Top-Artikel Dezember und Januar

  1. Parallel-Berichterstattung über das Jahr 1863 (1363)
  2. Als Pegida noch “Deutsche Reformpartei” hieß (457)
  3. Ordinäre Fabel (197)
  4. Top-Artikel 2014 (177)
  5. Invaliditäts- und Altersversicherungsgesetz (163)
  6. Wie eine Revue entsteht (142)
  7. Goodbye Deutschland 1863 (127)
  8. Die Emanzipations-Proklamation (125)
  9. Vanitas! Diplomatum Vanitas! (110)
  10. Als noch nicht die Rede von der christlich-jüdischen Kultur des Abendlandes war (105)
  11. 125 Jahren Bismarckrente (105)
  12. Die Niederlage der Unionisten bei Fredericksburg (103)
  13. Schulze-Delitzsch zum Verbot des Genossenschaftskongresses in Paris (103)
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Die Katholische Kirche als Kinderräuber (II)

Lokomotive an der Oder, 31. Januar 1863

Daaden (Rheinprovinz), 25. Januar. Das größte Aufsehen erregt hier die Entführung eines 12jährigen Mädchens von Herdorf durch römische Priester. Dessen Eltern waren im vorigen Jahre aus der katholischen Kirche zur evangelischen übergetreten. Nach vergeblich angewandter List, die Familie wieder zurückzuführen, schritt man zu solcher Gewalthat, um der Kinder noch habhaft zu werden. Wo das entführte Kind untergebracht worden ist, ist bis jetzt noch unbekannt. Man hat nach höchst betrübenden Vorgängen in hiesigem Kreise nicht das Vertrauen, daß energische Schritte zur Auffindung des Kindes gethan werden. (Elberf. Ztg.)

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Die neueste Betrugsmasche

Berliner Gerichtszeitung, 31. Januar 1863

Zum sogenannten Kümmelblättchenspiel, das als Betrugsact in Berlin eine so bedeutende Rolle spielt, werden seit Kurzem nicht mehr Karten, sondern — man höre —  Fingerhüte verwendet. Der Bankhalter stellt 3 Fingerhüte auf und läßt unter einen derselben ein Stückchen Kork, das er den Mitspielern vorher zeigt, verschwinden. Diese glauben natürlich gesehen zu haben, unter welchen Fingerhut das Korkstück gelegt worden ist, setzen auf denselben und sind betrogen. Selbstverständlich gehört zu diesem Spiel eine bedeutende Fingerfertigkeit. Wie man uns sagt, ist dies Spiel vor vielen Jahren von sogenannten Chilfern aufgebracht und jetzt nur wieder aufgefrischt worden.  Schadenbringend für Unerfahrene ist es, wie das Kümmelblättchen, dies haben die letzten Tage bereits bewiesen, wo Viele betrogen worden sind.

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Links der Woche

Wir stellen hiermit wieder einige Links zusammen, die uns in der letzten Zeit aufgefallen sind. Fett gekennzeichnet ist unsere engere Auswahl. Aktuelle Links auch immer fortlaufend auf unserer Facebookseite.

  1. Alex Tabarrok bei MarginalRevolution: Elasticity and the Economics of Slave Redemption
  2. Kabir Chibber und Jason Karaian: These are the religious beliefs of Europe’s leaders—including the atheists
  3. David Bauer bei Quartz: A story of drinkers, genocide and unborn girls
  4. Frank Furedi bei NOVO Argumente: Antisemitismus: Zeit für neue Antworten auf die jüdische Frage
  5. J. D. Tuccille bei Reason: Saudi Arabia, the U.S. Government’s Embarrassing Friend
  6. Emily Nix und Nancy Qian bei VoxEU: Is race a choice?
  7. Alex Tabarrok bei MarginalRevolution: In Defense of the Company Town – BESTER ARTIKEL DER WOCHE
  8. Mike Murphy bei Quartz: FYI: It’s totally fine to throw away most batteries
  9. Shikha Dalmia bei The Week: How Obama can help eradicate the scourge of militant Hindu nationalism
  10. 20minuten: Japaner lachen über IS und die japanischen Geiseln, siehe auch: Gideon Böss: Mit Kulleraugen gegen den IS-Terror
  11. Sheldon Richman bei Reason: Are Libertarians Looking for Results or Self-Congratulation?
  12. Amanda Winkler, Nick Gillespie und Jason Keisling bei Reason: Why the GOP Congress Should Welcome More Immigrants (Even Illegals!)
  13. Rebecca Greenfield bei FastCompany: Sending A Handwritten Letter Is Now As Easy As Using Gmail
  14. Adam Ozimek bei Dismal Science: A Study Important to Immigration Critics Is Undermined
  15. Die Zeit: EU-Parlamentspräsident vergleicht Saudi-Arabien mit dem IS
  16. Tyler Cowen bei MarginalRevolution: Does economic freedom lead to greater tolerance?
  17. Bryan Caplan bei EconLog: The Lone Collectivist
  18. Jesse Walker bei Reason: Daniel Hannan: ‘Instead of making documentaries about powerful, shadowy terrorist networks, let’s laugh at the numpties’
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Adreßdebatte

Die Presse (Wien), 30. Januar 1863

Berlin, 28. Jänner. (Adreßdebatte.) Im Abgeordnetenhause hat heute zuerst das Wort: Twesten. Die Situation sei klar, die Kammer vertrete die constitutionelle Regierung, während die Regierung sich nach der gestrigen Erklärung des Minister-Präsidenten. auf den Standpunkt des Absolutismus stellt. (Hört!) Wenn die Sache so dargestellt werde, als ob die Kammer der angreifende Theil sei, die Regierung aber stets die Hand, zur Versöhnung dargeboten habe, so sei das ein vollständiger Irrthum. Früher sei allerdings der Etat erst festgesetzt worden, wenn man schon in die Verwaltung eingetreten gewesen, aber man wußte auch damals, daß die Bewilligung erfolgen werde. Das Abgeordnetenhaus und das Land würden nicht von ihren Vwrfassungsrechten weichen. Eine kleine Partei sei anderer Meinung und verfolge andere Zwecke, die sie bestens zu erreichen hoffe, wenn Regierung und Volk sich in Conflict befinden. (Sehr wahr!) Deshalb huldige diese Partei dem Absolutismus. Zu Staatsrettereien sei kein Vorwand. Wenn statt chronischer Verfassungsverletzung eine acute durch Octroyirung des Wahlgesetzes treten sollte, dann würde es sonderbar um die Majorität der Regierung stehen. Auch er höbe gewünscht, daß im Entwurf Einiges nicht, Anderes anders gesagt wäre, aber die Minorität solle der Majoritat Nebensächliches überlassen, in der Hauptsache sei Einigkeit noth. Eintracht zwischen diesem Hause und dem Ministerium sei unmöglich. Die versuchte Herstellung des Absolutismus werde die festen Grundlagen des Staates auseinandertreiben.

Zehrt: Der Conflict sei nicht Schuld allein der Regierung, sondern auch der Abgeordneten. Die Militär-Organisation sei nicht überall mit Widerwillen aufgenommen, man habe nur gefürchtet, daß die Schraube ohne Ende sei. Durch die Adresse werde der Zwiespalt nicht gehoben, sondern verstärkt. In der neuen Aera habe das Haus auf Maßregelungen gedrungen, jetzt seien die Maßregelungen in der Minorität. Mg. Janiszewski: Die Verfassung sei für die Polen gegenwärtig zu wenig, für die Zukunft gar nichts. Etwas Gutes aber habe sie, und deshalb, des Princips willen, ständen sie ihr bei.

Reichensperger-Beckum: Der Erfolg sei die Hauptsache, dieser Erfolg sei die Versöhnung. Die Reichensperger’sche Adresse vermeide alles, was den Conflict vergrößere. Der Redner tadelt Bismarck’s Aeußerung über den Beamtengehalt, ebenso aber die Intoleranz der Liberalen, namentlich endlich den achten Passus.

Schulze-Delitzsch: Während wir an unsern Beschlüssen festhalten, regiert das Ministerium, ohne sich darum zu kümmern. Dagegen wollen wir nicht schweigen. Man könne nur ein offenes, unumwundenes Wort au 5ie geheiligte Stelle richten; die Annehmbarkeit sei nicht Sache dieses Hauses, denn niemand werde demselben die Wahrhaftigkeit bestreiten. Es wäre die höchste Verletzung der Ehrfurcht gegen den König, wenn geflissentlich die Unwahrheit vor den Thron gebracht werde, daß die Aeußerungen der einzelnen Loyalitäts-Adressen der Ausdruck des Landes seien. Man löse das Haus auf oder trete zurück; ein anderes constitutionelles Mittel gebe es nicht. Da Preußen bis zum Jahre 1860 ohne eine verweigerte Summe bestanden, könne man nicht sagen, daß die Abgeordneten das Land wehrlos machen wollen. In Betreff der Maßregelungen lassen sich Beweise bei der erhobenen Anklage dagegen, wenn sie gefordert werden, sehr leicht feststellen.

Der Finanzminister verwahrt die Regierung dagegen, als wolle sie die Rechte der Verfassung antasten. Er könne nicht zugeben, daß die Verfassung verletzt, §. 99 keine Wahrheit sei. Die Regierung habe dessen Vorschriften befolgt, das Weitere habe nicht von ihr abgehangen. Die Regierung sei für das Herrenhaus nicht verantwortlich. Als der Etat nicht zu Stande kam, was war zu thun, als sobald als möglich die Rechnung zur nachträglichen Genehmigung und Ausgleichung vorzulegen? Er könne den 15. März als den Termin bestimmen. Dann werde das Haus zu beschließen haben, was ihm das Richtige scheine. Es könne dann freilich nicht mehr vom Sollzahlen, sondern vom Istzahlen sprechen. Das Verfahren sei in der Verfassung nicht vorgesehen, aber nicht verfassungswidrig. Die allgemeine Discussion ist geschlossen.

Bei der Speciäldebatte erhebt sich Virchow als Antragsteller. Gestern habe er mit Erhebung Schwerin’s offenen, ehrlichen Verfassungssinn vernommen. Aber er hätte gewünscht, daß er die Adresse verbessert oder sich dem Gesammtausdruck des Hauses angeschlossen hätte. Es sei nicht ein Streit zwischen der Krone und dem Parlament, sondern zwischen der Landesvertretung und dem Ministerium. Es bestehe ein Gegensatz zwischen Landesrecht und Ministerialmacht. Der Staat müsse leben, deshalb sollen wir zu Allem Ja sagen. Der Minister-Präsident betone die Nothwendigkeit von Compromissen, als ob es kein Landesrecht gebe. Die Minister verstehen unsere Sprache nicht; sie reden eine solche, welche die ganze Welt nicht versteht. Mit Hilfe Und gnädiger Belobung der Minister seien die Loyalitäts-Adressen an den Hof des Königs gelangt.

