Problem mit GPS 1863

Die Presse (Wien), 24. Juli 1863

[Nummerirungs-Tafeln.] Kaum daß die Orientirungs-Nummern und die Straßenbezeichnungs-Tafeln an den Häusern befestigt sind, so werden sie schon vielseitig wieder, theils aus Unverstand, theils aus Fahrlässigkeit, bei der Säuberung der Häuser übertüncht. Die Klagen darüber sind allgemein, und die Bezirksausschüsse sind diesfalls auch beauftragt worden, die gehörige Vorsorge zu treffen, daß diese Unzukömmlichkeiten, wo sie sich finden sollten, augenblicklich beseitigt und die Orientirungs-Tafeln wieder gereinigt werden.

Anmerkung

Hausnummern sind nicht ganz so neu in der Zeit, sie gibt es in Wien schon seit dem 18. Jahrhundert (ähnlich in Deutschland).

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Datenkrake 1863

Berliner Gerichtszeitung, 23. Juli 1863

Wer mit einem äußerlich erkennbaren Merkzeichen behaftet ist, der muß nicht stehlen! Kürzlich bezog ein junger Mensch, der einen verkrüppelten Zeigefinger hatte, in einer Schlafstelle und verschwand mit den Sachen seiner Schlafkameraden. Berlin besitzt zwei Diebe mit einem verkrüppelten Zeigefinger. Als die Anzeige von dem Diebstahl der Polizei zuging, langte sie sich diese beiden Krüppel, stellte sie dem Bestohlenen vor und Einer wurde denn auch sofort als der Dieb erkannt.

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Für die Deutschen in Paris

Die Presse (Wien), 22. Juli 1863

[Für die Deutschen in Paris.] In der deutschen Pariser Zeitung läßt der deutsche Hilfsverein einen Aufruf an Deutschlands Frauen ergehen, zur Theilnahme an einem Bazar mit Lotterie, deren Ertrag zur Verpflegung deutscher Kranken oder wo möglich zur Gründung eines Krankenhauses verwendet werden soll. Das Comité, welches sich unter dem Vorsitze der Frau Fürstin Metternich gebildet hat, spricht die zuversichtliche Hoffnung aus, daß Deutschland gern dieser Aufforderung Folge leisten wird durch reichliche Beiträge zur Sicherung einer umfassenden Krankenpflege für diejenigen hiesigen Deutschen, welche meist durch unverschuldetes Mißgeschick daran verhindert wurden, den Namen des geliebten Vaterlandes im Auslande durch deutsche Thätigkeit zu Ehren zu bringen. Sämmtliche Erträge, seien es nun Spenden oder Abnahme von Billeten, bittet man unter der Adresse der Frau Fürstin Metternich an das Damen-Comité in Paris einzuschicken. Der Secrecretär des Damen-Comités ist Herr M. Ellisen, Nr. 12, Rue St. Georges.

Anmerkung

In Paris leben zu dieser Zeit etwa 80.000 deutsche Einwanderer. Die Grenzen stehen für sie offen, während die die Wanderung zwischen den Staaten des deutschen Bundes nur schwer möglich ist. Da es in Frankreich auch Gewerbefreiheit gibt und man sich überall niederlassen darf, ist das Land neben den USA eines der beliebtesten Ziele für deutsche Auswanderer.

Siehe auch: Deutsche Gastarbeiterinnen in Frankreich

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Zentralisation in Frankreich und Österreich

Die Presse (Wien), 3. Juli 1863

Wien 2. Juli.

„Die Freiheit ist eine so schöne und heilige Sache, daß ich sie aus jeder Hand entgegennehmen würde. Ich würde mich glücklich schätzen, sie einem Washington schuldig zu sein; sie würde mich mit einem Stuart versöhnen, und selbst einem Cromwell würde ich sie danken, wenn er sie geben könnte.” Mit diesen Worten leitete schon vor langer Zeit der Franzose Vivien seine “Administrations-Studien” ein, in welchen er seinen Landsleuten, gleich Tocqueville, den Nachweis führte, daß es das Uebermaß an administrativer Centralisation war, welches selbst unter dem constitutionellen Regime in Frankreich alle Freiheit vernichten mußte, weil diese nicht in der politischen Selbständigkeit des Individuums und in der Autonomie der Gemeinde wurzelte. Es ist traurig, daß die Franzosen fünfundvierzig Jahre lang nicht daran dachten, sich ihren schlimmsten Tyrannen vom Halse zu schaffen, und daß das Kaiserreich, diese eigentlichste Ausgeburt der Centralisation, die Initiative zur Durchführung dieser Reform ergreifen muß. Der Kaiser der Französen, welcher die Bedeutung der jüngsten Oppositions-Wahlen richtiger erkannte, als alle seine Minister und Freunde, hat jüngst durch die Abschaffung der Minister ohne Portefeuille und durch die Übertragung der Functionen der Sprechminister auf den neuernannten Staatsminister Billault einen Schritt zur Einführung einer Art Minister-Verantwortlichkeit gethan. Seine neueste Maßregel, das Schreiben an den Staatsraths-Präsidenten Rouher, welches die Ausarbeitung eines Gesetzentwurfs zur Abschaffung der Mißbräuche und Uebelstände der administrativen Centralisation durch die Sectionen des Staatsraths anordnet, ist ein noch weit bedeutungsvolleres der bei den letzten Wahlen zu Tage getretenen liberalen Meinung gemachtes Zugeständnis. Der Gesetzentwurf, welchen der Staatsrath auf Grund des kaiserlichen Schreibens ausarbeiten wird, dürfte dem neugewählten gesetzgebenden Körper vorgelegt werden, und die Vertreter des Landes in die Lage versetzt sein, eine der wichtigsten Reformen zu berathen. Freilich wird nur wenig gethan sein, wenn nicht gleichzeitig alle Gesetze remittirt werden, auf deren breiter Basis die französische Centralisation beruht; aber es ist anzunehmen, daß der Staatsrath sich nicht begnügen werde, verhängnißvolle Wirkungen blos zu mildern, sondern daß er, nachdem der Kaiser selbst die Anregung dazu gegeben, sich nicht scheuen werde, das Uebel bei der Wurzel zu fassen.

Wenn man sich einen Begriff von der Reform machen will, welche mit dem napoleonischen Briefe an den Staatsraths-Präsidenten angebahnt ist, so höre man, wie Odilon Barrort, der bekannte Führer der dynastischen Opposition unter der Juli-Regierung, die Uebelstände der Centralisation schildert. “Wir wollen uns,” schreibt Barrot, “keineswegs an der schönen französischen Einheit vergreifen, welche allein die Freiheit erhalten und befestigen kann. Wir verwerfen nur die Ausschweifungen der Centralisation, denn unserer Ansicht nach ist in jeder Centralisation ein Uebermaß, das, sei es durch die Vermengung beider Gewalten, sei es durch ihre Solidarität, in religiösen oder in politischen Interessen, mittelbar oder unmittelbar die Gewissensfreiheit oder die Freiheit der Kirche angreift. Wir sehen gleichfalls eine Centralisation für übertrieben an, welche entweder im Namen der Bevormundung oder der Polizei die Rechte der Gesammtheit oder des Individuums, die Bürger einem Vorbehalt unterwirft, der zum Beispiel unter dem Vorwand der Unfähigkeit der Communen ihre Angelegenheiten zu verwalten, sie von Staatsbeamten besorgen läßt, ihre Maires, Steuerbeamten, Schulmeister und Pfarrer und zuletzt ihre Feldhüter einsetzt, den Municipalräthen nur mit specieller Erlaubniß zu versammeln sich gestattet, und sich vorbehält, ihnen ihr jährliches Budget zu machen, und selbst, nachdem die Ausgaben votirt und autorisirt worden, sich auch noch anmaßt, die Ausführung derselben regeln zu wollen, und schließlich den unglücklichen Communen noch zumuthet, die Regierungs-Veranschlagungen, Regierungs-Ingenieure und Architekten zu bezahlen. Ich halte ferner eine Centralisation für ausschweifend, welche die Bürger in die Nothwendigkeit verwickelt, zu allen ihren Handlungen vorheriger Bewilligung zu bedürfen, und ihnen ohne ihr Belieben sogar nicht erlaubt, zu beten, noch sich von einem Orte zum andern zu begeben. Ich stehe nicht an, die Centralisation für mißbräuchlich zu erklären, die, nachdem sie ihren Agenten alle Gewalt Über die Bürger gegeben, ihnen einen Regreß gegen diese nämlichen Agenten, die unter dem Schutze eines von ihr gewählten Staatsraths für unverletzlich erklärt sind, versagt; eine Concentration, die mit Hilfe von Competenz-Conflicten, die nach ihrem Willen entstehen und entschieden werden, die gewöhnliche Gerichtsbarkeit beseitigt, und in jeder Angelegenheit, bei der sie sich betheiligt glaubt, die Entscheidung vor ihr Gericht ziehen kann. Ich verwerfe endlich eine Centralisation, deren immer rege und nie befriedigte Gelüste unaufhörlich alle noch in der Gesellschaft befindlichen unabhängigen Existenzen bedrohen, und welche die Hand bald nach den Gütern der Wohlthätigkeits-Anstalten und jener der Communen, bald nach dem Vermögen der großen Eisenbahnen und Versicherungs-Gesellschaften ausstreckt. Eine solche Centralisation, in welcher das Individuum zuletzt zum Automaten hinabsinken muß, ist es, die ich angreife, und vor deren unheilvollen Wirkungen ich warnen will.”

