eine Aenderung ein. In der Umgebung des Monarchen ist stark die Auffassung vertreten, daß das Socialisten-Gesetz ein Fehler war. Inwieweit Ueberzeugung oder Taktik hiebei das Wort geführt haben, steht dahin. Charakteristisch ist, daß als Hauptargument gegen das Gesetz angeführt wird, daß Preußen desselben nicht bedürfe, sondern nur das nichtpreußisehe Deutschland. Preußen handle unklug, sich als Vorspann benutzen zu lassen und das Odium auf sich zu nehmen. Aus dieser particularistischen Auffassung in hohen Kreisen erkläre sich mancher Artikel der Kreuzzeitung gegen das Socialisten-Gesetz. — Die Schwenkung in der Haltung der Kreuzzeitung gegenüber dem Socialisten-Gesetze ist übrigens erst vor einer Woche eingetreten.

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Die Dramaturgen bei der Arbeit

von Alexander Moszkowski, 1912

Erster: Also?

Zweiter: Keine Fragen, sondern Antworten. Das größte Bühnenproblem aller Zeiten harrt der Entscheidung. Das deutsche Volk blickt auf uns. Wir werden den Faust aufführen.

Dritter: Endlich! Zeit war’s, den Goethe zu retten. Faust ist bekanntlich noch nie aufgeführt worden. Die paar lahmen Versuche in Wien, Berlin und Weimar zählen nicht. Wir werden dem Faust die Bühne erobern.

Vierter: Regie ist alles. Zeigen wir, was wir können. Hauptsache ist: originell!

Fünfter: Hauptsache ist: modern!

Sechster: Hauptsache ist: anders!

Erster: Um das Verständnis zu erhöhen . . .

Dritter: Wollen wir ja gar nicht. Um das Staunen zu erhöhen, — darauf allein kommt es an — empfiehlt es sich, den zweiten Teil vor dem ersten auszuführen.

Erster: Oder abwechselnd Szenen aus beiden Teilen.

Siebenter: Vor allem muß der Mephisto raus aus dem Stück. Der Kerl wirkt störend. Ist außerdem sehr schwer zu besetzen.

Achter: Drin bleiben kann er schon, aber umgearbeitet muß er werden. Radikal umgearbeitet. Überlassen Sie das nur mir. Ich habe da Witze — Mephisto-Witze, sage ich Ihnen!

Vierter: Aber wir reden doch vom Faust, also bleiben wir beim Pudel. Da lag bisher der wunde Punkt aller früheren Mise en scène. Hier müssen wir originell sein: der Pudel soll von einer jungen Dame dargestellt werden.

Zweiter: Sie unterschätzen die Schwierigkeit. Wir haben eine Meerkatze für die Hexenküche. Diese Meerkatze kann auch den Pudel übernehmen.

Sechster: Beginnen wir doch mit dem Anfang: Faust im drehbaren gotischen Zimmer.

Siebenter: Im Drehsessel. Es muß angeordnet werden, daß Faust während seines Monologes hundertmal rotiert.

Fünfter: Und dann erscheint Famulus Wagner in der Maske Siegfried Wagners. Modern! Diesem Siegfried übertragen wir auch die gesamte Komposition des Werkes.

Zweiter: Wird nicht gehen. Zu der Traumvision müssen wir unbedingt ein Potpourri aus dem Walzertraum spielen lassen.

Erster: Große Sorge macht mir, offen gestanden, Auerbachs Keller.

Vierter: Ganz einfach: wird Hofbräu, München.

Fünfter: Gar nichts dagegen einzuwenden. Aber nun ein besonderer Bluff!

Sechster: Nichts leichter als dieses. Neben dem Lokal ist eine Hochbahn gedacht. Da stürzen Faust und Mephisto mit dem ganzen Wagen von oben ins Etablissement.

Fünfter: Und am Schluß fliegen sie in einem Äroplan hinaus.

Siebenter: Wenn das Goethe erlebt hätte!

