Eugen Richter gegen das Sozialistengesetz

[Hintergrund:

Schon seit Jahren versuchen die Konservativen Sondergesetze gegen die Sozialisten einzuführen. Allerdings haben sie keine Mehrheit im Reichstag.

Als Max Hödel am 11. Mai 1878 ein Attentat auf den Kaiser verübt, faßt Bismarck sofort nach und bringt ein einschlägiges Gesetz ein, nachdem er es durch den Bundesrat, der aus den Vertretern der deutschen Staaten besteht, durchgepeitscht hat.

Hödel hat nur sehr am Rande mit den Sozialdemokraten etwas zu tun. Diese hatten ihn schon längst hinausgeworfen, und zur Zeit der Tat ist er Mitglied der Christlich-Sozialen Arbeiterpartei des Hofpredigers Stöcker.

Noch sind sich die Parteien, abgesehen von der Konservativen, einig in ihrer Ablehnung eines Sozialistengesetzes. Der Führer der Nationalliberalen, Rudolf von Bennigsen, hält eine entschiedene Rede dagegen (er wird später beim zweiten Anlauf dann wie seine Partei umfallen).

Eugen Richter begründet am 23. Mai 1878 die Ablehnung für die Fortschrittspartei. Er spricht wie sonst auch nicht von der Tribüne sondern von seinem Platz aus.

Zum weiteren Hintergrund siehe insbesondere: Die erste Session 1878 (Teil 4)]

Präsident: Der Herr Abgeordnete Richter (Hagen) hat das Wort.

Abgeordneter Richter (Hagen): Der Herr Minister hat es mit einer gewissen Emphase …

(Rufe: Tribüne!)

— ich bin sehr gern bereit, auf die Tribüne zu gehen, ich habe aber bisher noch immer die Erfahrung gemacht, daß ich von diesem Platz aus besser verstanden bin als von der Tribüne.

Meine Herren, der Herr Minister hat es mit einer gewissen Emphase konstatiren zu müssen geglaubt nach der Rede des Herrn von Bennigsen, daß die Gefahren der Sozialdemokratie auch auf liberaler Seite nicht unterschätzt würden. Der Herr Minister scheint in der That dieser Bewegung und der Stellung der einzelnen Parteien dazu erst seit der kurzen Zeit der Amtsführung genauer gefolgt zu sein, sonst müßte er wissen, daß zu keiner Zeit von liberaler Seite die Gefahren der Sozialdemokratie unterschätzt worden sind,

(sehr wahr! links)

daß sie die Gefahr früher erkannt hat als die Regierungen, namentlich sein Amtsvorgänger Graf Eulenburg I.

(Große Heiterkeit.)

Als die Sozialdemokratie begann, war es meine Partei, die Fortschrittspartei, die auf das entschiedenste und nachdrücklichste den Anfängen dieser Bewegung entgegentrat. Seit jener Zeit ist sie die bestgehaßte Partei von Seiten der Sozialdemokratie, und wir geben uns alle Mühe, die bestgehaßte Partei diesen Herren gegenüber zu bleiben. Mit vollem Recht hat man zu jener Zeit den Gegensatz zu Ferdinand Lassalle und seiner sozialistischen Agitation nicht schärfer personifiziren zu können geglaubt, als indem man ihm die Person von Schulze-Delitzsch unmittelbar als den entschiedensten Gegner gegenüberstellte.

(Sehr richtig!)

Meine Herren, wo war damals aber die Regierung?

(Hört, hört!)

Als ich dem Grafen zu Eulenburg im Jahr 1876 im preußischen Abgeordnetenhaus entgegenhielt, wie er sich zur Zeit, als die sozialistische Bewegung ihren Anfang nahm, in einer gewissen wohlwollenden Neutralität, um es milde auszudrücken, der Sozialdemokratie gegenüber verhalten habe, da wußte der Herr Minister mir nichts anderes zu erwidern, als wörtlich Folgendes:

Man habe die sozialdemokratische Bewegung eine Zeitlang gehen lassen, damit die Welt sähe, was es damit für eine Bewandtniß habe;

(Heiterkeit)

erst seit 1 1/2 Jahren sei die Frucht zum Pflücken reif.

Meine Herren, wir sind nie im Zweifel gewesen, was es mit der Sozialdemokratie für eine Bewandtniß habe. Wir haben das unsrige zu jeder Zeit gethan, damit die Saat nicht aufgehe und die Frucht nicht reif werde. Wir stehen im entschiedensten Gegensatz zu jenen Zielen und zu dem Programm der Sozialdemokraten, wie er entschiedener überhaupt gar nicht bestehen kann. Was will die Sozialdemokratie? Sie will die ausschließliche Produktion durch den Staat, den ausschließlichen Staatsbetrieb. Wir sind der Meinung, umgekehrt, daß, wenn man, wie es die Sozialdemokratie will, das eigene Interesse, die Selbstverantwortlichkeit des Einzelnen auf ein Minimum reduzirt in der Volkswirthschaft, wenn man diese Faktoren ausschließt, matt setzt in der Produktion, damit die Produktion und die Kulturentwickelung auf ein Minimum zurückgedrängt würde.

(Sehr richtig!)

Darum, meine Herren, stehen wir so außerordentlich kühl, nüchtern gegenüber, auch wenn es sich nur um eine Ausdehnung des gegenwärtigen wirthschaftlichen Staatsbetriebs handelt, beispielsweise in der Reichseisenbahnfrage, beispielsweise in der Frage des Tabakmonopols. Der Herr Reichskanzler freilich, wenn er den angeblich übermäßigen Geschäftsgewinn der Tabakhändler dem Staat zuwenden will, der steht, ohne sich vielleicht dessen klar bewußt zu sein, der sozialistischen Anschauungsweise weit näher.

(Sehr richtig! Heiterkeit.)

Der sozialistische Staat hat die Vernichtung der persönlichen und politischen Freiheit zur Vorbedingung.

(Widerspruch bei den Sozialisten.)

— Jawohl! Krasser Despotismus einer Majorität oder einzelner weniger Leute, die dem Einzelnen vorschreibt, was er zu arbeiten hat, was er dafür für einen Lohn empfängt und was er dafür zu konsumiren hat; das ist der sozialistische Staat.

(Widerspruch.)

Es ist ja alles, was die Sozialisten wollen, gedruckt zu lesen; über ihre Tendenz ist ja nur die Polizei im Unklaren.

(Große Heiterkeit.)

Uns, meine Herren, werden Sie stets in der Opposition finden, wenn es darauf ankommt, diese persönliche, politische und wirthschaftliche Freiheit des Einzelnen zu beschränken, während die Sozialisten, wenn es sich nicht gerade um die Freiheit des Arbeitnehmers handelt, das habe ich schon einmal zu bemerken Gelegenheit gehabt, weit mehr mit den andern Parteien des Hauses zusammenstimmen, wie mit uns. Meine Herren, wir sind der Meinung, daß Kulturentwicklung, wirthschaftliche Entwicklung in erster Reihe beruht auf dem Verhalten des einzelnen und dem freien Zusammenwirken des einzelnen in der bürgerlichen Gesellschaft, in der Volkswirthschaft. Auf jener Seite wirft man die ganze Verantwortlichkeit der Zustände auf den Staat, glaubt, daß der Staat, wie ein sozialdemokratischer Schriftsteller sich ausdrückt, der sozialistische Staat die Allmacht, Weisheit und Güte repräsentiren werde, die man in der heutigen Weltordnung dem Herrgott zuschreibt. Wir hören auch hier sehr oft von anderen Parteien, daß man der Verantwortung des Staates mehr zuweist, als der Staat verantworten kann. Wenn hier die Regierung und sei es selbst eine Regierung, gegenüber der wir uns in Opposition befinden, verantwortlich gemacht wird, beispielsweise für das Darniederliegen des Gewerbes, dann sind wir jedesmal eingetreten für diese Regierung und die einzelnen Männer von ihr, indem wir ausführten, es darf eine Regierung, und möge sie sein, welche sie wolle, nicht für mehr verantwortlich gemacht werden, als überhaupt der Staat verantwortlich gemacht werden kann. Freilich fängt man in bedenklicher Weise jetzt seitens der Regierung selbst an, die Verantwortung übernehmen zu wollen für die wirthschaftliche Gestaltung der Verhältnisse, man sucht den Glauben zu erwecken in der Regierungspresse, als ob es bloß eines neuen wirthschaftlichen Programms, anderer Maßnahmen der Regierung bedürfe, um die gegenwärtigen wirthschaftlichen Nothstände zu beseitigen. Solche Anschauungen über die Verantwortung des Staats, wie sie bei den Sozialdemokraten in größter Ausdehnung vorhanden sind, findet man bei keiner Partei weniger als bei uns.

Meine Herren, der Herr Abgeordnete Jörg hat die sozialistische Bewegung bezeichnet als einen Schatten, der das moderne Kulturleben begleitet. Ich weise das zurück. Meine Herren, das ist der Schatten des untergehenden Polizeistaats, der noch in unser Kulturleben hineinfällt; der Polizeistaat hat die Menschen erzogen in dem Wahn, daß es nur auf den Staat und die Staatsgewalt ankomme, um die größte Glückseligkeit auf der Welt hervorzubringen. Daher ist in den Köpfen jener Leute die Meinung entstanden, daß es nur darauf ankomme, des Staatsruders sich zu bemächtigen, seine Leute in die Leitung des Staates einzusetzen, und jene geträumte Glückseligkeit sei sofort zu erreichen, die angeblich jetzt aus bösem Willen von denen, die den Staat leiten, ihnen vorenthalten wird.

Die Sozialdemokratie, meine Herren, ist indeß nach meiner Ueberzeugung weniger gefährlich in den utopischen Zielen, die sie anstrebt, als in den Mitteln, die sie anwendet, um zu diesen Zielen zu gelangen.

(Sehr richtig! links.)

Jene Aufregung des Klassenhasses, die Erweckung des Klassenbewußtseins, wie sie selbst sagt, das Aufreizen der besitzlosen gegen die mehr besitzenden, der einzelnen Volksklassen gegen einander, darin liegt die große Gefahr, die Schädigung der wirthschaftlichen und bürgerlichen Gesellschaft. Wir sind immer der Meinung gewesen, daß gerade nach der Seite der Sozialdemokratie in freiem Zusammenwirken entgegen zu treten, Aufgabe aller dazu berufenen Kräfte in der bürgerlichen Gesellschaft weit mehr ist, als Aufgabe der Polizei.

Es ist auch auf die Wirksamkeit der Kirche Bezug genommen. Nun, meine Herren, der Herr Abgeordnete Jörg wird selbst das Wirken der Hofprediger in Berlin damit nicht in Verbindung bringen wollen. Wir möchten in der That wünschen, daß die Herren davon wenigstens die Hand lassen und sich daraus beschränken, was sie verstehen, sie verstehen ja selbst ihren Beruf wenig. Meine Herren, ich verkenne die Wirkung der Kirche auf dem Gebiete der Erhaltung des Friedens unter den einzelnen Volksklassen durchaus nicht, aber über die Grenzen der einzelnen Konfessionen und Religionsparteien hinaus gibt es ein gemeinsames Band, einen gemeinsamen Bund, der alle vereinigen muß in humanen Bestrebungen. Das hat mein Freund Schulze schon zu einer Zeit ausgesprochen, als zum letzten Mal wohl die Frage so ausführlich parlamentarisch erörtert wurde, wie sie heute erörtert wird, bei jener Debatte über die Koalitionsfreiheit im preußischen Abgeordnetenhause im Jahre 1865. Er sagte damals:

Die soziale Frage ist keine spezifische Frage, die man mit irgend einem spezifischen Mittel gleich den Wunderpillen eines Quacksalbers zu lösen vermag. ….. Wir, meine Herren, dagegen bescheiden uns, daß das, was der Einzelne in dieser großen Frage thun kann, unendlich wenig ins Gewicht fällt; wir bescheiden uns, daß wir zu verharren haben in unserer dauernden und ruhigen Thätigkeit für die Sache; wir wissen, daß die sozialen Aufgaben und die politischen Aufgaben für uns dasselbe sind, und daß sie in ihren Endzielen und in ihren Voraussetzungen zusammenfallen. Es gilt, uns nicht nur in dem verfassungsmäßigen Rechtsstaat auf dem Boden der wirthschaftlichen und politischen Freiheit einen Bau zu gründen, in dem alle Klassen des Volkes ihren Platz finden; nein, es gilt auch, diesen Bau als die würdige Form mit dem würdigen Inhalt zu erfüllen, mit dem Geist der neuen Zeit, und das ist der Geist der Humanität. Dazu helfe uns das Volk.

Meine Herren, der Redner hat es wahrlich seinerseits nicht bei dieser Rede bewenden lassen, sondern ein arbeitsvolles Leben darauf verwandt, nach einzelnen Richtungen allerdings, diese Gebote der Humanität den arbeitenden Klassen gegenüber zu erfüllen. Fern sei es von mir, diese Bestrebungen vom Fraktionsstandpunkt aus in Anspruch zu nehmen. Nein, meine Herren, alle diese Bestrebungen nach den verschiedenen Richtungen auf dem Gebiet der Humanität gehen weit hinaus über die Grenzen unserer und auch der benachbarten Partei; sie sind sehr großen und weiten Kreisen des Volkes gemeinsam. An uns braucht deshalb nicht die Aufforderung erst heute gerichtet zu werden, in einen Bund einzutreten, um auf dem praktischen Wege durch positive Schöpfungen der einen oder der anderen Art dazu beizutragen, daß der Klassenhaß vermieden wird, daß sich die Bürger als Bürger eines Staates fühlen, daß diejenigen, die im Besitz und Wissen in der bürgerlichen Gesellschaft günstiger gestellt sind, dieses ihr Kapital auch verwenden im Interesse derjenigen, die ungünstiger gestellt sind. Die Gefahr ist vorhanden, wenn man den Gegensatz der Klassen ausbeutet zu politischen Zwecken, wenn man sich nicht scheut, den politischen Parteikampf in den Klassenkampf hineinzutragen. Darin stimme ich mit dem Herrn Abgeordneten von Helldorff in seinen heutigen Ausführungen vollständig überein.

Vor jener Gefahr ist damals von unserer Seite wahrlich scharf genug gewarnt worden. Der Abgeordnete Schulze machte damals eine Aeußerung, die ihm nachher in sozialistischen Kreisen, natürlich unter Entstellung ihres wirklichen Inhalts, stets nachgetragen worden ist. Er sagte:

Man mag wohl die soziale Frage die moderne Sphynx unserer Zeit nennen, meine Herren. Nun gibt es in der menschlichen Natur, bei uns allen, wie wir sind, bei groß und klein, bei vornehm und gering eine dunkele Grenzlinie, wo das Thierische an das Menschliche streift, und wehe dem, meine Herren, das sind die Erfahrungen aller Jahrhunderte, wer muthwillig und mit frivoler Hand an diese Grenzlinie tastet: der entfesselt die Bestie, die ihn mit seinen Löwenklauen zerfleischen wird.

Gegen wen war damals diese Warnung gerichtet, nicht an die Leidenschaft, nicht an den Klassenhaß zu appelliren? Gegen die konservative Partei des preußischen Abgeordnetenhauses, gegen den Wortführer in dieser Frage, gegen den Abgeordneten Wagener.

(Hört! hört! links.)

Heute ist wieder von konservativer Seite von den Arbeiterbataillonen gesprochen worden. Es war in eben jener Sitzung, als zum ersten Male von konservativer Seite den liberalen Parteien mit dem Massenschritt der Arbeiterbataillonen gedroht wurde. Meine Herren, dieser Warnung in jener Sitzung war eine andere Warnung an die konservative Partei und an die Regierung vorausgegangen aus dem Mund des Abgeordneten Löwe, der damals sagte, man möge sich an dem Zauberlehrling ein warnende Beispiel nehmen, der die Geister, die er berufen hatte, nachher nicht wieder zu bannen vermochte. Heute ist gesagt worden von dem Herrn Abgeordneten Grafen von Bethusy-Huc, es liegen keine erwiesenen Thatsachen über einen Zusammenhang der Regierung mit der Sozialdemokratie vor. Doch, meine Herren, nur zu sehr liegen sie vor. In jener Verhandlung des Abgeordnetenhauses wurde die Stellung des Abgeordneten Wagener, die Stellung des Fürsten Bismarck zu einer schlesischen Weberdeputation scharf beleuchtet; der Abgeordnete Wagener war schon damals in der sozialen Frage leider der Vertrauensmann des Fürsten Bismarck und ist kurze Zeit darauf sein amtlicher Vertrauensmann geworden und hat die Stellung lange bekleidet; Sie haben noch heute aus dem Munde des Herrn Abgeordneten Jörg gehört, wie Herr Wagener zu einer internationalen Konferenz im Jahre 1872 über die sozialdemokratische Frage von dem Fürsten Bismarck verwendet worden ist, ja noch mehr, nachdem der Herr Abgeordnete Lasker bereite die wahre Natur Wageners entlarvt hatte im Jahre 1874, hat der Fürst Bismarck diesen selben Mann zum sozialistischen Kongreß nach Eisenach als Vertrauensmann gesandt, in dessen Gefolge sich als Sekretär auch der in der letzten Zeit vielfach genannte Rudolf Meyer befand. Meine Herren, was man darum über Wagener sagt, trifft mehr als ihn, trifft die Regierung. Wie war es denn mit der schlesischen Weberdeputation? Im April 1864, als Lassalle seiner Agitation eine gewisse Ausdehnung gegeben hatte, erschien aus Waldenburg und Wüstegiersdorf eine Deputation von Webern mit einer Adresse an den König, worin sie verlangten, es solle ein Gesetz gegeben werden, daß den Arbeitern eine Mitwirkung bei den Lohnfestsetzungen eingeräumt werde. Diese Adresse war hauptsächlich angefüllt mit Klagen und Beschwerden über die Lage der Arbeiter unter den liberalen Fabrikbesitzern jener Gegend, insbesondere des Abgeordneten Leonor Reichenheim, eines Mannes, der mehr wie andere Arbeitgeber für die Verbesserung der sozialen Verhältnisse seiner Arbeiter gethan hat. Im folgenden Jahre bei dieser Verhandlung, von der ich spreche, hat Fürst Bismarck anerkennen müssen nach einer veranstalteten Enquete, daß es größtentheils Unwahrheiten gewesen sind, die in jener Adresse behauptet waren. Alle lokalen Beamten, der Oberpräsident, der Landrath, haben davon abgerathen, einer Deputation Gehör zu geben, die solche Unwahrheiten verbreiteten. Der Minister des Innern hat es abgelehnt, sich mit der Deputation zu befassen; Fürst Bismarck persönlich ist es gewesen, der diese Deputation beim König damals einführte, Fürst Bismarck persönlich ist es gewesen, der Seiner Majestät den Rath gegeben hat, diese Weber mit einer Kapitalunterstützung —

(Ruf: Zur Sache!)

Es gehört leider das zur Sache; wenn man solche Dinge verstehen will, muß man auf den Anfang zurückgehen, ehe die Bewegung um sich griff, und wo man noch mit leichten Mitteln sie beherrschen konnte. — Fürst Bismarck ist es gewesen, der veranlaßt hat eine Unterstützung der Weber zuerst mit 6000 Thaler Kapital, dann nochmals mit 6000 Thaler Kapital, um getreu nach Lassalleschem Muster eine Produktivassoziation mit Staatshilfe im Waldenburger Kreise in Szene zu setzen, eine Produktivassoziation, die trotz der Aufsicht des Landraths sehr bald zu Grunde gegangen ist. Ich bin Zuhörer gewesen bei der letzten Vertheidigungerede von Ferdinand Lassalle vor dem Düsseldorfer Gericht, wo er sich berief auf die Sympathien, die seine Bestrebungen beim König von Preußen und beim Bischof Ketteler fänden. Lange genug hat in sozialistischen Versammlungen die Frage auf der Tagesordnung gestanden: der König von Preußen und die soziale Frage. — Ich klage nur den an, der den Rath dazu gegeben hat, in dieser Weise zu verfahren. Damals hat ein so milder Mann wie Leonor Reichenheim — längst deckt ihn die Erde — keinen Anstand genommen, im preußischen Abgeordnetenhaus die Sache zu bezeichnen, was sie ist. Er hat gesagt, indem er das darstellte, was ich eben angeführt habe: „daraus mag man erkennen, daß das ganze ein Spiel war, ein so trauriges Spiel, wie es je gespielt worden ist, zum Nachtheil, ich wiederhole es, des Königthums von Gottes Gnaden.“

Meine Herren, der Führer jener Deputation — noch im vorigen Jahre bemerkte ich seinen Kopf in der sozialistischen Agitationsversammlung, las ich in den Inseraten der „Berliner freien Presse“ einen Vortrag angekündigt, den er in der sozialistischen Versammlung bei Gratweil hier in Berlin gehalten hat. Es hat jene Auszeichnung der Deputation in weiten Kreisen dazu beigetragen, die Bevölkerung irre zu machen, die Behörden zweifelhaft zu machen über die Stellung, welche die königlichen, Behörden eigentlich der neu auftauchenden Bewegung gegenüber einzunehmen hätten. Es kam die Zeit des Herrn von Schweitzer, es erschien der „Neue Sozialdemokrat“, der verkündigte, die liberalen Parteien wollten das Elend der Arbeiter, an die konservativen Parteien, an den Fürsten Bismarck müsse man sich anschließen, der werde für den armen Arbeiter etwas thun. In jener Zeit war Liebknecht Redakteur der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung.“ .

(Hört! hört!)

Ich trete Herrn Liebknecht nicht zu nahe. Herr Liebknecht schied in jenem Jahre 1865 aus der Redaktion aus. In einer seiner Schriften theilt er mit, daß er ausgeschieden sei, als diese „Norddeutsche Allgemeine Zeitung“ Regierungsorgan geworden. Es sei ihm angeboten, auch in dem Regierungsorgan nach wie vor über Sozialismus und Kommunismus in seinem Sinne zu schreiben,

(hört! hört!)

er habe das aber abgelehnt, um sich nicht in diese Bewegung einzulassen. Gleich darauf ist Liebknecht damals aus Berlin ausgewiesen worden. Es erregte das umsomehr Aussehen, als es eine sehr vereinzelte Maßregel war, die man damals gegen Sozialdemokraten ausübte. Wer noch jene Zeiten im Gedächtniß hat, — ich kenne sie genau, ich habe damals eine Geschichte der Sozialdemokratie über das Jahr 1865 geschrieben nach Protokollen, die über sozialistische Versammlungen auf Veranstaltung der liberalen Parteien geführt wurden, — der weiß, daß zu jener Zeit zwischen der Haltung des Regierungsorgans, der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung“ und des sozialdemokratischen Organs in Berlin darin kein Unterschied mehr war, daß dieselben Stichworte gegen die liberalen Parteien und die damalige Majorität des Abgeordnetenhauses ausgespielt wurden.

Herr Bebel hat hier im Reichstag über Herrn von Schweitzer, der bis zum Jahr 1872 Präsident des allgemeinen deutschen Arbeitervereins in Berlin gewesen ist, am 9. Dezember 1875 folgendes erklärt:

Wir aber wissen es, daß Herr von Schweitzer, der sozialistische Führer, im geheimen ein politisches Werkzeug der preußischen Regierung war, der unter radikaler Maske den Regierungsagenten spielte.

Meine Herren, der Herr Hasenclever, der zu jener Zeit, als von Schweitzer Präsident des Vereins war, Sekretär des Vereins war, hat den Herrn Abgeordneten Bebel noch nicht berichtigt in Bezug auf diesen Punkt.

Man muß doch annehmen, daß die Herren ihre eigene Vorgeschichte selbst am besten kennen. Ich kann nicht sagen, daß ich es für eine Verleumdung halte, wenn man eine solche Behauptung aufstellt, daß die sozialdemokratische Bewegung in Berlin bis in das Jahr 1872 hinein wesentlich und in der Hauptsache ein Kunstprodukt gewesen ist, das von einer Seite unterstützt und subventionirt worden ist. Wir haben auch in jener Zeit in Berlin versucht, unsere Schuldigkeit zu thun in der Bekämpfung solcher Agitationen. Gleichgiltig aber ob damals die Sozialdemokratie wirklich im Bunde war, durch Schweitzer, Wagener, oder wer sonst die Verbindungskette bis zur Regierung hinauf bildete, das muß ich sagen nach meiner eigenen Erfahrung, das Zusammenspiel zwischen der offiziösen Presse und zwischen dem Redner Herrn Geheimrath Wagener im Reichstag und der Haltung der sozialdemokratischen Presse in Berlin hätte in jener Zeit nicht besser sein können, als wenn sie wirklich im Bunde miteinander gewesen wären. Wir haben damals versucht, auch unsererseits durch Versammlungen die Sozialdemokratie zu bekämpfen. Wie ist es uns aber ergangen? Seit dem Jahr 1869 wurde das Präjudiz gegeben, daß alle politischen Versammlungen in Berlin vogelfrei waren, preisgegeben dem Eindringen jeder noch so kleinen Bande von Skandalmachern und Störern. Das erste Beispiel der Art wurde gegeben im Konzerthause an der Leipziger Straße. Es handelte sich in der damaligen Versammlung um eine militärische Frage. Die Sozialistenführer erlaubten sich damals den Scherz, die Versammlungen, die von der Fortschrittspartei oder sonst einer Partei angekündigt waren, gleichfalls bei der Partei als ihre Versammlung anzukündigen, obwohl sie dem Hausbesitzer, dem Wirth gegenüber dazu kein Recht besaßen. Nun drangen sie ein und störten die Versammlung durch Tumult. In diesem Falle entstand eine förmliche Prügelei in der Versammlung und machte eine ruhige Abhaltung derselben unmöglich. Der Minister des Innern

(Ruf: Vereinsrecht!)

Ja, meine Herren, wir sprechen von der Handhabung des Vereinsrechts, jetzt bin ich bei der Sache, um den Ministern zu beweisen, wie das Vereins- und Versammlungsrecht gehandhabt wurde. Es mag sein, daß diese Sache Ihnen nicht gefällt, aber zur Sache gehört nichts mehr als dieses. Wir beschwerten uns in dem preußischen Abgeordnetenhause über diese Haltung der Polizei, welche nicht Schutz gewährt den politischen Versammlungen in Berlin, sondern ruhig vor der Thür steht und zusieht, wie eine Versammlung durch Eindringliche gestört wird. Auf diese Beschwerde erwiderte der Herr Minister Graf Eulenburg in der jovialen Laune und humoristischen Weise, die ihm eigen ist, im Abgeordnetenhause: was das großes wäre? Er sagte unter anderem:

Die Theilnehmer der zweiten Versammlung rücken an. Die Polizei hat keine Berechtigung, ihnen den Eintritt zu verwehren, sie vermischen sich mit einander und man hört ein dumpfes Getöse. Es wird gemeldet, sie prügeln sich, aber die Eingänge zum Saal sind so voll, daß ein Eindringen der Polizei, um das, was darin vorgeht, zu hören, nicht möglich ist. Es müßte erst eine neue Prügelei stattfinden, um sich Eingang zu verschaffen. Unter diesen Umständen muß sich die Polizei darauf beschränken, zu warten, bis sich der Lavastrom ergießt und bis die Unordnung aus dem Versammlungslokal hinaus tritt auf die Straßen und dort das Publikum stört.

Der Minister fügte noch ausdrücklich hinzu:

Das sind die Gesichtspunkte, von denen. die Polizei auszugehen hat.

(Heiterkeit.)