Ein Gegensturm sei leicht; ganze Processionen seien in der Wilhelmsstraße gewesen, nicht costümirt, sondern die Träger des Capitals und der Bildung, aber sie hätten wahrscheinlich nicht solche Theilnahme beim Minister gefunden. Deshalb habe er geschwiegen. Wir stehen hier als das Organ, des Landes. In der ganzen Welt herrscht nur Eine Meinung, daß dieses Ministerium und die Deputationen nicht berechtig seien, die Majorität des Landes zu repräsentiren. Abzurathen, die Adresse anzunehmen, wäre ein unmittelbares Attentat gegen die Verfassung. Sollen alle Preußen Petitionen schreiben können und diejenigen, an welche sie gerichtet sind, das Recht haben, sie abzulehnen? Sei eine Meinungsäußerung nur etwa zu Hause frei? Wo ist der Boden dessen zu erkennen, was das Ministerium für Recht hält? Das Haus soll ein Pärlamentsheer in Aussicht genommen haben. Wenn in der Begeisterung gesprochene Worte eines Mitgliedes Anlaß zu so colossalen Verdrehungen, solchen Verleumdungen gegeben hätte, dann bleibe nichts übrig, als offen vor die entscheidende Stelle zu treten. Das englische Parlament setze keineswegs die Minister ein und ab. Das Zusammentreffen mit dem Geburtstage des Thronerben sei ein glückliches. Dieser werde hoffentlich kein solches Ministerium mehr erleben.

Darauf sprach Virchow gegen die Ausführungen des Finanz-Ministers. Sodann kritisirte er scharf die Grünberger Deputation und protestirte dagegen, daß unausführbare Beschlüsse gefaßt worden seien. Wir sollen offen dem König sagen, was im Volke lebt. Wir haben unsere Pflicht gethan, dann ist es am Volke, die seinige zu thun.

Bismarck: Die Aeußerungen des Vorredners seien für ihn persönlich beleidigend. Seine Stellung und gesellschaftliche Gewohnheit erlaubten ihm nicht, auf diese Tonart einzugehen. ‘ Das Haus sei so sehr empfindlich gegen Kritiken. Wenn gesagt, wird, ich verstände die preußische Sprache nicht — o, ich bin stolz, mit Ihnen die preußische Sprache zu reden. Sie werden sie noch oft hören.

Roon bestreitet. daß die Kammer die Mehrheit vertrete. Sie sei nur die gesetzliche Vertretung.

Vincke tadelt die Budget-Theorie und Verantwortlichkeits-Ansicht des Ministeriums auf das entschiedenste, findet aber, daß die Adresse nicht die Jugend des Verfassungslebens berücksichtige, in der Form möglicherweise verletze. Er tadelt die Maßregelungen, ist durch Bismarck’s Rede unangenehm überrascht. Sie habe weder im Hause, noch im Lande Gutes gestiftet, Der Erfolg Ihrer Adresse ist nur eine Befestigung des Ministeriums. Wie Sie stimmen, vergessen Sie nicht, daß Sie als Preußen zum Könige reden.

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Der letzte Schneesturm in den Alpen

Lokomotive an der Oder, 29. Januar 1863

Seit dem Jahre 1808 ist ein Unwetter, wie in den ersten Tagen dieses Monates, nicht mehr in der Schweiz beobachtet worden; nach Ausdehnung und Dauer aber, sammt demselben überhaupt keines gleich, denn vom 6. bis zum 17. Januar fiel in den Alpen und an den südlichen Abhängen dieser Riesenberge eine so ungeheure Masse Schnee, daß gewölbte Gebäude von der Last zusammengedruckt wurden; den Einsturz des Kirchengewölbes von Locarno in der wälschen Schweiz (am 11. Januar) haben wir schon früher erwähnt; die unerhörte Masse Schnee drückte das Dach nieder und das einstürzende Gewölbe erschlug 39 Kirchgänger fast im Augenblick. Am 17. Januar drückte das Gewicht des gefallenen Schnees zwei Drittel der großen Wein-Verkaufshalle in Florenz ein.

Das Unwetter begann in der Nacht vom 5. zum 6. Januar, wo ein wilder Föhn (Südwind) hohl über die ganze Schweiz wegbrauste; am 6. hatte ein grauer, feuchtwarmer Nebel Berg und Thal dicht umhüllt; über die Höhen brauste der Sturm fort, dabei fiel aber eine unerhörte Masse Schnee in dichten großen Flocken, Am Abend des 6. Januar hatte der Sturm die Telegraphenstangen und andre Marken zur Bezeichnung der Alpenübergänge weggerissen und — was seit vielen Jahren nicht vorgekommen war — die Uebergänge aus der Schweiz nach Italien waren nicht nur unfahrbar, sondern sie waren vollkommen unkenntlich geworden. Diese Uebergänge, der Simplon-, der Gotthard-, Splügen-, Bernhardin- und Julier-Paß, von denen der letztere nie unfahrbar wurde, waren durch Schneeflächen von 6 bis 10 Fuß Tiefe versperrt. Nachrichten sind von allen diesen Gebirgspässen eingetroffen und jetzt sind wahrscheinlich alle wieder eröffnet, das genauste aber haben wir über den Splügener Paß erfahren. Von der italienischen Seite her war hier der Conducteur Decasper mit der Post, mehren Passagieren und einem Maulthierzuge am 6. Januar bis zur Höhe von Campo dolcino, dem letzten italienischen Dorfe, vorgedrungen. Hier wurde nun das Wetter so entsetzlich, der Schneefall so dicht und das Herabstürzen von Lawinen so zahlreich, daß ein weiteres Vordringen unmöglich war. Decasper, ein sehr kräftiger und muthiger Mann, versuchte am 7. und 8. Januar, wenn das Unwetter auf kurze Zeit nachließ, entweder den Hinweg nach Chiavenna einzuschlagen oder über den Berg nach Splügen vorzudringen. Beides erwies sich als unmöglich. Die Bewohner des Dorfes leisteten dabei jeden möglichen Beistand, denn ihre Brodvorräthe waren am 9. Januar aufgezehrt und der Mehlvorrath nahm bedenklich ab.

Ein zweiter Conducteur, Namens Fry, der unter Allen Weg und Steg bei diesem Alpenübergänge am besten kannte und der ein unermüdlicher Fußgänger war, versuchte nun am 10. Januar ein weiteres Vordringen. Der Sturm hatte etwas nachgelassen und Fry traf auch die Richtung des Weges, die er freilich nur instinktmäßig errathen mußte, da nach seiner eigenen Aussage, der Berg das Ansehen eines einzigen ungeheuren Schneeballes hatte und alle Wegmarken zerstört waren, dabei aber immer noch mehr Schnee fiel, so daß eine freie Umschau unmöglich war. Als er an den reißenden Bergbach Cencio kam, hatte er doch die Brücke verfehlt und mußte brusttief denselben durchwaten, nichts desto weniger drang er fast bis zur vollen Höhe des Passes nach Pianazzi vor, wo die italienische Grenze und Grenz-Zollstätte (Dogana) ist, doch hier waren seine Kräfte erschöpft und er mußte hier liegen bleiben.

Endlich am 13. Januar trat das erste Mal klares, heiteres Wetter in Campo dolcino ein; früh 8 Uhr brach Decasper aus diesem Dorfe auf und unterstützt von 12 Mann, versuchte er das Postfelleisen nach Splügen über den Berg zu bringen. Unmittelbar hinter dem Dorfe lag der Schnee 10 bis 12 Fuß tief; nur dadurch, daß alle diese Männer mit jeder Stelle des Weges vollkommen vertraut waren, so daß sie die höheren Ränder, wo der Sturm den den Schnee fortgeweht hatte, zu ihrem Wege benutzten, gelang es ihnen, bis 2 Uhr Nachmittags die Höhe des Passes zu erreichen. Hier fanden sie nun zu ihrer unaussprechlichen Freude einen schmalen Pfad, der nach Splügen führte. Der Schweizer Ingenieur Simonetti hatte nämlich mit 70 Bergleuten von Splügen aus versucht, so bald das Wetter nur überhaupt es möglich machte, einen schmalen Pfad von der Höhe des Passes bis zu diesem Dorfe frei zu erhalten. Der immer wieder fallende Schnee hatte das Arbeiten mit Schaufeln als vergeblich gezeigt, daher entschlossen sich die Leute in Trupps getheilt, einer hinter dem andern drei Tage und drei Nächte lang einen schmalen Fußweg bis zur Höhe durchzutreten.

Den Paß über den Bernhardin hatte an demselben 13. Januar der Conducteur Meuli unter beständiger Lebensgefahr überschritten; da nun Decasper wie Meuli die Nachricht nach Graubündten brachten, daß auf der italienischen Seite lange Züge mit Seide, Baumwolle, Früchten, Wein und andern Gütern lägen, so arbeitete die ganze Bevölkerung von Tessin, Schams und« Rheinwald seit dem 13. an Wiederherstellung der Straßen und am 16. Abends waren der Bernbardin- und Splügen-Paß für Schlitten wieder fahrbar geworden. — Von der Masse des gefallenen Schnee’s nur einige Beispiele; das Hotel neben dem Badehaus auf der Höhe der Bernhardin-Passes stand bis an den 16 Fuß über den Boden erhöhten Balkon in einer undurchdringlichen Schneewand, so daß der Besitzer das Eisengitter abnehmen ließ und vom Balkon aus über den Schnee die Verbindung beider Baulichkeiten wieder herstellte. — In Campo dolcino sollten 2 Schwestern (Mädchen von 18 und 21 Jahren) am 7. Januar begraben werden; es wurde diß unmöglich, weil die Gräber sich so schnell mit dichtem Schnee füllten und der ganze Kirchhof so rasch in eine 4-6 Fuß tiefe Schneefläche verwandelt wurde, daß man die Stelle der Gräber 4 Tage lang nicht wiederfand. — Daß bei einem so unerhörten Schneefalle durch Lawinen herbeigeführtes Unglück nicht ausblieb, war unvermeidlich; am 14. Januar begrub eine Riesen-Lawine 23 Arbeiter, welche die Bahn am St. Gotthard-Passe ausschaufelten, der berggroße Schneeball riß sie mit sich über die Straßenbrüstung hinweg und rollte sie in tiefe Abgründe hinab. Am 18. Januar wurde das Dorf Domodossola von einer aus 2000 Fuß Höhe herabrollenden Lawine verschüttet und im eigentlichen Sinne zermalmt, da mächtige Felsblöcke in die Schneemassen eingedrückt waren; die Zahl der hier umgekommenen Opfer berechnet man auf 80. — Ebenso wurde um 7. Januar das Bergdorf Bedretto di mezzo im Livinen-Thale am Ausgang des Gotthard-Passes Nachmittags um bald ein Uhr durch eine ungeheure Lawine verschüttet; 30 Personen wurden im Schnee begraben und nur 2 Häuser blieben stehn. An Rettung war nicht zu denken, da die Schneemassen die schmalen Seiten des Thales ganz ausfüllen und Schnee, Bäume, Steingerölle über hundert Fuß hoch das Thal begraben haben, das durch die Wildbäche jetzt bald in einen See verwandelt werden dürfte. — Selbst in alten Chroniken findet sich keine Kunde von einem ähnlichen Schneesturme.