Dritter: Er hat’s eben so gut gemacht, als er’s verstand. Daher rührt auch die gänzlich unwirksame Walpurgisszene. Wem imponiert heute der Brocken?

Siebenter: Der Brocken muß raus! Da müssen die Dolomiten hinein. Drehbare Dolomiten!

Dritter: Und was geschieht mit Gretchen?

Achter: Umdichten! Erste Begegnung in einem Nacht-Café. Die ganze Bühne in bengalisch beleuchtetem Zigarettenqualm. Und nachher in der Kerkerszene kann Gretchen gegen Kaution aus der Haft entlassen werden. Hinterprospekt auf! Man sieht Gretchens Garten, wie er der Bebauung erschlossen wird. Apotheose, Schluß!

Erster: Genug für heute. An dem Gelingen ist nun nicht mehr zu zweifeln. Wir werden das Ding schon drehen!

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Kapitalistenschweine mit neuem Werk

Unsere Hausband — die “Kapitalistenschweine” — hat die Musik für einen Trailer zu dem Buch “Rosemarie Nitribitt – Recherchen und Theorien” von Guido Golla abgeliefert, das wir auch schon mal hier rezensiert haben (und an dessen Entstehung, aber nicht dessen Erfolg wir zu einem kleinen Teil beteiligt sind). Dem Thema entsprechend ist auch die Musik eher düster. Für Zartbeseitete empfiehlt es sich, die Tatortfotos ab etwas vor 1:50 bis etwas nach 2:10 zu überspringen:

Siehe auch:

 

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Wie stellen sich die Sozialdemokraten zur Monarchie?

Berliner Tageblatt, 20. März 1890

Der “neugewählte sozialdemokratische Abgeordnete einer mitteldeutschen Stadt”, den die “Krzztg.” über die Stellung der Sozialdemokratie zu den kaiserlichen Erlassen hatte interviewen lassen, war der neue Abgeordnete für Frankfurt, Herr Lithograph Schmidt, der in der “Frankf. Ztg.” erklärt, der Artikel der “Kreuzztg.” beruhe auf Wahrheit — und Dichtung. Der Hergang sei folgender gewesen: Am Montag, den 10. März, etwa zwischen 3 und 4 Uhr Nachmittags, erschien an meiner Arbeitsstelle ein Herr, stellte sich mir unter dem Namen “Grohmann” (wie ich verstand) vor und fragte, ob ich bereit sei, Auskunft zu geben über die Stellung unserer Fraktion gegenüber den kaiserlichen Reformplänen; er sei Mitarbeiter der “Kreuzzeitung”. Da mir dieses offene Eingeständniß entschieden gefiel, der Mann auch sonst keinen ungünstigen Eindruck auf mich machte, so erklärte ich ihm, daß ich meine persönlichen Anschauungen über diese Frage gegen Niemand zurückhalte, daß ich jedoch über die Stellung unserer Fraktion schon deshalb keine Mittheilung machen könne, weil ich bis jetzt keine Gelegenheit gehabt, mit irgend einem Mitglied unserer Fraktion, weder mündlich noch schriftlich, diese Frage zu erörtern. Hierauf fragte er, ob wir trotz dieser kaiserlichen Fürsorge für die Arbeiter auf unserer “antimonarchischen Agitation” beharren würden. Dem gegenüber erklärte ich, daß mir diese Frage eigentlich nicht recht verständlich sei. Meines Wissens sei bisher niemal von unserer Seite die Monarchie zum Gegenstande einer direkten Agitation gemacht worden. Persönlich sei ich allerdings Anhänger der Republik; auch bestehe für mich kein Zweifel, daß der Gesellschaftszustand, den wir vorläufig als höchstes Ziel betrachteten, unter keinen Umständen mit der monarchischen Staatsform verträglich sei, ebensowenig, wie mit irgend einer anderen gegenwärtig bestehenden Klassenherrschaft. Dies sei meine persönliche Meinung und, wie ich annehme, auch die der Mehrzahl meiner Parteigenossen; Erörterungen hierüber hätten jedoch meines Wissens in neuerer Zeit keine stattgefunden. Vor mehr als zwölf Jahren dagegen sei in einem Parteiorgan (ich glaube die Berliner “Freie Presse”) die Ansicht vertreten worden, daß die Verwirklichung durchgreifender sozialer Reformen unter der Monarchie mehr Aussicht habe, als unter der bürgerlichen Republik. Dieser Ansicht sei das Centralorgan (“Vorwärts”) entschieden entgegengetreten. Herr “Grohmann” meinte sodann, er werde also berichten, daß ein Theil unserer Parteigenossen auf der Ansicht beharre, daß die Monarchie mit der Durchführung unserer Forderungen unverträglich sei, während ein anderer Theil die Durchführung weitgehender Reformen unter denselben für möglich halte. Darauf entgegnete ich ihm, er habe mich offenbar mißverstanden. Die betreffende Erörterung habe vor mehr als 12 Jahren in der Form einer Zeitungspolemik stattgefunden; es sei indeß allerdings die Möglichkeit vorhanden, daß auch heute noch die letztgenannte Ansicht Vertreter habe. Herr “Grohmann” fragte darauf, welche Anschauung damals den “Sieg” davongetragen habe. Worauf ich erklärte: Selbstverständlich keine! Derartige theoretische Fragen ließen sich überhaupt nicht durch Beschlüsse entscheiden. Die Polemik sei schließlich einfach “beigelegt” worden.