Wenn so ein Minister die leitenden Gesichtspunkte in dieser Weise im Abgeordnetenhause aussprach, wenn er gewissermaßen das Versammlungsrecht, als nicht mehr unter dem Schutze der Polizei und des Staates stehend erklärte, jede politische Versammlung für vogelfrei erklärte, darf man sich wundern, meine Herren, daß die sozialdemokratische Partei von dem Augenblicke an sich ermuntert fühlte, überall in die Rechtssphäre anderer Parteien, in ihr Versammlungsrecht einzubrechen? Nicht das wollen wir, daß die Freiheit auf dem Gebiete des Versammlungswesens beschränkt werde, aber wir klagen die Regierung an, daß sie ihre Machtmittel nicht benutzt hat, um die Freiheit anderer gegen diese Eingriffe der sozialdemokratischen Partei zu schützen, daß sie das natürliche Hausrecht in Versammlungen und Vereinen nicht unter polizeilichen Schutz gestellt hat. Die Zahl derjenigen, die an einer politischen Versammlung sich betheiligen wollen, wenn sie vorher Theil nehmen müssen an einer Prügelei, ist natürlich eine viel geringere.

(Heiterkeit.)

Seit jener Zeit, seit dieser Versammlung im Konzerthaus hat ein freies Versammlungsrecht, haben Volksversammlungen in Berlin nur bestanden für die sozialistische Partei,

(hört!)

allen anderen Parteien ist es, um sich gegen solchen Einbruch und solche Verfälschung zu schützen, nur möglich gewesen, den Zutritt gegen Karten zu gestatten. diese Praxis der Sozialdemokraten, in fremde Versammlungen einzubrechen,

(Ruf: Volksversammlungen !)

— nicht Volksversammlungen! Das ist schon zehnmal hier bewiesen worden, daß sie eingedrungen sind in Versammlungen der nationalliberalen Partei, das letzte Mal unter dem Vorsitzenden Herrn Dernburg, in Versammlungen der Fortschrittspartei, wo ich selber zugegen war und wo sie gar nichts zu suchen hatten.

(Heiterkeit.)

Es war gerade dies eine Versammlung der Fortschrittspartei, die auf meine Veranlassung zum ersten Mal wieder ohne Austheilung von Karten stattgefunden hatte. Sofort — sie sind nur eine Kleinigkeit zu spät gekommen — sind Sozialdemokraten eingedrungen, und ihre Führer konnten nur durch Polizei beseitigt werden; die Sache hat später auch bei Gericht gespielt. — So also, wie ich es vorhin geschildert, ist früher das Versammlungsrecht schutzlos gewesen, man hat mit einer gewissen wohlwollenden Neutralität es angesehen, daß die Versammlungs- und Vereinsfreiheit durch dritte Personen viel mehr beschränkt wurde, als das jemals durch Polizei und Polizeigesetze der Fall gewesen ist. Das hat viel dazu beigetragen, die sonst natürliche Reaktion gegen die sozialistische Agitation lahm zu legen. Nun, meine Herren, man spricht wohl von liberalen Parteien, von der Herrschaft der liberalen Parteien, unter denen die Sozialdemokratie diese Ausdehnung gewonnen hat. Ich muß Ihnen sagen, von einer Herrschaft der liberalen Parteien habe ich in der Zeit, wo die sozialdemokratische Bewegung begonnen hat, sehr wenig bemerkt, wir haben die ganze Zeit hindurch eine konservative Regierung gehabt

(Oho!)

— gewiß! die noch dazu von einer persönlichen Autorität getragen war, vielmehr als das vorher oder nachher bei einer Regierung der Fall sein wird. Die Sozialdemokratie ist nicht älter als das Ministerium Bismarck; die Probe ist noch gar nicht gemacht, welche Nahrung und welchen Spielraum eine derartige Bewegung unter einer wirklich liberalen Regierung findet. Etwa die Sozialdemokratie nun als eine Frucht der Regierung des Fürsten Bismarck hinzustellen, den Spieß umzukehren, den er gegen uns gekehrt hat, dessen wollen wir uns nicht schuldig machen, nein! ich sage, nur durch dieses Verhalten in der ersten Zeit und in der entscheidenden Entwicklungsperiode hat das Ministerium mehr zum Fortkommen der sozialistischen Bewegung beigetragen, als es an sich sonst der Fall gewesen wäre. Das ist ja vollständig richtig, den eigentlichen Umfang, die eigentliche Größe und Bedeutung hat die sozialdemokratische Partei erst gefunden seit dem Jahre 1872. Es ist gesprochen worden von der Schule, von der Bedeutung der Schule auf die Erziehung. Der Abgeordnete Jörg hat gesagt, diese Schule, der man die religiösen Elemente mehr und mehr entzogen, die moderne Schule sei das eigentliche Seminarium der Sozialdemokratie. Nun, meine Herren, alle die Sozialdemokraten, die jetzt da sind, bis zum zwanzigsten Lebensjahr herunter, die sind aus der religiösen Musterschule, wie sie Herr von Mühler eingerichtet und verwaltet hat.

(Lebhafter Beifall links.)

Das sind die echten und rechten Musterkinder der preußischen Regulative! Sie haben ihre Schulzeit absolvirt noch unter dem Regime Mühlers, noch während alle diese religiösen Elemente, von denen die Rede ist, vollständig die Herrschaft über die Schule hatten, wie man sie nicht besser wünschen konnte. Wenn man vielleicht etwa sagen wollte, das Ministerium Falk, welches nun gefolgt sei, habe für die, die aus der Schule entlassen seien, durch seine Stellung zur Kirche und Schule entgegengewirkt, dann muß ich doch sagen, die religiöse Erziehung, diese Ausbildung muß doch sehr schwach und äußerlich gewesen, die durch das bloße Erscheinen eines anderen Ministers wieder in ihrer Wirkung hätte neutralisirt werden können. Dasjenige, was wir an der Volksschule in jenen Zeiten auszusetzen haben, ist ja das, daß sie aus die Entwickelung des Denkvermögens zu wenig Werth und Sorge gelegt hat, um desto mehr stark im Glauben zu machen und nebenbei auch das Gedächtniß möglichst zu stärken. Nun, meine Herren, diese Stärkung im Glauben bei einseitiger Entwickelung des Denkvermögens kann auch dazu führen, wenn der Glaube eine falsche Richtung bekommt, daß man eben so gern bereit ist, an die Wunder, die Herr Most für das sozialistische Jenseits verkündet, zu glauben.

(Heiterkeit.)

Wenn ich auf die Agitatoren der Sozialdemokratie sehe, so muß ich es bewundern, mit welcher Akkuratesse sie die Kernsprüche aus den Schriften der Sozialdemokraten wiedergeben, wie sie stundenlang Reden mit einer großen Gedächtnißkraft zu halten vermögen;

(Heiterkeit)

da muß ich mir oft sagen, wenn sie solche Leistungen hervorbringen, die nicht im Verhältniß zu ihrem sonstigen Bildungsstandpunkt stehen, daran zeigt es sich, wie sehr gerade in jener Zeit das Gedächtniß geübt worden ist durch die große Zahl Kernsprüche, Gesangbuchlieder, die diese jungen Leute seiner Zeit haben auswendig lernen müssen.

(Heiterkeit.)

Freilich die Gesangbuchlieder sind längst vergessen. An Stelle der biblischen Kernsprüche sind andere getreten. Wäre nur das Denken etwas mehr entwickelt worden!

Meine Herren, darüber ist bei mir kein Zweifel, daß die sozialistische Bewegung der letzten Jahre eine Folge ist der wirthschaftlichen Verhältnisse. In der That hat sich die sozialistische Bewegung gerade an der Magenfrage in den letzten Jahren entwickelt. Jene Nachwirkung des Kriegs, jene Gründerperiode, die große Nachfrage nach Arbeitern, das Bestreben der Arbeitgeber, sich untereinander die Arbeiter abspenstig zu machen, das hat diese Arbeiterverhältnisse damals so aufgelockert, nicht irgend ein Paragraph eines neuen Gesetzes. Jene Auflösung der Arbeiterverhältnisse ist ein Produkt der wirthschaftlichen Verhältnisse dieser Jahre gewesen; in diesen aufgelockerten Boden ist die Saat fruchtbringend gefallen, da hat sie jene Entwickelung gefunden. Man hat sich von sozialistischer Seite der Lohnfrage überall bemächtigt, wo unzufriedene Arbeiter vorhanden waren, man hat Strikes organisirt, man hat den Lohnstreit als Partei auszufechten gesucht und hat sich auf dem Boden der Lohnfrage jene Organisation geschaffen, die man nachher politisch zu verwerthen bestrebt gewesen ist. Nachher hat die wirthschaftliche Lage ein umgekehrtes Bild gezeigt.

(Ruf aus der äußersten Linken: Altenburg!)

Es ist der Krach, der Rückgang der Löhne eingetreten. Nun hat man sich der Unzufriedenheit über diese Verschlechterung der Verhältnisse bemächtigt, nun hat man auch diese Unzufriedenheit der Arbeiter politisch zu verwerthen gesucht. Die Bewegung hätte aber nach meinem Dafürhalten nicht den Umfang und die Ausdehnung gewinnen können, wenn ihr nicht zu Hilfe gekommen wäre eine große apathische Stimmung, eine Zurückhaltung in öffentlichen Angelegenheiten in weiten Klassen der Bevölkerung. Gegen diese Klassen erhebe ich mit den Rednern anderer Parteien meine Vorwürfe, wir wollen aber auch diese Apathie zu verstehen suchen. Es hat eine Zeit gegeben unmittelbar nach den großen militärischen Erfolgen, wo ein unberechtigter Optimismus platzgriff, weil man glaubte, wir wären nicht bloß die tapferste, sondern auch gebildetste und reichste Nation, es verstehe sich jetzt alles ganz von selbst, die Entwickelung schreite siegreich vor. Diese optimistische Stimmung in weiten Kreisen der Bevölkerung hat auf die ruhige, thätige, politische Arbeit nicht günstig eingewirkt. Es ist dann ein Umschwung eingetreten, es sind die Zeiten des Pessimismus gekommen, in denen man sagte, wir Deutsche können nur billig und schlecht produziren, wir gehen der wirthschaftlichen Verarmung entgegen, es ist keine Rettung. Auch diese pessimistische Stimmung hat entgegen gewirkt der Theilnahme des Volks an der Bekämpfung der Sozialdemokratie; ja, meine Herren, diese pessimistische Stimmung hat sehr viel verwandtes mit der Sozialdemokratie. Wenn ich einen großen Theil der schutzzöllnerischen Presse mir ansehe, für die ich übrigens keinen Theil des Hauses verantwortlich mache, wenn ich dort lese, daß die Freihändler an Elend und Noth Schuld seien, wenn man hier dem Büreau Bilder einschickt, auf welchen eine hungernde Familie dargestellt ist und dabei die Köpfe von Mitgliedern dieses Hauses als Ursache dessen, so kann man es nicht leugnen; diese Agitationen stehen mit denen der Sozialisten auf einer Höhe.

(Sehr wahr!)

Die Theilnahme an den Wahlen hat von Seiten der gegnerischen Parteien der Sozialisten sehr viel zu wünschen übrig gelassen, aber nicht ohne Schuld ist die Regierung daran. Wenn die Regierung sich nicht für verantwortlich erachtet der Mehrheit des Volks, dem Parlament, der Volksvertretung gegenüber, die aus den Wahlen hervorgeht, kann man sich nicht wundern, wenn die einzelnen Wähler sich auch weniger verantwortlich fühlen für den Ausfall, wenn die rechte Energie der Betheiligung an der Wahl fehlt. Die letzten Wahlen haben in weiten Kreisen Verwunderung erregt, haben das Bestreben wachgerufen, den Bestrebungen der Sozialdemokraten entgegen zu treten. Diese Bestrebungen sind lebendig geworden, sie haben in der letzten Zeit nachgelassen. Nun kommt das Attentat, meine Herren. Mir liegt es durchaus fern, die sozialistische Partei irgend dafür verantwortlich zu machen, ich bin der Meinung, dieses Attentat ist viel weniger ein politisches Attentat als andere Attentate der letzten Jahrzehnte. Das Attentat ist das Werk einer verlumpten, verlotterten, von Jugend auf verwahrlosten Persönlichkeit, die ihrem Trieb zum Zerstören, ihrer Bestialität Ausdruck zu verleihen suchte, und dabei eine gewisse Großmannssucht, eitle Prahlerei entwickelt hat. Die Persönlichkeit hat die sozialistische Partei selbst zu beschwindeln gesucht, ist förmlich von ihr ausgestoßen worden, hat ihr nur gewisse Phrasen entliehen, weil derartige Persönlichkeiten stets geneigt sind, ihre eigene Persönlichkeit herauszuputzen mit Phrasen, wo sie am kräftigsten und dem Gaumen am schmackhaftesten geboten werden. Der Zusammenhang dieses Attentats mit der sozialdemokratischen. Partei ist ein rein äußerlicher, aber das muß ich sagen, in weiteren Kreisen hat dieses Attentat die Aufmerksamkeit auf die sozialdemokratische Bewegung gelenkt, und gerade dadurch, weil dieses Subjekt sich solcher Phrasen bediente, die eine erschreckliche Aehnlichkeit mit solchen Phrasen und Redensarten, wie wir sie in der „Berliner Freien Presse“ wiederholt zu lesen gehabt haben. Noch mehr ist die Bevölkerung erregt worden durch die Art, wie die sozialdemokratische Presse das Attentat behandelt hat,

(sehr wahr!)

indem sie das Attentat nicht als Schlechtigkeit und Wahnsinn eines einzelnen Menschen, wie sie hier es dargestellt haben, betrachtet, sondern auf das Konto der bestehenden Ordnung der gesellschaftlichen Einrichtungen gestellt hat. Dadurch ist eine weit verbreitete Bewegung allerdings im Volk entstanden, und, meine Herren, wie alles, was auch noch so schlechtes auf der Welt geschehen mag, seine guten Seiten hat, so konnte in der That diese Schandthat unter den Linden ein Anfang sein einer weitgreifenden Reaktion im guten Sinn gegen die sozialdemokratische Bewegung.

(Lebhafte Zustimmung.)

Alle Parteien fühlten sich einig in der Verurtheilung des Attentats, mit Ausnahme der Sozialisten, alle einig in der Kundgebung gegen die ehrwürdige Person Seiner Majestät des Kaisers. Da kommt eine solche Gesetzesvorlage. Die Sozialisten waren isolirt gegenüber allen anderen Parteien, jetzt wird umgekehrt die Einigkeit der anderen Parteien gestört, diese Parteien erscheinen jetzt der Regierung gegenüber gespalten; die Sozialisten, ich will nicht sagen, sie erscheinen gedeckt, aber sie treten in den Hintergrund, die Aufmerksamkeit ist abgelenkt, in erster Linie von dieser Frage hingelenkt auf diese Gesetzesvorlage. Meine Herren, kann man wohl ungeschickter verfahren in der Bekämpfung der Sozialdemokratie?

(Ruf: Sehr richtig!)

Kann man der sozialdemokratischen Bewegung mehr nützen, als es dadurch geschieht? Herr Abgeordneter Graf von Bethusy-Huc sagt: das Volk verlangt, daß etwas geschehe; Herr von Helldorff bezeichnet das noch näher: der loyale, ruhige Bürger verlangt, daß etwas geschehe, der schlichte Sinn des Volks verlangt, daß etwas geschehe. Ja, meine Herren, einen Bruchtheil des Volks außerhalb hat man bei dieser Vorlage auf seiner Seite, das ist derjenige Bruchtheil des Volks, der Ruhe für die erste Bürgerpflicht hält,

(Heiterkeit)

derjenige, der, wenn auf der Straße etwas passirt, den Kopf aus seiner Zipfelmütze heraussteckt und fragt, was da los sei und dann sagt, sofort müsse nach der Polizei geschickt werden. Hat man nach der Polizei geschickt, so zieht er den Kopf wieder zurück und legt sich wieder auf das Ruhelager und bleibt nach wie vor der ruhige, loyale Bürger, der niemandem etwas zu Leid thut. Meine Herren, diese staatserhaltenden Kräfte erhalten am wenigsten den Staat.

(Große Heiterkeit.)

Diese stehen allerdings auf Seite der Vorlage; diese verlangen allerdings, daß die Polizei komme, damit sie selbst um so weniger zu thun brauchen, damit sie in ihrer elenden Selbstgenügsamkeit, die diese Art von Philisterium auszeichnet, von der politischen Arbeit, vom Eingreifen in das öffentliche Leben sich fernhalten können. Aber die thätigen strebsamen Bürger, die sich verantwortlich halten für das, was im Staat geschieht, stehen nicht auf Seite dieser Vorlage, sie fühlen sich gekreuzt in ihren Bestrebungen, abgeschreckt, gestört zum mindesten durch das, was diese Vorlage an Spaltungen innerhalb der wirklich staatserhaltenden Elemente zu Wege bringt. Meine Herren, an sich erklärlich ist diese Vorlage uns gar nicht, und eben deshalb kann die Regierung sich nicht verwundern, wenn man nach anderen Erklärungsgründen sucht, wenn in weiten Kreisen sich die Meinung verbreitet, die Vorlage sei weniger gegen die Sozialisten als gegen die Majorität des Reichstags gekehrt. Herr von Bennigsen hat mit großer Präzision die Frage aufgeworfen, ob die Regierung vorher überzeugt gewesen sei, wie es Graf Bethusy-Huc andeutete, daß diese Vorlage die Genehmigung des Reichstags nicht erhalten werde. Darauf hat Herr von Bennigsen keine runde und klare Antwort erhalten, es ist nur geantwortet worden, die Regierung nimmt diese Vorlage ernst. Wir wollen wissen, ob sie vorher überzeugt war, daß diese Vorlage die Zustimmung des Reichstags nicht finden werde. Meine Herren, wollen Sie wirklich den Glauben erwecken, daß diese Vorlage nicht gegen die nationalliberale Partei, sondern gegen die Sozialisten sich kehrt, dann, meine Herren, dann rathe ich Ihnen, die Meute in der offiziösen Presse jetzt sehr an die Kette zu legen,

(Heiterkeit)

denn wenn das so fortgeht, wenn die Tonart sich steigert, die jetzt beginnt, dann muß binnen kurzem der rechtschaffene Landrath, der gute Gendarm oder wer sonst berufen ist, bei der Wahl der Zukunft eine große Rolle zu spielen, wirklich glauben, die Nationalliberalen seien schuld an der ganzen sozialistischen Bewegung, der Fraktionsgeist, der Doktrinarismus — Theorie sagt Herr von Helldorfs, ich weiß nicht, wie die Schlagworte alle heißen —, die seien eigentlich die tiefere Ursache vielleicht des Attentats selbst. Das kommt davon, wenn man eine so schlecht disziplinirte offiziöse Presse hat. Nun, ich habe mich doch darüber gewundert, daß die konservativen Parteien nicht bloß mit einfacher Zustimmung, sondern mit einem gewissen Elan die Vorlage anzunehmen entschlossen sind. Politische Rücksichten mögen Sie ja dazu bestimmen, aber ich kann wenigstens nicht begreifen: auf Ihrer Seite sind gerade auf dem Gebiet der praktischen Polizei so viel erfahrene, gebildete Männer, wie die vom Standpunkt des Polizeitechnikers eine wirklich so polizeiwidrige Vorlage haben gutheißen können.

(Stürmische Heiterkeit.)

Es hat ja eine Zeit gegeben, wo man meinte, die ganze Kunst der Kriegsführung bestände darin, recht scharf draufzugehen, in der man geneigt war, die sogenannten Haudegen als die größten Feldherren anzusehen. Heute gilt diese Kriegskunst schon längst nicht mehr. Hätten wir nicht bessere Generale im Kriege gehabt, wie wir Polizeiminister in Preußen haben, wir hätten sehr traurige Erfahrungen gemacht! Die erste taktische Regel muß doch sein — so habe ich es wenigstens immer verstanden — mit dem Feinde Fühlung zu erhalten, zu wissen, wo er steht, wo er steckt, wie er sich entwickelt, welche Verbindungen er hat, nach welcher Richtung sein Angriff erfolgen soll. Diese Kenntniß haben wir jetzt in erwünschtestem Maß. Ich wünschte nur, daß die Herren von der Polizei soviel von den Sozialisten wüßten wie andere Leute. Die sozialdemokratische Bewegung entwickelt sich gerade in der größten Oeffentlichkeit; wenn man Kenntniß nehmen will, kann einem nichts verborgen bleiben in der ganzen Agitation. Durch das Gesetz heben Sie diese Kenntniß mit einem Schlage auf, Sie drängen die Bewegung zurück aus der Oeffentlichkeit, Sie benehmen sich die Kenntniß, den Umfang zu schätzen, Sie verstopfen das Sicherheitsventil und befinden sich vor einer Bewegung, die Sie selbst nicht mehr abzumessen verstehen.

Sie sagen, die Verbreitung, die Ansteckung wird vermindert. Nun, meine Herren, es ist schon ausgeführt worden, daß diese Ansteckung, diese Verbreitung sich nicht allein in der Oeffentlichkeit vollzieht, daß sie wirksamer, konzentrirter geschieht in den Werkstätten, in dem unmittelbaren persönlichen Verkehr. Man täuscht sich, wenn man glaubt, die Organisation der Sozialdemokratie beruhe hauptsächlich auf der Presse und auf dem Versammlungsrecht. Nein, meine Herren, die Grundlage der Organisation ist gegeben in den Vereinigungen innerhalb der Werkstätten selbst, dort hat die sozialdemokratische Partei während der Lohnstreitigkeiten sich ihre Verbindungen geschaffen, dort werden die Verabredungen getroffen, massenhaft bei Versammlungen zu erscheinen, dort werden die Blätter kolportirt, dort werden die Abonnenten gewonnen, dort werden die Gelder für Agitationszwecke gesammelt. Es ist überhaupt falsch, zu meinen, der politische Schaden der Sozialdemokratie sei der größte, nein, meine Herren, die Vergiftung des Arbeitsverhältnisses, darin liegt der Schaden, die Zerstörung des Vertrauensverhältnisses zwischen Arbeiter und Arbeitgeber, die Zerstörung der Arbeitsfreudigkeit. Die Folgen der sozialdemokratischen Bewegung, die sich in der Werkstatt zeigen, das sind die schlimmsten. Je mehr man die Sozialdemokratie in die Werkstätten zurückdrängt, sie aus der Oeffentlichkeit in die Werkstätten konzentrirt, um so mehr steigert man die Gefahr der sozialdemokratischen Bewegung. Allerdings, wenn keine Versammlungen, keine Blätter mehr existiren, so hört die öffentliche Reklame auf, es wird dann nicht mehr in den Markt hinausgeschrieen, aber dann besorgt die Polizei die Reklame selber. Es entwickelt sich dann ein so kleinliches Verfolgungssystem und muß sich nothwendig entwickeln, daß dadurch fortwährend die öffentliche Aufmerksamkeit im höchsten Maß auf die sozialistische Bewegung hingeleitet wird. Das Thema ist noch nicht erörtert, wie die Polizei selbst durch ihre kleinlichen und ungeschickten Maßnahmen dazu beigetragen hat, für die sozialistische Agitation Propaganda zu machen, wie sie aus wirklich oft ganz unbedeutenden Leuten Märtyrer in den Augen der Menge geschaffen hat. Wir werfen ihr durchaus nicht vor die zu laxe Handhabung, nein, meine Herren, wir werfen ihr vor die zu laxe Handhabung nach der Seite, daß sie nicht die Rechtssphäre anderer Bürger gegen die Sozialisten schützt. Wir werfen ihr auch vor ungeschickte Handhabung des bestehenden Gesetzes. Man löst Versammlungen auf. Ja, meine Herren, es ist bei uns eben das Unglück, daß immer nur eine Partei am Ruder ist, daß immer dieselbe Partei die Polizeiminister stellt, dieselbe Partei immer Hammer ist und niemals Amboß. Wäre das nicht der Fall, dann würden die Herren, wenn sie selbst Gelegenheit hätten, einmal Mitglieder einer aufgelösten Versammlung zu sein, dann würden sie erst wissen, wie ungeschickt und gerade entgegengesetzt die Auflösung solcher Versammlungen wirken kann. Gewiß, solche Versammlungen haben in vielen Fällen den Zweck, aufzureizen, recht sehr aufzureizen; aber das besorgt der auflösende Beamte in vielen Fällen oft besser, als der Redner von der Tribüne.

Ueber eins beklage ich mich auch in der Handhabung der bestehenden Gesetze; nicht darüber, daß zu wenig Beleidigungsklagen wegen des Fürsten Bismarck angestrengt sind, nicht darüber, daß man politische Prozesse gegen die Sozialisten zu wenig angestrengt hätte; — nein, meine Herren, daß den Verleumdungen der Privatehre, wie sie von der Partei und ihrem Blatte, der „Berliner freien Presse“, systematisch betrieben worden sind, daß denen gegenüber die Polizei weniger am Platz gewesen ist. Ich spreche nicht von Verleumdungen politischer Persönlichkeiten, nicht davon, daß man am Morgen der Wahl des Abgeordneten von Saucken in der „Berliner freien Presse“ verkündigte, es seien eben Arbeiter erschienen, die hätten noch auf ihrem Rücken die Spuren der Peitsche gezeigt, die Herr von Saucken ihnen als Arbeitgeber hätte angedeihen lassen, — nicht, daß von anderer Seite ein Kandidat als Wucherer, ein dritter als Newyorker Millionendieb bezeichnet wurde, denn das muß jeder sich gefallen lassen, der in der Oeffentlichkeit auftritt, und kann dies umsomehr, wenn er eine politische Notorietät hat; eine Persönlichkeit, die sich im politischen Leben bewegt, ist durch die Notorietät geschützt. Aber es ist etwas anderes; es besteht das System, wenn irgend ein Bürger in einer Versammlung bei irgend einer Gelegenheit gegen die Sozialisten spricht, so wird er sofort in seiner Privatehre, in seiner Privatstellung in verleumderischer, böswilliger, lügnerischer Weise angegriffen, es wird ein vollständiges System des Terrorismus zu üben gesucht, um abzuschrecken, gegen die sozialistische Bewegung aufzutreten. Und da haben mir oft manche gesagt, die sich angegriffen fühlten: wenn sie beim Staatsanwalt sich beklagen, so sagt der, es ist kein öffentliches Interesse vorhanden, dergleichen zu verfolgen.

(Hört, hört! Sehr wahr!)

Gewiß, meine Herren, es kann oft ein öffentliches Interesse nicht vorhanden sein, aber es kann auch dieses Verleumdungswesen — nicht Beleidigung, Beschimpfung, das lasse ich mir alles gern gefallen,— also die Angriffe auf die Privatstellung und die Verleumdung des einzelnen kann zu einem derartigen System erhoben werden, daß ein öffentliches Interesse in der Bekämpfung anerkannt werden muß. Wenn wir alle unsere Kraft auf dieses Gesetz stellen, auf die polizeiliche Verfolgung, dann ist dies, wie dies richtig bemerkt wurde, die Bankerotterklärung der bürgerlichen Gesellschaft als solche, gegenüber der Sozialdemokratie noch etwas zu vermögen.