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Gangs von Wiederholungstätern verunsichern Berlin

Berliner Gerichtszeitung, 29. Januar 1863

Die jugendlichen Banden, welche, wie wir kürzlich berichteten, den Spittelmarkt unsicher gemacht haben, sind in Folge der Aufmerksamkeit, die unsere Notiz erregte, glücklich bereits gefaßt worden. Es gelang einem Cigarrenhändler, gegen den die kleinen Spitzbuben ein Attentat verübten, sechs von ihnen festzuhalten. Sie sind sämmtlich schon mehrfach und zwar immer wegen Diebstahls in Banden bestraft. Auch jetzt wird sie wieder eine gleiche Strafe treffen. Bessern wird sie das Gefängniß bei so durchweg bereits verdorbenem Character freilich nicht, aber Berlin ist dann wenigstens einige Zeit vor ihren Streichen sicher.

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Frankreich will im amerikanischen Bürgerkrieg vermitteln

Die Presse (Wien), 28. Januar 1863

Telegramm.

C. B. Paris, 28. Jänner. Der heutige Moniteur veröffentlicht eine Note Drouin’s an den Gesandten Mercier vom 9. Jänner über den neuen friedlichen Vorschlag in Washington.

Die Note sagt: Frankreich ist vor allem in seinen Schritten von der Freundschaft für die Regierung in Washington geleitet. Die Regierung des Kaisers hat also die Einwendungen gegen eine freundschaftliche Vermittlung reiflich geprüft. Man setzte die Abneigung der Republik gegen die Zulassung fremder Einflüsse und die Hoffnung der Amerikaner, zu einer Lösung durch die Waffen zu gelangen, entgegen. Der Beistand mittelst guter Dienste seitens der Mächte hat nichts UnvereinbarlicheS mit dem Stolze eines großen Volkes.

Uebrigens, indem wir uns anboten, die Unterhandlungen zwischen den Kriegführenden zu erleichtern, haben wir uns enthalten, den Grundlagen vorzugreifen. Frankreich bestreitet keineswegs Amerika das Recht, den Beistand der großen Seemächte abzulehnen, aber dieser Beistand ist das einzige Mittel, das Ende des Krieges zu beschleunigen. Wenn Amerika die fremde Intervention zurückweist, könnte es keine directen Vorbesprechungen mit den Autoritäten des Südens annehmen. Die Eröffnung von Unterhandlungen zwischen den Kriegführenden würde nicht nothwendig das Aufhören der Feindseligkeiten in sich schließen. Nichts würde die Bundesregierung hindern, nicht auf die Vortheile einer Fortsetzung des Krieges zu verzichten und in Verhandlungen sich einzulassen, wenn der Süden zustimmt.

Die Vertreter der beiden Parteien würden sich in einer für neutral erklärten Stadt versammeln. Man würde die Beschwerden prüfen, man würde prüfen, ob die Trennung das Aeußerste sei, das man vermeiden könne, oder ob das alte Andenken und die Interessen nicht mächtiger seien, als die Ursachen, welche die beiden Bevölkerungen zu den Waffen greifen ließen. Solche Unterhandlungen würden keineswegs die gegen die Intervention Europas erhobenen Einwürfe gestatten, und ohne selbst die Hoffnung auf einen unverzüglichen Waffenstillstands-Abschluß zu erzeugen, könnten sie einen glücklichen Einfluß auf die Ereignisse ausüben. Drouin ermächtigte Mercier, Abschrift von dieser Depesche zu geben.

Siehe auch:

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Ein freier Mann

Friedrich Stoltze, 1840er Jahre

Euch neid’ ich nicht, ihr armen Thoren,
Die ihr vor einem Throne kreucht!
Ich bin ein freier Mann geboren
Und habe nie mein Haupt gebeugt.
Mögt ihr auch Band und Würden tragen,
Und brüsten euch im Viergespann,
Müßt doch die Augen niederschlagen
Vor einem schlichten, freien Mann!

Kredenzt euch auch in goldnen Kelchen
Den Wein bei Hof ein Kammermohr,
Von Schweiß und Blut des Volkes schwelgen
Bewahre mich mein Gott davor!
Mir soll die Quelle wohl behagen,
In welche keine Thräne rann, —
Müßt doch die Augen niederschlagen
Vor einem schlichten, freien Mann!

Dehnt ihr euch auch auf seidnen Kissen,
So sein gewebt wie Hofeslist,
Mein reines, ruhiges Gewissen
Mir doch ein unsicher Bette ist!
Mich deckt mein rauher Mantelkragen,
In den sich keine Tücke spann, —
Müßt doch die Augen niederschlagen
Vor einem schlichten, freien Mann!

Mag euch ein Glanz der Krone freuen
Solch’ kalte Sonne freut mich nicht!
Die Sonne Gottes müßt ihr scheuen,
Die bringt die Lüge an das Licht.
Ich darf’s getrost zur Sonne sagen:
“Bring’s du zu Tage, was ich sann!”
Müßt doch die Augen niederschlagen
Vor einem schlichten, freien Mann!

Mögt ihr euch laben aus der Ferne
An eines Fürsten Brustgeschmeid’,
Ich blicke auf zum Morgensterne,
Was kümmert mich der Stern am Kleid!
Zum Sterne, den kein Rost zernagen
Und den kein Tiegel schmelzen kann.
Müßt doch die Augen niederschlagen
Vor einem schlichten, freien Mann!

Euch neid’ ich nicht, ihr armen Thoren,
Die ihr vor einem Throne kreucht,
Ich bin ein freier Mann geboren
Und habe nie mein Haupt gebeugt!
Mögt ihr auch Band und Würden tragen,
Und brüsten euch im Viergespann,
Müßt doch die Augen niederschlagen
Vor einem schlichten, freien Mann!

Siehe auch:

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Nachrichten aus Polen

Die Presse (Wien), 27. Januar 1863

Wien, 27. Jänner.

Fünf Tage sind seit der aus Petersburg signalisirten polnischen Vesper verstrichen, zahlreiche Briefe aus Warschau vom 24. und 25. d. liegen vor, aber keiner sagt ein Wort von einer außerordentlichen Bewegung, deren Schauplatz die Hauptstadt des Königreichs Polen in der Nacht vom 22. auf den 23. gewesen ist. Etwas muß wol vorgefallen sein; wie groß aber der Umfang der nun wieder unterdrückten Insurrection war, darüber fehlen alle Details. Der heute eingetroffenen, gestern Nachmittags erschienenen Schlesischen Zeitung entnehmen wir Folgendes: “In Warschau und überhaupt in Polen haben die Unruhen einen sehr ernsten Charakter angenommen. Factisch ist, daß die Telegraphenleitung zwischen Kattowitz und Sosnowice, der ersten polnischen Grenzstation, zerstört und auch die Schienen dort an verschiedenen Stellen von den Insurgenten aufgerissen sind. Wie es heißt, schießen sie Jeden nieder, welcher es wagt, beim Legen neuer Geleise behilflich zu sein. Für das Aufhören des Eisenbahnverkehrs zwischen den beiden Stationen spricht, daß die Warschauer Post vom Samstag Abends anstatt, wie sonst immer, am anderen Tage Früh mit dem Myslowitzer Personenzage anzukommen, erst gestern Mittags mit dem oberschlesischen Zuge hier eingetroffen, also wahrscheinlich zum Theil per Achse befördert worden ist, und die gestrige Warschauer Post noch ganz fehlt, da sie ebenfalls mit dem erwähnten Güterzuge heute nicht nachgekommen ist. Der Güterverkehr nach Warschau hat eine vollständige Unterbrechung erlitten und wird preußischerseits augenblicklich kein Frachtgut auf dieser Strecke befördert. Wie es heißt, stehen 3000 Insurgenten unweit der preußischen Grenze, und soll es bereits zu einem Gefecht mit den kaiserlichen Truppen gekommen sein, wobei das Militär den Kürzern gezogen hat, und zwei Stabsofficiere und 90 Mann verwundet worden sind. Man spricht außerdem von 30 Todten. Die Banden sollen wohlbewaffnet sein. Heute Früh sollten mit dem Schnellzuge alle hier nur irgendwie disponiblen Gendarmen an die Polnische Grenze abgehen, um die Sicherheit diesseits zu unterstützen.”

Die von der “General-Correspondenz” behauptete Verkehrsstörung zwischen Krakau und Warschau hat nicht stattgefunden. Ein von der österreichischen Einbruchsstation Szezakowa, 26. d. 6 Uhr datirtes Telegramm der Sch. C. constatirt, daß zwar die von Warschau kommenden Züge sich verspätet haben, der Verkehr als solcher jedoch keine Unterbrechung erlitt. In Folge verfehlten Anschlusses an den österreichischen Zug ist die gestern fällig gewesene Warschauer Post erst mit dem heutigen Frühzuge hier angelangt. Derlei Verspätungen aber sind in der gegenwärtigen Jahreszeit in Folge der Witterungs-Verhältnisse nichts Seltenes.

Bis inclusive 24. d. Abends reichende, der Sch. C. zugekommene Privatbriefe aus Warschau beschränken sich auf die Constatirung der in der Stadt herrschenden Ruhe, und enthalten nicht die geringste Andeutung über außerordentliche Vorkommnisse.