Unsere österreichischen. Föderalisten, welche die Verfassungspartei vernichtet zu haben glauben, wenn sie ihnen die Bezeichnung Centralstelle an den Kopf werfen, mögen die hier geschilderte Centralisation in Frankreich mit jener Centralisation vergleichen, über deren Despotismus in Oesterreich sie so laute Klagen erheben. Der Convent schlug den Girondisten die Köpfe ab, weil sie eine Provinzial-Autonomie anstrebten, welche, neben die österreichischen Landtage gehalten, noch immer die entschiedenste Centralisation wäre, und wir erinnern uns, im Journal des Debats bei Besprechung der österreichischen Verfassungszustände wiederholt die Aeußerung gelesen zu haben, daß im heiligen Frankreich eine Partei unmöglich wäre, die in der Decentralisation nur halb so weit gehen wollte, als diejenigen Liberalen, welche in Oesterreich Centralstelle gescholten werden. Angesichts der Centralisation, deren schreckliche Wirkungen selbst einem Autokraten wie Napoleon III. gefährlich scheinen, können die österreichischen Liberalen die Komplimente, mit welchen sie tagtäglich von ihren föderalistischen Collegen bedacht werden, nicht entschieden genug zurückweisen. Was ist unsere Centralisation gegen jene, und könnte man bei den so verschiedenen centrifugalen Elementen, aus denen Oesterreich besteht, nicht beinahe versucht sein, es auszusprechen, daß Oesterreich gerade um so viel Centralisation zu wenig hat, als Frankreich deren zu viel besitzt?

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Zur Maßregelung der Tagespresse

Die Presse (Wien), 2. Juli 1863

Berlin, 29. Juni. [Orig.-Corr.] (Zur Maßregelung der Tagespresse. Die Wühlerei der feudalen Clique.) Der Minister v. Eulenburg soll einem Journalisten gegenüber geäußert haben, daß die Opposition des Schweigens herausfordernder als jene der loyalen Polemik sei, und daß die Regierung gegen letztere keinen Einwand erheben würde. So Graf Eulenburg. In einer gewissen Uebereinstimmung steht damit, was in einflußreichen feudalen Kreisen gesagt wird. Demzufolge würden weitere Verschärfungen der Repressiv-Maßregeln gegen die Tagesblatter eintreten, welche das Verbot mehrerer Journale herbeiführen müssen. Außerdem sollen einige auswärtige Journale verboten werden, und es circulirt bereits eine Liste derjenigen Blätter, welche nicht durch fügsame Correspondenten bedient, und durch diese Maßregel getroffen werden sollen. Ueber diese inneren Vorgänge ist selbstverständlich das große Lesepublicum nicht unterrichtet, und die scharfen Urtheile über das Aufgeben jeglichen Widerstandes der Presse gegen die reactionäre Regierung mehren sich mit jedem Tage. Man weist auf die Haltung der französischen Oppositions-Presse und auf die österreichischen Journale zur Zeit des Verwarnungssystems hin, und verlangt, daß mindestens eine ähnliche Haltung um der Würde der Presse willen angenommen werde.

Die Handlanger der Feudalherrschaft benutzen wacker das Terrain, das ihnen jetzt unbestritten überlassen ist, und organisiren dasjenige, was das Organ des Herrn v. Bismarck als “Verfassungsstaat” bezeichnet, nämlich “nur eine Verbesserung der früheren absolutistischen Staatsmaschine.” Die reactionären Vereine werfen überall ihre Netze aus; man sammelt Gelder zur Gründung neuer Regierungs-Journale; Flugschriften werden zu Tausenden gratis vertheilt; gemiethete Redner durchziehen das Land und wühlen für den patriotischen und Volksverein und gegen parlamentarische Anarchie und fortschrittlichen Despotismus; man colportirt von Haus zu Haus Zustimmungsadressen an Herrn v. Bismarck, und wenn den Trägern derselben irgendwo etwas Unangenehmes passirt, so gehen sie, als ob nichts geschehen wäre, ins nächste Haus. Diesem Treiben gegenüber, sagt man in Berlin, daß die Politik jetzt Sommerferien halte, aber daß im Herbst die Liberalen zur Ernte schreiten werden.

Laut einer der G. C. aus Berlin von guter Hand zukommenden Mittheilung, glaubt man daselbst in der Regierung nahestehenden Kreisen nicht an die Rückkehr des Grafen v. d. Golz auf seinen Pariser Posten. Die Sache soll jedoch weniger mit politischen als mit persönlichen Motiven zusammenhängen. Der Botschafter fühlt sich nämlich verletzt durch die Rolle, welche Prinz Reuß, sein erster Botschaftsrath, am Hofe der Tuilerien spielt; in der That ist dies die Rolle weniger eines Diplomaten, als eines intimen Hausfreundes *). Es gibt dies dem Prinzen in Paris eine ganz exceptionelle Stellung, durch welche sich der Chef der preußischen Botschaft in den Schatten gerückt sieht. Wie dem auch sei, so macht jedenfalls Graf v. d. Golz seinen Bekannten gegenüber gar kein Hehl daraus, daß ihm seine Pariser Stellung nicht länger zusagt.

*) Es will uns scheinen, daß die G. C. hiemit auch genau die Rolle des österreichischen Botschafters definirt, Fürst Metternich ist auch mehr Hausfreund als Diplomat in den Tuilerien.

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Ist eine Pause eine Druckschrift?

Die Presse (Wien), 1. Juli 1863

[Ist eine Pause eine Druckschrift?] Von Seite der k. k. Staatsanwaltschaft ist die Polizeibehörde neuerlich beauftragt worden, bei den Herausgebern hiesiger Local-Correspondenzen Erhebungen zu pflegen, auf welchem Wege das sogenannte Durchpausen von Correspondenzen vor sich gehe, und ob dabei eine Vervielfältigung auf chemischem und mechanischem Wege erfolge, sonach derlei Korrespondenzen alS Druckschriften zu betrachten sind, dann nach den Bestimmungen des Preßgesetzes zu behandeln seien oder nicht. Diese Erhebung wurden von Seite des Polizei-Commissariates Landstraße auch bereits bei der Correspondenz Riedl gepflogen. Wie diese Correspondenz vernimmt, soll im StaatSministerium, dem zunächst die Feststellung eines Princips in dieser Angelegenheit zukomme, von einer Seite die Ansicht ausgesprochen worden sein, daß Correspondenzen, so lange sie in Form von versiegelten Briefen blos Zeitungs-Redactionen zugehen, und ohne Benützung von Seite der letzteren gar nicht in die Oeffentlichkeit gelangen, noch nicht als Druckschriften, sondern einfach alS Manuscripte betrachtet werden sollen.

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Hier irrt Günter Ederer

Anfang des Monats setzte sich Günter Ederer mit Kritik von Karen Horn an der Ausrichtung der “Achse des Guten” auseinander.  Los geht der Post mit einem Angriff auf Friedrich Naumann, der in dem erstaunlichen Vorwurf gipfelt:

“Er gründete einen „Nationalsozialen Verein“  und stimmte für Hitlers Ermächtigungsgesetz.”

Bei aller Kritik an Naumann, die wir ja durchaus auch anbringen würden: das kann doch einfach nicht sein! Der Herr starb 1919 und konnte deshalb aufgrund der Gnade des frühen Todes 1933 nicht für das Ermächtigungsgesetz stimmen. Unmöglich.

Ein paar Sätze weiter heißt es dann:

“Doch Nationalliberale wie Naumann können damit nicht gemeint sein, denn ihn verteidigt [Wolfgang] Gerhardt fast uneingeschränkt.”

Auch das stimmt nicht: Naumann war kein Nationalliberaler. Wiewohl es durchaus eine Überlappung zwischen der Ideologie der Nationalliberalen und des National-Sozialen Vereins gab, waren dies zwei unterschiedliche Gruppierungen. Naumann war einer der Gründer der Weimarer DDP und die Nationalliberalen traten in der Zeit als DVP auf (nicht zu verwechseln mit der ganz anders ausgerichteten Partei des Kaiserreichs gleichen Namens).

Vielleicht ist das alles etwas pedantisch. Niemand muß sich mit sowas auskennen. Aber wenn man andere, wie in dem Post, über Liberalismus unterrichtet, dann sollte man doch selbst Bescheid wissen. Die Verteidigung gegen den Vorwurf (dessen Stichhaltigkeit wir hier dahingestellt sein lassen wollen), fällt auch wenig überzeugend aus:

“Für [sic!] fühlen uns der Freiheit verpflichtet, kompromissloser, als dies Friedrich Naumann je war.”

Hauptpunkt also: Man ist ja liberaler als Friedrich Naumann. Aber wer ist das nicht?