Der Herr Minister mag sagen: ja, die Mittel reichen nicht, es muß außerdem noch etwas geschehen zur Bekämpfung der Agitation; aber, meine Herren, in dem Augenblick, wo Sie die eine Partei mundtodt machen, da machen Sie es doch ganz unmöglich, diese Partei zu bekämpfen, wenigstens wirksam zu bekämpfen in ihrer Agitation. Es wird ja diese ganze Kraft gelähmt, und doch müssen wir der Meinung sein, daß schließlich allein auf diesem Weg der Ueberzeugung diese Bewegung eingeschränkt werden kann. Es hilft nun einmal nichts, diese Bewegung muß auf demselben Wege wieder hinaus aus dem deutschen Volke, wo sie hineingekommen ist; ein anderer Weg führt nicht zum Ziel. Und dann, meine Herren, können Sie es hindern, daß diese Angriffe auf diese Bestrebungen der einen Partei auch die Beschränkung einer ganz anderen Partei sofort nach sich ziehen? Es ist von den Zielen der sozialdemokratischen Partei gesprochen worden, die bekämpft werden sollen. Nun, auf dem offiziellen Programm der sozialdemokratischen Partei steht auch in einer Nummer das Verbot der Sonntagsarbeit. Das fällt also auch in die Ziele der sozialdemokratischen Partei. Herr von Helldorff und die Herren Sozialisten stimmen ja in diesem Punkt genau überein. Wenn nun ein Sozialdemokrat eine Rede für das Verbot der Sonntagsarbeit hält, können Sie ihn dann mit Gefängniß bestrafen, und wenn Herr von Helldorff in seinem Kreise eine solche Rede hält, diesen nicht? was wäre das für eine Gesetzgebung, was für eine Verwaltung! Die Sache würde freilich praktisch sich so gestalten, daß man die Verfolgung an Personen knüpft und sagt, wo die und die Personen auftreten, da werden die Ziele der Sozialdemokratie verfolgt, da müssen wir einschreiten. Was wird dadurch bewirkt? Die Folge ist die, die Wirksamkeit des Gesetzes wird überall dahin getragen, wo jemand aus den sozialistischen Parteien auftritt. Die Wirksamkeit des Gesetzes dehnt sich dann auch auf andere Vereine aus, sie wird sich auch auf Vereine zu gewerblichen Zwecken und Unterstützungskassen ausdehnen, sie wird immer weiter um sich greifen. Herr von Helldorff hat allerdings nur bemerkt, daß es sich ja nicht um eine reaktionäre Maßregel handle; — vorläufig mögen Sie ja damit genug haben, aber wenn dies helfen soll gegen die Richtung gegnerischer Parteien, warum soll man denn nicht auch dazu gelangen, dieselben Mittel auch gegen andere Parteien anzuwenden? Wir lesen ja in der Presse, daß die Fortschrittspartei, die liberale Partei den Sozialdemokratismus erzeugt habe. Nun, meine Herren, welche Logik liegt denn da näher, als die Quelle zu verstopfen und ein weiteres Gesetz auch gegen diese Parteien zu kehren. Nein, meine Herren, wir haben immer das unsrige gethan gegen die sozialistische Partei; wir bedauern, daß die Regierung durch ihre Angriffe gegen die liberalen Parteien uns fast immer gezwungen hat, eine doppelte Frontenstellung nach beiden Seiten einzunehmen, daß dadurch unsere Kampfesthätigkeit, unsere Kampfesfrische nach der einen Seite geschwächt worden ist, daß dadurch unsere Widerstandskraft nach der einen Seite nur zu oft abgezogen worden ist.

Der Herr Minister hat bemerkt, daß doch der Reichstag sich in sehr großer Zahl versammelt habe, also doch nicht der Zeitpunkt der Einbringung der Vorlage für so ungeeignet zu halten sei. Nun, meine Herren, warum hat sich der Reichstag in so großer Zahl versammelt? Weil trotz aller persönlichen Opfer und Unbequemlichkeiten die Mitglieder von nah und fern sich gedrungen gefühlt haben, nach Berlin zurückzukehren, um Zeugniß davon abzulegen, daß sie mit dieser Vorlage nichts gemeinsam haben, —

(sehr wahr! links)

um darüber keinen Zweifel zu lassen, daß sie absolute Gegner dieser Vorlage und des Systems sind, welches sie vertritt. Herr von Bennigsen hat die Regierung auch auf den Weg der allgemeinen Vereinsgesetzgebung auf eine spätere Zeit verwiesen. Nun, meine Herren, ich muß sagen, ich halte das gegenwärtige Vereins- und Versammlungsrecht, diese Gesetzgebung, die selbst ursprünglich oktroirt ist, die in der verfassungslosen Zeit Preußens entstanden sind, dieses Gesetz, das selbst Herrn von Manteuffel unter allen Umständen genügend erschienen ist zur Aufrechterhaltung der Ordnung, — das halte ich, geschickt gehandhabt und nicht bloß gehandhabt zum Schutz der staatlichen Ordnung im allgemeinen, sondern auch zum Schutz der Bürger angewandt, für vollkommen ausreichend, und wenn es das nicht wäre, — zu einer Regierung, die eine solche Vorlage bringt, die von einem solchen Geiste beseelt ist, wie diese Vorlage, kann man nicht das Vertrauen haben, daß wir uns mit derselben über ein Reichsvereinsgesetz in einigen Monaten verständigen werden.

(Sehr richtig! links.)

Doch, es ist ja kein Zweifel, daß mit vier Fünftels gegen ein Fünftel diese Vorlage abgelehnt wird.

Gestatten Sie mir, nach dem Vorgang der anderen Redner, noch ein paar Schlußbemerkungen über die politische Situation im allgemeinen.

Wir stehen heute am Schluß der parlamentarischen Saison. Am Anfang der Saison im preußischen Abgeordnetenhause glaubten wir ein starkes Merkzeichen der beginnenden Strömung zu erkennen in dem Fallenlassen der Städteordnung. Wir brachten infolge dessen ein Mißtrauensvotum gegen die Regierung ein. Wir waren damals in unserer Stellung und unserer Anschauung durchaus isolirt; auf der einen Seite trug man sich noch mit dem Glauben, daß in der That Fürst Bismarck mehr als zuvor das Bedürfniß empfinde einer größeren Fühlung mit der parlamentarischen Mehrheit der Volksvertretung, des Reichstags. Diese Illusionen sind vollständig zerstört, die organische Gesetzgebung in Preußen ist vollständig ins Stocken gerathen. Den Schluß der Landtagssession hat eine Vorlage gekennzeichnet, die ebenso rasch wie diese improvisirt an den Landtag gelangte, und die eine ebenso scharfe Zurückweisung von der Mehrheit dieser Körperschaft erfahren hat. Damals stand noch ein Theil der nationalliberalen Partei auf Seiten der Regierung; jetzt ist die Majorität gewachsen, jetzt ist eine geschlossene Oppositionslinie hergestellt, die von der Fortschrittspartei beginnt und die ganze nationalliberale Partei umfaßt. Herr Graf Bethusy-Huc hat daran seine Betrachtungen geknüpft; auch ich finde diese Erscheinung wichtig genug, um sie zu markiren, wenn auch von entgegengesetzten Gefühlen dabei geleitet. Es ist meines Erachtens seit 10 Jahren der erste Fall wieder, wo alles, was sich liberal nennt, in einer hochpolitischen Angelegenheit geschlossen Schulter an Schulter der Regierung gegenübersteht. Die Regierung hat sich von dem Parlament mehr und mehr isolirt. Fürst Bismarck hat sich aber noch mehr isolirt von den Männern, in denen er bisher eine Stütze fand. Herr von Helldorff hat gesprochen von der Art und Weise, wie hier oft Verwaltungsbeamte angegriffen, getadelt würden von den parlamentarischen Körperschaften. Meine Herren, das hat dem Ansehen nicht soviel geschadet, wie der Tadel, den Fürst Bismarck vor den parlamentarischen Körperschaften ausgesprochen hat, hier und am anderen Ende der Straße, gegen Männer, mit denen er Jahre lang zusammen gearbeitet hat.

(Sehr wahr! links.)

Der Herr Minister leugnet die Behauptung des Herrn von Bennigsen, daß die Ministerkrisis permanent sei. Allerdings, die Minister sind wie Blumen auf dem Felde, wenn ein scharfer Wind darüber kommt, sei es von Varzin, sei es von Friedrichsruh, dann sind sie nicht mehr da und ihre Stätte erkennt man nicht mehr.

(Heiterkeit.)

Ich sage nichts unrichtiges, wenn ich behaupte, wir fragen uns oft, wenn wir Morgens ins Haus treten in einer gespannten politischen Situation: ist nicht wieder ein Abgang oder Zugang im Ministerium zu bemerken? Sind das noch dieselben Minister, die wir heute vor uns zu sehen erwarten. Der Herr Minister hat die Hoffnung ausgesprochen, daß der Herr Minister Falk — der einzige feste Punkt, wie ihn der Herr Abgeordnete Lasker einmal bezeichnet hat — im Ministerium verbleiben würde. Ich weiß nicht, ob die politischen Freunde des Herrn Ministers Falk wünschen müssen, daß er in einer Gemeinschaft verbleibt, zu der er vielleicht von Tag zu Tag weniger gehört.

Die staatserhaltenden Kräfte sollen sich zusammenfassen! so wird uns gepredigt hier, so wird uns gepredigt in der offiziösen Presse. Meine Herren, wenn nur das die staatserhaltenden Kräfte wären, die die Staatserhaltung am meisten im Munde führen, dann wäre unser Staat wahrlich nicht so fest begründet, wie er nach meiner Ueberzeugung in Wirklichkeit ist. Was hat denn der Autorität der Staatsregierung so sehr geschadet, eine Autorität, die unter allen Umständen erhalten werden muß? Nichts hat ihr so sehr geschadet, als das Verhalten der Regierung selbst in dieser ganzen parlamentarischen Saison, das Verhalten gegen die einzelnen Minister, das Verhaltens gegen die Parteien dieses Hauses, dieses Bestreben, so zu regieren, als ob außerhalb des Fürsten Bismarck gar keine selbstständigen politischen Elemente in der Volksvertretung oder sonstwie vorhanden wären. Meine Herren, dadurch hat die Autorität jeder Staatsregierung einen Stoß der Art erlitten, daß es eines wirklich von dem Vertrauen einer großen Majorität des Reichstags getragenen liberalen Ministeriums bedürfen wird, um diese Erschütterung der Staatsautorität, die im Verlauf der parlamentarischen Saison eingetreten ist, wieder auszugleichen.

Mag aber auch die Verwirrung, welche von Seiten der Regierung erzeugt wird, sich noch weiter steigern; mögen die Verhältnisse sich noch mehr trüben, nach unserer Auffassung ist das deutsche Reich in dem Herzen des deutschen Volkes fest genug verankert, daß wir gewiß der Hoffnung sein dürfen: die Liebe und Treue des deutschen Volkes zu Kaiser und Reich wird uns auch in dieser Zeit vor Klippen und Untiefen schützen, die das Staatsschiff zu umdrohen scheinen.

(Bravo! links.)

Siehe auch:

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Veröffentlicht unter 1878, Bürgerliche Freiheit, Eugen Richter, Geschichte, Sozialdemokratie, Verbote | Hinterlasse einen Kommentar

Eugen Richter gegen die Tabakenquete

[Hintergrund: Bismarck arbeitet über Jahre daran, den Tabak höher zu besteuern und am liebsten ein Tabakmonopol in Deutschland einzurichten. Nun soll eine Tabakenquete von der Regierung veranstaltet werden, zu der der Reichstag seine Zustimmung geben soll. Aus Sicht der Fortschrittspartei steht das Ergebnis schon vorweg fest, nämlich Munition für die Projekte des Kanzlers zu liefern. Eugen Richter begründet die Ablehnung seiner Fraktion am 17. Mai 1878 im Reichstag. Zum weiteren Hintergrund siehe insbesondere: Die erste Session 1878 (Teil 4)]

Präsident: Der Herr Abgeordnete Richter (Hagen) hat das Wort.

Abgeordneter Richter (Hagen): Meine Herren, Herr von Stauffenberg charakterisirte in der letzten Sitzung die Stellung seiner politischen Freunde bei dieser Enquete mit den Worten, daß kein Vertrauensvotum zum gegenwärtigen Ministerium in einem dem § 1 entsprechenden Votum seiner Parteigenossen enthalten sei. Er sagte:

Allein eine derartige Vertrauenssache ist es nicht und soll ee nicht sein; ich will nicht sagen, das Gegentheil davon, aber es ist doch eine Art von Aufforderung an die Regierung: höre die Sachverständigen, verschaffe dir die Information, die du nicht hast, von der du selbst sagst, daß du sie nicht hast, von der wir sagen, daß du sie eigentlich haben solltest; sie wird gewissermaßen versüßt durch die Bewilligung einer Summe von 200 000 Mark oder weniger.

Wenn ich nun harmlos die Sache auffassen wollte, würde ich meinen, es handle sich bei der Geldbewilligung im § 10 in Verbindung mit § 1 eigentlich nur um ein etwas freigebiges Stipendium für den neuen Finanzminister zum weiteren Studium der Tabakssteuer. Indessen so scheint mir die Sache doch nicht ganz zu liegen. Herr von Stauffenberg erklärte ganz ausdrücklich, man sei nicht einig mit der Regierung in Bezug auf die konstitutionellen Garantien, die zur weiteren Durchführung einer Steuerreform durchaus erforderlich seien; man sei auch nicht einig in Bezug aus die Besteuerungsform. Nun liegt die Gefahr nahe, wenn man allen Eifer daraus konzentrirt, die Einigkeit in Bezug auf die Besteuerungsform herzustellen, daß dann der Anschein erweckt wird, als legte man auf den anderen Punkt, in dem man jetzt auch nicht einig ist, auf die Erlangung der konstitutionellen Garantien einen geringeren Werth. Diesem Mißverständniß sind unsere Nachbarn bereits bei der ersten Berathung ausgesetzt gewesen, indem der Herr Minister Hofmann erklärte: wir sind ja eigentlich in der Sache ganz einig; ich nehme an, daß wir die Frage der konstitutionellen Garantien hier überhaupt ausscheiden und zur Separatverhandlung in den preußischen Landtag verweisen. Es bedurfte einer ausdrücklichen Erklärung des Herrn von Stauffenberg, daß das durchaus nicht der Fall sei. Wenn nun schon so dieses gegenseitige Mißverständniß bei der Enquetevorlage in der ersten Berathung anfängt, wieviel Mißverständnisse können durch einen Beschluß selbst in der Form des Stauffenbergschen Amendements im weiteren Verfolg hervorgehen! Ich habe die Situation, in der sich die nationalliberale Partei zum Ministerium in dieser Frage befand, bei der ersten Lesung überaus treffend in der Nationalzeitung gekennzeichnet gefunden. Ich zitire es nicht als Zeitungsstimme, sondern weil ich der Meinung bin, daß man treffender gar nicht die Situation schildern kann, die wir vor uns haben. Es heißt da:

Der Reichstag lebt mit seinen Steuerverhandlungen wie in einem Schattenreich. Eine Nebelwolke von einer Vorlage, die von einem Augenblick auf den anderen ihr Gesicht verändert, vertheidigt von Ministern, welche die Ansicht des leitenden Staatsmanns schattenhaft widerspiegeln, ein Kampf mit Worten, denen der feste Sinn nur allzu oft abgeht, um Ziele, die in das Unbestimmte verschwinden, über das Ganze ein Halbdunkel gebreitet, in welchem Freund und Feind sich kaum mehr unterscheiden können. Woher unter diesen Umständen die Hoffnung herkommen soll, daß aus solchen Wolkenbildungen ein festes, greifbares Resultat sich ergeben soll, wüßten wir nicht zu sagen.

Ich bin nun auch der Meinung, daß die heutigen Erklärungen des Herrn Ministers Hobrecht dies auch nicht weiter geklärt haben; er meinte auch, was die konstitutionelle Frage betrifft, so werde ja das an einem anderen Ort zu entscheiden sein, da würde man wohl eine Verständigung finden; er scheint also auch noch heute der Meinung zu sein, es handle sich bloß darum, eine Verständigung zu finden, wie man einen Theil des Plus unterbringen soll, während wir die nationalliberale Partei so verstanden haben, daß man eine organische Einrichtung haben will; es kommt ihr nicht darauf an, bloß für den Augenblick die Sicherheit zu haben, daß dem, was mehr einkommt, ein gewisser ziffermäßiger Betrag von Steuererleichterungen gegenübersteht. Ob die Steuer in dem Augenblick nöthig ist, ist eine verschiedene Frage davon, ob für die ganze Dauer der Bewilligung die Steuer gerechtfertigt ist, und man muß, wenn man später findet, daß nach den allgemeinen Verhältnissen sich aus den zufließenden neuen Steuern ein größeres Plus ergibt, und daß das, was man als Aequivalent eingeführt hat, im Verhältniß weniger beträgt, dann in der Lage sein, weitere Steuererleichterungen eintreten zu lassen. Es handelt sich nicht darum, für den Augenblick Steuerermäßigungen eintreten zu lassen, sondern im Wege des Gesetzes organische Einrichtungen zu treffen, die ein dauerndes Steuerbewilligungsrecht einführen in den einzelnen Staaten.

Nun, meine Herren, wenn also nach der Richtung gar keine Einigung vorhanden ist und auch keine Aussicht dafür, so sage ich: was hat es denn für Werth, die Einigung bloß darüber herzustellen, daß, wenn man einmal im übrigen einig wäre, daß man dann auch schon über die Besteuerungsform einig ist, daß alsdann diese Frage für sich keine Schwierigkeiten macht? Es würde, wenn man durch solche Enquete eine Einigung über die Besteuerungsform erreichte, dieses Resultat für sich nur einen akademischen Charakter erhalten, es würde bloß einen Werth haben für die Nachfolger der gegenwärtigen Minister, — und der Herr Minister Hobrecht war ja so gütig, bereits in seiner Antrittsrede von seinen Nachfolgern zu sprechen, — vorausgesetzt, daß diese Nachfolger diese konstitutionellen Garantien zugestehen wollen, und daß die Majorität des Reichstags auf dem Standpunkt steht, den die nationalliberale Partei für sich in dieser Frage eingenommen hat. Ich meine aber auch, wenn ich die Frage der Besteuerungsform an sich betrachte, so fehlt uns auch in dieser Beziehung eine Voraussetzung der Einigung zwischen unseren Nachbarn und dem Ministerium, ohne die jede Enquete einer festen Grundlage entbehrt, und das ist die Einigkeit in der Ziffer dessen, was überhaupt an Mehrertrag aus der Tabaksteuer herauskommen soll. Es handelt sich gar nicht um eine Million oder fünf Millionen, sondern um die Hauptziffer. Herr von Stauffenberg sagt, wir wollen durch diese Enquete erzielen, daß wir klar erkennen, wo volkswirthschaftlich mit den mindest nachtheiligen Wirkungen am richtigsten eine Tabaksteuer angesetzt wird, die Stelle erkennen, wo das Hebelwerk anzusetzen ist. Nun, meine Herren, eine Enquete über die geeignete Form des Hebelwerks der ferneren Besteuerung setzt immer voraus — sonst verläuft sie resultatlos —, daß man darüber einig ist, welche Kraft durch den Hebel, den man finden will, in Bewegung gesetzt wird; je nach dem Mehr der Kraft, welche verlangt wird, muß die Maschine für dieselbe verschieden sein.

Die beste Besteuerungsform kann man nur finden, wenn die Vorfrage feststeht: wie viel will man durch die Besteuerungsform an Steuern erzielen? Will man bloß eine Summe annähernd dem Betrag der Camphausenschen Vorlage, dann weiß ich nicht, wie man eine andere Besteuerungsform als die Gewichtssteuer dazu benutzen will; will man 200 Millionen, so kann, abgesehen von allem übrigen, unter Umständen das Tabakmonopol doch die geeignetste Form sein. Das wollen die Herren aber nicht, sie wollen diese hohe Ziffer nicht, weder im Monopol noch in anderer Form. Es ist ja bei uns eigenthümlich, daß, wenn ein Minister abgeht, derselbe nicht wie in England vor der Oeffentlichkeit die Gründe darlegt, warum er den Abschied nimmt; ebenso wenig ist es der Fall, daß, wenn ein neuer Minister kommt, dieser vor dem Hause auseinandersetzt, warum er eigentlich Minister geworden ist. Nun aber die abgehenden Minister verfehlen doch nicht, in der ihnen nahe stehenden Presse Andeutungen zu geben. So ist in der dem Minister Camphausen nahe stehenden Presse verlautet, daß er seinen Abschied zuletzt genommen hat, weil der Reichskanzler an ihn das Ansinnen gestellt hat, er solle 200 Millionen Mark neue Steuern beschaffen, sei es Tabaksteuer oder in anderer Form.

Nun möchte ich einmal von dem Herrn Minister Hobrecht wissen, ob er das auch nicht will oder ob er das will, wie der Reichskanzler dies beabsichtigt. Das zu erfahren, damit würden wir doch erst einmal einen festen Punkt bekommen. Diese allgemeinen Redensarten in solchen Fragen führen uns der Sache absolut um nichts näher. Die offiziöse Presse hat freilich gesagt, Camphausen sei abgegangen nach seiner parlamentarischen Stellung. Ja, meine Herren, das ist aber nicht das letztentscheidende Moment gewesen, konnte es auch nicht sein; gerade weil die offiziöse Presse es gesagt hat, glaube ich, daß das Gegentheil wahr ist.

(Hört! — Heiterkeit.)

Nun muß ich sagen, der Herr Minister Hobrecht hat neulich und heute sich so in allgemeinen Redewendungen bewegt, daß wirklich, wenn man eine Prämie darauf setzte, in dieser Frage die eigenen Gedanken zu verschweigen, man nicht anders hätte sprechen können. Wir sind auch nicht ein Haar breit klüger geworden nach den beiden Reden, als wir vorher gewesen. Ich glaube auch, daß die Tabakinteressenten, die der Herr Minister die Güte gehabt hat persönlich zu empfangen, auch um kein Haar breit klüger gewesen sind beim Weggange als wie sie gekommen sind. Das mag eine für einen Diplomaten ganz empfehlenswerthe Sprechweise sein, aber bei einem Finanzminister ist es mir doch zweifelhaft, ob das einen Eindruck hervorbringen kann. Das Einzige, was in den heutigen Verhandlungen greifbar zu erkennen war, war eine Andeutung der Ueberlassung der Grund- und Gebäudesteuer — so habe ich verstanden — zu einem namhaften Theil an die Kommunen, und dann Befreiung der unteren Klassen von der Klassensteuer und Verbesserung der Einschätzung in der Klassen- und Kommunalsteuer überhaupt.

Nun, meine Herren, habe ich bereits neulich dargelegt, daß, wenn man die ganze Grund- und Gebäudesteuer den Städten überwiese, — es würde dasselbe Verhältniß auch für Ueberweisung eines Theils gelten, — die Städte, wenn sie davon 15 Millionen gewinnen, 36 Millionen an indirekten Steuern mehr zur Deckung des Ersatzes für den Staat aufzubringen hätten. Wie man nun gerade das den Städten, die anerkannt heute vielfach in finanziell schwieriger Lage sind, als eine Erleichterung darstellen kann, das ist mir nicht verständlich; es wird also mehr als das doppelte der Steuer gerade in den Städten aufgebracht werden müssen, und das soll nun ausgeglichen werden dadurch, daß diese Aufbringung nicht in Form der direkten Steuern, sondern in Form der indirekten Steuern stattfindet. Meine Herren, das möchte ich aber bei dieser Gelegenheit noch einmal betonen, von der Ueberweisung der Grund- und Gebäudesteuer allein kann nach der Gerechtigkeit überhaupt nimmer die Rede sein; dann muß die Gewerbesteuer auch mitüberwiesen werden, denn die Grundsteuer stellt zugleich die Gewerbesteuer des landwirthschaftlichen Betriebs dar. Darüber ist man bisher doch im Finanzministerium einig gewesen. Dann die Befreiung der unteren Klassen! Glaubt Herr Hobrecht denn im Ernst, daß die Kommunen die unteren Klassen für ihren Haushalt von der Klassensteuer auch befreien können? Damit würden die Kommunen, abgesehen von Berlin vielleicht, wo man eine Miethsteuer hat, auch die unteren Klassen absolut dem Bankerott entgegengehen. Die Kommunen können jetzt am wenigsten, wo zu Gunsten der unteren Klassen so große Ansprüche an den Kommunalhaushalt gemacht werden, wo sie das Schulgeld aufheben, die unteren Klassen von der Klassensteuer befreien, selbst wenn man im Staate das könnte. Ich muß daher sagen vom kommunalen Standpunkte: Gott behüte die Kommunen vor denjenigen, welche sich als ihre Freunde bezeichnen. Wenn die Kommunen aber nicht bei den unteren Klassen auf die Steuer verzichten können, dann bleibt das Einschätzungswerk genau dasselbe; die Einschätzung ist dieselbe für die Kommunen wie für den Staat. Was die bessere Einschätzung der oberen Klassen anlangt, ja, meine Herren, darüber. sind wir längst einig gewesen im preußischen Landtage, daß die erstrebenswerth ist. Warum ist aber bis jetzt die Reform nicht erfolgt? Weil die Quotisirung uns fehlte, und weil ohne die Quotisirung eine verstärkte Befugniß der Steuerbehörde bei der Einschätzung nur zu einer fortgesetzten Steuerschraube führt. Geben Sie uns die Quotisirung der  Einkommensteuer, dann sind wir sofort dabei, stärkere Befugnisse für die Einschätzung des einzelnen zu geben; aber ohne dieselbe wird auch Herr Hobrecht so wenig wie die Reihe seiner Vorgänger das erreichen. Es kommt immer alles auf die Quotisirungsfrage zurück, wir bewegen uns in einem Zirkel, wir haben keine Aussicht, aus demselben herauszukommen. — Meine Herren, wenn das nun feststeht, daß die nationalliberale Partei und das Ministerium in Bezug auf den Ertrag, den man durch eine Tabaksteuer erreichen will, gar nicht einig sind, wenn die Regierung den Gedanken . heute noch nicht aufgibt, 200 Millionen Mark oder eine ähnliche Summe aus der Tabaksteuer zu gewinnen, so liegt die Gefahr nahe, daß die Enquete benutzt wird, um Bestrebungen zu begünstigen, die von Seiten unserer Nachbarn nicht getheilt werden. Es kommt von selbst dazu, daß man diejenige Besteuerungsform bei der Enquete in den Vordergrund wird treten lassen, die es ermöglicht, die stärkste Steuer aus dem Tabak zu gewinnen, — mag es nun gleich sein oder erst in einem späteren Stadium, daß die volle Konsequenz gezogen wird, wenn man hofft eine Majorität dafür zu erhalten. Wenn das aber auch nicht wäre, so ist doch eine derartige Enquete nicht geeignet, die wirklichen Verhältnisse klar zu stellen, die Wahrheit, um mich so auszudrücken, an den Tag zu bringen. Wenn man aber gleichwohl eine solche Enquete bewilligt auch in der Form der Stauffenbergschen Anträge unter Streichung der § 2 bis 9, so gibt man doch dem Gegner eine gewisse Präsumtion dafür, daß man später das Resultat der Enquete als Wahrheit anerkennt.

(Ruf: Nein!)

Andererseits liegt doch die Aufforderung nahe, daß man die Enquete anders gestaltet. Ist es denn, wenn der Stauffenbergsche Antrag angenommen wird, wirklich das Muster einer Enquete? Wir haben ja viele Enqueten gehabt; dabei ist für die einzelnen Fragen sehr wenig herausgekommen, dafür aber im ganzen das Resultat, daß alle bisherigen Enqueten gezeigt haben, wie man Enqueten nicht machen soll. Nun kann ich mir kein verfänglicheres Gebiet für eine Enquete denken, als gerade das Steuergebiet; nirgends ist die Regierung mehr Partei als hier, und, hier sollen wir die Enquete in die Hände der Regierung legen. Es ist das gerade so, als wenn ich den Kauflustigen in Betreff eines gewissen Grundstücks dafür bestellen wollte, unparteiisch zu schätzen, was das Grundstück werth ist. Es müßte gerade hier, wenn die Enquete ein allgemein anerkanntes Resultat fördern soll, eine parlamentarische Betheiligung stattfinden, es müßte nicht nur eine parlamentarische Betheiligung durch einige Mitglieder stattfinden, sondern jeder Standpunkt in diesem hohen Hause müßte vertreten sein in einer solchen Enquetekommisston, jeder einzelne müßte Fragen stellen können, jeder einzelne müßte die Zuziehung von Sachverständigen verlangen können. Nur dann ist eine gewisse Bürgschaft vorhanden, daß überhaupt aus dieser Enquete etwas herauskommt, was der Wahrheit entspricht. Wie die Sache jetzt liegt, mache ich mich anheischig, mit denselben Mitteln, mit welchen bisher gewöhnlich die Enqueten gemacht wurden, eine Enquete zu veranstalten, wo das gerade Gegentheil herauskommt von der Enquete der Regierung.