Was die unterbrochene telegraphische Verbindung betrifft, so versichert dieselbe Correspondenz, daß dieselbe einfach durch die russische Regierung beliebt wurde, indem sie ihre Linien dem privaten Verkehre eigenmächtig verschließt. Schon Sonntag Nachmittags wurden sämmtliche auswärtige Telegraphenämter durch das Petersburger Telegraphenamt verständigt, daß der Verkehr auf den aus dem Auslande nach Polen führenden Telegraphen-Linien unmöglich sei.

Die Nachricht von dem Uebertritt von 800 polnischen Flüchtlingen bei Skalat auf österreichisches Gebiet ist gestern vom Lemberger Telegraphen dementirt worden. Die Mgp. glaubt auf Grund von Privatberichten, trotz dieses Dementis, versichern zu können, daß wirklich bei Skalat zahlreiche Flüchtlinge, aus Podolien kommend, unsere Grenze überschritten und dem ersten Berichte entsprechend eine gastfreundliche Aufnahme gefunden haben.

Die Bresl. Ztg. hat erst Warschauer Briefe vom 22., also von dem Tage vor Ausbruch des angeblichen Ausstandes. Dieselben theilen nur verschiedene Gerüchte mit über das Sammeln der zur Aushebung Bestimmten an verschiedenen Orten, und es heißt darin: “Gegen die Versammelten bei Kampinos ist der General-Lieutenant Bremse, derselbe, welcher Jaroszinski ergriffen, als er auf den Großfürsten schoß, mit Militär ausgezogen, indem er es übernahm, ohne Blutvergießen die Verschwörer auseinander zu bringen, oder zu fangen. Ein dichter Cordon von Kosaken umgibt den Sammelplatz in einer Entfernung von ein paar Meilen, so daß die Zuzügler, das Durchdringen unmöglich findend, wieder heimlich umkehren oder aufgegriffen werden. Von den innerhalb des Cordons befindlichen Verschwornen werden diejenigen, welche des Kampfes mit Mangel aller Art müde, sich wegzuschleichen suchen, einzeln oder gruppenweise aufgefischt und nach der Festung Modlin abgeführt. Natürlich wird das wahnsinnige Unternehmen der vom Revolution-Comité zum offenen Widerstand angestachelten Jugend bald endigen, wenn auch vielleicht noch in anderen Gegenden des Landes derartiger Widerstand, vorkommen sollte.”

Aus Posen meldet die Pos.-Ztg. unterm 25. Jänner: “Heute Nachts um 12 Uhr fand eine Allarmirung des Militärs statt. Vor der Hauptwache war etwa ein Bataillon Infanterie aufgestellt.” — Die ebenfalls in Posen erscheinende Ostd. Z. meldet unterm 25. Jänner: “Wie wir hören, waren in verflossener Nacht zwei Compagnien Infanterie bei der Hauptwache zum Patrouilliren consignirt, sowie der Wilhelmsplatz von einigen Batterien und entsprechender Cavallerie besetzt.” — Als Ursache hiezu werden von beiden Blättern die beunruhigenden Nachrichten aus Polen angegeben.

Siehe auch:

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Zwei Adreßentwürfe

Lokomotive an der Oder, 27. Januar 1863

Die Abgeordneten Virchow und von Carlowitz legten dem Abgeordneten-Hause einen Adreßentwurf vor, welcher von 193 Stimmen unterstützt wurde. Nichts desto weniger brachte auch Herr Georg von Vincke eine von 20 Mitgliedern unterstützte Adresse ein und hat die Genugthuung wenigstens eine kleine, augenblickliche Spaltung in die liberale Majorität des Hauses gebracht zu haben, obwohl in der Hauptsache beide Adresse zusammenfallen; die Vinckesche Adresse folgt dabei dem Gange der früher mitgetheilten Thronrede. Wir lassen den Text beider folgen; es lautet

die Virchow-Carlowitz’sche Adresse:

Allerdurchlauchtigster &c.

I. Ew. Königliche Majestät haben die beiden Häuser des Landtags der Monarchie wiederum einberufen. Das Haus der Abgeordneten ist diesem Rufe gefolgt, durchdrungen von dem ernsten Willen, die unverbrüchliche Treue gegen die Krone, die gewissenhafteste Sorge für die Aufrechthaltung der Verfassung von Neuem zu bethätigen. Es verhehlt sich nicht, daß es seine Arbeiten unter düsteren Vorzeichen beginnt. Aber grade deshalb fühlt es um so mehr die Pflicht Ew. Majestät die Lage des Landes eben so offen, wie ehrfurchtsvoll darzulegen. ,

II. Die letzte Session wurde geschlossen, bevor für das Jahr 1862 das von der Verfassung vorgeschriebene Etats-Gesetz festgestellt worden war. Der Etats-Entwurf für das Jahr 1863, welcher vor Ablauf des vorigen Jahres hatte vereinbart sein sollen, war zurückgezogen worden. Die Aufforderung an die Regierung Ew. Majestät diesen Etat noch rechtzeitig wieder vorzulegen, war ohne Erfolg geblieben.

III. Seitdem haben die von Ew. Majestät berufenen Minister verfassungswidrig die Verwaltung ohne gesetzlichen Etat fortgeführt, und sogar, entgegen einer bestimmten Erklärung des Hauses der Abgeordneten, solche Ausgaben verfügt, welche durch Beschlüsse des Hauses definitiv und ausdrücklich abgelehnt waren.

IV. Das oberste Recht der Volksvertretung das der Ausgabebewilligung, war damit angegriffen — ein Recht, welches die Grundlage des konstitutionellen Staatslebens überhaupt ist, welches daher auch alle bestehenden konstitutionellen Verfassungen gewährleisten, und welches bisher, unter steter Anerkennung durch die Staats-Regierung selbst, von der preußischen Volksvertretung geübt war. Das Land sah mit Schrecken den ganzen Gewinn unserer bisherigen staatlichen Entwickelung in Frage gestellt. Es stand zu seinen Abgeordneten.

V. Nur eine kleine, der Nation seit lange entfremdete Minderheit hat. gestützt durch die Minister Ew. Majestät, bis zu den Stufen des Thrones die gröbsten Verläumdungen gegen einen Faktor der Gesetzgebung getragen und den Versuch nicht gescheut, das Urtheil über Maß und Bedeutung klarer Verfassungsrechte zu verwirren.

VI. Gleichzeitig ist vielfach ein Mißbrauch der Regierungsgewalt, wie er in den trüben Jahren vor Beginn der Regentschaft Ew. Majestät stattfand, hervorgetreten Es sind verfassungstreue Beamte, zumal solche, welche zugleich Abgeordnete waren, mit drückenden Maßregeln heimgesucht worden. Es ist die Presse verfolgt worden, wo sie für das Recht offen eintrat. Es ist der Versuch gemacht, die Ausübung unzweifelhafter staatsbürgerlicher Rechte Seitens nicht einberufener Landwehrmänner durch unzulässig außerhalb der Dienstordnung liegende Befehle militärischer Vorgesetzten zu hindern.

Allerdurchlauchtigster &c.

VII. Ew. Königliche Majestät haben noch jüngst zu erklären geruht, daß Niemand an Allerhöchst Ihrem Willen zweifeln dürfe, die beschworene Verfassung aufrecht zu halten und zu schützen. In der That wagt Niemand, einen solchen Zweifel zu hegen. Aber — gestatten Eis. Niemand es offen auszusprechen — die Verfassung ist durch die Minister schon jetzt verletzt. Der Artikel 99 ist keine Wahrheit mehr. Das schwere Uebel einer budgetlosen Regierung ist über das Land gekommen. Und die neue Session hat begonnen, ohne daß durch ein thatsächliches Entgegenkommen der Regierung auch nur die Aussicht eröffnet wäre, es werde gelingen, die geregelte Handhabung der Finanzen zurückzuführen und die Heeres-Einrichtung wieder auf gesetzliche Grundlagen zu stützen.

VIII. Das Ausland sieht mit Staunen einen Konflikt sich verlängern, welcher die Achtung vor dem Preußischen Namen mit jedem Tage tiefer berührt, welcher die Stimme der Regierung im Rathe der Völker ihrer besten Kraft zu berauben droht. Es weiß wohl, daß Pflicht und Gewissen die preußische Volksvertretung zwingen, das Recht, welches die Verfassung ihr verleiht, ohne Uebergriff, aber auch ohne Abbruch nach allen Seiten hin wahrzunehmen und daß die Aussicht auf äußere Berroickelungen kein Mittel zur Ausgleichung unseres inneren Zerwürfnisses ist. Es weiß, daß Preußen seinen Einfluß in Deutschland und damit seine Stärke nur dann wieder gewinnen kann, wenn es zunächst bei sich verfassungsmäßige Ordnung herstellt und wenn es sodann das deutsche Volk und dessen Vertreter zur Mitwirkung an der staatlichen Einigung des großen Vaterlandes aufruft.

IX. Inmitten dieser Bedrängniß läßt das preußische Volk, welches in so vielen Gefahren erprobt ist, welches in Treue und Ausdauer von keinem andern übertroffen wird, nicht von der Hoffnung, daß Ew. Majestät Weisheit die ehrliche Stimme seiner gesetzlichen Vertreter zu unterscheiden wissen werde von dem Rathe derer, welche in dem Kampfe der Parteien ihre an sich ohnmächtigen Bestrebungen durch den erhabenen Namen Ew. Majestät zu decken und zu stützen sich bemühen.

X. Königliche Majestät! Unsere Stellung als Vertreter des« Landes legt uns die gebieterische Pflicht auf, feierlich zu erklären, daß der innere Frieden und die Kraft nach Außen dem Lande nur durch die Rückkehr zu verfassungsmäßigen Zuständen wiedergegeben werden können.   In tiefster Ehrfurcht verharren wir Ew. Königlichen Majestät allerunterthänigste treugehorsamste Das Haus der Abgeordneten.

Die Vincke’sche:

Allerdurchlauchtigster &c.