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Zensur in Preußen

Die Presse (Wien), 3. Juni 1863

Berlin, 2. Juni. Der Staatsanzeiger veröffentlicht eine auf Antrag des Staatsministeriums und auf Grund des Artikels 63 der Verfassungsurkunde erlassene, vom Gesammt-Ministerium contrasignirte königliche Verordnung, nach welcher die Verwaltungsbehörden befugt sind, das Erscheinen einer Zeitung oder Zeitschrift wegen fortdauernder, die öffentliche Wohlfahrt gefährdender Haltung zeitweise oder dauernd zu verbieten. Die Gefährdung der öffentlichen Wohlfahrt ist als vorhanden anzunehmen, nicht blos, wenn einzelne Artikel für sich ihres Inhalts wegen zur strafrechtlichen Verfolgung Anlaß geben, sondern auch, wenn die Gesammthaltung des Blattes das Bestreben erkennen läßt: die Ehrfurcht und Treue gegen den König zu untergraben, den öffentlichen Frieden durch Aufreizung der Angehörigen des Staates gegen einander zu gefährden; die Einrichtungen des Staates, die öffentlichen Behörden, deren Anordnungen durch Behauptung entstellter oder gehässig dargestellter Thatsachen, oder Schmähungen und Verhöhnungen dem Hasse oder der Verachtung auszusetzen, oder gegen die Anordnung der Obrigkeit anzureizen, Gottesfurcht und Sittlichkeit zu untergraben, die Lehren, Einrichtungen oder Gebräuche einer der christlichen Kirchen oder einer anerkannten Religions-Gesellschaft durch Spott herabzuziehen.

Das Verbot erfolgt nach vorheriger zweimaliger Verwarnung des Verlegers durch Plenarbeschluß der betreffenden Regierung. Die auswärtigen Zeitungen kann das Ministerium aus demselben Grunde verbieten.

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Ferdinand Lassalle als echter Diktator

Berliner Gerichtszeitung, 2. Juni 1863

Der Streit zwischen den Gegnern und Anhängern des Herrn Lasalle wird voraussichtlich in eine neue Phase treten, da der Genannte erklärt hat, dem Liberalismus und der Fortschrittspartei den Fehdehandschuh hinwerfen zu wollen, wenn die liberale Presse ihn nicht besser behandelt, als sie es bisher gethan, was sicherlich nicht der Fall sein wird. Uebrigens hat Herr Lasalle trotz aller ihm widerfahrenden Angriffe sich zum Präsidenten des allgemeinen Handwerkervereins, der seinen Sitz in Leipzig hat, ernennen lassen und gleich als echter Dictator, wie er sich immer gebärdete, auf 5 Jahr. Vielleicht wird er nach dem Beispiel des ersten Consuls, der anfangs es auch nur auf Zeit war, während dieser Jahre Gelegenheit finden, sich zum Director auf Lebenszeit zu machen. Da jedes Mitglied 2 Sgr. [Silbergroschen] beim Eintritt und 6 Pfg. jede Woche zahlt, so ergiebt dies, auf 1000 Mitglieder berechnet, jährlich über 900 Thlr., wofür schon eine Masse Makulatur in die Welt geschickt und den Arbeitern der Mund mit gedruckten Redensarten, die sie dann obenein noch honoriren müssen, hinlänglich gestopft werden kann. Während so die Arbeiterfrage in agitatorischer Weise zum Gegenstande fruchtloser Discussionen gemacht wird, bereitet sich hier in Berlin eine Versammlung vor, deren Arbeiten für alle Besitz- und Erwerbsverhältnisse von der höchsten Wichtigkeit sein müssen. Es ist dies der “internationale statistische Congreß”, welcher vom 6. bis 12. September hier abgehalten und, wei man erwartet, von Sr. Königl. Hoheit dem Kronprinzen, eröffnet werden wird. Der Director des statistischen Bureaus, Herr Dr. Engel, hat bereits einen Bericht über die Gegenstände der Tagesordnung erscheinen lassen, der von hohem Interesse ist und den man auch durch den Buchhandel beziehen kann. Unter den wichtigsten volkswirthschaftlichen Gegenständen findet sich auch folgender: “Die Aufgabe der Statistik im System der socialen Selbsthilfe. Statistik des Versicherungswesens.” Es ist wohl nicht ohne Grund, daß diese beiden Gegenstände nebeneinander stehen, denn wie für das Versicherungswesen die genauste wissenschaftliche und geschäftliche Basis gefunden worden ist und wie es sich so mächtig entfaltet hat, wird vielleicht, ja voraussichtlich, durch die Statistik auch für die sociale Selbsthilfe eine solche gewonnen werden, und ohne eine Basis auf Grund positiver Thatsachen und Berechnungen läßt sich auf volkswirthschaftlichem Gebiet keine Schöpfung begründen.

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Ludwig Bamberger zum Staatssozialismus

“Der Trost mit der Undurchführbarkeit und Eitelkeit solcher Versuche reicht hier nicht aus. Wer will auch sagen, was nicht alles auf eine Zeit lang möglich sein könnte, bei einer Nation, die sich die Fortentwicklung ihrer Orthographie auf dem Verwaltungsweg vorschreiben läßt!”

— Ludwig Bamberger, 1884

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Zeitungsstimmen über die Krise in Preußen

Die Presse (Wien), 1. Juni 1863

Wien, 31. Mai.

Die Kreuzzeitung und zwei von Bismarck bar bezahlte Blätter ausgenommen, ist die preußische Presse einmüthig in ihrem Urtheil: Zustimmung zu der Haltung der Abgeordneten und Anklage der schwersten Verfassungsverletzung gegen die Regierung. Wir brauchen nicht die mannichfachen Nuancen, in welchen die öffentlichen Organe das Verhalten speciell des Königs Wilhelm kritisiren, zu verfolgen; im ganzen zieht sich durch alle Blätter ein sehr bitterer Ton, denn vorläufig können sie, im Vertrauen auf ihr Preßgesetz und ihre Richter, immerhin noch Einiges zu sagen wagen. Wie lange, steht freilich dahin. Aus den preußischen Journalen citiren wir für heute nur noch folgende geistreiche Bemerkung des Berliner Korrespondenten der Magd. Ztg.:

Scipio Africanus zeigte dem Hannibal vor der Schlacht bei Zama sein Lager. So sieggewiß war er. Auch wir wollen nicht minder großmüthig sein, weil wir es können. Wir wollen der officiösen Presse ein Recept schreiben, um ihr zu zeigen, wie man Volksvertretungen auf gut Bonapartistisch den Kopf waschen kann. Denn die Presse wird es ja jetzt wol nöthig haben. Das Recept hat folgenden Ursprung: In Folge der ersten Siege Napoleon’s in Spanien beglückwünschte der gesetzgebende Körper die Kaiserin Josephine. Die hohe Frau bezeichnete in ihrer Antwort diese Körperschaft als eine Versammlung, welche die Nation repräsentirt. Sie hatte dazu ein Recht, denn so ohnmächtig die Versammlung auch war, so war sie doch aus allgemeinen Wahlen hervorgegangen. Am 15. December 1808 aber erschien ein Artikel im Moniteur, in welchem es unter anderm hieß: “Ihre Majestät die Kaiserin hat diese Worte nicht gebraucht. Sie kennt unsere Verfassung zu gut. (Die Gegner waren also unconstitutionell.) Sie weiß, daß der Kaiser der erste Vertreter der Nation ist. Denn alle Gewalt kommt von Gott und von der Nation…. Gäbe es in unserer Verfassung eine Körperschaft, welche die Nation repräsentirt, so wäre diese Körperschaft souverän. Die anderen Körperschaften Wären nichts, und ihr Wille würde alles sein. Der Convent und selbst die gesetzgebende National-Versammlung waren National-Repräsentationen. So waren unsere Verfassungen damals beschaffen. Daher konnte der Präsident seinen Stuhl dem Könige streitig machen, indem er sich auf das Princip stützte, daß der Präsident der National-Versammlung vor allen Autoritäten der Nation den Vortritt haben müsse. Unser Unglück ist zum Theil von dieser Uebertreibung der Ideen gekommen. Es wäre heute aber nicht allein eine chimärische, sondern auch strafbare Anmaßung, die Nation von dem gesetzgebenden Körper vertreten lassen zu wollen. Der gesetzgebende Körper ist nichts als die Vereinigung der Bevollmächtigten der Wählerversammlungen. Man nennt sie Abgeordnete der Departements, weil sie durch die Departements gewählt sind. In der hierarchischen Rangordnung ist der erste Repräsentant der Nation der Kaiser und die Minister die Organe seiner Entscheidung. Der gesetzgebende Körper nimmt erst (d. h. nach dem Senate und Staatsrathe) die vierte Stelle ein. Alles würde in Unordnung gerathen, wenn andere constitutionelle Ideen die Ideen unserer monarchischen Constitution fälschen könnten.” Um auch unserer Regierung die Umstände bemerkbar zu machen, unter welchen die französischen Minister so über ihren Landtag sprachen, bemerken wir, daß acht Tage vorher die französischen Heere in Madrid eingerückt und die Franzosen die Inquisition in Spanien zertrümmert hatten. Am demselben Tage, an welchem dieser Moniteur-Artikel erschien, sprach Napoleon zu einer Deputation der Stadt Madrid: “Die englischen Armeen werde ich aus der Halbinsel treiben. Es gibt kein Hinderniß, welches fähig wäre, lange die Ausführung meiner Wünsche aufzuhalten.”

Urkomisch nimmt sich gegenüber dieser ehrlichen Einsicht in den wahren Stand der Dinge das Verhalten der Gothaer Organe aus, die noch jetzt sich wenden und drehen, um Preußenthümelei treiben zu können. Ihnen antwortet die B. B. Z. heute wirklich treffend: “Wenn die preußische Regierung die Prügelstrafe einführte für politische Vergehen, so würden die Gothaer die Stirn hochziehen und grübelnn, ob denn die Reaction auch wol bis zur Aufweckung des jus primae noctis sich versteigen möchte, und wenn einer unserer Herren Lectoren feierlich als erster Censor eingeführt würde, so spräche der fromme Simson: Nur Vertrauen, durch Nacht zum Licht, durch Censur zur Preßfreiheit, nur immer festgehalten an der angestammten Liebe und Treue.” Und kein Zufall ist charakteristischer, als daß vorgestern die Berliner Blätter, welche die letzte Verhandlung des National-Vereins in Frankfurt trocken mittheilten, deshalb confiscirt wurden. Aber der National-Verein rühmt sich doch, immer mehr zu erstarken. Wo? In Preußen oder etwa gar in Oesterreich?