Nun sagt man, man will Sachverständige. Das gibt der Enquete aber nur ein Relief, ohne daß man Garantien dafür gewonnen hat, daß die Enquete das Relief verdient. Es kommt darauf an, wen man als Sachverständigen auswählt und beizieht. Ich kann für jede Ansicht aus diesem Hause Sachverständige bringen, von der Rechten bis zur äußersten Linken, und wenn ich diese Sachverständigen zu wählen habe, so kann ich jede Ansicht mit solchen beweisen. Es kommt auch darauf an, wie man die Sachverständigen frägt. Bei der bekannten Eisenbahnenquete in Preußen, die eigentlich noch am gründlichsten behandelt wurde, ist doch der Mangel gewesen, daß diejenigen, welche die Sachverständigen befrugen, in Bezug auf die Eisenbahngesetzgebung eine einseitige Richtung vertraten. Daß nicht verschiedene Richtungen   unter den parlamentarischen Mitgliedern vertreten waren, dadurch hat — ich habe die Protokolle sehr sorgfältig studirt — die Enquete nicht das Resultat hervorgebracht, was sonst der Fall hätte sein können. Die Sachverständigen schweigen ohnedem nicht, und wir bekommen täglich neue Brochüren, in welchen jeder zwanglos ausplaudert, was er am Herzen hat, und das ist mir schließlich noch mehr werth als eine einseitige Fragestellung an die Sachverständigen. Die Sachverständigen müßten außerdem bei einer Enquete unter einer gewissen Verantwortung sprechen und nicht bloß als reine Interessenten, die ihren Interessenstandpunkt wahren.

Es ist das Amendement gestellt worden, das Wort “statistisch” zu streichen. Meine Herren, ich erblicke in dem Wort “statistisch” einen Verzug, denn in dem Wort “statistisch” wird die Enquete beschränkt auf die ziffermäßige Erhebung; in Bezug auf die Zählung kann ich zur Regierung mehr Vertrauen haben, als in Bezug auf Untersuchungen und Erhebungen. Bei den Erhebungen im allgemeinen handelt es sich um Feststellung thatsächlicher Verhältnisse, die sich auch nicht ziffermäßig darstellen lassen, und dabei kann der einseitige Standpunkt derer, welche die Enquete leiten, vielmehr zur Geltung kommen, als bei der bloßen Zählung; und nun gar bei Untersuchungen handelt es sich um Schlußfolgerungen, um logische Verwerthung des thatsächlichen Materials, da hat die Einseitigkeit erst recht Spielraum, sich geltend zu machen.

Was die statistischen Erhebungen an sich betrifft, so hat die Regierung selbst anerkannt, über den Tabakbau brauche sie überhaupt keine, und das ist richtig; sehen wir doch unsere statistischen Vierteljahrheste an: jedes Jahr werden 30 Quartseiten statistischer Erhebungen über den Tabakbau veröffentlicht, von jedem Regierungsbezirk wird angegeben, wie viel gebaut wird, wie viel steuerfrei ist, auf welchen Flächen, wie viel geerntet wird und wie viel die Ernte werth ist, — ja, kann man überhaupt mehr untersuchen?

Was die übrige Statistik in Bezug auf die Tabakindustrie betrifft, so ist die Gewerbezählung meines Erachtens noch viel zu gering geschätzt worden in Bezug auf ihren statistischen Werth in dieser Richtung. Was dann noch übrig bleibt, was noch statistisch festgestellt werden kann, das ist zu geringfügig, dazu braucht man nicht ein besonderes Gesetz, das kann man aus dem gewöhnlichen Dispositionsfonds bestreiten. Der Unterschied ist ja aber immer, daß wir ein besonderes Votum geben sollen für die Tabaksteuer. Wenn sonst die Regierung eine Enquete für Eisenzölle, Baumwolle u. s. w. will, ja da verlangt sie kein besonderes Votum von uns; das wird sie ohnedem thun, und wir behalten uns dann volle freie Beurtheilung vor des Werths der Enquete, der Methode der Enquete, sind in keiner Weise durch eine solche Enquete gebunden, aber immer erwächst doch aus der Annahme solcher Enquete — es fällt mir ja nicht ein, die Sache übertreiben zu wollen, indeß eine gewisse taktische Behinderung kann daraus erwachsen für die spätere künftige Stellung in dieser Frage; und ich meine, meine Herren, wenn dies auch nur entfernt der Fall ist, so ist die politische Situation am wenigsten geeignet, sich auf solche Dinge auch nur entfernt einzulassen.

Es fällt mir nicht ein, heute wieder die Debatte auf die allgemein politische Situation zu führen, um so weniger, als der Herr Freiherr von Stauffenberg im letzten Theil seiner Rede sie neulich so ausgezeichnet klar gestellt hat, wie es besser nicht geschehen kann. Es besteht ein Plan, dem deutschen Volk sehr viel mehr neue Steuern aufzulegen und weil man dafür die politische Mehrheit nicht gewinnen kann, darum sucht man interessirte Kreise durch Schutzzölle zu erkaufen, daß sie für diese Besteuerung des Volks ihr Votum mit in die Wagschaale legen, und dadurch eine Mehrheit zu Stande bringen. Das deutsche Volk soll nach zwei Seiten hin mehr belastet werden, einmal in der Gestalt von Schutzzöllen und zweitens durch mehr Steuern in die Reichskasse. Das ist der ganz augenscheinlich vorliegende Plan. Ich bin allerdings der Ansicht, reichsfeindlicheres als dieser Plan ist überhaupt niemals etwas geplant worden, das Sonderinteresse hier hineinzutragen in die politischen Parteien, sie zu sprengen und auf Grund des divide et impera. eine große Majorität zu bilden, die als persönliche Gefolgschaft dann über die Dinge hier weiter entscheidet; ja wir sind nicht sicher, daß nicht in diesem Augenblick nach einer anderen Richtung etwas gegen die Mehrheit des Reichstags geplant wird, was zwar nicht unmittelbar mit der Steuervorlage zusammenhängt, aber doch in der Gesammtrichtung derselben Politik liegt. Ja da muß ich sagen, in einer solchen Zeitlage möchte ich ohne jede scharfe Betonung auch unseren Nachbarn zurufen: die Herren mögen sehen, daß der Staat nicht Schaden nimmt, und alles auch entfernt vermeiden, was irgend als Stützpunkt betrachtet werden könnte zur weiteren Verfolgung der politischen Pläne. Wir werden daher dabei bleiben und einfach gegen die Enquetevorlage stimmen.

(Bravo! links.)

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Die erste Session 1878 (Teil 4)

Eugen Richter: Im Alten Reichstag, Zweiter Band, 1896, S.59-63.

[Fortsetzung von Die erste Session 1878 (Teil 1), (Teil 2) und (Teil 3)]

Eine vereitelte Seefahrt.

Anfangs April projektierte Marineminister v. Stosch wiederum wie zuletzt im Jahre 1873 einen Ausflug des Reichstages zur Besichtigung der Marine. Diesmal sollte es nach Kiel gehen zur Taufe des neuen Panzerschiffes “Bavaria”. Über Lübeck sollte die Hinreise und über Wismar die Rückreise stattfinden mit Festlichkeiten, welche die freie Stadt Lübeck bezw. der Großherzog von Mecklenburg zu veranstalten beabsichtigten. Aber dem Reichskanzler paßte der Plan in keiner Weise. Vor Jahresfrist hatte er vergeblich den Marineminister v. Stosch zu stürzen versucht. Eine neue Anfreundung desselben mit dem Reichstag konnte dem Fürsten Bismarck nicht behagen. Auch paßte der ganze Plan nicht in das gespannte Verhältnis, in welches die letzten Vorgänge den Fürsten Bismarck zu der Reichstagsmehrheit, darunter auch zu den Nationalliberalen, gebracht hatten.

In einer seiner Eigenart entsprechenden Weise brachte Fürst Bismarck den Plan zum Scheitern. Er ließ die Einladung an den Reichstag durch den Marineminister in eine Form kleiden, welche dem Reichstag die Annahme unmöglich machte. Es wurde nämlich in der Einladung zugleich darauf hingewiesen, daß die Reise des Reichstags eine sich auf 15 000 Mk. belaufende Etatsüberschreitung veranlassen werde. Es war also eine Einladung, bei der man gewissermaßen zugleich die Hotelrechnung im voraus überreichte. Präsident v. Forckenbeck gab am Schlusse der Sitzung vom 12. April von der Einladung Kenntnis, indem er zugleich den Beschluß des Gesamtvorstandes mitteilte, bei der schwierigen Lage der Geschäfte auf die Reise in Corpora zu verzichten und der Einladung nur Folge zu geben durch eine Deputation, bestehend aus dem Präsidenten, zwei Schriftführern und 14 Mitgliedern.

Tabaksteuerenquete.

Der erste Gesetzentwurf, welcher nach der Neubesetzung des Finanzministeriums dem Reichstag vorgelegt wurde, betraf statistische Erhebungen über die Tabakfabrikation und den Tabakhandel. Der Gesetzentwurf bezweckte die Vorbereitung einer Vorlage, welche, je nach dem Ergebnis der Ermittelungen, entweder die Einführung des Tabakmonopols oder eine annähernd gleichen Ertrag wie das Monopol versprechende Besteuerung ergeben sollte. Der Gesetzentwurf begründete weitgehende Verpflichtungen der Gewerbetreibenden zu Mitteilungen. Die Enquetebeamten sollten die Betriebsräume, die Vorräte besichtigen und selbst Einsicht in die Geschäftsbücher nehmen dürfen. Die Nationalliberalen hatten in der Tabaksteuerfrage den Minister Camphausen übertrumpfen wollen. Nun übertrumpfte Fürst Bismarck mit dem Plan, welchen die Vorlage entrollte, wiederum die Nationalliberalen.

Nach allen Vorkommnissen der letzten Zeit hätte man annehmen müssen, daß die nationalliberale Partei diese Vorlage rundweg ablehnen würde. Sie beschränkte sich aber darauf, in einer Fraktionssitzung am 11. April zu beschließen, unter Ablehnung aller Zwangsbefugnisse für die Beamten der Enquete, in dem Gesetz einen Betrag von 200 000 Mk. zu bewilligen zur Veranstaltung von Erhebungen über Tabakfabrikation und Tabakhandel unter Zuziehung von Sachverständigen. Wir in der Fortschrittspartei lehnten ebenso wie die Centrumspartei die Vorlage rundweg ab. Wenn man nicht mit der Richtung und den Zielen einer Finanzpolitik übereinstimrnt, so muß man sich hüten, Mittel zu bewilligen, welche zu einer Politik in entgegengesetzter Richtung führen können. Ich vertrat in der Reichstagssitzung am 17. Mai in längerer Ausführung unseren ablehnenden Standpunkt und skizzierte dabei auch die politische Situation im allgemeinen dahin:

“Es besteht ein Plan, dem deutschen Volke sehr viel mehr neue Steuern aufzuerlegen, und weil man dafür die politische Mehrheit nicht gewinnen kann, darum sucht man interessierte Kreise durch Schutzzölle zu erkaufen, damit sie für diese Besteuerung des Volkes ihr Votum mit in die Wagschale legen und dadurch eine Mehrheit zu stande bringen. Das Volk soll nach zwei Seiten hin mehr belastet werden, einmal in der Gestalt von Schutzzöllen und zweitens durch mehr Steuern in die Reichskasse. Etwas reichsfeindlicheres als dieser Plan ist niemals geplant worden, das Sonderinteresse hier hineinzutragen in die politischen Parteien, sie zu sprengen und auf Grund des Divide et impera eine große Majorität zu bilden, die als persönliche Gefolgschaft dann über die Dinge hier weiter entscheidet. Ja wir sind nicht sicher, daß nicht in diesem Augenblick nach einer anderen Richtung etwas gegen die Mehrheit des Reichstages geplant wird, was zwar nicht unmittelbar mit der Steuervorlage zusammenhängt, aber doch in der Gesamtrichtung derselben Politik liegt.”

Alsbald haben die Ereignisse das Zutreffende dieser Schilderung der politischen Situation nur allzusehr bestätigt.

Das Attentat Hödels.

Als derart über die Tabaksteuerenquete entschieden wurde, war schon einige Tage vorher, am 11. Mai, das Attentat Hödels unter den Linden auf Kaiser Wilhelm I. erfolgt. Hödel, ein sozialdemokratischer Klempnergeselle, war ein moralisch gänzlich verkommener Mensch, der sich in sozialdemokratischen Kreisen Leipzigs bewegt hatte, von der Partei förmlich ausgestoßen worden war, sich alsdann dem christlich-sozialen Verein Stöckers in Berlin zugewandt hatte (dessen eingeschriebenes Mitglied er wurde) und offenbar aus wahnsinniger Großmannssucht zu der That gelangt war. Für irgend welche Mitschuldigen hat die Untersuchung keinerlei Anhalt ergeben. Ich selbst stand im Reichstag zufällig in der Nähe von Sozialdemokraten, als die erste Nachricht über das Attentat in den Sitzungssaal gelangte und war Zeuge des Schreckens, welcher sich auf sozialdemokratischer Seite sofort über die möglichen Folgen dieses Attentates von seiten einer als Sozialisten bezeichneten Persönlichkeit kundgab.

Vorlegung eines Sozialistengesetzes.

Fürst Bismarck befand sich zur Zeit des Attentats in Varzin. Er gab von dort sofort Ordre, ein Gesetz gegen die Sozialisten auszuarbeiten. Dasselbe passierte so rasch den Bundesrat, daß es schon am 20. Mai dem Reichstage vorgelegt werden konnte. Der Gesetzentwurf gab dem Bundesrat Vollmacht, Drucksachen und Vereine, welche die Ziele der Sozialdemokratie verfolgen, zu verbieten, vorbehaltlich der Aufhebung des Verbots durch den Reichstag bei dem nächsten Zusammentritt. Vereine und Versammlungen, welche solche Ziele verfolgten, sollten aufgelöst werden können. Wer öffentlich in Verfolgung der sozialdemokratischen Ziele die bestehende rechtliche oder sittliche Ordnung untergräbt, soll mit Gefängnis nicht unter drei Monaten bestraft werden.

Der nationalliberale Abg. Stephani bemerkt in seinem Tagebuch zu dem Inhalt dieses Gesetzentwurfes: “Die Vorlage ist angeblich gegen die Sozialdemokraten, in Wahrheit gegen die Nationalliberalen gerichtet.” — Unter den Nationalliberalen herrschte auch sonst die Empfindung vor, als sollte die Partei bei dieser Gelegenheit nach einem damals vielgebrauchten Wort “an die Wand gedrückt werden.” Abg. Hölder schrieb in sein Tagebuch, daß solche reaktionären Gesetze, welche gegen die Sozialdemokratie erlassen werden, schließlich gegen jede oppositionelle Regung verwendet werden können. Dem Kaiser kleben aber seine alten Anschauungen an, die das Heil von Polizeiverordnungen erwarten. Bereits am 23. und 24. Mai kam das Gesetz im Reichstag zur Verhandlung. Fürst Bismarck war in dieser ganzen Zeit in Berlin nicht anwesend. Das Gesetz wurde mit 251 gegen 57 Stimmen abgelehnt. Für dasselbe traten nur die Konservativen ein. Abg. v. Bennigsen sprach in einer vortrefflichen Rede gegen das Gesetz. Zum erstenmal gebrauchte derselbe in seiner Rede scharfe Wendungen gegen den Ministertisch. Maßregeln gegen die Sozialdemokratie müßten in ruhiger Erwägung und Überlegung aller Verhältnisse getroffen werden. Eine solche Gesetzgebung ab irato müsse mit dem bleiernen Gewicht eines jeden Ausnahmegesetzes gerade den Gesundungsprozeß unterbrechen, welcher sich geltend zu machen beginnt unter dem Eindruck der Attentate in der Masse auf dem Gebiet der verirrten Leidenschaften. Die Regierung habe sehr vieles nicht gethan, wozu sie in der Bekämpfung manchen groben Unfugs der Sozialdemokratie nach der bisherigen Gesetzgebung vollkommen berechtigt gewesen wäre. Seit Bestehen der Verfassung im deutschen Reich und im preußischen Staat sind die Dinge nicht so schwankend und unsicher gewesen wie gegenwärtig; in Preußen ist die Ministerkrisis in Permanenz. Minister Falk habe seine Entlassung eingereicht, weil seine Stellung schon seit längerer Zeit erschüttert ist. Das Maß von Agitationskraft, welches im vorliegenden Gesetz liegt, überwiegt bei weitem, was etwa der sozialdemokratischen Agitation im Einzelnen durch das Gesetz entzogen werden kann. Die Regierung möge im Herbst mit einer Vorlage kommen, welche die bürgerliche Freiheit mit gesetzlicher Ordnung und fester Autorität auf dem Boden des gemeinsamen Rechts im öffentlichen Leben für alle Klassen vereinigt.

In derselben Sitzung kam auch ich zum Wort als Redner der Fortschrittspartei und schilderte historisch die ganze Art und Weise, wie Fürst Bismarck mit der sozialdemokratischen Bewegung zuerst gespielt, um dieselbe gegen die Fortschrittspartei auszunutzen. Noch 1876 hat der Minister des Innern, Graf Fritz zu Eulenburg, im Abgeordnetenhause gesagt: man habe die sozialdemokratische Bewegung eine Zeit lang gehen lassen, damit die Welt sähe, was es damit für eine Bewandtnis habe. Ich schilderte die Unterstützung der schlesischen Weber im Waldenburger Kreise im Jahre 1865 durch den Fürsten Bismarck zur Begründung einer Produktivgenossenschaft nach Lassalleschem Muster, das Verhältnis zu Herrn v. Schweitzer, der bis zum Jahre 1872 als Präsident des sozialistischen Arbeitervereins in Berlin unter radikaler Maske als Regierungsagent unterhalten wurde; ich schilderte die Art, wie unter Zulassung des Ministers des Innern in Berlin seit 1869 Versammlungen der Fortschrittspartei durch die Sozialdemokratie gewaltsam gesprengt wurden. Während nach dem Attentat die Sozialisten isoliert waren gegenüber allen anderen Parteien, wird jetzt umgekehrt durch das Gesetz die Einigkeit der anderen Parteien gestört; die Sozialisten treten in den Hintergrund, weil die Aufmerksamkeit in erster Linie abgelenkt wird auf diese Gesetzesvorlage. Nichts habe so sehr die Autorität der Regierung geschädigt, wie das Verhalten des Fürsten Bismarck in dieser Session gegen die einzelnen Minister und gegen die Parteien. Fürst Bismarck war auch bei diesen Verhandlungen über das Sozialistengesetz von Berlin fern geblieben. Am Tage der Ablehnung des Sozialistengesetzes wurde die Session in üblicher Weise geschlossen, indem der Präsident des Reichskanzleramts Hofmann im Namen des Kaisers und der Regierungen dem Reichstag dankte “für den Eifer und die Ausdauer, womit sich derselbe in dieser langen und anstrengenden Session den Arbeiten gewidmet habe.”

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Ken Stern: With Charity for All

Amerikaner spenden viel mehr als Deutsche, pro Kopf über 800 Dollar im Jahr und damit etwa zehnmal so viel wie hierzulande. Das Geld geht an nicht weniger als 1,1 Millionen Charities, denen zudem noch hohe Beträge von staatlicher Seite zufließen. Wohltätige Aktivitäten machen insgesamt etwa 10% der gesamten wirtschaftlichen Leistung der USA aus.

Ken Stern kennt den Sektor aus der Innenansicht. Er war von 1999 bis 2008 Executive Vice President und dann CEO von National Public Radio, einer Art öffentlich-rechtlichem Radio allerdings mit einem anderen Finanzierungsmodell als in Deutschland. Nur zu einem geringen Teil fließen Gelder vom Staat, den größten Teil machen Erträge aus dem Stiftungsvermögen, Einnahmen aus den produzierten Programmen und durch Spenden aus. Nicht ohne Stolz schildert Stern, wie NPR die größte Spende seiner Geschichte, 200 Millionen Dollar, von der Witwe des McDonald’s-Gründers Joan Kroc erhielt.

Trotz der beeindruckenden Zahlen liegt im wohltätigen Bereich allerdings einiges im Argen. Als Einstieg schildert Ken Stern in seinem Buch “With Charity for All” die jämmerlichen Leistungen der Hilfsorganisationen nach dem Hurrican Katrina. Als wirklich schlagfertig erwies sich nur Walmart mit seiner hervorragenden logistischen Infrastruktur. Die Hilfsorganisationen hatten hingegen in ihre eigene viel zu wenig investiert. Als einen Grund hierfür macht Stern mangelnde Professionalität aus, aber auch die oft erhobene Forderung, wohltätige Organisationen sollten möglichst viel Geld durchleiten und wenig Overhead haben, womit längerfristige Investitionen als nicht erwünscht erscheinen.

Ein anderes Problem stellt Ken Stern anhand von Organisationen dar, die Brunnen in der dritten Welt bohren. Dies ist ein Ziel, das vielen Spendern sofort einleuchtet und sich auch schön in ergreifende Geschichten packen läßt. Allerdings ist mit dem Bohren der Brunnen nicht viel geholfen, wenn für deren Betrieb auf Dauer keine Mittel und personelle Ausstattung bereitgestellt werden. Dafür haben Spender dann aber wenig übrig, sodaß Hilfsorganisationen entsprechend inaktiv bleiben.

Ein weiteres Manko des Bereiches ist die Orientierung vieler Spender auf ihr eigenes gutes Gefühl, etwas zu tun, aber gleichzeitig geringes Interesse daran, ob wirklich etwas in ihrem Sinne bewirkt wurde. Während die Erfolge profitorientierter Unternehmen von Hunderttausenden von Analysten beobachtet und überprüft werden, gibt es für den wohltätigen Bereich weniger als hundert solche Analysten. Viele Spender, aber noch mehr viele von ihnen geförderten Organisationen halten eine Überprüfung der Ergebnisse nicht für notwendig. Das gute Gefühl muß einfach reichen.

Ken Stern beschreibt etwa den Fall eines umfangreichen Programms, bei dem Polizisten in die Schulen geschickt werden, um die Schüler über die Gefahren von Drogen aufzuklären. Das Programm erreichte landesweite Dimensionen und erhielt massive staatliche Zuwendungen, bis seine Wirkung in einer wissenschaftlichen Studie überprüft wurde. Das Ergebnis war ernüchternd. Kinder, die dem Programm ausgesetzt waren, nahmen später durchaus nicht seltener Drogen. Im Gegenteil: gerade in den Vorstädten wirkte es sogar als Informationsveranstaltung für Drogen und erhöhte den Drogengebrauch. Trotz dieser Ergebnisse wurde das Programm weitergeführt.

Mangelnde Kontrolle durch die Spender und innerhalb der Organisationen führt fast zwangsläufig zu einer Reihe weitere Mißstände. Ken Stern stellt so etwa diverse Beispiele von Betrug, Korruption und Unterschlagung zusammen. In anderen Fällen stehlen die Angestellten aus dem Spendenaufkommen, in wieder anderen sind die Arrangements so ausgestaltet, daß die Betreiber der Charities die eigentlichen Profiteure sind, etwa über üppige Dienstreisen und Golftouren.

Da Charities steuerfrei agieren, verwandeln sich viele über die Zeit in ganz normale, nur steuerlich begünstigte Unternehmen. So firmierte etwa die New York Stock Exchange lange Zeit als wohltätige Organisation. Ausführlich geht Ken Stern dann wohltätige Krankenhäuser durch, die häufiger profitabel sind als ihre profitorientierten Konkurrenten, die Steuern zahlen müssen. Als Vorwand gilt dabei, daß wohltätige Krankenhäuser auch Leistungen an Arme verschenken. Tatsächlich betrifft das aber nur etwa 1,5 % aller Leistungen und in etwa so viel, wie auch profitorientierte Krankenhäuser verschenken.

Doch das Buch ist nicht nur eine vernichtende Kritik, sondern zeigt auch Wege auf, die Situation zu verbessern. Ken Stern steht den Demokraten nahe, was sich etwas in seinen Vorschlägen niederschlägt, auch wenn er ansonsten nicht als Parteigänger argumentiert. So wünscht er sich eine bessere Aufsicht über die Charities. Tatsächlich ist eine solche fast nicht vorhanden. Eine Charity läßt sich durch Ausfüllen von ein paar Formularen gründen. Ob sie die gesteckten Ziele wirklich verfolgt, wird meist nie wieder geprüft. Sporadische Kontrollen decken betrügerische Aktivitäten höchstens per Zufall auf.

Interessanter erscheinen die Vorschläge, den wohltätigen Sektor von der Nachfrageseite auf Trab zu bringen, nämlich wenn Spender darauf dringen, daß Ergebnisse auch wirklich erzielt werden. Hier stellt Ken Stern einige erfreuliche Beispiele vor, wie gut geführte Charities von sich aus für Transparenz sorgen können und auch bereit sind, aus eingefahrenen Wegen auszubrechen, wenn diese sich als falsch erwiesen haben. Da der einzelne Spender, selbst der große Spender nicht in der Lage ist, die vielen Organisationen zu sichten und zu werten, braucht es hier aber auch professionelle Dienstleister, die diese Aufgaben übernehmen. So wird etwa der Ansatz von GiveWell dargestellt und zurecht gelobt.

Eine weiterführende Frage, die Ken Stern nicht angeht, ist die, warum überhaupt zwischen nichtprofitorientierten und profitorientierten Unternehmen unterschieden wird und von staatlicher Seite die ersteren bevorzugt behandelt werden. Dahinter steckt wohl die Vermutung, daß Profit sich mit Wohltätigkeit ausschließt. Doch warum sollte es nicht angehen, daß ein Unternehmen gerade daraus seinen Profit zieht, daß es auf besonders effiziente Weise die Mittel der Spender in überprüfbare Resultate überführt? Und warum sollte ein anderes Unternehmen bevorzugt werden, das dies schlechter leistet, weil es unprofessionell arbeitet oder sich nicht um die Wirkung seiner Arbeit kümmert, dafür aber dem Profit abgeschworen hat?

Anstatt hier bestimmte Unternehmen zu begünstigen, sollten diese gleich behandelt werden, und, wenn es schon um Steuernachlasse geht, diese auf der Spenderseite anfallen. Die Vielzahl der Spender leistet, wie Ken Stern darlegt, noch zu wenig an Kontrolle und legt oft unsinnigen Kriterien an, doch würde sie erheblich mehr leisten können als ein paar mehr überwachende Beamte. Eine transparente Konkurrenz der Anbieter wäre zudem heilsam, und bei einer Profitorientierung würden diese auch zwanglos in das Visier der vielen Analysten geraten.

Ken Sterns Buch ist spannend geschrieben. Die politische Einstellung des Autors bleibt im Hintergrund. Sehr ausgewogen werden sowohl Steckenpferde von republikanischer als auch demokratischer Seite abgeschlachtet. Teilweise ist Ken Sterns Innenansicht von NPR interessant, allerdings bleibt je nachdem auch etwas der Eindruck, daß er hier seine eigene Leistung herausstellen und mit den Verhältnissen bei NPR abrechnen möchte. Das ist aber eher eine kleine Kritik am Rande.

Insgesamt zeigt das Buch, daß die Amerikaner nicht nur gerne und viel spenden, sondern auf Dauer wohl auch besser spenden werden. Eine ähnliche Diskussion gibt es in Deutschland noch gar nicht. Wohl nicht von ungefähr sucht man einschlägige Stichworte wie “Effective Giving” oder “High impact philanthropy” in der deutschen Wikipedia vergeblich.

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Die erste Session 1878 (Teil 3)

Eugen Richter: Im Alten Reichstag, Zweiter Band, 1896, S.53-59.

[Fortsetzung von Die erste Session 1878 (Teil 1) und Die erste Session 1878 (Teil 2)]

Hobrecht wird Finanzminister.