Siehe auch:

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Die Freisinnige Zeitung zur Kanzlerkrise

Neue Freie Presse, 19. März 1890

Berlin, 18. März. Die Freisinnige Zeitung berichtet zur Vorgeschichte der Kanzler-Krise: Der Kanzler habe zum Reichstagsschlusse nicht nach Berlin kommen wollen, er sei erst durch eine dringende Depesche Bötticher‘s dazu bewogen worden. Die Arbeiter-Erlässe des Kaisers seien, von Hintzpeter redigirt, dem Kanzler nur fix nnd fertig vorgelegt worden. Auch die Ernennung des Freiherrn v. Berlepsch zum Handelsminister sei dem Fürsten Bismarck nicht genehm gewesen. Anläßlich einer Controverse im Ministerrathe vor zehn bis zwölf Tagen habe der Kanzler sein Entlassungsgesuch angekündigt; der Ministerrath habe dies aber ruhig aufgenommen wie etwas, was man kommen gesehen. Von da ab sei auch das Verhältniß zwischen dem Kanzler und Bötticher gespannt gewesen. Auch die Verleihung des Schwarzen Adler-Ordens an Puttkamer sei keine Freundlichkeit gegen den Kanzler gewesen. Eine neue Controverse angeblich über Vermehrung der Fabriks-Inspectoren, sei in den letzten Tagen entstanden. Für diese Mittheilung muß der Freisinnigen Zeitung die Verantwortung überlassen werden.

Dem genannten Blatte zufolge ist die Dienerschaft im Palais des Kanzlers eifrig mit dem Einpacken beschäftigt, was durch die seinerzeit gemeldete Aufnahme des Bismarck’schen Privat-Inventars erleichtert worden ist.

Siehe auch:

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Parlamentarische Nachrichten

Berliner Tageblatt, 19. März 1890

Eine interessante Tabelle über die Berufsangehörigkeit der Reichstagsmitglieder bringt das Kürschnersche Buch “Der neue Reichstag” (Stuttgart, Deutsche Verlagsanstallt). Danach sind unter Ausschluß der noch nicht entschiedenen Nachwahlen in den einzelnen Fraktionen folgende Berufe bezw. Lebensstellungen vertreten:

[Wegen der Größe wurde die Tabelle in zwei aufgespalten. Beschriftungen: "N.-L." = Nationalliberale, "V.-P." = (Deutsche) Volkspartei, "D.-Fr." = Deutsch-Freisinnige Partei, "D.-K." = Deutsch-Konservative (= Konservative), "R.-P." = Reichspartei (= Freikonservative), "Centr." = Zentrumspartei, "Welf." = Welfen (mit der Zentrumspartei verbündet), "Pol." = Polen, "Soz." = Sozialdemokraten, "Dän." = Dänen, "O." vermutlich für die sonstigen: Elsaß-Lothringer und Wilde (= keiner Fraktion Angehörende).]