Daß die heute vorliegenden Londoner Blätter über die Politik des Königs Wilhelm den Stab brechen, versteht sich von selbst. Die Times sagen: “Die constitutionelle Krisis in Preußen wird den englischen Leser an mehr als Eine Stelle in der Geschichte seiner eigenen Revolutionen erinnern. Glücklicherweise stehen die preußischen Abgeordneten auf festem Boden und in einer Position, die uns in England ganz unangreifbar erscheinen muß. Aus der Adresse des Unterhauses, aus der Antwort des Königs und aus der Schließung der Kammern wird man gesehen haben, daß die Volksvertreter jetzt über den anscheinenden oder äußerlichen Streitpunkt hinausgelangt und ohne Rückhalt auf jene Fragen eingegangen sind, die, wie beiden Theilen wohl bekannt war, dem Formstreit zu Grunde liegen. Die Adresse sagt, daß “zwischen den Rathgebern der Krone und dem Lande eine Kluft vorhanden ist, die nur durch einen Personenwechsel und noch weniger ohne einen Systemwechsel ausgefüllt werden kann”. Der König entgegnet, daß “er auf Seiten seiner Minister steht”. In diesen Worten ist die wirkliche Sachlage ausgedrückt. Der Streit zwischen dem General Roon und dem Präsidenten würde nie zu diesem Bruch geführt haben, wenn nicht zwischen den Ministern und der Kammer ein stehender Streit von weit größerer Bedeutung vorhanden gewesen wäre. General Roon’s Anspruch auf das Vorrecht, gegen die Ordnung verstoßen zu dürfen, stimmte nur zu der allgemeinen Forderung der Minister, daß man sie ohne Dreinreden des Parlaments regieren lasse. Sein Anspruch darauf, von der Autorität des Präsidenten und den Statuten des Hauses unabhängig zu bleiben, drückte blos nebenher seine eigene und seiner Collegen Prätension aus, die Vertreter des Landes den von der Krone ernannten Staatsdienern unterzuordnen. So wurde denn der große Kampf, wahrscheinlich ohne Absicht von der einen oder andern Seite, plötzlich angenommen, und wir haben jetzt das Schauspiel eines unmittelbares Conflicts zwischen König Und Parlament vor Augen: Die Minister weigern sich, den Sitzungen des Hauses beizuwohnen, außer unter der Bedingung, daß sie über der Geschäftsordnung stehen dürfen. Das Haus lehnt es nicht nur ab, ohne die Gegenwart der Minister zur Verhandlung zu schreiten, sondern es verlangt in ebenso dürren Worten, wie unser Haus der Gemeinen es thun könnte, einen Ministerwechsel. Der König gibt nicht nach, sondern identificirt sich mit seinen Ministern und schließt die Kammer, wodurch er den Entschluß bekundet, ganz und gar ohne Parlament zu regieren. So stehen die Dinge in Preußen. Die Freunde constitutioneller Freiheit können nur Einen Ausgang wünschen, aber alle Freunde des Friedens und der Ordnung werden bedauern, daß es mit den Dingen so weit gekommen ist.”

Die “Post” bemerkt: “Der König will keine Vorwürfe oder Rathschläge mehr anhören. Mit der Schließung der Kammer ist aber nur Ein Capitel der Geschichte beendet. Die große Frage der constitutionellen Regierung in Preußen besteht in all ihrer Wichtigkeit und Bedeutung fort. Seit der Erwählung der gegenwärtigen Kammer ist der unablässige Kampf, seitens der Krone mit einem merkwürdigen Mangel an Würde wie an Loyalität geführt worden. Aber die drei letzten Incidenzpunkte des Kampfes erklären sich selbst. Die amtliche Ankündigung des Grafen Eulenburg deutet auf keine Absicht, die Kammer aufzulösen, hin. Es ist nichts als eine Vertagung angezeigt. Wir müssen daher annehmen, daß der König und die Minister sich wohl bewußt sind, bei den preußischen Wählern keinen Funken Sympathie für sich finden zu können. Wenn von einer Auflösung das Geringste zu hoffen wäre, so können wir sicher sein, daß dieser Schritt nicht ausbleiben würde. Aber dies Experiment ist schon einmal versucht worden und die Folge war, daß, mit wenigen Ausnahmen, die alten Vertreter wieder gewählt wurden. Allem Anscheine nach ist es jetzt das Streben des Hofes, die öffentliche Stimme nach Kräften zu ersticken, und er wird daher nicht daran denken, eine Wahlbewegung mit der sie nothwendig begleitenden Redefreiheit hervorzurufen. Der jetzige Stand der Dinge kann aber nicht lange dauern. Mit einem suspendirten Parlament, ohne Erledigung der gesetzgeberischen Geschäfte und ohne Gelderbewilligung ist nicht fortzuregieren, Die Wahrheit gesagt, hat der preußische Hof, bei all dieser Ruhmrederei, keine große Consequenz bewiesen. Er löste die frühere Kammer auf, weil die Kammer gewisse Details der Staatsausgaben vorgelegt haben wollte, und beim Zusammentritt der neuen Kammer gab er bald nachher den Streitpunkt preis. So haben wir auch wenig Furcht, daß Wilhelm I. lange ohne Parlaments-Berathung sich behelfen wird. Sobald der Mangel an Subsidien-Bewilligung unbequem werden wird, werden wahrscheinlich die mißliebigen Minister das Schicksal ihrer Vorgänger theilen und gewisse Zugeständnisse gemacht werden, nur damit die Krone wieder einige Zeit von der Hand in den Mund leben könne. Bemerkenswerth ist, daß der König sich vorzugsweise über die Haltung der Kammer in auswärtigen Angelegenheiten beschwert und damit zu erkennen gibt, wie fest er in der Polenfrage auf russischer Seite steht. Wie sehr wir auch vom constitutionellen Gesichtspunkt die jetzige Kammervertagung tadeln müssen, sind wir doch nicht gewiß, ob sich nicht am Ende herausstellen wird, daß die Maßregel einer Fortsetzung des bisherigen würdelosen Kampfes vorzuziehen war.”

Siehe auch:

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Keine Gratulation zum Geburtstag von Bismarck

Am 23. März 1895 kommt es zu einer hitzigen Debatte im deutschen Reichstag. Anlaß ist der Antrag des Reichstagspräsidenten Albert von Levetzow (Konservative), dem Altkanzler Otto von Bismarck zu seinem achtzigsten Geburtstag am 1. April 1895 von Seiten des Parlaments zu gratulieren. Im Vorfeld ist der Antrag bereits von den Anhängern Bismarcks zu einer nationalen Frage stilisiert worden, weil sich abzeichnet, daß die Mehrheit der “Reichsfeinde” im Reichstag nicht zustimmen könnte.

Und so kommt es auch. Abgelehnt wird die Beglückwünschung von der Freisinnigen Volkspartei, der Deutschen Volkspartei, den Sozialdemokraten, dem Zentrum und den Polen, während Konservative, Freikonservative, Antisemiten, Nationalliberale und die Freisinnige Vereinigung (der ehemals nationalliberale Flügel der Freisinnigen Partei) dafür stimmen.

Eugen Richter begründet für seine Partei, die Freisinnige Volkspartei, und die verbündete Deutsche Volkspartei (süddeutsche Demokraten) das Nein:

Präsident: Das Wort hat der Herr Abgeordnete Richter.

Abgeordneter Richter: Meine Herren, namens der freisinnigen Volkspartei und zugleich der deutschen Volkspartei habe ich folgendes zu erklären.

Die angeregte Beglückwünschung als einfache Bekundung menschlicher Theilnahme für den hochbejahrten Staatsmann aufzufassen verhindert uns schon die Art, wie ein Theil der Anhänger des Fürsten Bismarck beflissen ist, die Geburtstagsfeier zu einem politischen Huldigungsakt für denselben auszugestalten und zu parteipolitischen Zwecken für sich selbst auszunutzen.

(Sehr richtig!)

Auch wir verkennen durchaus nicht die großen Verdienste des Fürsten Bismarck um das deutsche Einigungswerk — —

(Zwischenrufe rechts.)

— Die Unterbrechungen bestätigen die erwähnte Absicht parteipolitischer Ausnutzung —

Auch wir verkennen durchaus nicht die großen Verdienste des Fürsten Bismarck um das deutsche Einigungswerk und die auswärtige Politik unseres deutschen Vaterlandes. Aber die Persönlichkeit des Fürsten Bismarck kann und muß beanspruchen, ganz und ungetheilt beurtheilt zu werden.

Fürst Bismarck ist zugleich der Träger eines Systeme der inneren Politik, das wir als dem Liberalismus und dem parlamentarischen Wesen entgegengesetzt ansehen müssen und deshalb im Interesse von Volk und Vaterland zu bekämpfen stets für unsere patriotische Pflicht erachtet haben.

(Lachen rechts. Sehr gut! links.)