Zugleich mit der Änderung im Eisenbahnministerium wurde auch das durch den Rücktritt Camphausens erledigte Finanzministerium neu besetzt. Der Oberbürgermeister von Berlin, Hobrecht, wurde Finanzminister. Man erzählte damals, daß Fürst Bismarck vor Hobrecht nicht weniger als neun Personen um die Übernahme des Portefeuilles des preußischen Finanzministeriums ersucht habe. Unter anderen wurden genannt: die Minister Friedenthal und Achenbach, Graf Henckel von Donnersmarck, Generalsteuerdirektor Burghart: auch der Regierungspräsident Hoffmann in Aachen, zur Zeit Präsident der Staatsschuldenverwaltung, soll in Frage gekommen sein. Hoffmann war früher im Finanzministerium lange Zeit die rechte Hand Camphausens. Als Hoffmann aber zu Verhandlungen wegen Übernahme des Portefeuilles nach Berlin gekommen war, soll Fürst Bismarck gesagt haben, er hätte nicht diesen, sondern einen anderen Hoffmann gemeint, den er nicht näher anzugeben wußte. Auf einer Soiree bei Hofe wurde noch am 23. März Generalpostmeister Stephan mit Sicherheit als der künftige Finanzminister bezeichnet.

Tags darauf erfuhr man, daß der Oberbürgermeister von Berlin, Hobrecht, dazu bestimmt sei. Hobrecht selbst soll nicht wenig erstaunt gewesen sein, als ihn eines Abends der Adlatus des Fürsten Bismarck, Geheimrat v. Tiedemann, in einer Weinwirtschaft aufsuchte, wo er häufig zu verkehren pflegte, und ihm demnächst das Anerbieten seines Chefs mitteilte. Als Hobrecht wenige Jahre vorher die Oberbürgermeisterstelle in Berlin übernahm, äußerte er gegenüber den Magistratsmitgliedern, die Finanzen seien derjenige Teil der Verwaltung, von welchem er am wenigsten verstehe. In der That ist er auch in der Kommunalverwaltung Berlins auf dem finanziellen Gebiet durchweg der Initiative des Kämmerers Runge gefolgt. Ich erinnere mich nicht, während der Zeit, als ich 1876 und 1877 Stadtverordneter war, von Herrn Hobrecht in Finanzfragen jemals eine selbständige Ansicht äußern gehört zu haben, so sehr derselbe sich sonst auch in allen Verwaltungszweigen bewandert zeigte.

Als am 24. März die Nachricht von der Designation Hobrechts zum Finanzminister aus der Magistratssitzung in das Abgeordnetenhaus kam, stand ich zufällig neben Lasker. Lasker war nicht weniger überrascht als wir, und äußerte unwillig: “Das Portefeuille hat Hobrecht wohl deshalb angenommen, weil er am wenigsten davon versteht.” Indes thatsächlich kam auf die Person des neuen Finanzministers sehr wenig an; denn in Wirklichkeit wollte jetzt Fürst Bismarck selbst den Finanzminister darstellen. Hobrecht bezeichnete gegenüber seinen Freunden als die Aufgabe seines Ministeriums eine beträchiliche Vermehrung der indirekten Steuern und die Verstaatlichung der Privatbahnen. Hobrecht als Westpreuße war von Hause aus Freihändler. Hierauf soll er den Fürsten Bismarck bei den Vorverhandlungen in betreff der Übernahme des Portefeuilles aufmerksam gemacht haben. Fürst Bismarck aber habe diese Bedenken abgeschnitten mit dem Bemerken, daß er selbst auch kein Schutzzöllner sei. Im folgenden Jahre haben dann Fürst Bismarck und Hobrecht gemeinschaftlich das neue Schutzzollsystem für das Reich eingeführt.

Hobrecht wurde der nationalliberalen Partei zugerechnet. Aber thatsächlich hatte er als Oberbürgermeister von Berlin so wenig politische Parteistellung ergriffen, daß er selbst vermied, als Urwähler seine Stimme abzugeben. Mit der Ernennung Hobrechts zum Finanzminister hatte Fürst Bismarck seinen Plan in der für ihn günstigsten Weise zur Ausführung gebracht. Er hatte einen Minister gewonnen, der für seine Finanzpläne Deckung abgab, sich nationalliberal nannte, aber ohne jedes Einvernehmen mit der parlamentarischen Partei sich dienstwillig zeigte.

Die Stadtverordneten Berlins wählten nach dem Abgang Hobrechts den Oberbürgermeister von Breslau, den Reichstagspräsideuten v. Forckenbeck, zum Oberbürgermeister. Auch Hobrecht war vor seiner Wahl in Berlin Oberbürgermeister in Breslau gewesen.

Das Stellvertretungsgesetz.

Unter der Aufregung der Ministerwechsel kam in der ersten Hälfte des März das Stellvertretungsgesetz zu stande. Vor Jahresfrist hatten die Nationalliberalen an die Ankündigung eines solchen noch große konstitutionelle Erwartungen geknüpft. Späterhin glaubten sie darin Brücken zu erkennen, um ihnen den Weg ins Ministerium zu erleichtern. Was nunmehr Wirklichkeit wurde, war nichts von alledem. Im Gegenteil war das Gesetz nur geeignet, die Kanzlerdiktatur noch fester zu rammen.

Das neue Gesetz gab dem Reichskanzler Blankovollmacht, mittelst kaiserlicher Verordnung die oberste Reichsverwaltung ganz beliebig heute so, morgen wieder anders zu organisiren; es war eine Blankovollmachtt, um einen oder mehrere Stellvertreter zu bestellen, die Spezialstellvertreter teils dem Generalstellvertreter, teils unmittelbar dem Kanzler unterzuordnen, diese Stellvertreter sämtlich in mehr oder weniger größerer Abhängigkeit von sich oder von einem Generalstellvertreter zu erhalten. Nur soweit Geldbewilligungen dabei in Frage kommen, hat der Reichstag dabei ein Mitwirkungsrecht. Die Geldbewilligung aber ist für den Kanzler nicht erforderlich in dem Maße wie er die schon auf dem preußischen Etat stehenden Minister als Stellvertreter im Reich heranziehen kann. Durch das Stellvertretungsgesetz wurde der Reichskanzler auch von der Verpflichtung zur Kontrasignatur kaiserlicher Erlasse mit seinem Namen entbunden. Noch mehr als früher konnte er sich darnach für seine Person der Verantwortung entziehen und die Stellvertreter für alles, was Anfechtungen erfährt, in den Vordergrund schieben, während er selbst thatsächlich gleichwohl alle Fäden in den verschiedenen Ministerien leitet. Ausdrücklich erhielt der Kanzler die Vollmacht, jede Stellvertretung beliebig zu durchbrechen, wieder aufzuheben dadurch, daß er selbst eine direkte Verfügung in dem Ressort des Stellvertreters erläßt.

Die Fortschrittspartei, welche hierbei von dem Abg. Hänel geführt wurde, stimmte gegen das Gesetz, nachdem ein Abänderungsantrag abgelehnt war, wonach die Feststellung derjenigen obersten Reichsbehörden, deren Vorstände mit der Stellvertretung zu beauftragen sind, durch Gesetz oder durch Bestimmung des Reichshaushaltsetats zu erfolgen hat.

Die Nationalliberalen stimmten geschlossen für das Gesetz, obwohl in der Fraktion sehr lebhafte Auseinandersetzungen darüber zwischen Lasker und Bamberger stattfanden. Letzterer wollte seltsamerweise gerade in der Kautschuknatur des Gesetzes einen besonderen Vorzug erblicken. In der Hauptsache vertrauten die Nationalliberalen, daß durch das Gesetz ein Rahmen geschaffen werde, aus welchem sich eine gesunde, aus der lebendigen Entwicklung hervorwachsende Organisation der Reichsverwaltung vollziehen könnte. Dieses Vertrauen hat sich bis heute, nach 17 Jahren, in keiner Weise gerechtfertigt gezeigt.

Versteckte Millionen kommen zu Tage.

Schon bald nach 1871 hatte ich private Andeutungen erhalten, daß bei der Verpflegung der nach Friedensschluß in Frankreich noch zurückgebliebenen Okkupationsarmee infolge der in überreichlicher Höhe ausbedungenen Verpflegungsgelder Frankreichs Ersparnisse gemacht würden, welche nicht zur Verrechnung im Reichshaushalt gelangten, sondern eine besondere Verwendung erhielten oder in Effekten zinsbar angelegt würden. Bald kam auch die Nachricht in die Öffentlichkeit, daß in Mainz eine Konservenfabrik für 4 1/2 Millionen Mark gebaut werde, ohne daß jemand zu sagen wußte, woher die Mittel für diesen Bau stammten. Allerdings wurde dieser Bau in Verbindung gebracht mit der Verpflegung der Okkupationsarmee, aber die Konservenfabrik war eine dauernde Einrichtung und konnte überhaupt erst fertiggestellt und in Betrieb gesetzt werden, mehrere Jahre, nachdem die Okkupation in Frankreich schon aufgehört hatte. Ich brachte beide Mitteilungen in Verbindung miteinander und versäumte es fortan in keiner Session des Reichstags und bei keiner Gelegenheit, darauf hinzuweisen und Anfragen dieserhalb an die Regierung zu richten. Aber zuerst erhielt ich überhaupt keinen Bescheid, und dann wurde mir gesagt, daß die Rechnungen nicht vorgelegt werden könnten, weil sie noch nicht abgeschlossen seien.

Vergeblich machte ich darauf aufmerksam, daß es mit dieser Rechnung doch jedenfalls keine andere Bewandtnis haben könne, wie mit allen auf den Krieg bezüglichen Rechnungen. Auch sprach ich bei jeder Vorlage einer Jahresrechnung mein Befremden darüber aus, daß der Rechnungshof über das Fehlen dieser Rechnungen keine Bemerkungen mache. Der Rechnungshof habe doch beispielsweise bei Prüfung der Kriegsrechnungen herausgebracht, daß Feldmarschall Moltke während des Krieges einmal zu Unrecht ein Packet Schnupftabak empfangen habe ohne Vergütung. Dergleichen Mücken feige der Rechnungshof, während er die Kameele verschlucke.

Aber erst bei Vorlage der Rechnungen von 1874 teilte der Rechnungshof mit, daß er vergeblich von der Reichsregierung die Mitteilung dieser Rechnungen verlangt habe. Gleichzeitig mit der Vorlage der Rechnungen von 1874 gelangte nun 1878 an den Reichstag ein Gesetzentwurf über die Ersparnisse an den von Frankreich für die deutschen Okkupationstrnppen gezahlten Verpflegungsgeldern. Es stellte sich heraus, daß durch Zins und Zinseszins hier die Militärverwaltung noch eine Summe von 26 3/4 Millionen Mark erübrigt hatte, welche, nachdem die letzten Okkupationstruppen schon 1873 aus Frankreich zurückgekehrt waren, abseits von der Reichshauptkasse in Effekten angelegt war. Für die außerdem im Betrage von 6 Millionen Mark gemachten Aufwendungen aus solchen Ersparnissen für die Konservenfabrik in Mainz, für den Ankauf eines Dienstgebäudes für das Generalkommando des 3. Armeekorps in Berlin und anderes verlangte die Regierung in derselben Vorlage die nachträgliche Genehmigung.

Ich rügte natürlich gebührend in der ersten Beratung diesen ganzen Vorgang. Aus der Entgegnung des Abg. Graf Moltke ging hervor, daß eine gar sonderbare Rechtsanschauung bei der Militärwaltung die Zurückbehaltung dieses Fonds veranlaßt hatte. Graf Moltke betrachtete die Armee gewissermaßen als einen Staat im Staate. Die Milliarden, so sagte er, hat “die Armee” erobert, die Millionen hier hat sie erspart an ihren eigenen Mitteln. Wenn ein Truppenteil Ersparnisse an einem Menagefonds macht, so bleiben diese bestimmungsmäßig zu seiner Verfügung.

Nun handelte es sich aber hier nicht um einen Menagefonds, bei welchem allerdings bestimmungsgemäß die Ersparnisse dem Truppentheil verbleiben, sondern um Verpflegungsgelder überhaupt. Man hatte die von Frankreich konventionsmäßig zu zahlenden Verpflegungsgelder in Gegenrechnung gebracht nur auf die Naturalverpflegung, nicht auf die gesamten Mehrkosten des Reichs für uns Okkupationsarmee. Nur dadurch war man zu dieser Ersparnis gelangt. Diese Mehrkosten der Okkupationsarmee aber zum Gesamtbetrage von 60 Millionen Mark waren den allgemeinen Kriegskosten zur Last geschrieben worden und hatten bei der Verteilung der Milliarden natürlich die Bezüge der einzelnen Staaten entsprechend vermindert.

Die Regierung stellte nun dem Reichstag in dem Gesetzentwurf das Ansinnen, die erübrigten Kapitalien von 26 3/4 Millionen Mark zu verschiedenen Kapitalstiftungen für die Armee zu verwenden.

Wir genehmigten aber nur die Verwendung eines Kapitals von 3 Millionen Mark für einen Garantiefonds der Lebensversicherungsanstalt für die Armee und Marine, lehnten insbesondere die beantragten Kapitalfonds zur Erbauung von Dienstwohnungen für Generale und für Errichtung von Offizierspeiseanstalten ab, erhöhten dagegen im Jahresetat fortan gewisse Beihilfen für Unteroffizierkinder, Offizieraspiranten u. s. w.

Umgestaltung des Etats.

Für die Etatsfeststellung kamen uns die aus ihrem Versteck gezogenen Millionen vortrefflich zu statten. Ich hatte darauf schon hingewiesen, als ich bei der ersten Etatsberatung meinen Finanzplan entwickelte. Der Etatsentwurf schloß, wie oben erwähnt, ab mit einer Erhöhung der Matrikularbeiträge gegen das Vorjahr um 28 1/2 Millionen Mark. Die vorgeschlagenen neuen Steuern sollten zunächst hierfür Deckung gewähren. Wiederum hatten wir es uns zur Aufgabe in der Budgetkominission gemacht, diese Mehrbelastung zu ersparen.

Das Scheitern der Steuervorlagen für diese Session, wie es sogleich nach der ersten Beratung derselben feststand, nötigte auch die Nationalliberalen, andere Ausgleichungsmittel zu suchen. Wiederum gelang es uns durch Richtigstellung der Einnahmevorschläge um 5 Millionen, durch Einstellung von 2 300 000 Mark als Folge der Aufhebung der Restverwaltung bei der Militärverwaltung, und durch Ausgabeersparnisse der verschiedensten Art den Mehrbedarf bis auf 13 Millionen Mark zu ermäßigen. Diesen ganzen Mehrbedarf hätten wir aus den erübrigten Verpflegungsgeldern decken können. Die Mehrheit aber erachtete es für richtiger, dem Etatsjahr 1878/79 hieraus nur 6 842 906 Mark zuzuwenden und die übrigen Bestände im Betrage von etwa 16 Millionen zur Deckung des Defizits des vorhergehenden Jahres 1877/78 einzustellen. Die Einwirkungen des orientalischen Krieges auf das Erwerbsleben hatten dieses Defizit veranlaßt. Demnach verblieb ein Plus von 6 Millionen Mark bei den Matrikularbeiträgen bestehen von dem in dem Etatsentwurf vorgesehenen Plus von 28 1/2 Millionen Mark.

Ich war Referent der Budgetkommission für das Plenum über die die Finanzierung des Etats betreffenden Abschnitte und versäumte dabei nicht, hervorzuheben, wie es uns gelungen sei, zu den vier Etatsjahren 1875, 1876, 1877/78 und 1878/79 aus der Initiative des Reichstages um im Ganzen 79 Millionen die Matrikularbeiträge gegenüber den Regierungsforderungen zu ermäßigen. Die Akten der Budgetkommission thun dar, daß ein sehr großer Teil dieser Millionen infolge meiner Anregungen erspart worden ist. Ministerialdirektor Michaelis versuchte zwar das Verdienst um die Ersparnis der 79 Millionen zu bekritteln durch den Hinweis auf etliche ausgezehrte Bestände. Er wollte uns dabei sogar das durch den orientalischen Krieg verursachte Defizit des Vorjahres in Gegenrechnung stellen. Ich verwies ihn auch darauf, daß soweit überhaupt auf unseren Antrag Bestände herangezogen seien, es ein alter Grundsatz preußischer Finanzpolitik stets gewesen sei, entbehrlich gewordene Bestände einzuziehen. Nichts wirkt der Sparsamkeit und Übersichtlichkeit der Finanzverwaltung mehr entgegen, als wenn den einzelnen Ressortsö es ermöglicht wird, besondere Töpfchen für allerlei Spezialliebhabereien auf die Seite zu bringen.

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Allein gegen den Börsenwahnsinn

von Henning Helmhusen

Jahrelang kannten die Kurse auf dem Frankfurter Parkett nur eine Richtung: immer geradeaus. Aber das war dummerweise vor meiner Zeit. Denn just als ich vor zwei Wochen meine erste Aktie kaufte, ging das Chaos an den Börsen los. Auf einmal fingen die Kurse an zu schwanken! Mal hoch, mal runter, mal seitwärts und dann sogar rückwärts. Ich war entsetzt. Binnen kurzem hatte meine Aktie schon mehr als 10 Euro von ihrem Kurs eingebüßt. Ich rechnete nach. Die Aktie hatte 500 Euro gekostet. Und wenn das so weiterginge, dann würde ich in nicht einmal zwei Jahren ins Minus geraten. Und dann immer weiter, bis ich pleite wäre. So hatte ich mir das nicht vorgestellt.

Ich rief also bei der Börse an, um mich zu beschweren. Die Dame am Apparat war durchaus freundlich und bat mich mehrfach bitte zu warten, bis ein Mitarbeiter frei würde. Ich wartete also, und dann meldete sich endlich jemand, dem ich mein Leid klagte. Nein, er bedauere es sehr, aber da könne er nicht helfen. Schließlich arbeite er nur in der Telefonzentrale und mit wem ich denn sprechen wolle. Obzwar ich diese Finte selbstredend sofort durchschaute, ließ ich mir nichts anmerken und verlangte, zu einem Börsianer durchgestellt zu werden.

Börsianer gebe es nicht, bekam ich zur Antwort.

“Und worüber berichten die bei den Börsensendungen? Da heißt es doch immer, daß die Börsianer heute verkauft oder gekauft haben. Und jetzt soll es keine geben?”

“Es gibt keine Börsianer. Das ist nur eine Redeweise.”

Erbost knallte ich den Hörer meines Festnetz-Handys auf die Gabel. Langsam machte das Ganze auf mich den Eindruck einer abgekarteten Verschwörung. Doch wer steckte dahinter? Irgendjemand mußte sich doch um 10 Euro bereichert haben, als meine Aktie um denselben Betrag gefallen war. Ich gugelte also mehrere Minuten, bis ich endlich auf Informationen stieß. Hinter den Turbulenzen an den Finanzmärkten stecken offensichtlich hochgeheime Hedgefonds, die ohne Rücksicht auf die Kleinanleger mit immer aberwahnwitzigeren Manipulationen das Chaos schüren, um davon mal mit Gewinnen, dann wieder mit Verlusten zu profitieren.

Und ihr perfidester Trick: Leerverkäufe!

Den meisten wird wohl nicht geläufig sein, was ein Leerverkauf ist. Deshalb erkläre ich es besser mal in meinen Worten. Nehmen wir also einen Spekulanten, der schnell mit Profit reich werden will. Er verkauft einfach eine Aktie, die er nicht hat, und hofft, daß das keiner merkt. Und dann wartet er und treibt die Kurse mit Gerüchten ganz langsam nach oben. Ist der Kurs erst einmal auf dem Höhepunkt angelangt, kauft er die Aktie ganz schnell und hat doch eine Aktie. Und weil er vorher keine hatte, hat er jetzt eine Aktie mehr und dadurch einen leichten Gewinn. Das führt offensichtlich wieder zu Nervosität an den Märkten, sodaß die Kurse in Unordnung kommen. Und daher kommen die Schwankungen.

Als all das mir klar geworden war, fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Ich war das Opfer solcher Spekulanten geworden. Fast konnte ich ihr Gekicher auf dem Parkett hören, als ich meine Aktie gekaufte hatte: “Wieder ein Kleinanleger, den wir ausbeuten können.”

Doch diese Herren hatten ihre Rechnung ohne mich gemacht. Ich gründete auf der Stelle eine antikapitalistische Bürgerinitiative und erklärte mich zu deren Sprecher. Im Namen der Kleinanleger richtete ich dann einen geharnischten Brief an die Bundesregierung, in dem ich ein entschiedenes Vorgehen gegen das Unwesen der Leerverkäufe anmahnte. Und um meinem Anliegen Nachdruck zu verlieren, beschloß ich, mich vor der Deutschen Bank anzuketten, mußte dann allerdings feststellen, daß schon alle Plätze zum Festketten belegt waren.

Immer noch ist nichts gut in Börsenland. Meine Aktie ist weiter gesunken. Aber ich zeigte es den Spekulanten. Statt der windigen Aktie habe ich mir nun Anteile an einem Rettungsfonds zugelegt, der nur in Staatsanleihen mit stabilem Nominalwert investiert. Seitdem kann ich wieder ruhig schlafen. Und an höherer Stelle ist man auch auf mich aufmerksam geworden. Im Nu bekam ich ein Angebot als Börsenexperte für einen europäischen Staat, das ich natürlich annehmen werde, schon allein wegen der sofortigen Verbeamtung. Mein einziges Problem: Vorher muß ich mir noch eine Fliege kaufen!

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Links der Woche

Aktuelle Links gibt es fortlaufend auf unserer Facebook-Seite. Hier eine Auswahl der aus unserer Sicht interessantesten:

  1. Michael Moynihan bei Daily Beast: My week in the online terror underworld
  2. Sascha Tamm bei antibürokratieteam: Hoch lebe die Solidarität!
  3. Jorge Arprin auf seinem Blog: Grenzen der Meinungsfreiheit
  4. Tyler Cowen bei MarginalRevolution: On the merits of Hayek’s “Road to Serfdom”
  5. Henryk Broder bei Achse des Guten: Reich und reich ist nicht immer gleich
  6. John Knefel bei Rolling Stone: Everything You’ve Been Told About Radicalization Is Wrong - siehe auch Myths of Radicalization bei intelwire
  7. Matt Zwolinski bei BleedingHeartLibertarians: Why I Am Not an Anarchist
  8. Alex Tabarrok bei MarginalRevolution: Sodomy and Usury
  9. Wolfram Weimer bei Achse des Guten: Gabriel im Gouvernanten-Staat
  10. Jorge Arprin auf seinem Blog: Linker und rechter Kulturalismus – BESTER ARTIKEL DER WOCHE
  11. Jim Manzi via Megan McArdle bei Daily Beast: How Not to Cherry-Pick the Results of the Oregon Study (Ultrawonkish)
  12. PewResearch: European Unity on the Rocks
  13. Matt Welch bei Reason: Was Falsely Scapegoating a Bad Filmmaker Really ‘the least politically problematic’ Option?
  14. Henryk Broder bei Die Welt: Was war so toll an Seuchen und Armut, Herr Precht?
  15. Nathan Smith bei OpenBorders: Nathan Smith vs. Hans-Hermann Hoppe
  16. Walter Krämer bei Achse des Guten: Unstatistik des Monats: Frankfurt und der Vatikan als Horte des Verbrechens
  17. David Friedman bei Ideas: Cartoon Libertarians, Social Justice, and Bleeding Hearts - siehe auch: A Question for Bleeding Heart Libertarians
  18. Hamed Abdel-Samad bei Jungle World: “Die Moschee ist kein Ort der Integration”
  19. Alex Tabarrok bei MarginalRevolution: The Man of System
  20. Maxeiner und Miersch bei Achse des Guten: Die alternativlose Basta-Nulloption
  21. Wolfram Weimer bei Achse des Guten: Das Globalisierungswunder
  22. Jorge Arprin auf seinem Blog: Das Massaker von Hula ein Jahr danach
  23. PolitPlatschQuatsch: Das Verbot der Woche: EU verhängt Fassbier-Bann
  24. John Roccia bei OpenBorders: Immigration Restrictionists – Why Not Eugenics?
  25. Sascha Tamm bei antibürokratieteam: Der Markt entscheidet nichts:

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Die Renaissance des guten Tons

von Julius Stettenheim, 1896

Es ist leider nicht mehr in Abrede zu stellen, daß sich in den persönlichen Verkehr ein Ton eingeschlichen hat, der wegen seiner Plumpheit kaum noch zu ertragen ist. Namentlich nicht für das gebildete Ohr und den geläuterten Geschmack, die gezwungen sind, sich hülflos beleidigen zu lassen. Ich glaube daher, daß es die höchste Zeit ist, eine Umkehr anzubahnen und zur Aufbesserung des herrschenden Tons Vorschläge zu machen, welche zum ersehnten Ziele führen können. Es ist zuerst der Versuch anzustellen, den Ausdruck da zu mildern, wo er durch seine Unverblümtheit das feinere Gefühl verletzt, während die Milderung an dem, was gesagt werden soll, nichts ändern, aber doch wenigstens salonfähig gestaltet wird.

Wie ich es verstanden wissen will, mögen Beispiele erläutern.

Wenn man z. B. einem Dummkopf sagen will und sagt, er habe das Pulver nicht erfunden, so klingt das grob und ist dies ja auch. Viel feiner aber klingt es und drückt doch dasselbe aus, wenn man, vielleicht mit einer Verbeugung, erklärt: “Ach verzeihen Sie meinem schlechten Personengedächtnis, ich hielt Sie irrthümlich für Berthold Schwarz.”

“Sie sind ein Theekessel!” klingt ganz gewiß beleidigend. Wenn man statt dessen sagte: “Ich habe gehört, daß Sie singen können,” so drückt man dasselbe aus, ohne daß der Beleidigte irgend etwas erwidern kann, wodurch die Aeußerung einiges von ihrer Schärfe verlöre.

Wie entsetzlich klingt das Wort: “Sie Ochse!” Man kennt auch die unausbleiblichen Folgen. Wer dafür das Wort: “Sie Entführer Europas!” setzt, wird sich die Folgen vom Leibe halten und doch nach Wunsch grob gewesen sein.

Wird man durch schlechtes Klavierspiel gepeinigt, so wäre es immerhin verwerflich, dem armen Pianisten zu sagen, er spiele wie ein Schuster. Erklärt man aber, er spiele wie Hans Sachs, so wird der gleichfalls geschädigte Ohrenzeuge wohl wissen, was dies bedeutet, während der Klavierspieler sich vielleicht geschmeichelt fühlt und erst nach einigen Tagen durch Anfragen bei Literaturkennern erfährt, daß Hans Sachs nicht Klavier spielte, aber ein Schuster gewesen sei.

“Sie sind ein Schwätzer!” klingt gleichfalls schrecklich und beleidigt. Gegen die Behauptung aber: “Sie sind vielleicht ein großer Stratege, indeß kein Moltke” kann Niemand etwas einzuwenden haben, denn es ist kein Verbrechen, nicht Moltke zu sein.

Wie roh klingt der Zuruf: “Sie sind ein Lump!” Wie viel zarter der Zuruf: “Sie sind bescheiden!” Wer Goethe’s Faust kennt, wird aber wissen, was der Wüthende hat schelten wollen. Auch wer für: “Sie Kameel!” “Sie Schiff der Wüste!” schilt, wird weniger den guten Ton verletzt haben.

In Gegenwart der Mutter und anderer Familienmitglieder nenne man ein Kind nicht Ferkel, um sie nicht mehr als das Kind zu beleidigen. Man streichle das Kind, als wäre es ein junges Glück. Es ist das, wie man nach einigem Nachdenken finden wird, ganz dasselbe und doch wenigstens für den ersten Moment durchaus nicht verletzend.

Will man einem Erzähler klar machen, daß man das Erzählte für Lüge hält, so unterlasse man es, dies Wort zu gebrauchen. Man behaupte dafür, selten so viel Kurzbeiniges gehört zu haben.