Beruf   bezw. Stellung N.-L. V.-P. D.-Fr. D.-K. R.-P.
Agent
Amtsrath 1
Aquariumsdirektor 1
Arzt 1 1
Bankdirektor 2 1 1
Bankier 1
Bergräthe 1 2
Bierbrauereibesitzer 1 1
Bildhauer
Buchdruckereibesitzer 1
Buchdrucker 1
Bürgermeister 3 1 1 2
Cigarrenarbeiter
Cigarrenfabrikanten
Cigarrenhändler
Dreher
Eisenbahndirektor 1
Eisengießereibesitzer 1
Fabrikanten 8 2 2 1 1
Fabrikdirektor 1
Fürstliche Personen 2 2
Gastwirthe 1
Geistliche 1
Gemeinderath 1
Grubenbesitzer 1
Gutsbesitzer (Hauptberuf) 10 1 7 31 3
Gymnasialdirektor
Gymnasiallehrer 1
Hofchargen 2
Juristen (ohne Rechtsanw.) 4 5 5 1
Kammerrath 1
Kaufleute 2 1 4 3
Kunstanstaltsbesitzer
Landdrost 1
Landesdirektor 1 1
Landesrath
Landräthe 1 9 6
Landschaftsdirektor 1
Landschaftsräthe 1
Legationsräthe 1
Lehrer a. D. 1
Lithograph
Maler 1
Marineoffizier 1
Militär 1
Mühlenbesitzer 1
Ober-Präsidenten 1 2
Ober-Stiftungsrath
Posthalter
Professoren 1 4
Rechtsanwälte 2 2 8 8
Redakteure 1
Regierungsräthe 1 1 2 1
Regierungspräsidenten 3
Rentner 1 2
Reporter
Schiffsrheder 1
Schornsteinfegermeister
Schreiner
Schriftsteller 1 6
Schuhmacher
Senatoren 2
Staatsminister a. D. 1
Stadtdirektor 1
Stadträthe 4
Stadtverordneter
Standesbeamter 1
Stiftsrath
Wirklicher Geheimrath 1
Beruf   bezw. Stellung Centr. Welf. Pol. Soz. Dän. O.
Agent 1
Amtsrath
Aquariumsdirektor
Arzt 1 1
Bankdirektor
Bankier
Bergräthe
Bierbrauereibesitzer 2
Bildhauer 1
Buchdruckereibesitzer 1 1
Buchdrucker 1
Bürgermeister 4
Cigarrenarbeiter 1
Cigarrenfabrikanten 4
Cigarrenhändler 2
Dreher 1
Eisenbahndirektor
Eisengießereibesitzer
Fabrikanten 3 1 1 2
Fabrikdirektor
Fürstliche Personen 1 3
Gastwirthe 2
Geistliche 14 1 7
Gemeinderath
Grubenbesitzer
Gutsbesitzer (Hauptberuf) 29 7 10 1 1
Gymnasialdirektor 1
Gymnasiallehrer 2
Hofchargen
Juristen (ohne Rechtsanw.) 18
Kammerrath
Kaufleute 5 4
Kunstanstaltsbesitzer 1
Landdrost
Landesdirektor
Landesrath 1
Landräthe 1
Landschaftsdirektor
Landschaftsräthe 2
Legationsräthe 2
Lehrer a. D.
Lithograph 1
Maler
Marineoffizier
Militär
Mühlenbesitzer
Ober-Präsidenten
Ober-Stiftungsrath 1
Posthalter 1
Professoren
Rechtsanwälte 3 1 1
Redakteure 1 3 2
Regierungsräthe 1
Regierungspräsidenten
Rentner 8 1
Reporter 1
Schiffsrheder
Schornsteinfegermeister 1
Schreiner 1
Schriftsteller 6 2
Schuhmacher 1
Senatoren
Staatsminister a. D. 1
Stadtdirektor
Stadträthe 1
Stadtverordneter 1
Standesbeamter
Stiftsrath 1
Wirklicher Geheimrath

Von sämmtlichen Abgeordneten [395 Aufgelistete] gehören 125 dem Adel an, davon führen den Titel Baron 3, Freiherr 19, Graf 30, Prinz 3, Erbprinz 1. Fürst 4.