I. Ew. &c. erneuern wir in Ehrfurcht den Ausdruck alter Hingebung und Treue für Ew. &c. und das königliche Haus.

II. Als unsere wichtigste Aufgabe erachten auch wir die Verständigung über die — wie wir lebhaft beklagen — im vorigen Jahre ungelöst gebliebenen Fragen. Dies Ziel ist aber nach unserer innigen Ueberzeugung nur dann zu erreichen, wenn vor allen Dingen von der Regierung Ew. &c. der unzweideutige Inhalt des Art. 99 der beschworenen Verfassung, nach welchem Staatsausgaben nur auf Grund eines von der Landes-Vertretung genehmigten Staatshaushalts-Etats geleistet werden dürfen, anerkannt und die Feststellung des Staatshaushaltes für das Jahr 1862 in verfassungsmäßiger Weise ohne Verzug bewirkt wird.

III. Dem uns angekündigten Gesetzentwurfe zur Abänderung und Ergänzung des Gesetzes über die Verpflichtung zum Kriegsdienste vom 3. September 1814 sehen wir in der Hoffnung entgegen, daß es gelungen sein wird, die Erhöhung der Streitbarkeit der Armee und die möglichste Durchführung der allgemeinen Wehrpflicht mit den nothwendigen Rücksichten auf die Ordnung des Staatshaushalts und die Schonung der productiven Kräfte des Landes in Einklang zu sehen.

IV. Bereitwillig werden wir die Mittel bewilligen, um den hülfsbedürftigen Kämpfern aus der glorreichen Zeit der Freiheitskriege den Abend ihres Lebens zu erleichtern.

V. Der dringenden Aufgabe, die Marine so weit zu fördern, als es irgend die Kräfte des Landes gestatten, werden wir unvergessen sein.

VI. Wir sprechen unsere Befriedigung darüber aus, daß die Regierung Ew. &c. den durch die einmüthige Zustimmung der Landesvertretung begrüßten Handelsvertrag mit Frankreich gegen die Sonderbestrebungen anderer deutschen Regierungen aufrecht zu erhalten entschlossen ist.

VII. Der baldigsten Vorlage einer Kreis- und Gemeindeordnung im Geiste der Beseitigung verfassungswidriger Vorrechte einzelner Stände, deren energischer Durchführung gegen den Widerspruch derselben sehen wir mit Sehnsucht entgegen.

VIII. Die Bemühungen Ew. &c. Regierung zur endlichen Herstellung eines verfassungsmäßigen Rechtszustandes in Kurhessen haben wir mit Antheil begleitet, und vertrauen, daß deren beharrliche Fortsetzung unterstützt durch die bewährte Besonnenheit und Mäßigung der Vertretung des hessischen Volkes, bald zum Ziele führen werde.

Allergnädigster König und Herr!

IX. Seit Jahrhunderten beruht Preußens Wachsthum und Größe auf der Hingebung seiner Fürsten für ihren erhabenen Beruf, auf der Treue und Hingebung der Nation für Thron und Vaterland. Seit die Verfassung ein neues Band um Fürst und Volk geschlungen, ist ihre unverbrüchliche Heilighaltung die unerläßliche Bedingung jeglichen Gedeihens im Innern, aller Erfolge in Deutschland und Europa. Wir bitten Gott, der die Herzen der Könige, wie die Geschicke der Völker in Seiner allmächtigen Hand hält, daß er diese Grundlage unseres öffentlichen Rechtes uns für alle Zukunft ungeschmälert bewahre, und in der ungetrübten Einigkeit zwischen König und Volk die sichere Gewähr uns erhalten wolle, in welcher das Vaterland jedem Wechsel der Zeiten getrost in’s Auge schauen darf.

Wir ersterben &c.

Trotz der größeren Kürze der Vincke’schen Adresse findet sich dennoch in ihr mehr, was jetzt gewiß nicht zur Sache gehört, als in der Virchow’schen.

Zu der Virchow’schen Adresse bemerken wir noch, daß zu den Unterzeichnern derselben auch zwei unserer Abgeordneten gehören, Kleinwächter und Röpell; der dritte unserer Herren Deputirten, v. Rosenberg wird zu seinem und unserem Bedauern noch durch betrübende Familienverhäitnisse in Breslau zurückgehalten.

— Dieselbe Adresse (also nicht die Vincke’sche) unterzeichneten unter andern: Graf v. Haacke, Freiherr v. Esebeck, Freiherr v. Hoverbeck, Freiher. v. Vaerst, v. Arnim, v. Benda, v. Beughem, v. Carlowitz, v. Carnall, v. Bunsen, von Forckenbeck, v. Hennig, v. Herford, v. Kirchmann, v. Leipziger, v. Rönne, v. Saucken-Julienfeld, v. Saucken-Tarputschen, v. Unruh, v. Sybel, v. Voß. — Diese Unterschriften geben auch mancherlei zu denken und zu bedenken.

Der ersten Sitzung der aus 21 Mitgliedern bestehenden Adreß-Kommission wohnte am 23. Januar der Herr Minister-Präsident bei und äußerte sich dahin, daß die Königliche Regierung in der Kommission ihren Standpunkt nicht näher entwickeln wolle, weil die Kommissions-Verhandlungen in die Oeffentlichkeit gelangten, ohne Bürgerschaft, daß die Aeußerungen der Minister richtig wiedergegeben würden. Außerdem sei eine Adresse kein Gegenstand der Vereinbarung zwischen dem Ministerium und den Abgeordneten, sondern eine einseitige Auslassung der letzteren.

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Illustration zu den preußischen Festen

Die Presse (Wien), 26. Januar 1863

[Illustration zu den preußischen Festen.] Nach der Volkszeitung ist nun auch gegen den Baron Vaerst der Anfang zu einer ehrengerichtlichen Untersuchung gemacht, indem der Ehrenrath der verabschiedeten Stabsofficiere an ihm die Anfrage gerichtet hat, ob er derselbe sei, welcher 5 Thlr. monatlich für den Nationalfonds gezeichnet habe, eine Anfrage, die Herr v. Vaerst natürlich bejaht hat. Die officiellen Vorbereitungen zu der Jubelfeier von 1813 gewinnen in der That eine eigenthümliche Beleuchtung durch derartiges Vorgehen gegen einen Mitkämpfer der Befreiungsschlachten, wie v. Vaerst, und gegen einen Geschichtsschreiber derselben, wie Beitzke. Vaerst ist 1813 als Knabe von 14 Jahren bei einem Cavallerie-Regimente als Gemeiner eingetreten, und hat als solcher die Feldzüge von 13 und 14 mitgemacht. 1815 zum Officier befördert, hat er sich auf dem Schlachtfelde von Ligny das eiserne Kreuz erworben. In anderen Zeiten und bei anderen Völkern würde man einen solchen Mann bei einer Jubelfeier wie die gegenwärtige mit den höchsten Ehren überhäufen; heute in Preußen stellt man ihn wegen freier Ausübung seiner Rechte als Staatsbürger vor Gericht.

Anmerkungen

  • Die angesprochenen preußischen Feste sind die Fünfzigjahrsfeiern für die Schlachten der Befreiungskriege, vor allem die Völkerschlacht bei Leipzig (16. bis 19. Oktober 1813).
  • Für eine deutsche Vereinigung einzutreten, ist ein Anliegen der Linken in der Zeit, etwa der Deutschen Fortschrittspartei. Die Rechte in Preußen (und anderen Staaten) ist dagegen. Entsprechend werden “Patrioten” vom preußischen Staat verfolgt. Hier trifft es Hermann Hans Baron von Vaerst, der später Reichstagsabgeordneter für die Nationalliberalen sein wird. Der erwähnte Historiker ist Heinrich Beitzke von der Fortschrittspartei.
  • Das Eiserne Kreuz wurde 1813 gestiftet als erster Orden, der nur für die Leistungen und nicht nach Rang oder Herkunft verliehen wird. In den Befreiungskriegen ist es eine exklusive Auszeichnung und wird recht sparsam vergeben mit nur etwa 10.000 Trägern. Im ersten und zweiten Weltkrieg kommt es zu einer Inflation mit millionenfacher Verleihung.

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Der Aufstand in Polen

Die Presse (Wien), 26. Januar 1863

Es kennzeichnet die Wahrheitsliebe der russischen Regierung, daß sie zwei Tage vor Ausbruch der Volksempörung in Warschau in ihrem amtlichen Organe, dem Dziennik Powszechny, vom 20. d. einen Artikel publiciren ließ, worin Mittheilung von dem vortrefflichen Fortgang der “Recrutirung” in Warschau gemacht, die Energie der Beamten, die “gute Haltung” der Bevölkerung, der “gute Wille der Militärpflichtigen” bei ihrer Gestellung belobt und der freiwillige Eintritt mehrerer Nichtverpflichteter hervorgehoben wurde. Vom 15. Jänner an wurden allmälig unter dem Vorwande einer Recrutirung die politisch Verdächtigen ohne Unterschied des Alters und der Stellung nächtlicherweise zu Tausenden aus den Häusern geholt, und ebenso viele Tausende hatten die mit Schrecken erfüllte Stadt verlassen, um sich in den Wäldern zu verbergen, wo sie von KosakenpiketS gehetzt und zusammengefangen wurden, und das Organ der russischen Regierung in der offenkundigen Absicht, Europa Sand in die Augen zu streuen, wagt es, von der “guten Haltung” der Bevölkerung zu reden.

Die neuesten Nachrichten aus Petersburg bilden den Commentar zu der schönfärberischen Auseinandersetzung des Warschauer Dziennik vom 20. d.: Die Bevölkerung von Warschau und an anderen Orten des Königreiches, ja einzelner Orte Litthauens hat sich erhoben, mehrere Zusammenstöße zwischen Truppen und Insurgenten haben stattgefunden, und die russische Regierung sieht sich gezwungen, nicht den theilweise aufgehobenen Kriegszustand, sondern das Standrecht mit allen seinen blutigen Gräueln über das ganze Land zu verhängen. So gibt die russische Regierung durch ihre eigenen Maßregeln Zeugniß von der “guten Haltung” und von dem “guten Willen” der unter ihrer “väterlichen” Herrschaft stehenden polnischen Bevölkerung.

Die Nachrichten aus Petersburg über die im Königreich Polen ausgebrochene Insurrection sind mit der größten Vorsicht aufzunehmen. Es liegt nur zu sehr im Interesse der russischen Regierung, die polnischen Aufständischen im Lichte von Kannibalen erscheinen zu lassen und die Bedeutung des Aufstandes zu übertreiben, damit zwischen dem Thatbestande und den Furchtbarkeiten der Repression der Unterschied nachträglich nicht so grell hervortrete. Die Frage, ob die “Recrutirung” nicht deshalb mit solch äußerster Strenge durchgeführt wurde, weil die Regierung Kunde davon hatte, daß sich im Königreiche etwas vorbereite, oder ob umgekehrt der Aufstand durch die Recrutirung hervorgerufen würde, läßt sich noch nicht mit Bestimmtheit beantworten. Mannichfache Erscheinungen gestatten die Annahme, daß Recrutirung und Aufstand einander wechselseitig bedingen. Aus Rom schrieb man dem Czas schon vor zehn Tagen, daß sowol die dortige russische Gesandtschaft, als auch die russischen Gesandten an anderen Höfen, von Petersburg aus die Weisung erhielten, die betreffenden Mächte von dem Bevorstehen einer bewaffneten Bewegung im Königreich Polen in Kenntniß zu setzen.