Insbesondere hat Fürst Bismarck im letzten Abschnitt seiner politischen Wirksamkeit jene die Volkseinheit zersetzenden Interessenkämpfe entzündet und geschürt, welche auf weite Kreise der Bevölkerung politisch demoralisirend einwirken

(oh! oh! rechts; sehr gut! links; — Glocke des Präsidenten),

die Gegenwart schwer belasten und für die Zukunft unserer nationalen Entwicklung mit Besorgniß erfüllen.

(Widerspruch rechts.)

Auch nachdem der amtlichen Thätigkeit des Fürsten Bismarck ein Ziel gesetzt worden ist, sucht derselbe mit der ganzen Autorität seiner Person auf die öffentliche Meinung einzuwirken in einer Richtung. welche die Einlenkung der inneren Politik in gesundere Bahnen verhindert oder erschwert.

(Sehr richtig! links. Widerspruch rechts.)

Wir bedauern daher, dem Ersuchen des Herrn Präsidenten keine Folge geben zu können.

(Lebhafter Beifall links. Zischen rechts.)

Als das Ergebnis der namentlichen Abstimmung feststeht — 146 Stimmen für die Gratulation und 163 Stimmen dagegen — legt der Präsident des Reichstags als Protest sein Amt nieder. Der Führer der Nationalliberalen Rudolf von Bennigsen erklärt, daß der abwesende Vizepräsident Albert Bürklin (Nationalliberale) dies wohl auch tun werde. Die Sitzung wird nun vom zweiten Vizepräsidenten Rudolf von Buol-Berenberg (Zentrum) weiter geleitet. Nochmals meldet sich Eugen Richter zu Wort:

Vizepräsident Freiherr von Buol-Berenberg: Zur Geschäftsordnang hat das Wort der Herr Abgeordnete Richter.

Abgeordneter Richter: Ich will auf diese ungewöhnlichen Erklärungen, die für den Augenblick gar keine praktische Bedeutung haben können

(Widerspruch rechts)

nur erwidern, daß ich das Vertrauen habe, daß das Präsidium des Reichstags auch ohne die beiden Herren die Geschäfte in ordnungsmäßiger Weise zu führen im Stande sein wird.

(Bravo! links und aus der Mitte.)

In diesem Sinne: auch keine Gratulation zum 200. Geburtstag von Bismarck.

Siehe auch:

Veröffentlicht unter 1895, Bismarck, Eugen Richter, Geschichte, Parlamentarismus | Hinterlasse einen Kommentar

Vortrag von Schulze-Delitzsch verschoben

Berliner Gerichtszeitung, 28. März 1863

Der Abgeordnete Schulze-Delitzsch wollte den Schluß des ersten Cyklus seiner socialen Vorträge “Ueber Arbeiter-Genossenschaften”, erst am Sonntag nach Ostern halten. — Da er aber die achttägigen Ferien des Abgeordnetenhauses dazu benutzen will, die gehaltenen Vorträge, so weit sie noch nicht im Buchhandel erschienen, zum Druck vorzubereiten, so wird, wie wir aus zuverlässiger Quelle mittheilen können, der nächste Vortrag im Arbeiterverein am Sonntag, den 29. März, Vormittags 11 Uhr, in der Tonhalle stattfinden und sollen dazu wie gewöhnlich Eintrittskarten so weit es der Raum gestattet, an den Eingangsthüren ausgegeben werden. Die beiden ersten Vorträge “Arbeit” und “Kapital” sind bereits erschienen und in der Buchhandlung Carl Nöhring, Prinzenstraße 27 für 1 ¼ Sgr. [Silbergroschen] zu haben.

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Kurzer Festbericht aus Berlin,

Hamburger Wespen, Nr. 13, 1863

aus dem man sich das Beste herauslesen muß. *)

Das Jubiläum der Erhebung des preußischen Volkes ist mit allem Glanze begangen worden, ja, wenn Schweigen der Gott der Glücklichen ist, so sollten wir nicht Worte der Verwunderung suchen über den durch Berlin hinrollenden Jubel, mit dem, ein Beispiel für alle Völker, die Hauptstadt zu der Ueberzeugung gekommen ist, daß das Heil Preußens nur im Schlosse seines angestammten Herrschers und der Rest desselben im Herrenhause zu finden ist, daher wir uns auch kein Urtheil über die Haltung der schlechten Presse erlauben, welche in unserer Feier eine Nichtbetheiligung des Volkes entdeckt haben will, ja wir blicken mit Verachtung darauf nieder und schließen mit einem Hoch auf Preußens edle und weise Könige!

*) Ursprünglich für die Kreuzzeitung bestimmt.

Zum Hintergrund siehe:

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Der Proceß Matamoros

Die Presse (Wien), 27. März 1863

Der Proceß Matamoros *).

Don Manuel Matamoros ist der Sohn eines Oberstlieutenants der spanischen Armee, der nun gestorben. Er selbst war Offgicier in der spanischen Armee. Als er Protestant geworden war, wurde er vielfach angefeindet, worauf er die Armee verließ und später nach Barcelona übersiedelte.

Im September 1860 floh ein junger Wann, der in Granada zum Priester erzogen war, und den man in Verdacht hatte, daß er ein Anhänger des Protestantismus sei. Alhama, ein Hutmacher in Granada und sehr geachtet in dieser Stadt, wurde beschuldigt, ihm zur Flucht verholfen zu haben. In Folge dessen wurde sein Haus durchsucht, er selbst verhaftet und in das Gefängniß gebracht. Unter den aufgefundenen Papieren in Alhama’s Haus waren einige Briefe von Matamoros und einer von Alhama an ersteren adressirt. In einem dieser Briefe fand sich als einen Gegenstand der Erwägung vorgeschlagen: ob es nicht wünschenswert wäre, eine Petition an die Cortes für Religionsfreiheit zu richten. In Folge dieser vorgefundenen Briefe wurde nach Barcelona der Befehl telegraphirt, Matamoros zu verhaften. Um halb 7 Uhr Morgens, den 8. October 1860 trat die Polizei in sein Haus, schritt zur Untersuchung seiner Papiere; sie wurden geöffnet und thaten ihn als einen Protestanten Und seine Verbindung mit Protestanten dar. Er wurde auf die Polizei-Station genommen und in eine Zelle gebracht. Drei Stunden darauf besuchte ihn der Polizeichef, und forderte ihn auf, ihm die Namen seiner protestantischen Freunde anzugeben, da man sie nicht aus den aufgefundenen Papieren ersehen konnte. Er verweigerte dieß, indem er erklärte: er sei bereit zu leiden, aber seine Freunde werde er nicht verrathen; worauf ihn der Chef verließ.

Matamoros wurde darauf in das öffentliche Gefängniß in Barcelona gebracht. Der Gefangenwärter wurde beauftragt, ihn in strenger Haft zu halten, als einen Gefangenen der mit sehr schwerem Verbrechen belastet sei. Am ersten Tag litt er brennenden Durst, und erst bei Anbruch der Nacht brachte ihm der Gefangenwärter ein wenig Wasser. Erst am nächsten Tag ward ihm ein Lager zugerichtet. Nach drei Tagen hielt das Tribunal eine Sitzung und er wurde verhört. Nach einem sehr langen Verhör wurde er in das Gefängniß zurückgebracht: Nach acht Tagen, während welcher Zeit er in einsamer Haft gehalten war, wurde er wieder verhört.

Er wurde gefragt, üb er sich zur apostolisch-kathotischrömischen Kirche bekenne? Wenn nicht — zu welcher? Antwort: “Meine Religion ist die Religion Jesu Christi; meine Glaubenslehre ist das Wort Gottes oder die heilige Schrift, welche ohne ein hinzugefügtes, vermindertes oder verändertes Wort der Grund meines Glaubens ist, und in diesem bin ich befestigt durch die letzten wenigen Sätze der Offenbarung Johannes und die vielen deutlichen Vorschriften der Apostel in ihren Briefen. Da die römisch-katholische Kirche nicht auf diesem Grunde steht, so glaube ich nicht an ihre Dogmen, und noch weniger gehorche ich ihr in der Ausübung.” — “Wissen Sie, was Sie sagen?” unterbrach ihn der Wächter. “Ja, Herr,” autwortete Matamoros, “ich habe meine Hand an den Pflug gelegt, und darf nicht zurückgehen.”

Es wurde ihm befohlen, das, was er gesagt, zu Papier zu bringen, worauf er unter Bedeckung ins Gefängniß zurückgebracht wurde, indem ihm formell notificirt wurde, daß er ein Propagant des protestantischen Glaubens sei. Seiner Mutter, die dringend um seine Freilassung bat, wurde gesagt, daß es unmöglich sei; sein Verbrechen sei eines der schlimmsten. Dann wurde er an einen Ort gebracht, wo viele andere Verbrecher eingeschlossen waren, wo es aber seiner Mutter erlaubt wurde, ihn zu sehen.

Es wurde absichtlich verbreitet, daß er wegen politisch-religiöser Verschwörung verhaftet sei. Matamoros schrieb an verschiedene Zeitungen, worin er jede Verbindung mit irgend einer politischen Partei von sich wies, und erklärte, daß seine Zwecke rein religiös seien.

Das Tribunal von Granada, von dem der Befehl zu seiner Verhaftung herrührte, verlangte, daß er zum Verhör dahin gesendet werde. Es wurde befohlen, den zu Fuß zu machen, eine Entfernung von 180 französischen Meilen, mitten im Winter, December 1860. Fr litt am Blutsturz, den er durch die Gefangenschaft bekommen.