An Vielseitigkeit in der Zusammensetzung läßt hiernach der neue Reichstag sicher nichts zu wünschen übrig.

Siehe auch:

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Noch nicht dagewesen!

von Alexander Moszkowski, 1912

Man lese und staune!

Das Universalipyrin

ersetzt den Arzt in allen Lebenslagen, verlängert das menschliche Leben und verkürzt den menschlichen Bandwurm, beseitigt die Gallensteine und poliert sie blank, entfernt Frauenschnurrbärte und befördert den Haarwuchs, ist ein ideales Abführmittel und stopft die hartnäckigsten Diarrhöen, verhindert bei üblem Atem das Oxydieren der Uhrketten, parfümiert Knoblauchwürste, macht schlank und verleiht eine üppige Büste, konserviert die Jugend bis ins höchste Greisenalter, verwandelt sich mit Wasser ungerührt in eine angenehme Rasierseife, die zugleich Sommersprossen, Hitzpickeln und Frostbeulen vertilgt, das Gedächtnis stärkt, Loden wetterfest macht, Motten samt Brut ausrottet, die Facultas virilis erhöht, den Ozongehalt der Blähungen verstärkt, das Ausfallen der Zähne bei Zahnrädern und das Platzen der Pneumatiks verhindert, wirkt aufgekocht als ein erstklassiges Malzpräparat, das innerlich genossen jede Fleischnahrung entbehrlich macht, das Essen ersetzt, bei fehlendem Blinddarm den Magen schont, die Mitesser auf der Leber entfernt und der Niere eine angenehme Figur verleiht, äußerlich angewandt einen vorzüglichen Gesundheitslikör darstellt, der die Nerven anregt, 40 Prozent Gasersparnis bewirkt, den Hühneraugen Glanz verleiht, jede Schwammbildung unmöglich macht und sich überdies als eine unübertreffliche Schuh-Crême bewährt, die das Schieflaufen der Absätze verhindert, rauhen Kragenrand glättet und als Zusatz zu Kaffee bei jeder Schreibmaschine 200 Durchschläge ermöglicht.

Tausend Mark Belohnung

demjenigen praktischen Chemiker, der mir obige Substanz erfindet, die Inseratenkosten trägt, die Patente in allen Kulturländern bezahlt und als Garantie für die Leistungsfähigkeit des Stoffes zehntausend Mark Kaution bei mir hinterlegt.

Alois Krepetzer, Drogist.

Siehe auch:

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Die Demission des Fürsten Bismarck

Neue Freie Presse, Wien, 18. März 1890

(Telegramme der “Neuen Freien Presse”.)

Berlin, 17. März. Nach einer Berliner Meldung der Kölnischen Zeitung ist der Rücktritt des Fürsten Bismarck von allen Aemtern schon in allernächster Zeit bevorstehend, und wird der heutige Ministerrath, wie man glaubt, sich mit der Thatsache seines Rücktritts beschäftigen. Diese Meldung erscheint umso auffälliger, als gestern in einem Artikel der “Hamburger Nachrichten” ausgeführt wurde, die Spannung sei zwar fortbestehend, aber der Rücktritt des Kanzlers nicht unmittelbar bevorstehend. Danach wäre die vorgestrige Besprechung des Kaisers mit dem Kanzler erfolglos geblieben. Näheres bleibt jedenfalls abzuwarten.