Die Besatzung von Warschau bestand am 13. d. angeblich noch aus nicht mehr als drei Garde- und vier Linien-Regimentern, etwa 25,000 Mann. Kurz vor Beginn der Hetze marschirten weitere 15,000 Mann in Warschau ein und traf man alle Anstalten, etwaige Unruhen mit Gewalt zu unterdrücken. Andererseits läßt die Gleichzeitigkeit der Erhebung auf verschiedenen Punkten des Landes und das Auftauchen von Insurgentenschaaren auf dem linken und rechten Weichsel-Ufer annehmen, daß die Insurrection nicht ohne innere Organisation vor sich geht. In Warschau stürzte man sich, wie es scheint, auf die einzelnen Truppentheile, welche nach dem gemeinschaftlichen Sammelplatz marschirten, und es setzte ein förmliches Gemetzel ab. Die Insurgenten müßten bewaffnet und mit Munition versehen gewesen sein, weil es sonst wol nicht möglich wäre, daß das Petersburger Telegramm von ernsten Gefechten bei Plock, Plonsk, Radzin, Siedlec spricht; überdies bewies auch die Niederbrennung ganzer Dörfer durch die Insurgenten die Planmäßigkeit der Bewegung. In Berichten preußischer Blätter aus Posen spukt das Gerücht von der Anwesenheit Mieroslawski’s. Das Gerücht, daß achthundert Mann polnische Flüchtlinge bei Skalat auf österreichisches Gebiet übergetreten sind und gastliche Aufnahme gefunden, wird heute vom Telegraphen dementirt. Die Stellung der österreichischen Regierungs-Organe an der polnisch-russischen Grenze ist eine äußerst delicate; aber es ist zu erwarten, daß sie durch ihr Verhalten nicht nur den Rücksichten der Menschlichkeit Rechnung tragen, sondern auch den Unterschied zwischen österreichischem und russischem Regime scharf zu markiren verstehen werden. — —

So stellen sich die Dinge nach den uns bis zur Stunde (1 Uhr Nachmittags) vorgelegenen Nachrichten dar. Soeben erhalten wir den Krakauer Czas und anderweitige Nachrichten, welche den Ernst und Umfang der Vorgänge in Warschau selbst sowol als im Lande auf ein sehr bescheidenes Maß reduciren, und denen zufolge das Petersburger Telegramm vom 25. d. einfach Dinge berichten würde, die sich gar nicht ereignet haben.

Der Czas bemerkt zu.dem gestern mitgetheilten Telegramme über den Aufstand in Polen Folgendes: Diese Nachrichten seien übertrieben und falsch. Keinen Aufstand, sondern einen passiven Widerstand haben die in zwei Haufen aus Warschau entkommenen Proscribirten in den Wäldern der Umgegend versucht.”

Ueber die Bewegung selbst bringt der Czas folgende Daten: Die eine Schaar von Flüchtlingen hat sich auf der Kampinower Halde am linken Weichsel-Ufer gesammelt, sie dürfte 500 Mann stark sein. Gegen diese marschirt das Militär von vier Seiten an, von Warschau, Blonic, Sochaczew und Isow, und treibt die Flüchtigen gegen Zakroczym. Oberst Bremsen leitet die Expedition, und seine Absicht scheint zu sein, sie bis zur Festung Midling zu drängen, um sie dann von zwei Seiten anzugreifen.

Die zweite Abtheilung.der Flüchtlillge verließ Warschau über Praga, und hat sich in der Gegend von Sierock am rechten Weichsel-Ufer zusammengeschaart. Gegen diese ist von Warschau und Modlin zugleich Militär aufmarschirt. —

Die Scharf’sche Correspondenz theilt uns die folgende Note mit, für deren Angaben wir derselben natürlich alle Verantwortung überlassen. Die S. C. schreibt:

“Nach allen einlangenden Nachrichten, die uns von bestunterrichteter Seite zugehen, erscheint die ganze Schreckensgsschichte einer in Polen ausgebrochenen Revolution als ein reines Manöver seitens der russischen Regierung. Die in den heutigen Telegrammen mitgetheilten Nachrichten, deren russischer Ursprung zweifellos ist, können wir in einigen ihrer Hauptpunkte thatsächlich widerlegen. Daß die Warschauer Eisenbahn zerstört wäre, ist völlig unwahr, wie aus der Thatsache hervorgeht, daß wir im Besitze von Briefen sind, die den Poststempel Warschau den 24. Jänner tragen und heute Morgens hier eingetroffen sind.

Diese Briefe, die aus gänzlich unverfänglicher Quelle stammen und die Warschauer Tagesereignisse bis inclusive 23. d. M. Abends in der detaillirtesten Weise besprechen, wissen nicht nur kein Wort von den Gräueln einer angeblichen “Bartholomäusnacht”, die laut dem heutigen Petersburger Telegramme in der Nacht vom 22. zum 23. d. stattgefunden haben sollen, sondern constatiren vielmehr ausdrücklich, daß in der Stadt die größte Ruhe herrsche.

Ueberdies hat ein achtbares hiesiges Handlungshaus eine telegraphische Depesche, die in Warschau Freitag den 23. d. Abends aufgegeben wurde, und von der vorausgegangenen “Bartholomäusnacht” gleichfalls keine Sylbe meldet — dagegen von geschäftlichen Dingen in der harmlosesten Weise berichtet.

Nach diesen Daten, für deren Authenticität wir einstehen, dürfte sich die ganze polnische Revolution, die mit so viel Eclat gerade von russischer Seite aus in die Welt hinausposaunt wird, auf den mehr oder weniger blutigen Widerstand beschränken, den einige hundert Recrutirungs-Flüchtlinge in ihrer Verzweiflung den sie einfangenden Kosaken gegenüber leisten.”

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Liberales Thema mit conservativen Variationen

Kladderadatsch, 25. Januar 1863

Herr Grabow, Präsident des Abgeordnetenhauses hat eine Liebesgabe, bestehend in 48 Flaschen Moselwein, erhalten.

(Liberale Blätter.)

Conservative Variationen.

(Zeichen der Zeit!) Während wir Conservative unsere Kämpfer mit frommem Schinken und kernigem Pumpernickel stärken, schicken da die Fortschrittsleute ihrem Grabow 48 (!!) große (!) Bouteillen berauschenden (!) Moselweins.

(Für die Kreuzzeitung.)

(48!) Eben langten für Graben: von der Mosel 6 Stückfaß (!!!) Achtundvierziger (!!!) an. Hui! was die Wähler sich wieder verrathen haben! Ja ja, so machen’s die Demokraten, Deutlicher kann man wohl nicht &c.

(Für das Preußische Volksblatt.)

(Enthüllung.) So eben schreibt uns ein Gesinnungsgenosse aus Leppersdorf, daß die von Grabow ausgetrunkenen 6 Stückfässer (!!!) Achtundvierziger (!!!) nicht etwa Moselwein. sondern vielmehr Cap “Constantia” (!!!) enthalten haben. Wem jetzt noch zweifelhaft sein könnte &c. &c.

(Für die feudale Correspondenz.)

Und während sie noch dies und das
Erfahren und vermuthen,
Füllt sich Herr Grabow still sein Glas
Wohl mit dem Wein dem guten.
Und wer ein biedrer Fortschrittsmann,
Der füllt sich auch das seine,
Und stößt aufs Wohl des Alten an
In gutem deutschen Weine.
Stoßt an, auf Segen und Gedeihn!
Und nennt man uns auch Ketzer:
Wir schenken Jedem reinen Wein,
Und nur den Lumpen — Krätzer.

Kladderadatsch.

Siehe auch:

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Berlin bei Nacht

Alexander Moszkowski, 1912

Du kommst von fern als Fremder nach Berlin
Und kennst noch nicht die holden Nachtasyle,
Die freudespendend im Verborg’nen blühn,
Wie findest du sie in dem Weltgewühle?

Ganz einfach so: du folgst den Schritten sacht
Des Reichstagsmanns den die Provinz entsandte,
Bei Tag kämpft er fürs Volkswohl, doch bei Nacht
Bevorzugt er zumeist das Amüsante.

Des rechten Wegs ist er sich stets bewußt
Daß er niemals das schöne Ziel verfehle,
Zwei Seelen leben ach in seiner Brust:
Die Amorsäle und die Blumensäle.

Siehe auch:

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Die Rheinische Adresse

Lokomotive an der Oder, 24. Januar 1863

Der Staatsanzeiger vom 22. Januar bringt die Erklärung, warum den jetzigen Abgeordneten keine wichtigen Gesetzes-Vorlagen, wie z. B. über die Kreisordnung gemacht würden. So lange die gegenwärtigen Differenzen in Bezug auf die Stellung und die Rechte der (gesetzgebenden) Faktoren selbst, nicht zu einem friedlichen Austrage gebracht sind, kann es nicht Aufgabe der Regierung sein, Gesetzesvorlagen einzubringen, nur um sie eingebracht zu haben.” Man kann sich damit nur einverstanden erklären; Gegner im Kampfe um das, was Recht ist, können nicht gemeinsam Gesetze geben. Was aber hier das Recht ist, dürfte weit weniger zweifelhaft sein, als wer Recht hat; das Recht ist die Verfassung; in der Auslegung derselben aber stehen einander entgegen das Ministerium Bismarck und das jetzige Abgeordnetenhaus,

Das Land nahm Theil an diesem Verfassungsstreite, indem zuerst die Feudalen an Se. Majestät den König Adressen richteten, darin die Maßnahmen der jetzigen Staatsregierung unbedingt billigten und die entgegengesetzten Beschlüsse des Abgeordnetenhauses mit mehr oder minder großer Leidenschaftlichkeit angriffen und verwarfen. Die liberale Partei beantwortete diese Adressen mit Zustimmungsschreiben an das Abgeordnetenhaus. Wenn nun auch rücksichtlich der Zahl der Unterschriften ansehnliche Aufschneiderei mit unterlaufen mag, so ist doch nicht zu leugnen, daß die Erregung groß und die Betheiligung in den verschiedenen Klassen der Bevölkerung sehr bedeutend ist. Gerade aber die Zahl und Art der Unterschriften erregte in den westlichen Provinzen Bedenken; es war bekannt geworden, daß Unmündige, Lehrlinge, die Dienerschaft auf Landgütern und andre unselbstständige Personen solche Adressen unterzeichnet hatten. Darum traten Anfang dieses Monates 30 der angesehensten Männer der Provinzen Rheinland und Westfalen zusammen und entwarfen ihrerseits eine Adresse an Se. Majestät den König; mit einernicht kleinen Befriedigung blickten jene Provinzen auf diese Männer, deren Besitz auf mehr als 80 Millionen Thaler veranschlagt wird.