Und doch sollte er mit einer Truppe Verbrecher zu Fuß gehen, wobei die Reise fast drei Monate währte, und die Orte, in denen sie logiren sollten, unter aller Beschreibung ekelhaft und abscheulich waren. Die anhaltenden Bitten seiner Mutter, unterstützt von einem kräftigen ärztlichen Zeugniß, und die Einwendung einiger Zeitungen in Barcelona, brachten endlich den Gouverneur von Barcelona dazu, den Tag seiner Abreise zu verschieben, und dafür das ärztliche Zeugniß nach Granada zu senden.

Nachdem die Obrigkeit in Granada die Documente erhalten hatte, befahl sie, daß Matamoros gesund oder krank gesendet werde. So vergingen 15 Tage. Währenddessen hatte er nach England und Paris geschrieben, um seine Freunde mit den Umständen bekannt zu machen. Es wurden Mittel geschafft, ihn auf dem Wasser bis Malaga und von da nach Granada zu bringen. Die Obrigkeit gab ihm die Erlaubniß, die Route zu ändern, aber bestand darauf, nicht nur die Kosten für sich, sondern auch für seine Wächter hin und zurück zu bezahlen. Auf der Reise von Malaga nach Granada begegnete er Sir Robert Peel zum erstenmal.

In Granada angekommen, wurde er wieder in strengen Gewahrsam gebracht. Er wurde in ein finsteres elendes Loch gesetzt, und da würde er wahrscheinlich geblieben sein, wären nicht die dringenden und fortgesetzten Bemühungen Sir Robert Peel’s gewesen, welcher ihn in seinem Kerker besuchte, und welche zuletzt Erfolg hatten, indem er in eines der bequemsten Gemächer des Gefängnisses gebracht wurde, wo er am Abend seiner Wohnungsveränderung einen freundlichen Besuch von Sir Robert Peel, Lady Emily Peel und Lady Jane Hay erhielt. Dies war im Anfang des Jänners 1861. Das Gefängniß, in welchem ihn Sir Robert Peel besuchte, war das Municipal-Gefängniß; nachher wurde er in das Gefängniß Audiencia gebracht, wo er jetzt ist.

Bald nach seiner Versetzung in dieses Gefängniß, worin auch Alhama und Trigo eingesperrt waren, wurde er vor das Tribunal gefordert, und man verlangte, daß er die Erklärungen, welche er in Barcelona gegeben, bestätigen solle, Was er that. Da er vernahm, daß einige von den Regierungs-Organen sich bemüht hatten, ihn als politischen Verbrecher darzustellen, schrieb er wieder an die liberalen Zeitungen, von denen einige seine Sache vertheidigten, und sie für eine rein religiöse erklärten.

Um diese Zeit fing man an, die Gefangenen mit wachsender Strenge zu behandeln. Ihre Freunde mußten auch leiden. Um Mitternacht am 16. März 1861 traten vier Gendarmen mit ihren Sergeanten und einem Constabler in das Haus von Alhama. Seine alte Mutter ließ sie ein. Sie verlangten alle Schlüssel, um das Haus zu durchsuchen. Seine Frau war zu Bette, krank durch eine zu frühe Niederkunft, die durch Kummer herbeigeführt worden. Sie nöthigten sie aufzustehen und durchsuchten selbst die Matratze, auf welcher sie lag. Die unbedeutendsten Dinge wurden geprüft. Zwei Stunden währte das wilde Suchen fort. Es wurde indessen nichts gefunden, was der Familie zur Beschuldigung gereichte. Aber der Schrecken war für Alhama’s Frau zu groß. Sie stürzte mit einem epileptischen Anfall nieder. In dieser Nacht wurden 14 andere Personen in das Gefängniß geschleppt. Das war indessen ein Mißgriff der Polizei. Sie bildete sich ein, eine protestantische Versammlung entdeckt zu haben; aber es stellte sich heraus, daß es eine literarische Privatgesellschaft war. Als die Polizei das Haus betrat, in welchem die Personen versammelt waren, fand sie dieselben beschäftigt, einer periodischen Vorlesung zuzuhören. Die ersten Worte des eintretenden Polizei-Agenten waren: “Ha, ha, nun haben wie die gesuchten Ketzer gefunden! Nun wollen wir sehen, was wir mit diesen Protestanten von Granada thun können!” Sie wurden in das Gefängniß gebracht, aber die gänzliche Grundlosigkeit dieser Beschuldigung ward bewiesen, und in wenigen Tagen wurden sie in Freiheit gesetzt. Einer von diesen vermeintlichen Verbrechern (Matamoros kannte keinen derselben) wurde durch Matamoros’ Zelle geführt, um an den ihm bezeichneten Platz gebracht zu werden. Er war sehr bejahrt, und da Matamoros sah, daß ihm kein Bett gegeben wurde, bot er ihm sein eigenes an. Das wurde nun angesehen, als wären sie Verbündete. Die Zellen von Matamoros und Alhama wurden augenblicklich durchsucht, ihre Bibeln und andere Bücher weggenommen, sie selbst getrennt, und ihnen verboten, ihre Freunde zu sehen. Ueber diese Zeit schreibt einer von ihnen Folgendes: “Es sind nun 33 Tage, daß keinem von unseren Freunden erlaubt worden ist, uns zu sehen; selbst unser Essen wird genau geprüft; wir können nicht mit unseren Mitgefangenen Brüdern sprechen. Ein überwiesener Verbrecher, der niedrigste und schlechteste hier, wird mit größerer Freundlichkeit und Rücksicht behandelt als wir.” Nach einiger Zeit scheint die Behandlung etwas gemildert worden zu sein, als im Juli 1861 in Loja, einer Stadt zwischen Granada Und Malaga, plötzlich eine Empörung ausbrach. Einer von den Wahlsprüchen der Insurgenten war: “Tod dem Papst!” Sie wurde daher als eine solche bezeichnet, die einen religiösen Charakter habe, und die Gelegenheit wurde als günstig erachtet, Matamoros und diejenigen mit hinein zu verwickeln, welche wirklich aus religiösen Ursachen in Granada litten.

Plötzlich, am 8. Juli in der Morgendämmerung, trat der Gefangenwärter in Matamoros’ Zelle. Er bat ihn, auszustehen, sagte ihm, daß er sogleich in enge einsame Haft gebracht werden solle, und daß er in das tiefste Loch im Thurm komme. Alhama wurde auch, aber mit einem andern Gefangenen, in das allgemeine Gefängniß gebracht. Das Loch, in welches Matamoros eingesperrt wurde, war sehr ekelhaft. Der Gestank war unerträglich; keine frische Luft konnte hinein. Matamoros schreibt aus jener Zeit: “Die Ungesundheit meines Kerkers, meine persönliche Angegriffenheit, der Gram um meine unglückliche Familie, und tausend andere Dinge waren zu viel für meinen Körper. Am dritten Tage fiel ich in ein hitziges Fieber. Drei Tage lang lag ich in Fiebergluth, ohne um ärztlichen Beistand zu bitten; aber in der Nacht zum 13. Juli fühlte ich mich so krank, daß ich nach einem Arzt verlangte. Mein Begehren wurde abgeschlagen. Ich bat um Arznei. Sie wurde mir ebenfalls verweigert. So lag ich acht Tage, vom Fieber geschüttelt, unfähig mich zu bewegen, bis die Gnade Gottes mich wieder genesen ließ.”

Während dieser ganzen Zeit versuchte er umsonst, den Grund dieser neuen Strenge zu entdecken. Es war seinen Freunden nicht erlaubt, ihn zu sehen, und kein Arzt durfte zu ihm kommen; doch fand er zu seiner Verwunderung, daß ein gemeiner Taugenichts häufig zu ihm geschickt würde. Die Jesuiten hatten das Gerücht verbreitet, die Unruhen zu Loja seien eine protestantische Bewegung und die Gefangenen daran betheiligt. Um die Beweise für ihre Mitschuld zu erlangen, wurde einem Mitgefangenen, der bereits falsche Aussagen gegen sie gemacht hatte, und zu sieben Jahren Zuchthausstrafe verurtheilt war, Freiheit und 8000 Realen angeboten, wenn er Papiere herbeischaffen könnte, in denen man Beweise ihrer Mitschuld zu finden erwartete. Eines Tages bat Matamoros diesen Mann, ihm einige nöthige Sachen zu kaufen und zu bringen, und gab ihm die nöthige Summe dazu; aber dieser Elende ging zu dem Staatsanwalt, und berichtete, Matamoros habe ihm Geld gegeben (welches er zeigte), um seinen Mund zu stopfen, daß er nicht gegen ihn zeuge. Ein neuer Gefangenwärter wurde hieher versetzt, welcher auch durch falsche Vorstellungen von Matamoros eine Bezahlung zu bekommen suchte; damit ging er zum Staatsanwalt, und wiederholte dasselbe, wie jener Elende, der auch in der That dem Matamoros mehrere Briefe entriß, die er aus Dublin vom Pastor Ruet und von seiner Familie erhalten hatte. Der Angeber wurde in Freiheit gesetzt! Und nicht nur das, sondern derselbe wurde auch beauftragt, eine Woche lang der Gefangenen frühere Wohnung zu bewohnen, um dort womöglich noch mehr Spuren ihrer Schuld zu entdecken. Eines Tages gelang es ihm, sich in Besitz von Matamoros’ Taschentuch zu setzen. Er ging zu Alhama’s Frau, und verlangte in Matamoros’ Namen, indem er ihr das Taschentuch als Zeichen wies, die Herausgabe der Papiere. Die Frau ward wirklich getäuscht, mußte aber erklären, daß ihr niemals solche Documente anvertraut seien. Nichtsdestoweniger berichtete der Verräther, daß sie solche besitze, und in Folge davon wurde die ganze Familie ins Gefängniß geschleppt. Nach 14 Tagen, die sie in der größten Angst zugebracht hatten, wurden sie aus der einsamen Haft entlassen, aber Alhama’s Mutter, eine Greisin von 72 Jahren, noch im Gefängniß behalten.