Berlin, 17. März, Mitternacht. Der Reichskanzler Fürst Bismarck und Staatsminister Graf Herbert Bismarck gaben ihre Demission. Der Kaiser hat jedoch nur die Demission des Reichskanzlers angenommen. Ein Nachfolger des Kanzlers ist noch nicht ernannt.

— ½ 1 Uhr. Mit Bezug auf die Ernennung eines Nachfolgers des Fürsten Bismarck soll auf Puttkamer, Miquel, Bennigsen, Bötticher und Caprivi das Augenmerk gereichtet, aber noch nichts beschlossen sein. Es ist anzunehmen, daß die Entscheidung nicht so bald werde getroffen werden und vielmehr ein längeres Interim in Aussicht stehe.

(Telegramme des Correspondenz-Bureau.)

Berlin, 17. März. Man spricht davon, daß Fürst Bismarck heute sein Demissions-Gesuch eingereicht hat.

Köln, 17. März. Das Abendblatt der Kölnischen Zeitung meldet aus Berlin, man nehme daselbst in unterrichteten Kreisen an, daß der Rücktritt des Fürsten Bismarck von allen Aemtern schon in der allernächsten Zeit bevorstehe. Man glaube, daß schon der heutige Ministerrath, der um 3 Uhr unter dem Vorsitze des Reichskanzlers sich versammelte, sich mit der Thatsache des Rücktrittes desselben beschäftige.

Anmerkungen

Auch wenn die Neue Freie Presse hier eher so berichtet, als wenn der Rücktritt bereits unter Dach und Fach wäre, wird man noch einige Tage lang keine offizielle Bestätigung haben. Bismarck hat überdies in der Vergangenheit schon so häufig mit seinem Rücktritt gedroht, um seine Forderungen durchzusetzen, daß sich die Gerüchte auch diesmal in Wohlgefälligkeit auflösen könnten. Er kann dabei mit Ängsten spielen, daß sein Rücktritt von anderen Staaten, vor allem Frankreich, als Schwäche Deutschlands ausgelegt und ausgenutzt werden könnte. Allerdings macht Frankreich zur gleichen Zeit gerade seine eigene Regierungskrise durch. Und dieses Mal stehen die Zeichen für Bismarck wirklich schlecht: es ist bis in die Öffentlichkeit gedrungen, daß das Verhältnis mit dem noch jungen Kaiser Wilhelm II. eher angespannt ist. Und bei den Wahlen 1890 hat der Kanzler seine hörige Mehrheit im Reichstag verloren, während die Opposition, besonders die Freisinnigen und die Sozialdemokraten, große Erfolge verzeichnen konnten.

Siehe auch:

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Beraterhaftung 1890

Berliner Gerichtszeitung, 18. März 1890

Eine hiesige Bank hatte im Jahre 1881 dem Rentner D. zur Kapitalsanlage wiederholt den Ankauf von Augsburger Trambahnaktien empfohlen, worauf dieser auch von ihr 6000 Mk. dieser Aktien zum Kurse von 110 Prozent kaufte. Da die Dividende ausblieb, der Kurs rapide fiel, und das Papier schließlich unverkäuflich war, wurde D. gegen die Bank mit dem Antrage klagbar, daß dieselbe die betreffenden Aktien zurücknehmen und ihm sein Geld zurückgeben solle. In erster Instanz wurde auch unter folgender Ausführung nach dem Klageantrag erkannt: Die Bank hätte schon durch den Umstand stutzig gemacht werden müssen, daß dem Grundkapital von 650 000 Mk. der gleiche Betrag an Obligationen gegenüberstand, die beide vom Unternehmer übernommen wurden, daß es im Anfange an Betriebsmaterial fehlte, daß die günstige Einnahme der ersten 13 Tage zur Basis der Rentabilitätsberechnung genommen wurde, und daß der Prospekt vermuten ließ, daß alle Strecken im Betriebe gewesen, während dies nur bei einer der Fall war. Auch mußte ihr auffallen, daß der Unternehmer ihr die Papiere zu 80 Prozent anbot, woraus sich schon eine unsolide Basis offenbarte. Wenn sie trotz dieser und anderer Umstände dennoch die Papiere als Kapitalsanlage ihrem Kommittenten empfahl, so handelte sie gegen die Sorgfalt eines ordentlichen Kaufmanns und ist schadensersatzpflichtig. Die hiergegen eingelegte Berufung wurde vom Kammergericht zurückgewiesen.