Man unterlasse es, einem Gast zu sagen, seine Tischrede währe zu lang. Das muß ja einen Redner auf das Tiefste kränken. Ebenso grob und doch freundlich ist es, statt dessen ihm zuzurufen: “Ihre Rede wird gut.”

Will man gegen Jemand behaupten, daß das, was er gesagt habe, Wahnsinn sei, so schmeichle man ihm durch die Bemerkung, welche genau dasselbe behauptet: “Was Sie vorbringen, hat doch Methode.”

Jede Tafelrunde wird entrüstet und jede fröhliche Stimmung zerstört sein, wenn man seinem Tischnachbar einen Esel aufbrummte. Entrüstung und Zerstörung aber wären vermieden, wenn man statt Esel sagte: “Herr, wir, Ihre beiden Nachbarn zur Rechten und Linken, sind keine Heubündel!” Will man Jemand sagen, daß er ein Thor sei, so kleide man das in die Schmeichelei: “Sie gehören an den ersten Platz in der Stadt.”

Es ist ja schlimm, gelangweilt zu werden. Aber wir sollten dies doch nicht Jedem in’s Gesicht schleudern, der uns diese Langeweile zufügt. Höflicher klingt es doch jedenfalls, wenn man freundlich erklärt: “Obschon wir erst eine Stunde zusammen sind, so ist es mir doch, als verkehrte ich schon sechs Monate lang mit Ihnen.” Man wird zugeben, daß der Langweilige durch diese Worte eher erfreut als verblüfft sein wird.

Darf man einem Weibe sagen, sie sei eine Hexe, auch wenn sie dies ist? Nein. Aber wenn man die Worte anwendet: “Ihrem Dialekt nach zu urtheilen, sind Sie in der Nähe des Blocksberges zu Hause,” so kann diese Grobheit sogar sehr harmlos und freundlich klingen.

Aber das soll nur eine Anregung sein, Jeder wird meinen Plan weiter ausbauen und so zur Renaissance des guten Tons beitragen können.

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Die Weisheit von Adam Smith

aus: The Theory of Moral Sentiments, 1759

The man of system, on the contrary, is apt to be very wise in his own conceit; and is often so enamoured with the supposed beauty of his own ideal plan of government, that he cannot suffer the smallest deviation from any part of it. He goes on to establish it completely and in all its parts, without any regard either to the great interests, or to the strong prejudices which may oppose it. He seems to imagine that he can arrange the different members of a great society with as much ease as the hand arranges the different pieces upon a chess-board. He does not consider that the pieces upon the chess-board have no other principle of motion besides that which the hand impresses upon them; but that, in the great chess-board of human society, every single piece has a principle of motion of its own, altogether different from that which the legislature might chuse to impress upon it. If those two principles coincide and act in the same direction, the game of human society will go on easily and harmoniously, and is very likely to be happy and successful. If they are opposite or different, the game will go on miserably, and the society must be at all times in the highest degree of disorder.

Hat Tip an Alex Tabarrok bei MarginalRevolution

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Nach einer kurzen Unterbrechung geht es weiter im Jahr 1878

Die folgenden Anzeigen wurden den “Berliner Wespen” vom 10. Mai 1878 entnommen. Die angebotenen Produkte und Dienstleistungen decken ein weites Feld ab. Einerseits geht es um neue Maschinen und Vorrichtungen wie Aufzüge, Roll-Läden, Water-Closets oder Eisschränke:

Gartenspritzen

 Und auch Herr Guttenberg hätte 1878 nicht ohne Unterstützung dagestanden:

Promotion

Hingegen werden auch Waren angeboten, für die man heutzutage keine Annoncen mehr finden würde. So inseriert etwa der Waffenhändler Hippolit Mehles seine Revolver:

Mehles

Waffenbesitz und Waffentragen sind in Deutschland weitgehend frei. Erst das Sozialistengesetz wird hier eingreifen und insbesondere das Geschäft von Hippolit Mehles zerstören (siehe dazu: Jedermann kann bequem ein 6faches Gewehr bei sich tragen).

Das Sozialistengesetz später im Jahr 1878 wird seine “chilling effects” auch in anderen Bereichen zeitigen. Noch gibt es etwa in den “Berliner Wespen” Anzeigen wie die untenstehenden. Sie werden dann in den nächsten Jahren verschwinden. Das Sozialistengesetz selbst untersagt diese Annoncen nicht, aber vermutlich meiden die “Berliner Wespen” sie, um die Gefahr von Konfiskationen zu verringern. Auch ein Verbot fortschrittlicher Zeitungen nach dem Sozialistengesetz könnte den “Berliner Wespen” gedroht haben. Wiewohl die Fortschrittspartei der, wie Eugen Richter einmal feststellt, “bestgehaßte” Gegner der Sozialdemokraten ist, wird das Gesetz gelegentlich auch gegen sie und ihre Organe eingesetzt.

GeschlechtsfreiheitPikante Photographien

 Damen

Siehe auch:

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Die erste Session 1878 (Teil 2)

Eugen Richter: Im Alten Reichstag, Zweiter Band, 1896, S.44-53.

[Fortsetzung von Die erste Session 1878 (Teil 1)]

Abbruch der Verhandlungen.

Was hatten nun die Nationalliberalen erreicht? Schon Stauffenbergs Rede war ein taktischer Fehler. Er überbot die Camphausenschen Steuervorlagen, ironisierte dieselben gewissermaßen wegen ihrer Geringfügigkeit. Allerdings machte er weitergehende Bewilligungen von verschiedenen konstitutionellen Garantieen abhängig. Materiell verschafften aber solche Ausführungen dem Gedanken der sogenannten Steuerreform größeren Eingang, während die Nationalliberalen selbst doch keinerlei Sicherheit hatten, daß diese Steuerreform unter denjenigen Voraussetzungen zu stande kommen würde, welche sie unzertrennlich davon erachteten. Man bahnte damit auch einer Steuerreform den Weg, wie sie im Jahre darauf in Formen zu stande kam, welche die Nationalliberalen selbst nötigten, gegen diese Steuerreform zu stimmen.

Fürst Bismarck war auf Stauffenbergs Rede gar nicht eingegangen. Dagegen hatte er das Tabaksmonopol auf das Schärfste accentuiert, und als sein letztes Ideal bezeichnet. Fürst Bismarck wußte aber aus den Varziner Verhandlungen ganz genau, daß für das Tabaksmonopol die Nationalliberalen nicht zu haben waren. Demgemäß bedeuteten jene Anpreisungen des Tabakmonopols den schroffsten Abbruch der Verhandlungen mit den Nationalliberalen vor der Öffentlichkeit. Anstatt nun sogleich vor der Öffentlichkeit die Konsequenzen zu ziehen und die Partei aus der falschen Situation wieder herauszubringen, in welche sie schon durch Stauffenbergs Rede gegekommen war, führte Lasker die Partei erst recht in den Sumpf.

Anstatt nunmehr nach meinem Vorgang die ganze Front gegen den Fürsten Bismarck zu kehren, folgten die heftigen Ausfälle Laskers gegen Camphausen, gleichsam als ob die Person Carnphausens das einzige Hindernis darstelle für die Einigung des Fürsten Bismarck mit den Nationalliberalen. Ein größerer Liebesdienst konnte dem Fürsten Bismarck in dieser Situation garnicht erwiesen werden. Die Nationalliberalen schlachteten ihm vor der Front Camphausen ab, dessen Verbleiben im Amt nach der vorausgegangenen Klarstellung für sie eine Frage von ganz untergeordnetem Interesse geworden war und der unter allen Ministern ihnen politisch noch am nächsten gestanden hatte. Die nationalliberale Partei übernahm damit in den Augen des Monarchen das ganze Odium für die Verdrängung Camphausens aus dem Amt. Fürst Bismarck konnte sich nunmehr zum Schluß um so demonstrativer mit Camphausen vor der Öffentlichkeit versöhnen, als über den bevorstehenden Rücktritt desselben nach den konstitutionellen Auffassungen Camphausens auf Grund dieser parlamentarischen Vorgänge gar kein Zweifel mehr möglich war.

Was nach der Anpreisung des Tabakmonopols schon vor Schluß der ersten Sitzung, jedenfalls, vor Laskers Rede, hätte erfolgen müssen, und zwar vor der Öffentlichkeit hätte erfolgen müssen, das vollzog nunmehr Abg. von Bennigsen im Kabinett des Fürsten Bismarck hinter dem Sitzungssaal gegen Schluß der Sitzung. Wir sahen ihn nach kurzer Rücksprache mit Forckenbeck zum Bundesratstisch hinaufsteigen und gleich darauf mit dem Fürsten Bismarck aus dem Saal verschwinden.

Nach Schluß der Sitzung fand eine Konferenz der nationalliberalen Führer bei Forckenbeck statt. Abgeordneter von Bennigsen berichtete über seine Konferenz mit dem Kanzler, daß er demselben den Abbruch aller weiteren Verhandlungen erklärt habe, weil Bismarck derart das Tabakmonopol zum Programm erhoben und auch sonst nicht die verlangten Zugeständnisse gemacht habe. Wir alle, so erzählt Abg. Stephani in seinem Tagebuch, sagten: Gott sei Dank. Am folgenden Tage wurde von dem Plenum der Fraktion nach einer Rede Bennigsens der Abbruch der Verhandlungen einstimmig gebilligt. Die Führer erklärten, nach Hölders Tagebuch, man dürfe auch jetzt keine systematische Opposition machen; allein wo immer nötig eine sachliche. Man möge sich auf Auflösung vorbereiten.

Nachklänge.

Die offiziöse Presse nahm in den folgenden Tagen zwar eine Haltung an, als sei die Entscheidung hinausgeschoben, bei den Nationalliberalen selbst aber dachte unter den obwaltenden Umständen niemand an weitere Verhandlungen.

Am 1. März fand nochmals eine Besprechung zwischen Fürst Bismarck und v. Bennigsen, am 2. März zwischen Bismarck und v. Forckenbeck statt. Bismarck sparte weder Lockungen noch Drohungen, um das Spiel fortzusetzen. Gegenüber Bennigsen äußerte er: Minister werden nicht auf ewig gemacht; was diesmal nicht möglich gewesen, könne später sein. Im Gegensatz hierzu suchte Bismarck Forckenbeck einzuschüchtern, er sprach von Auflösung des Reichstages, nötigenfalls Regieren ohne Reichstag. Er habe ja die Militärkonventionen, die seien für die Machtstellung des Reiches ausreichend.

Bei Gelegenheit der ersten Beratung des Stellvertretungsgesetzes am 5. März betonte dann Bennigsen als Bedingung neuer Reichssteuern die Gewährung des Stenerbewilligungsrechtes in Preußen. Fürst Bismarck ironisierte die vor der Rückkehr von Varzin in einem Teil der nationalliberalen Presse laut gewordenen Stimmen: So kann es nicht weiter gehen. Alsdann aber lehnte er, anknüpfend an die Bennigsensche Rede, ganz bestimmt eine Änderung des Steuerbewilligungsrechtes in Preußen gleichzeitig oder nach Bewilligung neuer Reichssteuern ab. Man müsse Vertrauen dazu haben, sagte Fürst Bismarck, daß einer Steuervermehrung im Reiche eine Steuerverminderung in Preußen folge.

Wenn Fürst Bismarck auswärtige Gesandten über seine persönliche Gegnerschaft zu ihren Vorschlägen täuschen wollte, so schob er mitunter die Schuld für die Ablehnung auf den entgegenstehenden Willen des Kaisers. So machte er es auch in Fragen der inneren Politik gegenüber den Parteien. Bezeichnend für seine Erfindnngsgabe in dieser Richtung ist das Geschichtchen, mit welchem er später die Ablehnung des Eintritts des Freiherrn von Stauffenberg in das Ministerium zu begründen suchte. Danach sollte Stauffenberg angeblich die Situation bei dem Kaiser verdorben haben in seiner Rede vom 22. Februar 1878 durch die Betonung der Erweiterung der Steuerbewilligungsrechte in Preußen. Seitdem sehe der Kaiser, so erzählte Fürst Bismarck, wenn der Name des Frhrn. v. Stauffenberg genannt werde, denselben nicht anders wie mit einer Kappe bedeckt, auf welcher “Artikel 109″ verzeichnet sei, derjenige Artikel der preußischen Verfassungsurkunde, welcher seiner Zeit das jährliche Stenerbewilligungsrecht ausgeschlossen hat mit der Klausel: die bestehenden Steuern und Abgaben werden forterhoben.

Bekanntlich aber hat im Jahre daraus der Kaiser gar keine Schwierigkeit gemacht, dem nationalliberalen Finanzminister Hobrecht gewisse Garantieen in Bezug auf die Verwendung der neuen Reichssteuern in Preußen in dem sog. Portemonnaigesetz zur Zufriedenheit der Nationalliberalen zuzugestehen.

Der Rücktritt Camphausens.

Bereits am 27. Februar, also 4 Tage nach den geschilderten Reichstagsverhandlungen, reichte Camphausen seine Entlassung ein. Der Kaiser beschied Herrn Camphausen, wie Fürst Bismarck in der parlamentarischen Soiree am 2. März mitteilte, dahin: er solle im Amte bleiben, bis der Reichstag sich definitiv über die Steuervorlagen schlüssig gemacht hätte, da der Kaiser augenblicklich noch keinen Grund für Herrn Camphausen erblicke, sein Portefeuille niederzulegen.

Am 19. März wurde alsdann die Entlassung Camphausens vom Kaiser angenommen. Im Reichstage war Camphausen seit der oben geschilderten Sitzung nicht mehr erschienen. Für Camphausens politisches Ansehen wäre es besser gewesen, wenn er schon zwei Jahre vorher zugleich mit Delbrück gegangen wäre. Wie , wenig es Fürst Bismarck ernst war mit der sentimentalen Komödie vor dem Reichstag, ließ er wenige Tage nach der Entlassung Camphausens in der parlamentarischen Soiree durchblicken. So äußerte er im direkten Gegensatz zu seinen Erklärungen im Reichstag nach Poschinger: Camphausens Abgang habe ihm, dem Fürsten, eine gewisse Erleichterung verschafft, da Camphausen nie mit seinen Intentionen übereingestimint habe. “Camphausen war rein Ressortmann; er besaß große Selbständigkeit nach oben ebenso wie nach unten, war jedoch für neue Gedanken wenig zugänglich und verhielt sich solchen gegenüber mehr abstoßend.”

Drei Jahre später.

Ein Nachspiel ist alsdann noch im Januar/Februar 1881 erfolgt durch die vorerwähnte Veröffentlichung der Korrespondenz des Fürsten Bismarck mit dem Staatssekretär v. Bülow und durch die Angriffe, welche Fürst Bismarck am 17. Februar 1881 im Herrenhause gegen die ehemalige Amtsführung Camphausens richtete, weil Camphausen als Mitglied des Herrenhauses den vom Fürst Bismarck befürworteten Steuererlaß von 14 Millionen Mark bekämpfte. Camphausen, so schalt der Kanzler, hat die Finanzen heruntergewirtschaftet, wie ein Landwirt ein Gut auspowere. Er habe 7 Jahre gehabt, wie die fetten Kühe Pharaos, aber keinen Joseph, der ihm gesagt, daß die 7 mageren nachkommen würden. Schon im Jahre 1876 sei ein verborgenes Defizit vorhanden gewesen.

Das Kassensystem sei in Ordnung gewesen, aber die vorausschauende Finanzgesetzgebung habe gefehlt. Als Camphausen sich infolge der französischen Milliarden in einer Flut von Gold befand, hat er gewirtschaftet nach dem Grundsatz “Après nous le déluge.” Zuletzt habe er, Fürst Bismarck, es freilich durchgesetzt, daß Camphausen vor der Öffentlichkeit sein ganzes damaliges Programm, namentlich in betreff des Tabaks, gut geheißen. Ob mit voller Überzeugung von der Richtigkeit von Hause aus, lasse er dahingestellt. Aber er sei überzeugt, daß er es ehrlich und entschlossen durchgeführt haben würde, wenn er nicht beim ersten Angriff von der liberalen Seite unter dem Drucke der Reden der Herren Bamberger und Lasker sofort seinen Posten aufgegeben hätte und uns allein überlassen hätte, seine Erbschaft weiterzuführen. Er habe “aus einem gewissen Aberglauben und kameradschaftlichen Gefühl gethan, was er thun konnte, um den Minister Camphausen am Rücktritt zu hindern, aber wenn ich klar zurückblicke, so kann ich ihm dankbar sein, daß er nicht auf meine Bitte eingegangen ist.”

Camphausen erwiderte darauf sehr erregt “zur thatsächlichen Berichtigung”, die preußische Finanzverwaltung habe noch 1876 mit einem Uberschuß von 20 Millionen Mark abgeschlossen. Der Reichskanzler habe ihn durch seine Reichstagsrede vom 10. März 1877 gehindert, seine Tabakssteuervorlage zu machen. In einem Punkt stimme er mit dem Fürsten Bismarck überein, “das ist in der Freude, daß wir nicht mehr genötigt sind, miteinander zu wirken.”

Fürst Bismarck replizierte alsdann noch unter Anderem, daß in der Zeit vor dem Rücktritt “wir in die Lage gekommen waren, gemeinschaftliche Anträge einzubringen, aber wohlverstanden nur infolge der vollen Pression, die ich als Ministerpräsident und nur durch die Kabinettsfrage zu üben im stande war, nicht aus der freiwilligen Initiative des Finanzministers, die ich 7 Jahre lang vermißt habe.” Camphausen hatte sich nach allem Vorstehenden durch seine nachgiebige, schwächliche Haltung dem Kanzler gegenüber keinen schönen Abgang bereitet. Er war von rechts und links verlassen, als er aus der Ablehnung seiner Tabaksteuervorlage die konstitutionellen Konsequenzen zog. Fürst Bismarck verhöhnte ihn nach obigem dieserhalb noch wegen Feigheit vor der Front. Aber es ist ein Märchen, daß Camphausen die Finanzen heruntergebracht und Reich und Staat ausgepowert habe, lediglich vom Kanzler erfunden und Jahre hindurch weiter verbreitet, um seine großen Steuervorlagen daraus zu erklären. Der preußische Haushalt schloß in den drei letzten Jahren von Camphausens Finanzverwaltung mit Überschüssen ab im Betrage von 36 144 024 Mark, 76 111 785 Mark und 21 853 489 Mark. Erst das nachfolgende Jahr 1878/79 wies unter den Nachwirkungen des russisch-türkischen Krieges ein kleines Defizit von 8 457 209 Mark auf. Dabei blieben im Reichshaushalt die Matrikularbeiträge annähernd auf derselben Höhe, sie hatten 1872 94 Millionen Mark betragen. Sie waren dann bis 1874 auf 437 Millionen Mark heruntergegangen. Im Jahre 1877/78 betrugen sie 81 Millionen Mark. Freilich würden die Matrikularbeiträge ohne unsere Umgestaltung des Etats im Reichstag beträchtlich höher emporgeschnellt sein (vgl. auch S. 58).

Fürst Bismarck gegen Lasker.

Die Nationalliberalen, einschließlich Laskers, traten nach dem Scheitern der Ministerverhandlungen, durch welche sie so viele Monate hindurch genarrt worden waren, gleichwohl so versöhnlich wie möglich gegen den Fürsten Bismarck auf. Dasselbe geschah auch von seiten Lasters, der in unverständlicher Absicht in seiner B.A.C.-Korrespondenz noch am 8. März das Zustandekommen einer Steuerreform mit den Nationalliberalen nicht bloß als möglich, sondern als wahrscheinlich hinstellte. Am folgenden Tage bei der Diskussion über das Stellvertretungsgesetz, für welches Lasker eingetreten war, griff dann Fürst Bismarck Lasker ebenso unvermutet, wie ungerechtfertigt an; er bezeichnete als das politische Ideal Laskers die ministerielle Anarchie, die Zerfahrenheit der Exekutive und steigerte nach einer Erwiderung des Abg. Lasker den Angriff noch dadurch, daß er Lasker als denjenigen bezeichnete, der seine Aufgaben in höherem Maße erschwere als irgend ein anderes Mitglied im Reichstage. Er versicherte bei der Erwiderung zwar Lasker seines persönlichen Wohlwollens, warf ihm aber zugleich sein an unrichtiger Stelle sittlich belehrendes und strafendes Pathos vor.

Die nationalliberale Partei verhielt sich bei diesen Angriffen auf ihren Führer und bei der Erwiderung Laskers still, stumm und verlegen. Nur die Fortschrittspartei zollte dem Abg. Laster lebhaften Beifall und begleitete die Ausführungen des Reichskanzlers mit Unruhe und Widerspruch. Andere nationalliberale Führer suchten sogar Lasker privatim zu beschwichtigen. Präsident von Forckenbeck gab unmittelbar nach dem Fürsten Bismarck nicht Lasker, sondern zuerst Windthorst das Wort und suchte nachher Lasker in seiner Erwidernng durch leise Berührung der Schelle zu mäßigen. Alsdann erhielt Abg. Bamberger das Wort, welcher durch eine ihm sonst nicht eigentümliche und deshalb hier wohl geflissentliche Breite das Haus zu beruhigen suchte. Nachher schnitt man Rednern der Fortschrittspartei und der Konservativen durch Schluß der Diskussion das Wort ab.

Was sollte dieser Vorgang bedeuten? Lasker hatte durch seinen Angriff auf Camphausen, welcher mittelbar den Rücktritt desselben zur Folge hatte, dem Fürsten Bismarck thatsächlich einen großen Dienst geleistet. Aber nach oben wollte Fürst Bismarck dies nicht merken lassen, darum gewissermaßen zur Sühne für Camphausen der Angriff aus Lasker! Die Hauptsache aber war für den Kanzler der Versuch, die nationalliberale Partei zu spalten, zwischen Bennigsen und Lasker eine Trennung herbeizuführen. Derselbe Versuch war dem Fürsten Bismarck schon einmal im Dezember 1875 mißglückt. Dem Angriff im Reichstag zur Seite gingen heftige Angriffe der offiziösen Presse auf Lasker. In der “Polit. Korresp.” ließ Fürst Bismarck, um die Nationalliberalen zu entzweien, Lasker die Schuld an dem Scheitern der Ministerkombination Bismarck-Bennigsen beimessen.

Das defekte Ministerium in Preußen.

Im Zusammenhang mit der Beseitigung Camphausens aus Anlaß der Reichstagsverhandlungen griff Fürst Bismarck die Gelegenheit auf, auch unter den preußischen Ministern aufzuräumen. Noch immer war Graf Fritz Eulenburg als Minister des Innern beurlaubt; Friedenthal verwaltete zugleich das Landwirtschaftsministerium und das Ministerium des Innern; zu dem Ressort Achenbachs als Handelsminister gehörte auch die Eisenbahnverwaltung.

Schon stand nach den Abmachungen zwischen dem Präsidenten des Abgeordnetenhauses von Bennigsen und dem preußischen Staatsministerium der Schluß der Landtagssession unmittelbar bevor, als Fürst Bismarck in der parlamentarischen Soiree am 18. März plötzlich erklärte, er habe die Absicht, einen Nachtragsetat im Abgeordnetenhause einzubringen zum Zweck der Ablösung der Verwaltung der Staatseisenbahnen von dem Ressort des Handelsministeriums, der Ablösung der Domänen und Forsten vom Finanzministerium und behufs Dotirung eines Ministers ohne Portefeuille als Stellvertreter für sich selbst. Fast sein ganzes Ministerium so, klagte in der Soiree der Kanzler, sei invalide: Der Kriegsminister von Kameke und Achenbach seien fast noch allein im Besitz der vollen Arbeitskraft. Er habe schon früher die Ressortverhältnisse ändern wollen, aber bei Camphausen und Eulenburg Widerstand gefunden. Camphausen ginge ja nunmehr ab, Falk habe sich überarbeitet und hätte wiederholt überredet werden müssen, sein Abschiedsgesuch zurückzuhalten. Friedenthal klage über Rheumatismus, aber er wisse das besser: Friedenthal habe in seinem Doppelressort sich übernommen wie der Vogel im Hanfsamen.

Schon drei Tage darauf wurde die betreffende Vorlage über die Ressortveränderungen an den Landtag gebracht. Diese Überstürzung aber war den Nationalliberalen ein zu starkes Stück. Sie stimmten nur für die Dotation eines Vizepräsidenten des Staatsminsteriums ohne Portefeuille und lehnten die Ressortveränderungen ab.

Achenbach vor der Front beseitigt.

“Ein neuer Handelsminister,” so hatte Fürst Bismarck am 21. Dezember 1877 an den Staatssekretär v. Bülow geschrieben, “wird kaum nötig sein, wenn man das Ressort teilt und zunächst ein selbständiges preußisches Eisenbahnministerium schafft.” Die beabsichtigte Ressortteilung erlangte, wie bemerkt, nicht die Zustimmung des Abgeordnetenhauses. Als nun bei der ersten Lesung des Nachtragsetats zu den Ressortveränderungen Abg. Miquel erklärt hatte, daß seine politischen Freunde zur Zeit jede Ressortveränderung ablehnen müßten, klagte sofort Fürst Bismarck in seiner darauf folgenden Rede die Eisenbahnverwaltung heftig an, daß sie durch Differentialtarife in Oberschlesien die Entwertung der einheimischen Wälder zu Gunsten der österreichischen Forsten herbeiführe. Die Verhältnisse würden nach der Willkür einzelner Eisenbahnverwaltungen derart geschoben, daß niemand sich darauf einrichten könne. Die stetige und regelmäßige wirtschaftliche Entwickelung leide darunter. Da kann nur eine fach- und sachkundige Hand helfen, die in unser Eisenbahnsystem eingreift. Noch ein sechstes Jahr zu warten mit der Abhilfe, dazu könne er seine Zustimmung freiwillig nicht geben. Lebhafte Bewegung folgte dieser Rede, in welcher sich derselbe Vorgang wiederholte, wie am 22. Februar im Reichstage gegenüber Camphausen und 1877 gegenüber Marineminister v. Stosch. Man sah den Minister Achenbach alsbald aus dem Sitzungssaal verschwinden. Virchow ergriff unmittelbar nach dem Fürsten Bismarck das Wort, um in treffender scharfer Weise diese Abwirtschaftnng der Persönlichkeiten zu geißeln. Das ganze System kulminiere darin, daß man die Persönlichkeiten rniniere. Was bleibt uns dann übrig? Einer nach dem andern wird nicht bloß hinausgesetzt, sondern auch noch nachträglich mit Spott und Hohn überschüttet. Gerade die politischen Persönlichkeiten werden zurückgeschoben und die bloß bureaukratischen Personen treten in den Vordergrund. Das jetzige System sei nicht bloß für die Minister, sondern auch für die Ministerialräte ein entwürdigendes.

Minister Friedenthal suchte durch eine längere, von wachsender Unruhe des Hauses begleitete Rede den ungünstigen Eindruck zu verwischen, den das Auftreten des Fürsten Bismarck hervorgebracht hatte. Es machte einen besonders eigentümlichen Eindruck, den Minister Friedenthal über Eisenbahnpolitik sprechen zu hören. Minister Achenbach, der inzwischen wieder in den Saal, zurückgekehrt war, saß bleich und sichtlich angegriffen daneben.

Am Abend war Soiree bei dem Reichskanzler. Achenbach war nicht anwesend. Fürst Bismarck erklärte, daß, wenn die Vorlage betreffend Abtrennung der Eisenbahnverwaltung vom Handelsminister abgelehnt werde, so könne er mit Achenbach nicht weiter arbeiten.

Zwei Tage darauf reichte Minister Achenbach seine Entlassung ein; der bisherige Unterstaatssekretär Maybach wurde sein Nachfolger. Inzwischen hatte sich bereits herausgestellt, daß die thatsächlichen Ausführungen des Fürsten Bismarck über Eisenbahntarife völlig unrichtig waren. Differentialtarife für Holz in der von ihm geschilderten Art haben überhaupt gar nicht bestanden. Indes der Zweck dieser Vorhaltnng war erreicht. Mit Achenbach war gerade derjenige Minister ausgeschieden, den Fürst Bismarck selbst noch acht Tage vorher auf der parlamentarischen Soiree als den neben dem Kriegsniinister noch einzig arbeitsfähigen preußischen Staatsminister bezeichnet hatte.