Endlich wurde die Anklage gegen Matamoros erhoben, “daß er den Plan zur Rebellion in Loja entworfen; daß er das Haupt der Insurgenten zu einer Conferenz ins Gefängniß berufen; daß er die Verschwornen mit Geld unterstützt; daß er in Verbindung mit seinem frühern Gefangenwärter Verabredungen getroffen habe, welchen, wie gesagt wurde, er bestochen habe, um den Gefangenen die Freiheit zu geben; daß er sich selbst an die Spitze der Empörung in Granada stellen wolle, mit dem Aufruf: “Tod dem Papst!”

Dies waren die Verbrechen, um welcher willen Matamoros nach fünfzehntägiger Einsperrung am 22. Juli vor ein Kriegsgericht gerufen wurde, um sich zu vertheidigen. Das Verhör währte drei Stunden. Obgleich alle möglichen Anstrengungen gemacht worden waren, falsches Zeugniß gegen ihn aufzubringen, die alten Beamten im Gefängniß entfernt oder abgesetzt wurden, um den für die geschwornen Feinde der Protestanten passenden Platz zu machen; obgleich sie sich das Zeugniß einiger der schlechtesten Verbrecher, welche im Gefängniß mit Matamoros waren, durch Versprechungen und Bestechungen gesichert hatten, so wurde doch Matamoros triumphirend freigesprochen, und um den Triumph vollständiger zu machen, erwachte einem von den bestochenen Zeugen, Espenona genannt, das Gewissen. Nach zwei Versuchen, sich selbst zu entleiben, bekannte er vor dem Civilgerichte, wie man ihn heimlich bearbeitet und bestochen habe, und entdeckte die ganze finstere Geschichte.

Es hat keinen Zweck, die Geschichte in ihrem Verlauf zu verfolgen. Jede Regierung, die fähig ist, Reue und Scham zu fühlen, würde von selbst die Gelegenheit ergriffen haben, Matamoros einigen Ersatz für seine ausgestandenen Leiden dadurch zu geben, daß sie ihn sogleich in Freiheit setzte. Aber nein, Großmuth und Barmherzigkeit scheinen in Spanien unbekannt zu sein. Die Entschädigung, welche Matamoros zu Theil wurde, waren neue, mit noch größerem Eifer denn vorher betriebene religiöse Beschuldigungen.

Der Staatsanwalt verlangte, daß Matamoros auf 11 Jahre auf die Galeere sollte geschickt werden. Gegen diesen Antrag, dem Ende 1861 das richterliche Erkenntniß folgte, appellirte er. Auf diese Appellation wurde sogleich der Urtheilsspruch gegeben, und er wurde zu acht Jahren Galeeren verurtheilt. Gegen dieses Erkenntniß, hofft man, wird er wiederum appelliren. Ebenso wurden auch Alhama und Trigo zur Galeerenstrafe verurtheilt.

Nun aber hat der Staatsanwalt unterm 14. October 1862 gegen das Urtheil des Gerichtshofes appellirt, weil er die darin festgesetzte Strafe für zu gelind ansieht: er besteht auf seinem Verlangen, nämlich für Matamoros, Alhama und Trigo je 11 Jahre Galeerenstrafe; für 12 andere gefangene Protestanten, die freigesprochen waren, acht Jahre Galeerenstrafe, und für alle Flüchtlinge und für die, welche gegen Caution sich auf freiem Fuß befinden, ebenfalls acht Jahre.

Werden nun die gegenwärtig versammelten Cortes diese Schmach von Spanien abwenden, dadurch, daß sie die Religionsfreiheit proclamiren, deren sich nun alle Länder Europas, ja der ganzen Welt erfreuen, damit nicht Spanien aus der Reihe der civilisirten Staaten gestrichen werden muß?

 *) Vor einigen Tagen haben wir gemeldet, daß auch die österreichischen Protestanten sich einer Petition zu Gunsten eines ihrer Glaubensbrüder in Spanien angeschlossen. Wir geben hier nach der A. A. Z. die ergreifende Geschichte dieses Martyriums.

Anmerkung

Der hier verfolgte Herr Matamoros trägt ironischerweise selbst einen Verfolgernamen: der Maurentöter.

Siehe auch:

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Ist die polnische Frage nun todt?

Lokomotive an der Oder, 26. März 1863

Langiewicz, der Dictator Polens, ist mit seinem weiblichen Adjutanten, oder, wenn das besser klingt, mit seinem Rittmeister (magister equitum) vom schönen Geschlecht in Tarnow in österreichisch Gallizien internirt, d. h. verhindert, diesen Aufenthaltsort zu verlassen. Er hat gewiß sein möglichstes gethan, um durch Tapferkeit, Einsicht und Entschlossenheit die polnischen Waffen so lange siegreich zu erhalten, als diß mit ungeschulten Leuten disciplinirten Truppen gegenüber überhaupt geschehen konnte, besonders da er eine erdrückende Uebermacht gegen sich hatte; aber er hat doch den Russen das Feld überlassen müssen. Die einzelnen zerstreuten Banden, ohne irgend einen nennenswerthen Führer, ohne erheblichen Zuzug aus den Städten, ohne Unterstützung von der ländlichen Bevölkerung, ja von dieser zum Theil gehaßt und verfolgt, werden und können Polen nicht frei machen und in wenigen Wochen wäre das Trauerspiel dieser hoffnungslosen Erhebung eines tapferen, todesmuthigen Volksstammes zu Ende gewesen, — wenn eben dieser Aufstand nur ein innerer Kampf zwischen Russen und russischen Polen geblieben wäre.

Seit aber am 8. Februar Preußen einen gegen die aufständischen Polen gerichteten Vertrag, mag er nun lauten wie er wolle, mit Rußland abgeschlossen hat, betrachteten auch andere Staaten jenen Ausstand nicht als eine innere Frage Rußlands, sondern als eine Frage, zu deren Lösung alle bedeutenden Mächte Europa’s ermächtigt und berufen sind. Auch läßt es sich nicht leugnen, daß die wiederholten Aufstandsversuche der Polen gegen die Russen große Aehnlichkeit haben mit den Erhebungen der Griechen gegen die Türken in den zwanziger Jahren. Den ersten wahrhaft liberalen Schritt zu Gunsten der Polen that nun die englische Regierung, welche die acht Unterzeichner der Wiener Verträge aufforderte, dahin zu wirken, daß Rußland veranlaßt wurde, die den Polen 1815 verheißene freie Verfassung jetzt zur Beruhigung des Landes zu gewähren. Dabei wurde englischerseits anerkannt, daß Preußen seinen Verpflichtungen Polen gegenüber vollständig nachgekommen sei; von Oesterreich wurde gänzlich geschwiegen. Könnte Preußen diesem gewiß reiflich erwogenen Vorschlage offen beistimmen, der auch gewiß den großherzigen Gesinnungen des Kaisers Alexander II. nicht widerstrebt, so würde es sich im Einklange mit den Westmächten und Schweden befinden und jede Gefahr vor einer drohenden Verwickelung wäre beseitigt.

Anders steht es mit Frankreich; dort ist die zur Schau getragene Begeisterung für Polen nach allgemeiner Ansicht eigentlich nichts, als ein verstecktes Gelüst, bei dieser Gelegenheit das linke Rheinufer zu erobern. Preußen steht Rußland bei und wir Polen; das ist die Stimmung in Paris und Frankreich, welcher der Prinz Napoleon im Senate einen lauten und gehässigen Ausdruck verlieh. Polen beistehen heißt aber soviel als Preußen angreifen und kein Preuße sollte vergessen, daß Frankreich ganz gewiß und mit Freuden jede Gelegenheit wahrnehmen wird, um mit Preußen anzubinden, vorausgesetzt, daß es nicht ganz Europa wider sich haben sollte. Freilich wird der jetzige französische Kaiser nicht wie ein Räuber im Rheinlande einfallen, oder wie Ludwig XIV. Deutschlands Grenzen durch Mord und Brand verwüsten; aber, wenn es ihm gelingt, durch den Fürsten Metternich Oesterreich auf seine Seite zu ziehen oder im Falle eines Krieges zu strengster Neutralität zu verpflichten, dann wird er einen Schritt weiter gehen, als England. Er wird sich durch die Stimme seines Volkes zwingen lassen, für die Herstellung eines selbstständigen Polens das Schwert zu ziehen. Wenn nun Preußen in eine solche Forderung schwerlich willigen kann, dann wird Frankreich erst seine Truppen aus Amerika zurückziehen; es wird dann Italien die Sorge, sich zu vervollständigen, selbst überlassen und seine mexicanischen und römischen Truppen gewiß unter lautem Beifall des Volkes am Rheine verwenden.