Am 6. Januar wurde diese Adresse in Aachen, Altena, Barmen, Crefeld, Düren. Düsseldorf, Duisburg, Elberfeld, Essen, Gladbach Iserlohn, Köln, Mühlheim am Rhein und Mühlheim a. d. Ruhr, Rheydt, Ruhrort, Trier, Uerdingen und Viersen ausgelegt; mit dem Rechte der Unterzeichnung war man sehr vorsichtig und sparsam, wie die veröffentlichten Unterschriften zeigen. Ueberall wurden nur die angesehensten Personen zugelassen, so daß fast nur Commercienräihe, Gutsbesitzer, Großkaufleute, bedeutende Fabrikanten und Bergwerksbesitzer zugelassen wurden. Diese Adresse, die eben so sehr Treue und Ehrfurcht gegen des Königs Majestät wie bewußtes Festhalten an der Verfassung ausspricht und die in weiten Kreisen für eine “Musteradresse” gilt, lautet folgendermaßen:

“Allerdurchlauchtigster, Großmächtigster König!

Allergnädigster König und Herr!

Eurer Majestät, ihrem erhabenen König und Herrn, mit offenem Freimuth nahe zu treten, ist zu jeder Zeit ein theures Vorrecht der Preußen, in der gegenwärtigen Lage des Vaterlandes aber zugleich eine ernste Pflicht.

Wir treugehorsamst Unterzeichnete, Eingesessene der Provinzen Rheinland und Westfalen, fühlen uns nicht allein durch Besitz oder durch Berufs- und Lebensstellung auf’s innigste verwachsen mit der Monarchie, der anzugehören unser Stolz ist, — der geschichtliche Entwicklungsgang, der durch ein bewundernswürdiges Zusammenwirken von Regentengröße und Volkskraft in diesem Staate deutschem Wesen eine zukunftreiche Stätte gegründet, der das große Ergebnis der Jahrhunderte, die Einheit von Krone und Volk, durch die Verfassung untrennbar befestigt hat — das ist es, was uns den vaterländischen Staat, die preußische Monarchie zu dem Boden macht, in dem unser politisches Leben wurzelt, an den sich unsere theuersten nationalen Hoffnungen knüpfen, und zu dessen Vertheidigung wir jedes Opfer einzugehen bereit sind.

Aber desto mächtiger ergreift uns die Thatsache, daß dieser Boden in seinem Fundamente erschüttert ist. Das Fundament der verfassungsmäßigen Monarchie ist das Recht, und das Recht wird verletzt wenn die Staats-Regierung die Finanzverwaltung ohne die Grundlage eines verfassungsmäßig festgestellten Staatshaushalts-Etats führt.

Mit Trauer sehen wir in Folge eines beklagenswerthen Conflicts, den ein verfassungswidriger Beschluß des Herrenhauses noch schärfte, den inneren Frieden des Landes getrübt, die Geltung Preußens in Europa geschwächt, ja, das Ansehen des Königthums im Volke gefährdet, und unsere Besorgniß wächst bei der Wahrnehrnung, daß am Throne Eurer Majestät der Gesammtheit des Volkes ein kleiner Bruchtheil mit Kundgebungen entgegentritt, die nur in dem Ausdruck der Loyalität gegen Eure Königliche Majestät der Gesinnung des Landes entsprechen, in allem Uebrigen aber das öffentliche Rechtsbewußtsein verletzen und den Riß des Zwiespalts erweitern.

Allergnädigster König und Herr!

Wir wollen die Macht der Krone in der Ausübung des ihr allein zustehenden Regierungsrechtes vor jeder Schwächung bewahrt wissen; wir betrachten dieses unantastbare, durch die Verfassung geheiligte Recht als eine Bürgschaft für die gedeihliche Entwickelung des Vaterlandes. Aber eben so unantastbar ist uns das durch die Verfassung nicht weniger geheiligte Recht des Landes, durch seine verfassungsmäßige Vertretung mitzuwirken bei der Gesetzgebung und die Staats-Aufgaben zu bewilligen. In der Anerkennung dieses Rechtes durch die Krone, in der weisen Ausübung desselben durch die Volksvertretung, in einem beiderseitigen, von der Rücksicht auf die Wohlfahrt des Landes getragenen Entgegenkommen erblicken wir die Quelle des staatlichen Gemeinsinnes, auf dem die Machtstellung Preußens beruht, und des freien Gehorsams der allein die Krone wahrhaft stark macht.

Allergnädigster König und Herr!

Wir verkennen nicht die weisen Absichten, welche Eure Königliche Majestät mit einer Reform der Heeresorganisation verbinden; wir wollen ein starkes Heer, das in Zeiten der Gefahr die ganze Kraft des waffenfähigen Volkes umfaßt; wir wünschen keineswegs, daß jene wichtige Anordnung zurückgenommen, sondern daß sie unter verfassungsmäßiger Mitwirkung der Landesvertretung, mittels der vom Lande allgemein ersehnten Beschränkung der Präsenzzeit in den Gränzen ausgeführt werde, welche eine gewissenhafte Prüfung der volkswirthschaftlichen Zustände und der finanziellen Leistungsfähigkeit des Landes nothwendig erscheinen läßt. Die Erwartung ist begründet, daß das Haus der Abgeordneten, nachdem dem Rechte des Landes Anerkennung geworden, zu einer Verständigung in diesem Sinne die Hand bieten wird.

Allergnädigster König und Herr!

Das Land widmet Eurer Majestät die Gesinnung der treuesten Anhänglichkeit; es weiß, daß Allerhöchstdieselben das Wohl des Volkes auf Ihrem Herzen tragen und die Herstellung des Friedens ersehnen. In der festen Ueberzeugung daß es nur einen einzigen Weg zu diesem Ziele giebt, — dem Drange folgend, in einem ernsten Augenblick unsere Pflicht als treue Söhne des Vaterlandes und wahre Freunde des Königthums zu erfüllen, legen wir an den Stufen des Thrones die ehrfurchtsvolle Bitte nieder:

“Eure Königliche Majestät mögen geruhen, zu befehlen, daß dem Hause der Abgeordneten Vorlagen gemacht werden, welche geeignet sind, eine Vereinbarung über den Staatshaushalts-Etat und eine Herstellung des verfassungsmäßigen Rechtszustandes herbeizuführen.”

In tiefster Ehrfurcht ersterben wir

Eurer Königlichen Majestät

allerunterthänigst treugehorsamste:

Aachen, 6. Januar 1863.

Siehe auch:

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Confisciren! Suspendiren!

Frankfurter Latern (Friedrich Stoltze), 24. Januar 1863

Ihr streitet Euch, auf welche Weise
Man Deutschlands Einheit kann erringen?
Wir wollen in das rechte Geleise
Euch heut’durch einen Vorschlag bringen.
Das Mittel, das die Reaction
Mit Glück benutzte häufig schon,
Könnt Ihr ja auch einmal probiren -
Und – confisciren! suspendiren!

Wenn eine Kammer nicht pariret,
So wird sie schleunigst suspendiret;
Wenn eine Zeitung raisonniret-
So wird sie eiligst confisciret.
Dies Mittel hat fich stets bewährt,
“Von Oben” wird es uns gelehrt;
D’rum woll’n auch wir’s einmal probiren -
Und – confisciren! suspendiren!

Und was die deutsche Einheit störet,
Das wollen schnell wir confisciren!
Und wer den Fortschritt uns verwehret,
Den wollen gleich wir suspendiren!
Was recht dem Einen, wie Ihr wißt,
Das auch dem Andern billig ist;
Und deshalb wollen wir’s probiren -
Und – confisciren! suspendiren!

Zum Confisciren! Suspendiren!
Muß es ja doch am Ende kommen;
Wozu deshalb noch lang pausiren
Und nicht sofort es unternommen?
Nichts hilft uns der Reform-Verein,
Auch nichts der National-Verein,
D’rum laßt es uns einmal probiren -
Und – confisciren! suspendiren!

Siehe auch:

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Links der Woche

Wir stellen hiermit einige Links zusammen, die uns in der letzten Zeit aufgefallen sind. Fett gekennzeichnet unsere engere Auswahl. Aktuelle Links auch immer fortlaufend auf unserer Facebookseite.

  1. Bryan Caplan bei EconLog: The Pigovian Minarchist
  2. Shruti Ravindran bei Quartz: Why the rest of the world doesn’t suffer from leprosy like India does
  3. Jorge Arprin bei arprin: Fundamentalisten der Meinungsfreiheit
  4. Tom Hundley und Ana Santos bei Foreign Policy: The Last Country in the World Where Divorce Is Illegal
  5. Shikha Dalmia bei The Week: Rand Paul and Ron Paul are both wrong about Paris
  6. Horst Rehberger bei NOVO Argumente: Grüne Gentechnik: Verbot gehört in den Papierkorb
  7. Michael Miersch bei Achse des Guten: Na dann ohne mich
  8. Alberto Mingardi bei EconLog: Richard Cobden and us
  9. Redaktion von Quartz: Martin Luther King, Jr.’s 1963 “Letter from Birmingham jail” remains relevant today
  10. Ryan Bourne beim IEA: Beware Oxfam’s dodgy statistics on wealth inequality
  11. Tali Farkash bei Jewish World: Jews, Muslims of Tunesia mourn terror victim
  12. Daniel Bier bei Skeptical Libertarian: The Ante Hoc Fallacy
  13. Shikha Dalmia bei The Week: Hyphenated-Americans don’t undermine American identity — BESTER ARTIKEL DER WOCHE
  14. Jeanne Kim: You’re probably using one of these 25 terrible passwords
  15. TechDirt: Paris, France To Sue Fox News For Being Fox News
  16. Bryan Caplan bei EconLog: Against Recent Events
  17. L’Obs: Le “héros” de l’Hyper Cacher Lassana Bathily naturalisé français
  18. Sonali Kohli: The MOOC model attracting big money from investors
  19. Jesse Walker bei Reason: The Union Survives Another State of the Union Speech
  20. Bryan Caplan: The Sheepskin Nightmare
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Rekrutierung in Polen und Sklavenjagden in Westafrika

Die Presse (Wien), 22. Januar 1863

Wien , 21. Jänner.