Von Maybach erwartete Fürst Bismarck eine energische Durchführung der Verstaatlichung der Privatbahnen in Preußen. Über Achenbach hatte er sich abfällig schon längst gegen Abgeordnete mit seinen eigenartigen Scherzen geäußert: “Vorne ein Ach und hinten ein Ach.” Schon am 27. März wurde Maybach zum Handelsminister und der bisherige Oberpräsident Graf Botho zu Eulenburg zum Minister des Innern ernannt. Längere Verhandlungen waren der Ernennung des Grafen zu Eulenburg vorhergegangen. Der Vater desselben, der damalige Präsident der Staatsschuldenverwaltung, Graf zu Eulenburg, hatte seinem Sohne dringend abgeraten, sich durch den Fürsten Bismarck allzu früh verbrauchen zu lassen.

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Die erste Session 1878 (Teil 1)

Eugen Richter: Im Alten Reichstag, Zweiter Band, 1896, S.37-44.

Drittes Kapitel.

Die erste Session 1878.

(6. Februar bis 24. Mai 1878.)

 

Provisorische Steuerforderungen.

Schon am Tage der Eröffnung der Reichstagssession hatte eine vertrauliche Konferenz der nationalliberalen Führer bei Forckenbeck stattgefunden, in welcher man beschloß, durch Besprechung der inneren Politik die Situation nach Möglichkeit zu klären. Wir kamen alsdann mit den Nationalliberalen und anderen Parteien überein, die Gelegenheit zur Erörterung der inneren Politik nicht bei der ersten Beratung des Etats, sondern bei der ersten Beratung der neuen Steuervorlagen wahrzunehmen.

Neue Steuervorlagen bildeten jetzt den Mittelpunkt der Situation. Fürst Bismarck hatte sich nämlich inzwischen mit Camphausen geeinigt, zunächst ein Steuerbouquet von 42 1/2 Millionen Mark zu beanspruchen. Dasselbe blieb zurück hinter demjenigen, was in Varzin die Nationalliberalen sich anheischig gemacht hatten an neuen Reichssteuern, insbesondere an Tabaksteuer, zu bewilligen unter Voraussetzung einer Einigung in den übrigen Dingen. Denn die Nationalliberalen waren bereit, soviel an neuen Steuern zu bewilligen, daß sich noch ein Überschuß über den Betrag der Matrikularbeiträge (im Etatsentwurf für 1878/79 betrugen dieselben 110 Millionen Mark) hinaus ergab.

Es wurde also von der Regierung dem Reichstage ein Tabaksteuergesetzentwurf  vorgelegt, der mit dem 1873 gescheiterten Entwurf übereinstimmte und annähernd die Steuersätze enthielt, welche gegenwärtig in Geltung sind (der Entwurf verlangte pro Doppelzentner 84 Mark Zoll und 48 Mark Steuer; gegenwärtig beträgt der Zoll 85 Mark, die Steuer 44 Mark. Ferner wurde der vor zwei Jahren abgelehnte Börsensteuergesetzentwurf wieder vorgelegt und ein Gesetzentwurf zur Uebertragung des Spielkartenstempels von den Einzelstaaten auf das Reich. Der ersten Beratung über die Steuergesetze ging vorher am 16. Februar eine sehr sachliche Generaldiskussion über den Etat, bei der ich namens der Fortschrlttspartei am Schluß einer längeren Rede rundweg die neuen Steuergesetze ablehnte. Zunächst folgte drei Tage darauf die Orientinterpellation.

Die Orientinterpellation.

Auf meine Anregung hatte die Fraktion der Fortschrittspartei beschlossen, durch den Abg. Hänel eine Interpellation einzubringen über die politische Lage im Orient und über die hierbei von der Regierung des deutschen Reiches einzunehmende Haltung. Dem russisch-türkischen Krieg war vor kurzem ein Waffenstillstand gefolgt und Friedensverhandtungen standen in Aussicht (dieselben fanden bekanntlich vier Monate darauf in Berlin statt). Unsere Interpellation war aus dem einfachen Gefühl entsprungen, daß Verhandlungen über die deutsche Interessen auf das Lebhafteste berührenden, auswärtigen Fragen unter allen Umständen auch vor das Forum des Reichstags gehören. Die Interpellation sollte daher weder eine Kundgebung besonderen Vertrauens zur auswärtigen Politik darstellen, noch einen Angriff auf die letztere einleiten.

Anfangs wurde von anderer Seite in üblicher Weise die Absicht einer solchen Interpellation als eine Art von Landesverrat dargestellt, nachher aber schlossen sich die konservativen und nationalliberalen Parteien dem Vorhaben an und brachten mit uns gemeinschaftlich die Interpellation ein. Dieselbe gab Anlaß zu der bekannten großen Rede des Fürsten Bismarck über seine Stellung als “ehrlicher Makler” am 19. Februar 1878. Ob Fürst Bismarck ohne diese Interpellation schon jetzt nach Berlin zurückgekehrt sein würde, konnte zweifelhaft erscheinen.

Es kommt zum Klappen.

Drei Tage nach der Orientinterpellation stand am 22. Febr. 1878 die mit so großer Spannung erwartete erste Beratung der neuen Steuervorlagen auf der Tagesordnung. Finanzminister Camphausen hielt die einleitende Rede. Er spottete dabei gelegentlich über eine Schrift des früheren Reichstagsabgeordneten Moritz Mohl, welcher sich von der Einführung des Tabakmonopols einen Reingewinn von 400 Millionen Mark versprochen hatte. Die Regierungen, so bemerkte Camphausen, gingen von solchen kühnen Projekten nicht aus; sie hätten sich zu einem Mittelweg entschlossen, auf dem ihnen sowohl die Anhänger als die Gegner des Tabakmonopols folgen könnten.

Nach einer Rede des Abg. v. Helldorff folgte dann eine Rede des Freiherrn v. Stauffenberg, welche dazu bestimmt war, die Situation zu klären und zunächst die Bedingungen der nationalliberalen Partei für die Bewilligung neuer Steuern darzulegen. Freiherr v. Stauffenberg schob in seiner Rede die gegenwärtigen Regierungsvorlagen mit einer gewissen Ironie zur Seite. Zur Deckung augenblicklicher Bedürfnisse würden die Nationalliberalen keine bleibenden Einnahmen bewilligen. Wenn man aber von einer Steuerreform spreche, so dürfe dieselbe nicht eine nackte und bloße Steuervermehrung sein, sondern müsse nach einem umfassenden Plan angelegt, eine geraume endgültige Gestaltung der dem Reiche zustehenden Steuern darstellen. Diese Steuerreform müsse den einzelnen Staaten gestatten, ihre Steuern systematisch zu reformieren, sie aufzuheben, wo sie obsolet geworden sind und neue Steuern, welche sie sonst umlegen müßten, zu ersparen. Die jetzige Tabaksteuervorlage aber sei das Gegenteil von dem, was als Ziel einer Steuerreform zu betrachten wäre. Eine Steuerreform aber könne im Reichstage nur auf eine Mehrheit rechnen bei voller Wahrung der konstitutionellen Rechte der Volksvertretung im Reich und in den Einzelstaaten. Im Reiche müßten die Formen gefunden werden, um die konstitutionellen Befugnisse des Reichstages nach Fortfall der Matrikularbeiträge zu erhalten. Ferner müßten Garantieen in Preußen geschaffen werden für das Recht des Landtags, die Erleichterungen des preußischen Staates aus den neuen Reichssteuern zum Nutzen der Steuerzahler zu verwenden. Wenn die Steuerreform nicht vorwärts gehe, so liege dies an dem Mangel eines Mannes, der für die systematische Leitung im Reich und dem Volk gegenüber auch die Verantwortung trägt.

Es schien nach den darauf folgenden Reden der Abgg. Reichensperger (Olpe) und v. Kardorff bis 3 Uhr nachmittags nicht, daß die Dinge sich zu einer Entscheidung zuspitzen würden. Fürst Bismarck war zwar im Saal erschienen, hatte auch mit Freiherrn v. Stauffenberg nach dessen Rede privatim gesprochen, wobei er es noch als zweifelhaft hinstellte, ob er die Debatte aufnehmen würde. Nun wurde von nationalliberaler Seite der badische Abg. Kiefer ins Gefecht geschickt. Er spielte aber die von seiner Lebhaftigkeit erwartete Rolle der Pikadores — so nennt man die Herren beim Stiergefecht in Spanien — nicht. Nur der Generalsteuerdirektor wurde von der Gegenseite gegen ihn aufgeboten zur Verteidigung der Vorlage.

Schon überlegte man, die Debatte zu schließen, als unmittelbar nach dem konservativen Abg. v. Wedell-Malchow es zum Klappen kam und zwar zunächst zwischen Camphausen und dem Fürsten Bismarck. Abg. v. Wedell-Malchow hatte das Tabakmonopol zur Sprache gebracht und hatte es als nicht loyal bezeichnet, daß, wenn die Regierung an die Möglichkeit der Einführung des Tabakmonopols denke, dies nicht sofort in dem Gesetzentwurf ausgesprochen werde. Camphausen erörterte darauf die Schwierigkeiten, welche nach verschiedenen Richtungen der Einführung eines Monopols entgegenstehen würden. Für seine Phantasie sei die Vorstellung nicht erreichbar, daß man vom Tabak viel mehr als 100 Millionen Mark gewinnen könne (das ist derjenige Betrag, den die neue Tabakfabrikatstenervorlage von 1893/94 erreichen wollte).

Sofort hinter Camphausen erhob sich Fürst Bismarck. Er könne die alleinige Verantwortlichkeit für die Steuervorlagen nicht übernehmen; wenn ihm der preußische Finanzminister passiven Widerstand entgegensetzen sollte, so könnte er ihn nicht in die Richtung hineinnötigen, die er als Reichskanzler gehen möchte. Wenn er aber aktiven Widerstand entgegensetzt, so steht die Möglichkeit für den Augenblick still, eine finanzielle Vorlage von einiger Bedeutung zu machen. Seit dem Rücktritt Delbrücks halte er in finanziellen Dingen zur Fahne des preußischen Finanzministers und folge ihm bis zu der vorhin bezeichneten Grenze. Er habe sich mit Camphausen dahin geeinigt, daß diese Vorlage als ein Durchgangspunkt zu den höheren Einnahmen aus dem Tabak dienen soll. Er bekenne offen, daß er dem Monopol zustrebe und daß er in diesem Sinne die Vorlage als Durchgangspunkt ansehe. Der Reichstag solle in dieser Session eine ganz klare Stellung dazu nehmen. Das Tabakmonopol sei das letzte ideale Ziel, welches er in seinem Leben für das Reich noch erreichen möchte. Hierauf wurde sogleich die Sitzung vertagt. Der Eindruck der beiden aufeinanderfolgenden Reden von Camphausen und Fürst Bismarck war ein verschiedenartiger. Die Einen verglichen des Fürsten Bismarck Rede mit seiner Rede gegen Stosch, welche zu dem Entlassungsgesuch desselben im Februar 1877 Anlaß gegeben hatte. Man wollte wissen, daß unmittelbar nach der Sitzung noch lebhafte Scenen zwischen Fürst Bismarck und Camphausen sich abgespielt hätten. Auf dem Hofball am Abend war der Vorgang allgemeines Gesprächsthema.

Versöhnung zwischen Fürst Bismarck und Camphausen.

Am folgenden Tage war im Reichstag vor Beginn der Sitzung vielfach die Meinung verbreitet: es werde weder Fürst Bismarck noch Camphausen erscheinen. Man bereitete deshalb eine Aufhebung der Sitzung vor. Aber beide erschienen. Mir war die Rolle zugefallen, in dieser zweiten Sitzung zuerst zu sprechen.

Ich hielt es von meinem Standpunkt für geboten, die Auseinandersetzung mit Camphansen den Nationalliberalen allein zu überlassen, dagegen eine um so schärfere sachliche Opposition gegen den Reichskanzler und das von ihm nunmehr amtlich vertretene Tabakmonopol zu kehren. Ich führte aus, daß wir persönliche Gegner weder des Ministers Camphansen, noch des Reichskanzlers seien. Wir treiben sachliche Opposition nach der Richtung hin, wo uns die Entscheidung der Sache zu liegen scheint. Dabei ist schon ein gewisses natürliches Gerechtigkeitsgesühl vorhanden, die Verantwortlichkeit nicht bloß nach der schwächeren Seite zu stellen. Wir möchten nicht dazu beitragen, daß bloß bei den Zustimrnungsvoten die Verantwortlichkeit des Reichskanzlers hervortritt; wenn er sich aber nicht in Ubereinstimmung mit dem Reichstage befindet, alsdann immer die kleineren Minister als die allein Verantwortlichen hervortreten sollen. Es dürfe sich hier nicht eine Fiktion ausbilden, etwa in dern Sinne: der Reichskanzler kann nicht unrecht thun.

Unmittelbar nach mir ergriff der Abg. Lasker das Wort, in der deutlichen Absicht, die Entscheidung in betreff Camphausens sofort herbeizuführen. Matadores, so beschrieb ich damals in der Presse diese Sitzung, nennt man wohl Herren mit ähnlicher Aufgabe auf einem anderen Kampffeld in Spanien. Lasker zog die Unterschiede in den vorhergegangenen Reden des Fürsten Bismarck und Camphausens nach Möglichkeit in die Breite und häufte Vorwürfe auf Vorwürfe auf Camphausen, während er den Fürsten Bismarck ganz beiseite ließ. Aber den Nationalliberalen war entgangen, was die Herren der Journalistentribüne aus der Vogelperspektive wahrnehmen konnten, daß nämlich Fürst Bismarck Camphausen während Laskers Rede unter dem Tisch die Hand gedrückt hatte. Die nationalliberale Partei hatte diesmal den Aufklärungsdienst, bevor sie ins Gefecht ging, sehr vernachlässigt. Fürst Bismarck und Camphausen hatten schon vor der Sitzung sich verständigt, worauf übrigens schon das Erscheinen beider vor dein Reichstag und die Art der gegenseitigen Begrüßung schließen ließ.

Nun konnte sich gerade nach Laskers Rede das zwischen beiden vorher vereinbarte Versöhnungsprograrnm um so wirkungsvoller abspielen.

Camphausen ergriff hinter Lasker zunächst das Wort und verlas aus einem von ihm am 17. Februar 1877 unterzeichneten Schrifistück eine Stelle, worin es hieß, daß nach wiederholter Erwägung behufs Vermehrung der eigenen Einnahmen des Reiches vorzugsweise die höhere Besteuerung des Tabaks und zwar als letztes Ziel trotz, wie nicht zu verkennen, entgegenstehender vielfacher Bedenken die höhere Besteuerung im Wege des Monopols ins Auge zu fassen sein würde.

Aus dem Monopolertrag könne man die Steuern von notwendigen Verzehrungsartikeln, namentlich die Salzsteuer, aufheben, und Preußen die Möglichkeit gewähren, auf drückende direkte Steuern zum Teil zu verzichten und sie den Kreisen und Kornmunalverbänden zu überweisen. Eine solche Maßregel aber bedürfe eines Übergangsstadiums, und dieses könne gefunden werden in der Wiederaufnahme der Tabaksteuergesetzentwurfs von 1873. Wenn er, der Minister, sich nicht der Zustimmung der maßgebenden Parteien im Voraus versichert habe für seine Vorlage, so sei er persönlich eingeengt gewesen durch die vielleicht ungegründete Wahrnehmung, daß wir zu dem Stadium vorgedrungen seien, wo es heißt: ôte-toi de là que je m’y mette. Er habe dem Reichskanzler mehrmals die Frage vorgelegt, ob es nicht den Interessen des Reichs mehr entsprechen würde, eine andere Persönlichkeit mit der Leitung der Finanzen zu betrauen, als ihn. Die Formen würden zu finden sein, um die Partei zu nötigen, der Regierung entweder zuzustimmen, oder ihre Vorlage, die deutlich die Richtung auf das Monopol erkennen lasse, zu verwerfen. Er habe schon im November 1875 die Erklärung abgegeben, daß er nicht denke, an der Spitze der Verwaltung der Finanzen zu bleiben, wenn er nicht der freundlichen Zustimmung gewisser Parteien versichert sei. Diese Erklärung wiederhole er heute.

Sogleich erhob sich Fürst Bismarck und erklärte: Minister Camphausen habe ihm zu widerholten Malen im Frühjahr wie im Herbst 1877 und auch jetzt bei seiner Wiederkehr seine Neigung geäußert, zurückzutreten, wenn er irgend den leisesten Wunsch äußere; er habe seine Bereitwilligkeit, sich mit ihm, dern Kanzler, in ämabler Weise und ohne jede Empfindlichkeit auseinanderzusetzen, kundgegeben. Er habe daraus jeder Zeit in dem Sinne etwa erwidert, daß er die vortrefflichen Eigenschaften des Ministers, die er vor dem Reichstag nunmehr noch weiter darlegte, schätzen gelernt habe, und daß er sich von einem solchen Kollegen nur aus sachlich zwingenden, nicht aus persönlichen, aus augenblicklichen Regungen beruhenden Gründen trennen würde. Der Moment, den er gestern andeutete, wo möglicherweise die Wege sich trennen können, liege nicht vor. Das von dem Finanzminister verlesene Votum beweise, daß man auch in der Methode einverstanden sei. Er habe gestern allerdings durch das Mißverständnis, daß der Finanzminister seinerseits eine Stellung gegen die Angemessenheit eines Monopols nicht einnahm, aber andeutete, veranlaßt eine Erklärung abgegeben, aber er habe sich überzeugt, daß zwischen der Auffassung, welche der Minister durch die Verlesung seines früheren Votums bekundet habe, und seiner eigenen ein Unterschied nicht vorhanden sei und daß deshalb für ihn nicht der Moment einer Trennung der Bahn, sondern nur der der Hoffnung vorliege, daß die beiderseitigen Wege vielleicht noch weiter zusammenführen können, als er vor Jahren es habe voraussetzen können.

Der stenographische Bericht über die Sitzung verzeichnet nach der Rede des Fürsten Bismarck: es herrschte lebhafte Bewegung und große Unruhe im Hause.

Minister Camphausen war durch die anerkennenden Worte des Fürsten Bismarck so gerührt, daß er thatsächlich Thränen vergoß. Ich erinnere mich sonst nicht einen Minister im Reichstage weinen gesehen zu haben.

Es sprachen noch Frhr. von Varnbüler, Windthorst, der Sozialdemokrat Fritsche und Bamberger.

Abg. Bamberger spottete über das Verhalten Camphausens, welches ihn erinnere an einen Propheten, welcher den Frauen die gute Hoffnung im Voraus verkündete, ob sie Knaben oder Mädchen bekommen würden. Er prophezeite immer einen Knaben, hatte aber die Vorsicht, ehe er aus dem Hause wegging, auf die Rückseite eines Spiegels zu schreiben: ein Mädchen. Kam nun die Frau mit einem Knaben nieder, so hatte er richtig prophezeit; war es aber ein Mädchen. dann sagte er: sehen Sie doch einmal, was ich hinter den Spiegel geschrieben habe; ich wollte Sie nicht erschrecken; ich habe sehr gut gewußt, daß es ein Mädchen sein würde. (Stürmische Heiterkeit.) Ganz auf diese Weise hatte der Minister Camphausen operiert. Er hat uns zuerst die gewöhnliche Tabaksteuer prophezeit und kam dann plötzlich mit seinem Brieflein und enthüllte uns, daß er schon vor Jahr und Tag für das Monopol entschlossen ge- wesen sei. Auf den Ausspruch Camphausens: Ote-toi de là que je m’y mette erwiderte Bamberger, daß die gouvernementalen Zustände und die politischen Zustände, insbesondere die Eventualität von parlamentarischen Ministerkombinationen keiner Partei nahe lägen und am wenigsten einer liberalen. Ich weiß nicht, was geschehen wird. Wir haben heute gehört zu unserer Befriedigung, daß der Reichskanzler mit dem Finanzminister von Preußen vollständig einig ist, aber das kann ich Ihnen sagen: Diejenigen unserer Kollegen, die berufen sein sollten, an seine Stelle zu treten und nun in Zukunft die großen Probleme, die heute eines nach dem andern hier vorgezeigt worden sind, zur Befriedigung des Reichstags und der Nation zu lösen, die beneide ich wahrlich nicht und ich freue mich meiner obskuren Existenz, die mich nie in die Lage setzen wird, eine solche Rolle spielen zu müssen. 

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Veröffentlicht unter 1878, 1896, Eugen Richter, Geschichte, Parlamentarismus | Hinterlasse einen Kommentar

Eugen Richter in der Literatur

Um neun erschien dann Innstetten wieder zum Tee, meist die Zeitung in der Hand, sprach vom Fürsten, der wieder viel Ärger habe, zumal über diesen Eugen Richter, dessen Haltung und Sprache ganz unqualifizierbar seien, und ging dann die Ernennungen und Ordensverleihungen durch, von denen er die meisten beanstandete.

Theodor Fontane, Effi Briest

Hier kam ihm ein Einfall, oder war es eine Erinnerung, er wußte nicht. „Seine Majestät haben das erhabene Wort gesprochen: ‚Mein afrikanisches Kolonialreich für einen Haftbefehl gegen Eugen Richter!‘ Ich aber, meine Herren, liefere Seiner Majestät die nächsten Freunde Richters!“

Heinrich Mann, Der Untertan

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Parlaments-Feuilleton der Berliner Wespen

Parlamentsfeuilleton

Berliner Wespen, 10. Mai 1878

Sitzung des Deutschen Reichstages. Die Versammlung ist bis zur Beschlußfähigkeit zusammentelegraphirt worden und kommt nicht mehr lediglich deshalb zusammen, um gezählt und geschlossen zu werden. Am Tische des Bundesrathes der Präsident Hofmann, neben demselben bilden die kahlen und behaarten Kommissarien bunte Reihe.

Das Haus setzt die Berathung des Gesetzentwurfs, betreffend die Abänderung der Gewerbeordnung fort.

Die socialdemokratischen Abgeordneten haben entdeckt, daß die Arbeiter durch manche Fabrikordnungen fast ebenso tyrannisirt werden, wie durch die Statuten der socialdemokratischen Vereine. Dies bringt sie natürlich außer sich, und es ergreift (glücklicherweise nur) das Wort der

Abg. Fritzsche. Meine Herren, ich verlange, daß die Fabrik-, Werkstatt- und Werkplatzordnungen vor ihrer Einführung der Gemeindebehörde vorgelegt werden. Denn ich kenne eine große Chemnitzer Spinnerei, in welcher nicht nur gearbeitet wird, — es wird mein Bestreben sein, gegen diese üble Angewohnheit der Fabriken fort und fort zu agitiren, — sondern in welcher auch die Vorgesetzten Rechte haben und nicht allein die unglücklichen Arbeiter. Diese Ungerechtigkeit muß aufhören. Ich verlange, daß die Polizei überall einschreitet, wo irgendwie ein Vorgesetzter stattfindet, welcher die Menschenrechte durch Ausrechthaltung der Ordnung etc. körperlich verletzt.

Abg. Lasker warnt vor der Wiedereinführung der Zeit, in welcher die Polizei geherrscht hat. Der einzige Weg der Abhülfe sei der, daß die Fabrikordnungen zur Kenntnißnahme irgend einer Behörde gebracht werden, welche darüber zu wachen hat, daß nichts darin enthalten ist, was den guten Sitten und dem Gesetz widerspricht. (Der Abg. Fritzsche thut ihm nichts.)

Abg. Franz räth gleichfalls, den Antrag Fritzsche abzulehnen.

Abg. Rittinghausen. Meine Herren, die jetzige Institution der Gesellschaft ist überhaupt faul und nur auf den Nutzen des sogenannten Bürgerstandes berechnet. Diesen zu stürzen, ist unsere Lebensaufgabe, und davon leben wir. Wir werden dafür sorgen, daß der Arbeiterfrühling endlich anbricht und sämmtliche Arbeiter einer Fabrik nichts zu thun haben, als den Fabrikbesitzer zur Arbeit anzuhalten und die Zeit nicht mit dem Verzehren unseres Schweißes zu vertrödeln.

Abg. Richter (Hagen). Die Herren Socialdemokraten wollen stets und überall die Polizei, nur nicht in ihren eigenen Kreisen. Der Arbeitgeber soll mit dem Schutzmann zu Bette gehen und wieder aufstehen, aber dem Socialdemokraten soll er nicht in’s Schlafzimmer kommen.

Abg. Rittinghausen. Da der Abgeordnete Richter also die Principien der Socialdemokratie nicht kennt, so würde es mich freuen, wenn er sich einmal von uns hier im Hause ausführlich belehren ließe.

Abg. Richter (Hagen). Darauf kann ich mich nicht einlassen, weil mir Beulen schlecht stehen. Ich will aufrichtig gestehen, daß ich nicht im Stande bin, es mit den geballten Lehren der Herren aufzunehmen.

Abg. Reichensperger (Crefeld) begrüßt es freudig, daß sich der Abg. Richter jetzt so energisch gegen die Polizeimaßregeln ausspricht, also anders als auf kirchenpolitischem Gebiet. (Die Versammlung schreitet aus Furcht vor einer Culturkampfrede zur Abstimmung und lehnt den Antrag Fritzsche ab.)

§ 123 zählt die Fälle auf, in denen die Arbeiter vor Ablauf der vertragsmäßigen Zeit und ohne Aufkündigung die Arbeit verlassen dürfen.

Abg.Hasenclever. Meine Herren, ich wünsche auch, daß die Arbeiter berechtigt seien, die Arbeit zu verlassen, wenn der Arbeitgeber oder dessen Vertreter sich eines Diebstahls, einer Unterschlagung, eines Betruges oder eines liederlichen Lebenswandels schuldig macht. Dies thut der Arbeitgeber häufiger, als der Arbeiter. Der Arbeitgeber ist immer ein Verbrecher. Beweis: ich behaupte es! Wer es bestreitet, der komme mit mir in’s Freie, wo uns Niemand sieht. Wird mein Antrag abgewiesen, so wird der Satz bestätigt, daß unsere Gesetzgebung eine Klassengesetzgebung ist. Beweis: ich behaupte es! Ueber diesen Satz hat sich vor einigen Tagen der Abg. Bürgers echauffirt. Derselbe war früher Communist, ist also ein Renegat. Beweis: ich behaupte es! (Er wird zur Ordnung gerufen.)

Abg. Bürgers bemerkt. persönlich, daß er nie zur Partei der Socialdemokraten gehört, sondern dieselbe stets bekämpft habe. (Während sich nun der Abg. Hasenclever auf ein anderes Schimpsfwort besinnt, wird sein Antrag abgelehnt.) Zu § 129 beantragen die Abgg. Ackermann und v. Helldorff eine Einschaltung, durch welche, wie der Letztere auseinandersetzt, dem leichtfertigen Ueberlaufen der Lehrlinge von einem Gewerbe zum andern heilsame Schranken gezogen werden sollen.

Damit ist das Signal zu einer Culturkampfdebatte gegeben, woraus hervorgeht, daß der Reichstag den Lehrlingen das Ueberlaufen von einem Gewerbe zum andern, seinen Mitgliedern aber das Ueberlaufen von den Lehrlingen zur Kirche nicht beschränken mag.

Abg. Freiherr v. Hertling. Ich werfe dem Abg. v. Helldorf vor, daß er mit seiner Partei, der äußersten Rechten, Maßregeln zustimmt, die die katholische Kirche in Fesseln schlagen, und daß er kein anderes Recht, als das des Staats kennt.

Abg. v. Helldorf. Ich weiß nicht, wie man die Stirn haben kann, das zu behaupten, doch ich habe eine Erklärung dafür, — Sie kokettiren mit der Socialdemokratie.