Wenn nun auch jetzt wirklich schon Maßregeln getroffen worden, die französischen Truppen im großen Uebungslager in Chalons Anfang April zusammenzuziehen, so haben wir dennoch nicht sogleich zu Anfange des Frühjahrs einen französischen Krieg zu besorgen; o nein! Napoleon pflegt nichts zu übereilen und wenn er jetzt offen für die polnische Nation in den Kampf eintritt, um sie “von der Barbarei der Russen” wie 1859 die Italiener “von der Barbarei der Oesterreicher” zu befreien, so wird er nicht eher Hand anlegen, bis er des Erfolges — und eines anständigen Macherlohnes gewiß zu sein glaubt. Dann freilich dürfen wir nicht vergessen, daß Rußland und Oesterreich schon ihre Lection für 1815 bekommen haben, daß England zu Lande nicht angreifbar und zu Wasser doch gar zu stark ist und daß somit “die Reihe an den Preußen ist.” Nur dann wird die Reihe nicht an Preußen kommen, wenn England und Oesterreich, so wie Rußland und das übrige Deutschland fest zu Preußen stehen. Das aber ist eben jetzt der Fall nicht, denn fast überall sahen die Regierungen und die Völker den polnischen Aufstand mit freundlicheren Augen an, als unsre Regierung es that. Freilich ist es noch jetzt nach Niederwerfung des Aufstandes nicht zu spät, eine günstigere Stimmung für Preußen bei den europäischen Kabinetten hervorzurufen, wenn dieses seinen ganzen Einfluß in St. Petersburg benutzt, um für das unglückliche Land eine umfassende Amnestie und eine günstige Neugestaltung der polnischen Verhältnisse herbeizuführen. — Wenn dagegen unsre Regierung fortdauernd einer günstigeren Stellung der Polen zu Rußland sich abgeneigt zeigt, so wird sie den Polen vielleicht mehr nützen und sich mehr schaden, als ihr lieb ist, denn dann wird schon Frankreich als der Retter und Rächer unterdrückter Nationen in seiner Paraderolle auftreten und wenn es Preußen als seinen vereinzelten Gegner findet, dann wird bei gleicher Bravour und gleicher Kriegstüchtigkeit doch zuletzt wol die Uebermacht entscheiden. Wie aber soll sich das Volk für einen Krieg begeistern können, bei dem es sich darum handelt, Polen unter einer solchen russischen Soldatenherrschaft zu erhalten, von der wir grauenvolle Proben genug gehört haben.

Wenn dagegen Preußen mit den andern Großmächten zu Gunsten einer liberalen Regierung für Congreßpolen eintritt, so hat wahrscheinlich Polen durch Niederwerfung des so unzeitgemäßen Aufstandes mehr gewonnen als verloren und wenn dann die so lästigen Zollschranken zwischen Preußen und Congreßpolen fallen, so wird auch Preußen, besonders aber Schlesien in einer weit vortheilhafteren Lage sein,als es bisher zu Rußland stand. Aber freilich um die liberalen Wünsche des» Landes durchzuführen, müssen wir eine liberale Regierung haben und die freundlichen Worte, welche Se. Majestät der König an Seinem Geburtstag zu der glückwünschenden Deputation des Abgeordnetenhauses gesprochen hat, geben auch der Hoffnung darauf wieder neuen Raum.

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Die zweite Beschlagnahme des Kladderadatsch

Berliner Gerichtszeitung, 26. März 1863

Es ist wohl allgemein bekannt, daß der Kladderadatsch schon zum zweiten Male in diesem Jahre confiscirt worden ist. Einer der Schutzleute, die beauftragt worden waren, die incriminirte Nummer in den öffentlichen Localen mit Beschlag zu belegen, begab sich in eine Restauration, in der wie man auf der Polizei wußte, der Kladderadatsch gehalten wurde und forderte den Wirth auf, ihm die mit Beschlag belegte Nummer zu geben. Der Letztere erklärte dem Beamten, daß dies Blatt gerade von einem seiner Gäste gelesen werde und er ersuchte den Schutzmann so lange zu warten, bis der Lesende mit seiner Lectüre zu Ende sei. Selbstverständlich hatte dazu der Beamte weder Lust noch Zeit, er veranlaßte vielmehr den Wirth, dem Gast sofort die Zeitung fortzunehmen. Letzterer gab denn auch ruhig den Kladderadatsch hin, nicht so gemessen benahm sich dagegen der Wirth, dieser riß das Blatt vielmehr, als er es in die Hände bekam, in kleine Stücke und übergab es in diesem Zustande dem Beamten. Als sich dieser über ein solches Thun in sehr mißbilligendem Sinne äußerte, erklärte der Wirth, er sei in solcher Weise nur verfahren, um auch ganz sicher zu sein, daß er wirklich das bei ihm confiscirte Exemplar wieder zurückerhalte, denn es sei bei der ersten Confiscation eine Verwechselung vorgekommen, die ihm unangenehm gewesen sei.

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An Polen

Frankfurter Latern (Friedrich Stoltze), 25. März 1863

Steig auf, du weißer Ahr, mit blut’gen Schwingen,
Die Weltgeschichte hält ihr Vehmgericht,
Das deinen Alp verdammt und frei dich spricht,
Frei in des Aethers Schooß nach muth’gem Ringen!

Dir jauchzt die Welt, all ihre Stimmen klingen
Ihr groß Begeist’rung flammendes Gedicht,
Wenn ein Tyrteus so zu Herzen spricht,
Da kann ein Zwerg doch Riesenwerk vollbringen.

Wie Hellas einst, das Vaterland des Schönen,
Der Despotie, der wüsten Barbarei
Entgegenwarf den Damm von seinen Söhnen:

So stehst du jetzt dem asiat’schen Blei.
Für dich ist Gott — dir feindlich die Partei,
Klein, doch gewohnt, was heilig zu verhöhnen.

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Kurze Nachrichten vom amerikanischen Bürgerkrieg

Die Presse (Wien), 25. März 1863

Newyork, 14. März. Der Senat wurde vertagt. Cassius Clay wurde als Gesandter in Rußland bestätigt. Chase ist in Newyork angekommen, um eine neue Anleihe von 150 Millionen abzuschließen. Man glaubt, Lincoln werde nächstens eine Vermehrung des Heeres fordern. Es heißt, die Conföderirten bewaffneten am Rappahanock die Neger. Gerüchtweise verlautet über eine Schlacht am Flusse Yazoo. Die Unionisten sollen 7000, Gefangene gemacht und 3 Transportschiffe genommen haben.

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Megastar Adelina Patti 1863 in Wien

Berliner Gerichtszeitung, 24. März 1863

Adelina Patti, 1862 (Gemälde von Franz Winterhalter, Quelle: Wikipedia)

Adelina Patti, 1862 (Gemälde von Franz Winterhalter, Quelle: Wikipedia)

— In Wien grassirt der Patti-Enthusiasmus in bedenklicher Weise und hat Anlaß zu folgendem humoristischen Geschichtchen gegeben. Eine musikalische Familie in Prag — die Böhmen sind ja geborene Musikanten und machen mit ihren so harmonischen Blechinstrumenten nur allzu häufig unsre Berliner Höfe unsicher — hatte viel von der berühmten Sängerin gehört und wünschte sehnlichst sie selber zu hören. Aber die Sehnsucht scheiterte am Kostenpunkt, jenem schwarzen Punkte, an dem schon so manche andere gescheitert ist. Da entschloß sich der zärtliche Gatte, was er nicht gemeinschaftlich mit der Gattin ausführen zu dürfen glaubte, auf eigene Faust zu unternehmen. Er schützte die Nothwendigkeit einer achttägigen Geschäftsreise vor und rollte auf den Flügeln des Dampfes Wien und der Zauberin Patti zu. Die Gattin beschloß seine Abwesenheit zur Erfüllung ihres heißesten Herzenswunsches zu benutzen. Telegraphisch bat sie eine Freundin in Wien ihr einen Sperrsitz zu verschaffen, da sie die Patti hören und mit dem nächsten Zuge wieder nach Prag zurückkehren wolle. Die Freundin gewährte ihre Bitte und bald saß die Musikliebhaberin in voller Erwartung vor dem niedergelassenen Vorhange. Doch wer schildert ihren Schreck und ihr Erstaunen, als plötzlich in ihrer unmittelbaren Nähe das Gesicht ihres Gatten — und dasselbe war sehr lang geworden — auftaucht? Das Ueberraschende dieses Vorgangs raubte Beiden die Sprache, der Vorhang rauschte plötzlich auf, die Patti erschien und da Beide nun ganz Ohr waren, konnte natürlich der Mund seine Rechte nicht geltend machen. Dem alten Spruch gemäß, daß “böse Menschen keine Lieder kennen”, vermochten nach Beendigung des Aktes die Gatten einander auch nicht böse sein. Er erfolgten gegenseitige Erklärungen und pattbeglückt kehrten mit leichterem Herzen und leichterer Börse die Musikenthusiasten an ihren heimischen Heerd zurück.

Anmerkung

Die erst zwanzigjährige, aus einer sizilianischen Familie stammende Spanierin Adelina Patti ist 1863 ein Megastar. 1862 singt sie “Home Sweet Home” für den amerikanischen Präsidenten Abraham Lincoln und seine Frau. Die beiden sind so gerührt, daß sie eine Wiederholung wünschen. Adelina Patti wird das Lied später noch oft singen, sodaß sogar Aufnahmen vom Anfang des 20. Jahrhunderts überlebt haben.

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