Wenn an der westafrikanischen Küste Sklavenkäufer aus Amerika angesagt sind, pflegt der König von Dahomey eine Jagd zu veranstalten. Das Wild, das er einfängt sind Menschen schwarzer Farbe, seine eigenen Unterthanen. An der Spitze bewaffneter Schaaren stürzt er über die fliehenden Neger her, und den jüngsten, robustesten von ihnen werden die Schlingen über den Kopf geworfen. Hat dieser wilde afrikanische König soviel Opfer zusammmgefangen, als mit dem Sklavenhändler bedungen worden, so wird den Sklaven, damit sie auf dem Wege bis zur Küste nicht mehr entfliehen können, die Sprungsehne des rechten Fußes durchschnitten, und in diesem Zustande der Wehrlosigkeit, mit auf den Rücken gebundenen Händen wird die menschliche Waare an den Sklavenfährer gegen klingende Münze abgeliefert. Was wir über die Vorgänge vernehmen, deren Schauplatz seit einigen Tagen, das Königreich Polen ist, erinnert uns unwillkürlich au die Negerhetze des Königs von Dahomey. Unter dem Namen und Vorwande einer Recrutirung findet dort eine Menschenjagd statt, nur mit dem Unterschiede, daß es Weiße, civilisirte Menschen sind, die im Königreich Polen von den Organen der russischen Regierung eingefangen werden.

Der Mann, welcher im Königreich Polen an der Spitze der Regierung steht, derselbe Marquis Wielopolski, den neulich die Revue des deux Mondes als den Regenerator Polens charakterisirt, soll die Aeußerung gethan haben, daß zur Besänftigung der Aufregung des Landes eine “Recrutirung” dringend nöthig sei. Die russische Regierung ließ sich dies, wie es scheint, nicht zweimal sagen, und die Anwesenheit des Großfürsten Konstantin, Namiestiks des Königreichs, in Petersburg wurde dazu ausersehen, diese “Recrutirung” ins Werk zu setzen. Ein Telegramm von der polnischen Grenze wußte uns vor zwei Tageu zu melden, daß die Operation in größter Ruhe vor sich ging, und nach diesem Telegramme konnte die Welt einen Augenblick glauben, die Autorität der russischen Regierung habe ohne Anwendung von Zwangsmitteln einen großen Sieg errungen. Aber die Aufklärung folgte dieser Meldung auf dem Fuße, und was wir über den Anfang der am 15. d. in Warschau begonnenen Recrutirung aus Privatbriefen und Zeitungen erfahren, ist selbst nach Abschlag aller Uebertreibungen noch furchtbar genug, um das Entsetzen der gebildeten Welt zu erregen. Nicht in den Formen civilisirter Staaten bewegt sich die russische Recrutirung im Königreich Polen, nicht eine einfache Assentirungs-Maßregel, sondern ein allgemeines gewaltthätiges Soldatenpressen ist es, das man vornimmt, nicht um Soldaten zu bekommen, sondern um politisch verdächtige Personen einzufangen und in die Strafcompagnien nach Orenburg und im Kaukasus zu stecken.

In der Nacht vom 15. wurde von den russischen Truppen um Warschau ein undurchdringlicher Cordon gezogen, worauf die Recrutirung begann. Um Mitternacht wurde, was sich in denStraßen noch blicken ließ, verhaftet, und dann zur Durchsuchung von Haus zu Haus geschritten. Kein Haus blieb verschont, jedes stellte sein Contingent, Jünglinge und Männer, Arbeiter, Handwerker, Studenten nahm man fest ohne Rücksicht auf die Familien, und wenn zufällig die eine oder andere gesuchte Person nicht gefunden wurde, nahm man den Vater oder Bruder als Geißel mit. Die Citadelle von Warschau wurde auf diese Weise mit “Recruten” gefüllt, und wie verlautet, wurde diese neue Art von Recrutirung in der Nacht vom 16. in dem vor Schrecken stummen Warschau fortgesetzt. Es handelt sich aber hier nicht um eine Maßregel, welche auf die Hauptstadt des Landes beschränkt bleibt. Die russische Regierung hat alle Anstalten getroffen, um im ganzen Lande in gleicher Weise zu “recrutiren”, und scheint entschlossen, jeden Versuch eines Widerstandes in der schonungslosesten Weise zu erdrücken. Von einer Regelmäßigkeit der Abstellung ist bei diesem Verfahren keine Rede; man fängt so viel Personen ein, als nur möglich ist, denn nicht um Soldaten handelt es sich, sondern um Erzeugung eines heilsamen Schreckens und um die Entfernung politisch Verdächtiger aus dem Lande. Daß ist die Methode, mittelst welcher der Panslavismus der russischen Regierung Polen zu beruhigen und zu regeneriren gedenkt. “Mit blutendem Herzen,” schreibt man dem in Krakau erscheinenden Czas, “mit Thränen in den Augen blickt die Bevölkerung auf den in geheimnißvoller Stille vollzogenen Raub ihrer Brüder, und diese in ihren Folgen ebenso grausame als gewissenlose Recrutirung wird als die schrecklichste Verfolgung betrachtet, die das polnische Volk von Rußland je erduldet hat.”

Die heutige russische Regierung liebt es, sich der Welt als liberal und human darzustellen, und ein großer Theil der europäischen Presse kommt ihr bei diesem Bestreben, bereitwilligst entgegen. Wenn nur ein kleiner Theil dessen wahr ist, was über ihre “Recrutirung” in Polen verlautet, so straft sie damit alles Lügen, was der Welt seit Jahren über russische Reformen erzählt wird. Das Regime des Kaisers Nikolaus gab sich offen und gerade als unbeugsamen Absolutismus, und man erwartete von ihm nichts anderes als Handlungen der rücksichtslosesten Gewalt. Die Heuchelei des Liberalismus, in der sich die heutige russische Regierung so wohl gefällt, ist es gerade, welche solche Rückfälle in eine selbst unter Nikolaus vermiedene Barbarei doppelt schrecklich erscheinen läßt, und wenn man uns in Hinkunft von den russischen Reformen und der in diesem Lande herrschenden Menschlichkeit erzählen wird, werden wir auf diese Recrutirung in Polen verweisen können. Und ein Regime, welches sich mitten im Frieden, ohne besondere Veranlassung zu Gewaltmaßregeln hinreißen läßt, die man in diesem Jahrhunderte nicht mehr für möglich gehalten hätte, wagt es, als Ankläger der Pforte, als Anwalt der von den Türken unterdrückten orientalischen Christen aufzutreten? Wann ist seit einem halben Jahrhundert bei den Türken der Christ in solcher Weise gebrandschatzt und niedergetreten worden, wie dies mit den katholischen Polen des orthodoxen Rußlands der Fall ist? Aber was nützt es, über solche Anomalien in Entrüstung zu gerathen, die Welt ändert deshalb ihren Lauf nicht, und die politische Heuchelei scheint berufen, den hervorragendsten Charakterzug dieser an traurigen Enttäuschungen so reichen zweiten Hälfte unseres Jahrhunderts zu sein. Das Nationalitäten zerfleischende Rußland, dessen Staatsprincip die Rechtlosigkeit und Verfolgung Andersgläubiger ist, darf der toleranten Türkei gegenüber sich als der Hort der Menschenrechte und der Religionsfreiheit, das napoleonische Kaiserreich darf dem constitutionellen Europa gegenüber sich als der Apostel der Völkerfreiheit geberden, ohne daß sich dem schnatternden Chor der auf russische und französische Civilisation versessenen europäischen Presse ein Schrei brandmarkender Entrüstung entringt. Und doch sind es dieselben, die Menschenjagd in Polen und die Niedertretung jedweder Freiheit in Frankreich todtschweigenden Organe, welche mit ihrem ekelhaft heuchlerischen Jammer über die Gräuel des amerikanischen Bürgerkrieges die Luft erschüttern, und im Eifer ihrer civilisatorische Politik auf dem Punkte angekommen sind, in diesem eine sociale Revolution vollziehenden amerikanischen Kriege Partei zu ergreifen für die baumwollerzeugende Aristokratie der nordamerikanischen Sklavenbesitzer.

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Der polnische Januaraufstand beginnt

Manifest_KCN_1863Am 22. Januar 1863 beginnt im russischbesetzten Teil von Polen (“Königreich Polen” oder “Kongreßpolen”) der Januaraufstand mit einem Aufruf des Zentralkomites des Nationalrates (Bild links, Quelle: Wikipedia). Es ist nicht die erste Rebellion gegen die Teilungsmächte, bereits 1794, 1806, 1830-1831 (Novemberaufstand), 1846 und 1848 hatte die Polen versucht, ihre Unabhängigkeit wiederzuerlangen.

Die Auständischen verfügen nur über wenige Waffen. Zudem sind sie zum Handeln gedrängt, weil potentielle Aufständische mit einer Einberufung (“Branka”) eingezogen werden. Die Dienstzeit in der russischen Armee beträgt zu der Zeit fünfzehn (!) Jahre.

Im Februar wird Bismarck den Polen mit der Alvenslebenschen Konvention in den Rücken fallen. In dieser wird mit Rußland vereinbart, daß die Truppen beider Staaten bei der Verfolgung von Aufständischen auch auf das Gebiet des anderen übertreten dürfen.

Polish_fighters_1863Der Aufstand verläuft für die Polen wenig günstig, wird sich aber noch bis in das Jahr 1864 ziehen. Viele Aufständische müssen flüchten und werden etwa in Sachsen und dort besonders in Dresden aufgenommen. Andere werden nach Sibirien deportiert, wo es 1866 zu einem Aufstand von politischen Gefangenen kommt.

Auch wenn es in Großbritannien und Frankreich sowie in oppositionellen Kreisen auch in Deutschland eine große Sympathie für die Polen gibt, greift keine andere Macht zu ihren Gunsten ein.

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