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Beklemmungen auf dem Geldmarkt

Handels-Zeitung des Berliner Tageblatt, 17. März 1890

Obwohl der englische Bankdiskont in verflossener Woche auf 4 pCt. ermäßigt wurde, bezeichnet der Londoner Economist die Lage des Geldmarktes als nicht ganz befriedigend. Das Blatt schreibt:

“Die Geldknappheit in Newyork, die Deroute an der Berliner Börse, sowie die kritischen Verhältnisse in der argentinischen Republik dürften verursachen, daß Gold aus London entnommen wird, und es ist ganz sicher, daß nach dem Quartalswechsel die Zunahme des Geldumlaufes im Inlande die Hilfsquellen der Bank stark in Anspruch nehmen wird. Immerhin möchten wir nicht annehmen, daß eine große Goldnachfrage für Exportzwecke bevorsteht. Der Newyorker Markt wird zum Beginne des Quartals durch die Vertheilung der Dividendengelder erleichtert werden; in Berlin regeln sich die Dinge, und so sehr nöthig auch Argentinien Gold brauchen mag, so besitzt es nicht die Macht, es England zu entziehen, ohne neue Anleihen vom Stapel zu lassen, was Argentinien in Folge seines Mißkredits vorläufig nicht zu thun vermag. Gleichwohl sind die Aussichten so ungewiß, daß die Bankdirektoren wahrscheinlich geneigt sein würden, die Sätze aufrechtzuerhalten, wenn sie es könnten. Allein sie können es nicht. Jetzt, wo das Ende des Quartals vor der Thüre steht, besitzen sie nicht hinreichende Herrschaft über den Markt, um eine Abwärtsbewegung der Sätze des offenen Marktes zu verhindern, und mit einer Reserve von nahezu 17,000,000 Lstrl. sind sie nicht berechtigt, ihren eigenen Satz hoch über dem wirklichen Geldwerth zu halten. Man erörtert bereits die Wahrscheinlichkeit einer weiteren Herabsetzung des Kankdiskontos im Laufe der nächsten wenigen Wochen, aber eine solche Eröterung ist verfrüht. Es ist nothwendig, ein wenig zu warten und zu sehen, wie die Ereignisse sich gestalten, ehe eine zutreffende Meinung über den wahrscheinlichen Gang des Marktes ausgesprochen werden kann.

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Vortrag zu offenen Grenzen an der Universität Bonn

Am 7. Juli 2014 fand an der Universität eine Veranstaltung statt  unter der Überschrift “Warum offene Grenzen?” Organisiert wurde sie von der Libertären Liste Bonn, den Kölschen Libertariern und dem Hayek-Club Bonn.

Die Folien zum Vortrag sind online verfügbar. Und die Veranstaltung wurde auch von den Sons of Libertas gefilmt und auf YouTube in voller Länge einstellt mit aktuell schon 516 Views:

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Der Phonograph als Grabredner und verkaufte Kinder