Abg. Lieber (drängt sich dazwischen). Herr v. Helldorf, wie können Sie sagen, daß ich kokettire?

Abg. v. Helldorf. Ich sprach mit Ihnen gar nicht, mein Lieber.

Abg. Lieber. So? Gut, dann halte ich es unter meiner Würde, Ihnen zu antworten.

Der Präsident (klingelt sie auseinander.)

Abg. Lieber. Herr Präsident, der Helldorf hat geschimpft und hat mich nicht gemeint. Das lasse ich mir nicht gefallen.

Der Präsident. Ich habe nicht zugehört. Hat Jemand aber Jemand beleidigt und nicht Sie, so ist das allerdings nicht parlamentarisch.

Abg. Lieber. Durchaus nicht, und will ich kokettiren, so kotettire ich lieber mit Most, als mit Helldorf. Jener bindet mich wenigstens nicht. Der Tumult dauert fort.

Nächster Tumult: Nr. 20 der Berliner Wespen.

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Der Mann mit dem Hammer hat wieder einen Nagel gefunden

Quelle: Wikipedia

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Schwieriges Maklergeschäft

Berliner Wespen, 3. Mai 1878

Maklergeschäft

Unserem Reichskanzler, der sich sonst recht gut auf’s Einfädeln versteht, ist es bis jetzt nicht gelungen, das russische Kameel durch das englische Nadelöhr zu bringen.

Hintergrund

Beim Berliner Kongreß wollen vor allem Großbritannien und Österreich-Ungarn den russischen Einfluß auf dem Balkan zurückdrängen, nachdem Rußland im Frieden von San Stefano weitgehende Forderungen gegen die Türkei durchgesetzt hat. Bismarck möchte hier als “ehrlicher Makler” auftreten. Das Kamel hat die Gesichtszüge des russischen Verhandlungsführers Fürst Gortschakow. Es trägt neben dem Frieden von San Stefano auch Bessarabien, das Rußland seinem Verbündeten (!) Rumänien abgenommen hat, ganz entgegen früheren Beteuerungen, keine territorialen Ambitionen zu haben, sondern nur den bedrängten Christen im osmanischen Reich helfen zu wollen.

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Die erste Sitzung des Congresses

Berliner Wespen, 3. Mai 1878

Nach langen Jahren war — Dank den Bemühungen des mittlerweile zur Großmacht herangemimten Meiningen! — der Congreß zusammengetreten. Die Staatsmänner, welche die europäischen Großmächte am Schluß des orientalischen Krieges zu ihren Vertretern ernannt hatten, waren längst gestorben und die Ersatzmänner so alt geworden, daß sie sich kaum auf den Rollstühlen zu halten vermochten.

Am Tage nach der Einweihung des neuen Reichstagsgebäudes zu Berlin fand der Zusammentritt des Congresses statt. Eine ungeheure Volksmenge hatte sich versammelt, um die Greise in ihren glänzenden Uniformen aus den Equipagen tragen zu sehen. Aber Niemand wußte, was dies bedeute. In den Haufen von Neugierigen wurden die merkwürdigsten Vermuthungen laut. Diejenigen, welche meinten, es sei ein neuer Carnevalsverein, der seine Statuten berathen wollte, fanden den meisten Glauben und galten als bestunterrichtet. So leichtgläubig ist das Volk! Keiner der ankommenden Staatsmänner trug eine Pappnase, und dennoch nahm man an, es seien die Mitglieder einer scherzhaften Gesellschaft. Aber an den Congreß dachte Niemand mehr. Und als nun in der besten Absicht gerufen wurde: Die Narren sollen leben! da schüttelten die Staatsmänner den Kopf und hielten die Berliner für verrückt.

Indem bald darauf die Sitzung eröffnet wurde, zeigte sich indeß, daß das Berliner Publikum durchaus entschuldigt werden mußte, denn im Schooße des Congresses selbst wußte man nicht, um was es sich eigentlich handle. Man werfe nur einen Blick in das sorgfältig phonographirte Protocoll:

Der Präsident. Meine Herren, ich eröffne hiermit den Congreß, welcher zusammengetreten ist, um die Stipulationen des Friedens zu prüfen, welcher zwischen Rußland und der Türkei geschlossen worden ist.

Der Vertreter Rußlands. Ich muß zu meinem Bedauern den Herrn Präsidenten unterbrechen. Die hier namhaft gemachte Türkei existirt seit Jahren nicht mehr. Es scheint sich hier also ein Irrthum eingeschlichen zu haben. Die einstigen Türken sind meist von den Strahlen der russischen Cultur erschlagen und die wenigen Uebriggebliebenen nach Paris ausgewandert, wo sie sich in Parfumerienfabriken nützlich machen. Der orientalische Krieg —

Der Vertreter Italiens. Ich bitte um’s Wort. Soll die Verhandlung gedeihlich fortgeführt werden, so muß den jüngeren Mitgliedern des Congresses, welche das 60. Jahr noch nicht überschritten haben, vor allen Dingen erst etwas über den Krieg gesagt werden, welche der geehrte Vorredner als den orientalischen zu bezeichnen beliebt. Wann hat derselbe stattgefunden, und wo wurde er geführt?

Der Präsident. Wenn ich recht unterrichtet bin, so spielte sich dieser Krieg um die Mitte des vorigen Jahrhunderts in der Umgegend Constantinopels, des heutigen Alexanderburg, ab.

Der Vertreter Oesterreichs. Sollte der Herr Präsident hier nicht eine Verwechslung mit dem Krimkriege vornehmen? Meines Wissens fand derjenige orientalische Krieg, der uns hierher führt, ein Vierteljahrhundert später statt.

Der Vertreter Englands. Ich habe diese Verwirrung geahnt und für mehrere Exemplare der Weber’schen Weltgeschichte gesorgt, welche ich um das Doppelte des Kostenpreises gern abzulassen bereit bin.

Der Vertreter Deutschlands. Mir liegt die Pflicht ob, der Versammlung mitzutheilen, daß der Magistrat von Berlin, die sich häufenden Verlegenheiten gleichfalls voraussehend, den Auftrag ertheilt hat, in allen Thurmknöpfen nach Einzelnheiten des orientalischen Krieges zu suchen.

Der Vertreter Englands. Ich erblicke in diesem Anerbieten eine Feindseligleit gegen den Welthandel Englands, welches sich den durch die Exemplare des Weber’schen Wertes erhofften Gewinn nicht nehmen lassen kann.

Der Präsident. So stehen wir denn vor einem neuen Conflict, der vermieden werden konnte, wenn der gegenwärtige Congreß nicht so fabelhaft verschleppt worden wäre. Ich schlage vor, dies unseren Regierungen vorzustellen, und schließe die Sitzung.

(Großer Tumult. Der Vertreter Englands setzt eine Schadenrechnung auf. Die Staatsmänner werden wieder in die Equipagen getragen. Neue Rufe des Publikums: Die Narren sollen leben!)

Hintergrund

Nach seinen Siegen hat Rußland am 3. März 1878 der Türkei den Frieden von San Stefano aufgezwungen mit weitgehenden Zugeständnissen. Den anderen europäischen Mächten, vor allem Großbritannien und Österreich-Ungarn paßt aber die Ausdehnung der russischen Einflußsphäre auf dem Balkan nicht. Von daher kommt es zum Berliner Kongreß im Juni und Juli 1878. Allerdings zieht sich dessen Beginn hin, worüber sich die Berliner Wespen lustig machen. Als Seitenhieb wird auch auf den schleppenden Fortgang des Reichstagsbaus angespielt, der immer noch in Planung ist und erst von 1884 bis 1894 wirklich ausgeführt wird. Außerdem bezieht man sich noch auf das Herzogtum Sachsen-Meiningen, einen der kleinsten Staaten des Deutschen Reiches und hauptsächlich für das Meininger Hoftheater bekannt, das um die Zeit durch Europa auf Tournee geht.

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Billige Arbeit und billiges Korn

Reichsfreund, 14. März 1889

Bismarck und Puttkamer, — Russen, Polen und Chinesen.

Der agrarische Notstand des Arbeitermangels, den wir in den letzten beiden Nummern des Reichsfreundes eingehend erörterten, ist am schlimmsten in Westpreußen, in derjenigen Provinz, die seit einer Reihe von Jahren durch die Zahl der überseeischen Auswanderer alle anderen Provinzen, sogar Posen und Pommern übertraf. In Westpreußen haben in den letzten Wochen mancherlei Beratungen über die Beseitigung dieses Notstandes stattgefunden.

Abenteuerliche Vorschläge tauchten auf. Die alten feudalen Mittel, die Fesselung an die Scholle des Gutsherrn und der Dienstzwang der Bauernkinder, sind nicht zurückzugewinnen. Aber die Möglichkeit, die Personentarife auf den Eisenbahnen zu erhöhen, damit die Arbeiter nicht genug Geld haben, nach dem Westen zur Arbeit zu fahren, schien den Großgrundbesitzern und Domänenpächtern nicht ausgeschlossen.

Früher wurden die nach Westen abziehenden einheimischen Arbeiter einigermaßen ersetzt durch die vom Osten anziehenden russisch-polnischen Arbeiter. Aber diese sind ausgewiesen und dürfen nicht mehr ins Land. Mit der Bitte, die ausgewiesenen Russen und Polen wieder ins Land zu locken, getraute man sich anfänglich kaum, dem allmächtigen Reichskanzler und Ministerpräsidenten [Bismarck] zu nahen. Weit eher hielt man für möglich, ihn zur Herbeischaffung von Chinesen zu bestimmen. Ein Domänenpächter im Krise Pr. Stargard wandte sich dieserhalb an die königliche Regierung zu Marienwerder, und dem Herrn Regierungspräsidenten war der Gedanke so einleuchtend, daß er von dem Hauptvorsteher des Centralvereins westpreußischer Landwirte, dem bekannten Reichstags- und Landtagsabgeordneten und Exminister-Bruder Rittergutsbesitzer Bernhard von Puttkamer auf Plauth, ein Gutachten des Centralvereins über die Einfuhr chinesischer Arbeiter nach Westpreußen einforderte. Klingt dies nicht wirklich abenteuerlich? Kaum ein Vierteljahr ist es her, seit die Thronrede des deutschen Kaisers und preußischen Königs das Deutsche Reich feierlich als an der Aufgabe, den schwarzen Weltteil Afrika für christliche Gesittung zu gewinnen, für beteiligt erklärt hat – und jetzt erfordert eine preußische Regierung Gutachten über den Plan, die durch Unsittlichkeit und Laster aller Art in allen Weltteilen berüchtigten chinesischen Arbeiter aus Asien nach Preußen einzuführen?

Trotzdem die Chinesen die billigsten Arbeiter der Welt sind, scheinen die Agrarier des Centralvereins doch den Plan nicht für ernst genommen zu haben. Aussichtsvoller erschien dem Verwaltungsrate doch noch ein Antrag des landwirtschaftlichen Vereins zu Christburg, “die Staatsregierung zu ersuchen, sie möge veranlassen, daß der Zuzug von Arbeitern aus dem russischen Nachbarlande während der Zeit vom 1. April bis Martini nach denjenigen Kreisen möglichst erleichtert werde, in welchen in Folge der Auswanderung nach dem Westen ein erheblicher Rückgang der Bevölkerungsziffer und in Folge dessen ein fühlbarer Mangel an Arbeitskräften zu bemerken ist.”

Dieser Antrag wurde von vielen Seiten lebhaft befürwortet, und schließlich einstimmig angenommen. Wir wünschen ihm allen Erfolg, zweifeln aber, daß der Herr Reichskanzler, der von vorgefaßten Meinungen sich in der Regel schwer abbringen läßt, darauf eingehen wird, diejenigen Leute auf einige Monate schaarenweise wieder ins Land zu locken, die vor wenigen Jahren rücksichtslos und nicht ohne Härte mit Gewalt schaarenweise aus dem Lande ausgetrieben sind.

Der Herr v. Puttkamer-Plauth, der selbst für den Christburger Antrag lebhaft eintrat, gab bei dieser Gelegenheit eine Enthüllung zum Besten, welche darthut, daß sein Bruder, der verflossene Minister des Innern von Puttkamer, in dieser Frage in seinen Ueberzeugungen auf Seite — der vielgeschmähten Deutschfreisinnigen stand. Der Ministerbruder sagte, wie der Graudenzer “Gesellige” berichtet:

“Man hat dem Minister v. Puttkamer die Schuld an dem Arbeitermangel in Folge der Ausweisungen in die Schuhe geschoben; doch ist er es gerade gewesen, der den Reichskanzler auf die aus den Ausweisungen für die Landwirtschaft erwachsenden Schäden aufmerksam gemacht hat; der Reichskanzler aber erwiderte: “in vier Wochen müssen 40 000, d. h. Polen hinaus.”

Als die große Reinigung Preußens von Ausländern zuerst in Westpreußen begann, erklärte Minister von Puttkamer im Abgeordnetenhause, das deutsche Volkstum solle vor Ueberflutung gegen das Polentum geschützt werden. Schon im Sommer 1885 machten wir darauf aufmerksam, daß mancher hochkonservative für des Kanzlers Wirtschaftspolitik schwärmende Grundherr in Westpreußen plötzlich in schwere Verlegenheit gesetzt werde, weil man ihm seine Tagelöhner ausgewiesen habe und Ersatzmänner schwer und nur zu erhöhten Löhnen zu beschaffen sind. *

Aber daß Minister v. Puttkamer — natürlich nur wegen der agrarischen Not — seinem Kollegen ernste Vorstellungen gemacht hat, — freilich um ihm nachher wider besseres Wissen wie immer zu gehorchen, konnten wir nicht ahnen. **) Die freisinnige Partei hat von Anfang an rücksichtslos und beharrlich die Ausweisung und die daran anschließenden Maßnahmen des Reichskanzlers bekämpft und sich nicht darum gekümmert, auch dieserhalb als Reichsfeinde behandelt zu werden.

Das Verfahren der preußischen Regierung war ein Bruch mit den glorreichen Ueberlieferungen der Hohenzollern und enthielt eine schwere Schädigung der wirtschaftlichen und nationalen Entwickelung der davon betroffenen Grenzprovinzen.

Für die Vertreibung von 30 000 bis 40 000 österreichischer und russischer Unterthanen, von denen nicht blos ein paar tausend Juden, sondern auch polnisch oder blos deutsch sprechende Katholiken, Protestanten und sonstige Christen lange Jahre redlich und friedlich bei uns gelebt hatten und kein einziger im Verdacht deutschfeindlicher Bestrebungen stand, wußten bei Beratung des von der deutschfreisinnigen Partei eingebrachten Antrages Ausfeld und Genossen in den Beratungen des Reichstags im Januar 1886 die konservativen Redner nichts stichhaltiges anzuführen. “Die nationalliberalen Wortführer aber, Professor Marquardsen und Dr. Bötticher, machten, ohne auch nur den geringsten Beweis dafür zu erbringen, mit hohlem Wortschwall geltend, es handle sich um eine nationale Sache, es stünden nationale Interessen auf dem Spiel — es könne für unsere nationale Weltstellung Folgen haben, wenn sich der Reichstag in einer nationalpolitischen Frage in Gegensatz zu Fürst Bismarck setze! Mit so billigen Redensarten des Knechtsinns giebt diese heruntergekommene Gesellschaft sich und ihre Ueberzeugung preis!” (Reichsfr. 1886 S. 25.)

Der damalige Reichstag hatte noch keine Kartellmehrheit. Schließlich wurde nach Ablehnung des Antrages der deutschfreisinnigen Partei der nur etwas abschwächende Antrag des Centrums mit allen Stimmen gegen die der Konservativen und Nationalliberalen angenommen. Danach sprach der Reichstag die Ueberzeugung aus, daß die von der preußischen Regierung verfügten Ausweisungen russischer und österreichischer Unterthanen nach ihrem Umfange und nach ihrer Art nicht gerechtfertigt erschienen und mit dem Interesse der Reichsangehörigen nicht vereinbar seien.

Der Beschluß hat nichts geholfen. Der Reichskanzler suchte die Beglückung der Menschheit und die Germanisirung des Ostens auf seine Manier durch die Polengesetze zu erreichen, und tröstet sich, wenn Erfolge bis heute nicht zu erkennen sind, mit der Anerkennung künftiger Jahrhunderte!

Diesen Trost wollen wir ihm gönnen. Vor der Hand aber haben seine getreuesten Anhänger, seine Freunde und Vettern, den Schaden von seiner Politik zu tragen. Vetter Bernhard Puttkamer klagt, das Aufhören des Arbeitermangels sei noch gar nicht abzusehen, die großen Bauten von Deichen, Kanälen, Eisenbahnen, Chausseen lockten die Gutsarbeiter fort; im vergangenen Herbst hätten Tausende von Centnern Rüben und Kartoffeln in der Erde bleiben müssen, weil auch für teures Geld keine Arbeiter zu bekommen waren. Dazu die massenhafte Auswanderung nach Amerika, der mit keinen Mitteln zu steuern sei. Sind doch von dem Gute des Herrn von Puttkamer “im Laufe der Jahre hundert Familien, und gerade die besten, ausgewandert, obgleich sie sehr gut gestellt waren und ihnen sogar allerhand Wohlfahrtseinrichtungen gewährt wurden.”

Nun freilich, auch die bestgestellten Landarbeiter der Großgrundbesitzer ziehen die Aussicht, im freien Amerika selbst Grundbesitzer, wohl gar Großgrundbesitzer zu werden, dem Gutstagelöhnerleben in den von den Puttkamers und ihrer Vetternschaft regierten Provinzen des preußischen Ostens vor. Helfen kann nur eine Umkehr unserer ganzen Politik. Die Grenzen sind zu öffnen, damit billige Arbeit und billiges Korn vom Osten ins Land kommt, die Lebensmittelzölle sind aufzuheben, freiheitliche Gesetze zu geben, die Junkervorrechte zu beseitigen. Dann wird es wieder schöner im deutschen Vaterlande!

*) Nr. 36 1885 S. 285

**) Wir verweisen namentlich auf die Verhandlungen des Reichstags vom 15. und 16. Januar 1886. (Reichsfreund 1886, Nr. 4 Seite 26.)

Hintergrund

Der Artikel ist der von Eugen Richter mitherausgegebenen Wochenzeitung “Der Reichsfreund” entnommen. Der Titel des Blattes spielt ironisch auf den Dauervorwurf an, die Deutschfreisinnigen seien “Reichsfeinde”. Dieser ungezeichnete Beitrag könnte möglicherweise von Eugen Richter selbst stammen, denn um dieselbe Zeit erscheinen auch ähnliche Leitartikel in der “Freisinnigen Zeitung”, und diese werden meist von ihm verfaßt.

Es geht um die Polenausweisungen und deren Folgen, die ab 1885 stattgefunden haben. Anfang 1886 gelingt es einer Mehrheit aus Deutschfreisinnigen, süddeutschen Demokraten, Zentrum, Polen und Sozialdemokraten eine Resolution gegen die Abschiebungen im Reichstag zu verabschieden, die aber wirkungslos bleibt, weil Bismarck an seiner Politik festhalten möchte. Die betreffenden Parteien werden dafür als “Reichsfeinde” von offiziöser Seite angegriffen. Erst nach Bismarcks Abgang kommt es zu einer gewissen Lockerung mit temporären Aufenthaltsgenehmigungen, wie sie von den Junkern gefordert wird.

Bismarcks Innenminister in Preußen, Robert Viktor von Puttkamer, kommt in dem Artikel zu gut weg. Er mag die Abschiebung der polnischen Landarbeiter als ungünstig angesehen haben, dafür versucht er der Aktion eine antisemitische Stoßrichtung zu geben und möchte sich auf die jüdischen Ausländer konzentrieren, was wieder Bismarck zu dem Zeitpunkt nicht in den Kram paßt. Vermutlich möchte der Kanzler mit den Ausweisungen nämlich einen Keil zwischen Polen und Zentrum im Reichstag treiben, indem er letztere auf einen “nationalen” Kurs verpflichtet und so als möglichen Koalitionspartner gefügig macht. Gleichzeitig wird von Bismarck eine Beilegung des “Kulturkampfs” mit der katholischen Kirche betrieben, was dazu passen würde.

Die Chinesen kommen hier wie in den Artikeln der “Freisinnigen Zeitung” sehr schlecht weg, wohl aber mehr um die Widersinnigkeit zu betonen, chinesische Arbeiter importieren zu wollen, während man gerade anständige Einwanderer aus Rußland und Österreich-Ungarn abgeschoben hat. Man läßt sich dabei wohl ohne eigene Anschauung von der antichinesischen Propaganda in den USA anstecken, die 1882 zum Chinese Exclusion Act geführt hat. Es versteht sich von selbst, daß wir eine solche Einschätzung der Chinesen nicht teilen.

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Lebensgeschichte eines Mecklenburgers

Hamburger Wespen, 20. Mai 1864

Lebensgeschichte eines Mecklenburgers.

In der Wiege. — In der Schule. — In der Lehre.

Lebensgeschichte

Der Manngewordene wird jetzt nicht mehr willkürlich,
sondern gesetzlich behandelt, aber sehr.

In Amerika endlich findet er bei seinen einstigen
Leidensgenossen die langersehnte Sicherheit.

Hintergrund

Die Prügelstrafe wurde 1802 in Mecklenburg abgeschafft, aber 1852 wieder eingeführt. Um die Zeit der Karikatur wird sie gerade “verbessert”. Es ist die Zeit des amerikanischen Bürgerkriegs (1861-1865) und der Sklavenbefreiung per 1. Januar 1863.

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Stefan Blankertz: Das libertäre Manifest

Produkt-Information Es gibt nicht viele Beiträge zur Theorie des Libertarismus (und des weiteren Feldes von Liberalismus bis Anarchismus), die aus Deutschland kämen und die erwähnenswert wären. Vieles ist einfach Abklatsch angelsächsischer Vorbilder. Eine Ausnahme bildete das “Libertäre Manifest” von Stefan Blankertz, das erstmals 2001 bei der “edition ef” erschien.

Dort ist es aus dem Programm genommen worden. Man kann Vermutungen anstellen, daß es nicht mehr zur Ausrichtung des Verlags paßte, der mittlerweile den Begriff “Libertarismus” als etwas aufmüpfigen Konservativismus mit einem Faible für die Putins dieser Welt positioniert hat. Jedenfalls scheint sich Stefan Blankertz in einem solchen Umfeld auch nicht wohl gefühlt zu haben, und hat nun in seinem eigenen Verlag eine überarbeitete Fassung erscheinen lassen.

Wie er in der editorischen Bemerkung zu Beginn erläutert, wollte er das Buch straffen, weil in die ursprüngliche Ausgabe zu viele Sachen eingebaut wurden, an denen er seinerzeit arbeitete. Was entfiel, gefiel uns auch, die stärkere Konzentration hat dem Buch aber doch gut getan. Die Kernthesen kommen besser heraus, und es nähert sich auch dem Titel stärker an, eine Art Manifest zu sein, auch wenn der Begriff immer noch etwas zu groß erscheint.

Der Hauptpunkt des Buches ist Blankertz’ Versuch, eine libertäre Klassentheorie zu formulieren, aber diesmal nicht wie bei Marx und Engels an der Stellung zu den Produktionsmittel ansetzend, sondern an der Stellung zum Staat als Instrument, andere auszubeuten. Er schildert zunächst vorstaatliche Gesellschaften, die per segmentärer Opposition, das Entstehen eines Staates unterbinden.

Segmentäre Opposition bedeutet, daß sich jeweils viele kleine Machtzentren (zumeist Familienverbände) zusammenschließen, um denen entgegenzutreten, die eine Herrschaft über alle anstreben. Daß sich solche Gesellschaften lange halten können, dafür gibt es historische Beispiele wie etwa in Island oder in Irland vor der Eroberung durch die Engländer. Staaten entstehen meist, wenn eine von außen kommende Gruppe die Herrschaft über eine Gesellschaft erringt. Es ergibt sich eine Enteignerklasse, die die ”Kapitalistenklasse” (verstanden als alle Produktiven) ausbeutet. Stefan Blankertz zeichnet dann nach, wie sich diese ursprünglichen Staaten immer weiter differenzieren und gesellschaftliche Funktionen okkupieren. Letztlich ergeben sich sechs Klassen aus den Kombinationen “produktiv” und “unproduktiv” sowie “herrschend”, “verwaltend” und “unterdrückt”.

Wie Blankertz betont, bedeutet dies nicht eine Klassenidentität. Vielmehr richten sich die Menschen viel eher nach der Schichtzugehörigkeit aus. Weder der Unternehmer noch der Arbeiter sind sich einig, auch wenn sie in dem Schema beide zur Kapitalistenklasse gehören (produktive unterdrückte Klasse), wohingegen sich ein Politiker (unproduktive herrschende Klasse), ein Lehrer (produktive verwaltende Klasse) und ein Unternehmer locker als Gleiche zum Skat treffen würden.

Für uns bleibt die Frage, was die Einteilung dann soll, wenn sich die so definierten Begriffe zu nicht viel verwenden lassen, um die Wirklichkeit zu beschreiben oder zu erklären. Man kann sie aber immerhin so verstehen, daß sie die “wahren” Verhältnisse offenlegen und dafür werben, sich nach den Klassen auszurichten, während diese durch “Ideologie” verdeckt werden. Wie das alles gehen soll, dazu sagt Blankertz wenig, das Ende des Buches ist ein eher offener Appell.

Auch wenn wir damit das Hauptprojekt des Werkes nicht für gelungen halten oder einfach nicht verstanden haben, fallen trotzdem sehr viele Sachen bei der Entwicklung der Ideen ab, etwa die Schilderung, wie der Staat sich immer mehr in die Gesellschaft ausgedehnt hat. Die Thesen, wie und warum Gewalt in einer ansonsten doch sehr befriedeten Gesellschaft entsteht, fanden wir interessant, auch wenn sie sich nicht in den gesamten Gedankengang einfügen. Wohltuend war für uns auch, daß und wie Stefan Blankertz gegen eine Aufweichung libertärer Ansichten in Richtung von Konservativismus Stellung bezieht.

Es sind eher kleinere Punkte, die uns gestört haben, etwa die Adorno-Marotte, das “sich” eines reflexiven Verbs nicht weit vorne, sondern hinten zu platzieren, worüber wir im Lesefluß mehr als einmal gestolpert sind. Auch die wirtschaftlichen Argumente sind nicht immer stimmig und verraten den Einfluß eines Murray Rothbards mit seiner Attitüde, alle ökonomischen Fragen apriori beantworten zu können.

Etwa ist die Darstellung zu Marktversagen bei positiven Externalitäten einfach falsch. Es wird von Blankertz so getan, als würde damit behauptet werden, daß ein öffentliches Gut gar nicht produziert wird. Als Gegenbeweis wird dann darauf verwiesen, daß es durchaus produziert werden kann. Aber die Behauptung zu dem betreffenden Marktversagen ist viel schwächer: ein öffentliches Gut mit positiven Externalitäten wird gegenüber einem optimalen Niveau zu wenig produziert, womit das Argument von Blankertz ins Leere läuft.

Trotz all dieser Kritik im Detail, hat uns das Buch insgesamt in der neuen Fassung noch besser als in der alten gefallen. Erfreulich ist auch die günstige Kindle-Ausgabe. Wenn man etwas im deutschsprachigen Raum zu dem Thema lesen sollte, dann unbedingt dieses Werk. Im englischsprachigen Raum würden wir allerdings Michael Huemers “The Problem of Political Authority” für eine noch bessere Verteidigung eines anarchokapitalistischen Programms halten.

Doch jeder hat seine Stärken, so ist Blankertz streckenweise mitreißend, während Huemer etwas trocken bleibt. Und es macht insbesondere Spaß, wie “linke” Argumente (im Sinne einer marxistisch beeinflußten Kritik) vom Kopf auf die Füße gestellt werden, sodaß sie plötzlich nicht mehr affirmativ, sondern kritisch gegen den Etatismus stehen. Aus all diesen Gründen unsere Empfehlung für das Buch.

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