Neue Freie Presse, Wien, 17. März 1890

[Der Phonograph als Grabredner.] Die originellste Anwendung des Phonographen wird aus Newyork gemeldet: Ein zu Larchmont im Staate Newyork wohnhafter Geistlicher, Rev. Thomas Allan Horne, der dort vor einigen Wochen im Alter von 77 Jahren starb, hatte ausführliche Weisung hinterlassen, wie bei seiner Leichenfeier verfahren werden solle. Ein Theil derselben bestand in einer von ihm selbst verfaßten Leichenrede, die er gesprochen dem Phonographen anvertraut hatte. Dem Neffen war aufgetragen, den mit der Leichenrede versehenen Phonographen im Trauerlocal aufzustellen und im rechten Augenblicke in Function zu setzen. Die Freunde des Verstorbenen waren versammelt, und alles ging nach dem Programm. So eindrucksvoll war das geheimnisvoll Gehörte, daß Alle tief erschüttert waren, als die wohlbekannte Stimme des beliebten Geistlichen wie früher von dem Lande sprach, “wo die Gottlosen keinen Kummer mehr bereiten und die Müden in Ruhe sind”. Uebrigens hatte der wackere Verfasser dieser eigenartigen Leichenrede es auch nicht versäumen wollen, dem Verstorbenen für seine Tugenden das übliche Lob zu spenden, war aber offenbar im Augenblicke, wo er davon sprach, von Rührung überwältigt worden und zusammengebrochen, denn plötzlich brach der Phonograph in ein heftiges Schluchzen aus, das übrigens so natürlich war, daß es die anwesenden Zuhörer mit ergriff, wodurch die Leichenfeier ein vorzeitiges Ende fand. So melden amerikanische Blätter, bei welchen allerdings Dichtung und Wahrheit häufig ineinanderspielelt.

[Verkaufte Kinder.] Aus Trient schreibt man den “Neuen Tiroler Stimmen”: Als vor einigen Tagen in Ala ein Zug aus Italien ankam, fand die Polizei in einem Coupé dritter Classe einen Mann mit fünf weinenden Knaben. Der Mann Namens Bastini Giovanni von Bagni gestand, die Kinder in der Provinz Lucca gegen Oel von den Eltern eingetauscht zu haben. Auch habe er diesen versprochen, monatlich 10 Lire zu schicken. Die Kinder seien zum Verkaufe von Gypsfiguren in Hamburg bestimmt gewesen. Es ist eine traurige Thatsache, daß in Italien alljährlich Kinder von unmenschlichen Eltern an Händler verkauft und ins Ausland geführt werden, wo sie in kurzer Zeit an Entbehrungen sterben. Diesmal hat die italienische Behörde den Handel vereitelt und die Kinder in die Heimat zurückgeführt.

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Verurteilung wegen Majestätsbeleidigung

Berliner Tageblatt, 16. März 1890

Wegen Majestätsbeleidigung hatten sich am Freitag vor der Potsdamer Strafkammer der verantwortliche Redakteur der freisinnigen “Potsdamer Nachrichten” Emil Flachs und der Redakteur und Verleger dieses Blattes Dr. Feodor Rosenbaum zu verantworten. Die Vorgeschichte dieses Prozesses ist interessant. Am 21. Juli v. J. erschien in den “Potsdamer Wespen”, einer Beilage der “Potsdamer Nachrichten”, ein Artikel, der unter dem Spitznamen Naucke und mit der Abbildung dieser komischen Figur, sich über eine Reise nach dem Südpol ausließ. Die Staatsanwaltschaft fand hierin eine schwere Majestätsbeleidigung und beantragte gegen den Angeklagten ein Jahr Gefängniß. Der Vertheidiger, Rechtsanwalt Munckel, bestritt das Vorhandensein einer Beleidigung. Der Artikel bezwecke weiter nichts, als die byzantinische Berichterstattung hinsichtlich einzelner unbedeutender Vorfälle an Bord des “Hohenzollern” lächerlich zu machen. Der Gerichtshof erkannte nach langer Berathung gegen Dr. Rosenbaum, der als Verfasser des Artikels betrachtet wurde, auf vier Monate Festungshaft, gegen Flachs, als Mitthäter, auf zehn Wochen Festungshaft.

Anmerkung

Bei dem Rechtsanwalt Munckel handelt es sich um den August Munckel (1837-1903), Mitglied des Reichstags, der Preußischen Abgeordnetenhauses, des Brandenburgischen Provinziallandtags und der Charlottenburger Stadtverordnetenversammlung für die Deutsch-Freisinnige Partei, der auch in anderen politischen Prozessen Angeklagte verteidigt.

Siehe auch: Das Wort hat der Abgeordnete Eugen Richter: Gegen eine Yacht für den Kaiser

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